
von John Ogwyn
Gottes Kirche hat durch alle Jahrhunderte hindurch existiert. Sie ist eine
„kleine Herde" (Lukas 12, 32), doch Gott ist immer seiner Verheißung treu
geblieben, dass die „Pforten der Hölle" – des Grabes – sie nicht überwältigen
sollen (Matthäus 16, 18). In dieser Broschüre finden Sie einen kurzen Abriss der
faszinierenden Geschichte der wahren Kirche Gottes.
GKG 1.1, Januar 2004
© 2003 Living Church of God
Alle Rechte vorbehalten.
Englische Originalausgabe: God’s Church Through the Ages
Diese Broschüre darf nicht verkauft werden! Sie wird von der Living Church of
God kostenlos der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Biblische Verweise und Zitate sind der revidierten Lutherbibel 1984 entnommen.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Kapitel 1: Was geschah mit der Kirche?
Jesus Christus sagte: „[Ich will] meine Gemeinde bauen,
und die Pforten der Hölle [des Grabes] sollen sie nicht überwältigen" (Matthäus
16, 18). Welche Gemeinde hat Jesus erbaut, und was ist aus ihr geworden?
Wenn die Bibel von der Gemeinde oder Kirche spricht, ist dies niemals ein
Gebäude oder eine von Menschen unter einer weltlichen Autorität eingetragene
Organisation. Das griechische Wort, das ins Deutsche mit „Gemeinde" übersetzt
wurde, ist ekklesia. Es ist abgeleitet von zwei Wortstämmen im
Griechischen, die wörtlich „herausberufen" bedeuten. Im zeitgenössischen
Gebrauch wurde damit eine Versammlung von Bürgern bezeichnet, die aus den
Einwohnern einer Stadt „herausberufen" wurden, um über wichtige Dinge zu
beraten. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments bezieht sich
dieser Ausdruck oft auf die Gemeinschaft der Israeliten oder auf die Versammlung
des Volkes Gottes. „Gemeinschaft" und „Versammlung" entsprechen ebenfalls dem
neutestamentlichen Gebrauch.
Doch der Aspekt des „Herausberufenseins" in ekklesia ist von
grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Kirche. In 1. Mose 12 lesen wir,
dass Abraham von Gott aus Ur in Chaldäa „herausberufen" wurde. In 2. Mose 12
lesen wir dann von Abrahams Nachkommen, den Israeliten, die Gott aus Ägypten
„herausberufen" hat. Diese wurden dann zur Versammlung Israels, der „Gemeinde in
der Wüste" (Apostelgeschichte 7, 38).
Eine der letzten Warnungen, die Gott seinem Volk gibt, ist: „Geht hinaus"
aus Babylon (Offenbarung 18, 4). Die Heiligen Gottes sollen nicht an den Sünden
dieser endzeitlichen, verdorbenen Kultur Teil haben, um nicht von der göttlichen
Strafe betroffen zu sein, mit der Gott dieses „Babylon" züchtigen wird.
Jesus machte deutlich, dass man nicht zu ihm kommen und Teil der Kirche
werden kann, wenn man nicht von dem Vater berufen ist (Johannes 6, 44). Nur
diejenigen, die auf diese Berufung durch den Vater reagieren, indem sie bereuen
und sich taufen lassen, werden den heiligen Geist erhalten (Apostelgeschichte 2,
38). Und nur mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes werden wir Teil der Kirche,
die Jesus erbaute (Römer 8, 9; 1. Korinther 12, 13).
Was geschah mit der Kirche, von der Jesus gesagt hat, dass er sie erbauen
werde? Hat sie sich durch einen Prozess, der „schrittweise Offenbarung" genannt
wird, im Laufe der Zeit angepasst und verändert? Ist sie „vom Weg abgekommen"
und musste von Menschen wie Martin Luther und Johannes Calvin reformiert werden?
Oder gab es über alle Jahrhunderte hinweg eine Gruppe von Gläubigen, die immer
dieselben Lehren und Praktiken beibehielt, die Jesus Christus und die Apostel
des ersten Jahrhunderts lehrten?
Wenn wir uns die Geschichte der christlichen Großkirchen im Verlauf der
Jahrhunderte betrachten, so scheinen diese sich sehr stark von der Kirche zu
unterscheiden, die in den Seiten des Neuen Testaments beschrieben ist. Im Buch
der Apostelgeschichte finden wir, dass Gottes Kirche „jüdische" heilige Tage
feierte (Apostelgeschichte 2, 1; 13, 14.42.44; 18, 21), dass sie über die
Rückkehr Jesus Christi als Richter über die Welt sprach (Apostelgeschichte 3,
20-21; 17, 31) und dass sie an die Errichtung eines buchstäblichen Reiches
Gottes auf Erden glaubte (Apostelgeschichte 1, 3.6; 28, 23).
Doch schon knapp 300 Jahre später finden wir eine Kirche vor, die
beansprucht, von den Aposteln abzustammen, die aber den „ehrwürdigen Tag der
Sonne" anstatt des Siebenten-Tages-Sabbats feiert. Als diese Kirche ihre
Bischöfe auf dem Konzil von Nicäa versammelte, um über Fragen der Lehre zu
diskutieren, war der Vorsitzende ein römischer Kaiser – Konstantin! Wie konnte
eine so erstaunliche Wandlung vor sich gehen? Was war geschehen?
Der protestantische Autor Jesse Lyman Hurlbut beschrieb diese dramatischen
Veränderungen in seinem Buch The Story of the Christian Church [Die
Geschichte der christlichen Kirche]. Er schrieb: „Für fünfzig Jahre nach dem
Leben des Paulus liegt ein Schleier über der Kirche, durch den hindurchzublicken
für uns unmöglich erscheint; und als er sich schließlich, etwa 120 n.Chr. mit
den Schriften der frühesten Kirchenväter lüftet, finden wir eine Kirche vor,
die sich in vielen Aspekten von derjenigen aus den Tagen von Paulus und Petrus
unterscheidet (Seite 41).
Die Geschichte der christlichen Kirche zwischen dem Pfingsttag 31 n.Chr.
und dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n.Chr., fast 300 Jahre später, ist wirklich
bemerkenswert. Es ist eine Geschichte darüber, wie aus der früheren wahren Lehre
eine falsche Lehre wurde, und wie eine frühere falsche Lehre zur wahren
christlichen Lehre erklärt wurde. Es ist eine Geschichte darüber, wie
Traditionen der Kirche und Lehren von Bischöfen zu wichtigeren Quellen für die
wahre Lehre wurden, als das Wort Gottes. Diese Geschichte ist seltsamer und
spannender, als ein Roman, doch sie lässt sich historisch belegen.
Simon und „ein anderes Evangelium"
In Apostelgeschichte 8 werden wir mit einem Mann bekannt
gemacht, den Satan dazu benutzte, die Kirche Gottes zu infiltrieren und zu
untergraben. Dieser Mann war Simon, ein Magier aus Samaria, in der weltlichen
Geschichte besser bekannt als Simon Magus. Die Samariter hielten Simon für einen
von Gott auserwählten Vertreter (Apostelgeschichte 8, 9-10). In seinem Buch
The New Testament Environment [Die neutestamentliche Welt] schrieb Eduard
Lohse, dass der Ausdruck „die Kraft Gottes, die die Große genannt wird" Simons
Anspruch bekräftigte, „Träger göttlicher Offenbarungen" zu sein (Seite 269).
Simon wurde getauft und somit formell zu einem Christen, zusammen mit dem Rest
der Samariter. Doch der Apostel Petrus erkannte Simons wahre Motivation. In
Apostelgeschichte 8, 22-23 wies er ihn mit schärfsten Worten zurecht, als er
sagt: „Ich sehe, dass du voll bitterer Galle bist und verstrickt in
Ungerechtigkeit."
Wer waren die Samariter? Das zweite Buch der Könige sagt uns, dass nach der
Deportation der nördlichen zehn Stämme Israels durch den König von Assyrien in
deren Gebiet Babylonier angesiedelt wurden. Diese babylonischen Samariter
behielten ihre heidnischen Praktiken bei, vermischten sie jedoch mit biblischer
Terminologie, um zu vertuschen, was sie taten (2. Könige 17, 33.41). Obwohl sie
vorgaben, den Gott Israels zu verehren, gehorchten sie nicht wirklich Gottes
Gesetz (Vers 34). In den Büchern Esra und Nehemia wird sogar deutlich, dass sie
zu Gegnern des wahren Werkes Gottes wurden.
Die Samariter wurden nach den Eroberungen Alexanders des Großen zusammen
mit den Juden in die gesamte damals bekannte Welt zerstreut. Es gab Kolonien der
Samariter in einigen der Zentren des Römischen Reichs, darunter in Alexandria,
Ägypten und in Rom. Simon hatte Bewunderer und Anhänger unter diesen Völkern.
Der Glaube der Samariter, der eine Mischung zwischen
heidnisch-babylonischen Praktiken und einem Lippenbekenntnis zu dem Gott Israels
darstellte, war auch stark von der griechischen Philosophie beeinflusst worden.
Simon Magus fügte noch die Anerkennung Jesu Christi als Erlöser der Menschheit
hinzu. Doch, wie Jesus erklärte: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr,
Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im
Himmel" (Matthäus 7, 21). Simon benutzte den Namen Jesu, ersetzte aber seine
Botschaft durch eine andereBotschaft, die mit der Notwendigkeit brach, Gott
wirklich zu gehorchen und seine Gebote einzuhalten!
Eerdmans Handbook to the History of Christianity [Handbuch zur
Geschichte des Christentums] führt an: "Frühe christliche Autoren sahen in Simon
eine Quelle aller Irrlehren" (Seite 100). Die Encyclopaedia Britannica
(11. Ausgabe) bezeichnet ihn in dem Artikel über Simon Magus als den „Begründer
einer Schule der Gnostiker und als Vater der Ketzerei." Der bekannte Historiker
Edward Gibbon schrieb, dass die Gnostiker „viele ausgeklügelte, aber obskure
Lehren mit dem Glauben Christi vermischten, welche sie aus der orientalischen
Philosophie ableiteten" (The Triumph of Christendom in the Roman Empire
[Der Triumph des Christentums im Römischen Reich], Seite 15).
Der Gnostizismus (der Begriff stammt von dem griechischen Wort für
Erkenntnis) war eine intellektuell sehr anspruchsvolle Lebensweise. Er stellte
eine Vermischung der babylonischen Mysterienreligion mit griechischer
Philosophie unter dem Deckmantel biblischer Terminologie dar. Unter den
Gnostikern wurden biblische Berichte nicht wörtlich genommen, sondern als
bildhafte Erzählungen angesehen, die tiefere „Wahrheiten" lehren sollten.
„Der mosaische Bericht der Schöpfung [...] wurde von den Gnostikern mit großem
Spott aufgenommen" (Gibbon, Seite 13). Der Gnostizismus betonte einen
heidnischen Dualismus mit den herausragenden Ideen von der Unsterblichkeit der
Seele und dem Bösen, das allem Materiellen innewohnt. Auch viele nichtsnutzige
Spekulationen über die Natur Gottes und die geistliche Welt wurden mit
einbezogen. Einige Bücher des Neuen Testaments – darunter das
Johannesevangelium, der Kolosserbrief und der 1. Johannesbrief – wurden
geschrieben, um die gnostischen Irrlehren zurückzuweisen, die Simon Magus und
viele andere zu verbreiten begonnen hatten.
Die hellenistische Kultur, die im Nahen Osten und der Mittelmeerregion
verbreitet war, war eine alternative Weltanschauung – ein Konkurrent zu den
Anschauungen und Werten der Bibel. Sie betonte die Vormachtstellung der Vernunft
und Logik gegenüber göttlicher Offenbarung. Die späteren Griechen, die sich der
unzivilisierten Possen ihrer altertümlichen Götter und Helden in den Werken von
Homer und Hesiod schämten, versuchten, diese als tiefgründige Allegorien
hinzustellen. Diese Einstellung zu ihren „inspirierten" Schriften wurde von den
hellenistischen Juden wie Philo von Alexandria aufgegriffen und auf die Bibel
angewendet. Die Betrachtungsweise des Alten Testaments als eine Allegorie war
den Gnostikern und anderen sehr nützlich in ihrem Bestreben, dem Gehorsam
gegenüber eindeutigen Geboten zu entkommen.
Etwa 15 Jahre nach der Taufe von Simon Magus sah sich der Apostel Paulus
genötigt, die Gemeinde in Thessalonich zu warnen, „schon ist das Geheimnis der
Gesetzlosigkeit wirksam" (2. Thessalonicher 2, 7; rev. Elberfelder Übersetzung).
Und etwa fünf Jahre später warnte Paulus die Korinther, dass sie Gefahr liefen,
von falschen Aposteln verführt zu werden, die „einen andern Jesus" und „ein
anderes Evangelium" predigten. Simon und seine Anhänger waren in Wirklichkeit
Diener des Satans, die sich als Diener Christi ausgaben (2. Korinther 11,
3-4.13-15).
In den 60er Jahren des ersten Jahrhunderts erklärte der Apostel Judas,
Bruder von Jakobus und Jesus Christus, den Christen die Notwendigkeit, „für
den Glauben [zu kämpfen], der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist"
(Judas 3). Er warnte weiter davor, dass es bestimmte Männer gab, die sich in die
Kirche eingeschlichen hatten und versuchten, die Gnade Gottes in eine Lizenz zu
Ausschweifungen umzukehren, indem sie lehrten, dass Gottes Gesetz nicht mehr
bindend sei (Vers 4). Zur Zeit von Judas war der wahre Glaube also schon ein
für alle Mal überliefert. Neuzeitliche Gelehrte, die behaupten, dass es den
Theologen des zweiten und dritten Jahrhunderts vorbehalten blieb, ein genaues
Verständnis über die Natur Gottes zu formulieren, täten gut daran, sich Judas 3
durchzulesen. Es ist klar, dass Judas keinen Raum für einen Prozess
„schrittweiser Offenbarung" lässt!
Der gealterte Apostel Johannes, der gegen Ende des ersten Jahrhunderts
schrieb, fast 30 Jahre nachdem der Rest des Neuen Testaments zusammengestellt
worden war, musste sich mit Irrlehren auseinander setzen, die noch viel weiter
verbreitet waren, als die zu Zeiten von Paulus und Judas. Johannes betonte
mehrfach die Notwendigkeit, die Gebote Gottes einzuhalten (1. Johannes 2, 3; 3,
4.22; 5, 3). In 2. Johannes 7 hob er hervor: „Viele Verführer sind in die Welt
ausgegangen." In 3. Johannes 9-10 lesen wir, dass ein Gemeindevorsteher namens
Diotrephes die Kontrolle über einige Gemeinden in Kleinasien erlangt hatte und
sogar wahre Christen, die dem gealterten Apostel Johannes und seinen Lehren treu
geblieben waren, aus der Kirche verstieß.
Die Kirche verändert sich
Etwa 25 Jahre vor den Schriften des Johannes fand ein
Ereignis statt, dass noch viel weitreichendere Konsequenzen für die
neutestamentliche Kirche hatte. Dieses Ereignis war die Zerstörung Jerusalems
durch die römischen Legionen unter Titus, 70 n.Chr. Die Kirche Gottes in
Jerusalem floh kurz vor 70 n.Chr. unter der Führung von Simeon, dem Nachfolger
von Jakobus und einem Cousin von Jakobus und Christus, aus Jerusalem nach Pella,
einer kleinen Siedlung in der Wüste. Nach Simeons Tod erlebte die Kirche Gottes
in Jerusalem eine Zeit großer Instabilität und hatte in den folgenden 28 Jahren
13 Gemeindevorsteher.
Viele bis dahin schon verbreitete Irrlehren blühten nun richtig auf.
Zusätzlich waren viele in der Kirche enttäuscht und verwirrt. Die Ereignisse
hatten sich nicht so entwickelt, wie man es allgemein erwartet hatte. Die
Kirche bestand zunehmend aus einer Mischung von neu bekehrten Heiden und
Gläubigen der zweiten oder sogar dritten Generation.
Zum Ende des ersten und Beginn des zweiten Jahrhunderts wurde die römische
Welt den Juden gegenüber zunehmend feindlich gesinnt. Besonders unterdrückende
Gesetze und hohe Steuern wurden ihnen durch das Römische Reich als Bestrafung
auferlegt. Zwischen dem ersten Aufstand der Juden (66 – 73 n.Chr.) und dem
zweiten Aufstand (132 – 135 n.Chr.) gab es viele gewalttätige, antijüdische
Pogrome in Orten wie Alexandria und Antiochien. Als Reaktion darauf gab es
Aufstände der Juden in Mesopotamien, Palästina und Ägypten.
Oftmals wurden Christen zu Opfern dieser Gewaltausbrüche, weil sie von
den römischen Behörden als eine jüdische Sekte angesehen wurden. Doch von den
jüdischen Revolutionären wurden sie als Verräter des Judaismus und der
politischen Ziele der Juden betrachtet, weil sie nicht gegen die Römer kämpfen
wollten. In diesen Zeiten wurden Hunderttausende von Synagogen und
Mitgliedern der Kirche – diejenigen, die am Sabbat Versammlungen abhielten und
die Schrift studierten – von den Römern oder dem Mob ausgelöscht.
In diesem gefährlichen Zeitalter begann die römische Kirche unter ihrem
Bischof Sixtus (ca. 116 – 126 n.Chr.) damit, Gottesdienste am Sonntag abzuhalten
und hörte auf, das jährliche Passah zu begehen, indem dieses durch den
Ostersonntag und die „Eucharistiefeier" ersetzt wurde. Dies geht aus eindeutigen
Aufzeichnungen von Eusebius von Cäsarea hervor, einem Gelehrten des späten
dritten und frühen vierten Jahrhunderts n.Chr., der als „Vater der
Kirchengeschichte" bekannt wurde. Eusebius zitierte seine Information aus einem
Brief von Irenäus, dem Bischof von Lyon (ca. 130 – 202 n.Chr.), an Bischof
Viktor von Rom. In seinem Buch From Sabbath to Sunday [Vom Sabbat zum
Sonntag] erklärt Dr. Samuele Bacchiocchi: „Es gibt eine breite Übereinstimmung
in der Meinung der Gelehrten, dass Rom tatsächlich der Geburtsort des
Ostersonntags ist. Manche bezeichnen es sogar zu Recht als ‚römisches Ostern’"
(Seite 201). Was allerdings denen verborgen bleibt, die keine romanischen
Sprachen kennen, ist die Tatsache, dass die Römer nicht den Namen „Ostern" für
ihren neuen Feiertag benutzten, sondern dass sie es weiterhin mit dem
lateinischen Wort für Passah bezeichneten, paschalis.
Diese offizielle Abkehr vom Gesetz Gottes war die natürliche Folge des
„Geheimnisses der Gesetzlosigkeit," das Gnade mit Gesetzlosigkeit
interpretierte und lehrte, dass der Gesetzesgehorsam unnötig war. Wenn
Praktiken nicht als notwendig angesehen werden, ist es nur eine Frage der Zeit,
bis sie durch Bequemlichkeit entweder abgeändert oder ganz abgeschafft werden.
Auf dem Höhepunkt des Konflikts zwischen dem Judaismus und dem Römischen Reich
unternahmen viele „Christen" in Rom unter der Führung von Bischof Sixtus alles,
um auch nur den Verdacht von sich zu weisen, dass sie Juden sein könnten und
deshalb mit diesen der Verfolgung ausgesetzt wären.
Im Jahr 135 n.Chr., zum Ende des zweiten Aufstands der Juden, unternahm der
römische Kaiser Hadrian (Publius Aelius Hadrianus) drastische Maßnahmen gegen
die Juden. Er benannte Jerusalem nach seinem Namen und nach dem „Gott" Jupiter
Capitolinus um in Aelia Capitolina und drohte jedem, der als „Jude"
bezeichnet wurde mit der Todesstrafe, wenn er es wagen würde, die Stadt zu
betreten.
Zu diesem Zeitpunkt wurde Marcus, ein Italiener, zum Bischof von Jerusalem,
wie Edward Gibbons im 15. Kapitel seines Buchs Decline and Fall of the Roman
Empire [Abstieg und Fall des Römischen Reichs] berichtete: „Auf sein
[Marcus’] Drängen verwarf der überwiegende Teil der Gemeinde das mosaische
Gesetz, wie sie es über ein Jahrhundert lang praktiziert hatte. Durch die
Opferung ihrer Bräuche und Traditionen erkauften sie sich freien Zugang zur
Kolonie Hadrians und festigten gleichzeitig umso mehr ihre Verbindung zur
Katholischen Kirche" (Band 1, Seite 390).
Was geschah mit denen, die auch weiterhin das Gesetz Gottes als für
Christen bindend ansahen? Gibbon schrieb: „Der verborgene Rest der Nazarener,
die sich weigerten, ihrem lateinischen Bischof nachzufolgen, wurde des
Verbrechens der Ketzerei und Spaltung bezichtigt... . Wenige Jahre nach der
Rückkehr der Kirche in Jerusalem wurde es zweifelhaft und umstritten, ob ein
Mann, der ernsthaft Jesus als den Messias anerkannte, aber weiterhin das Gesetz
des Mose hielt, überhaupt auf das Heil hoffen konnte" (Seite 390).
Es war nur eine Frage der Zeit, bis diejenigen, die sich als Christen
bezeichneten und die aufgehört hatten, den Sabbat einzuhalten, „ihre
judaisierenden Geschwister von der Hoffnung auf das Heil ausschlossen ... [und]
jeden Umgang mit ihnen im Hinblick auf Freundschaft, Gastlichkeit und soziales
Leben mieden."
Unglaublich! Dies geschah, obwohl nur wenige Jahre zuvor alle zusammen
dieselben Festtage Gottes eingehalten hatten. Doch nachdem Bischof Marcus „neue
Wahrheiten" eingeführt hatte, folgten ihm die meisten bekennenden Christen
darin, und verfolgen die treuen Christen, die an dem historischen Glauben
festhielten, der ihnen allen beigebracht worden war. Wer treu an der Wahrheit
festhielt, wurde schon bald von jener Mehrheit als Quelle der „Spaltung"
betrachtet, die das historische Christentum durch etwas Anderes ersetzen wollte.
Eine Theologie der „neuen Wahrheit"?
Viele der „christlichen" Schriften, die uns seit dem
zweiten Jahrhundert überliefert sind, sprechen von einer völlig anderen
Theologie als derjenigen des Apostels Johannes, der nur 10 bis 20 Jahre früher
geschrieben hatte. Wie Bacchiocchi versichert: "Ignatius, Barnabas und
Justinian, deren Schriften unsere Hauptinformationsquellen für die erste Hälfte
des zweiten Jahrhunderts darstellen, hatten den Prozess der Abgrenzung vom
Judaismus, in dessen Verlauf sich die Mehrheit der Christen vom Sabbat abgewandt
und den Sonntag als neuen Tag des Gottesdienstes angenommen hatte, miterlebt und
daran mitgewirkt" (Seite 213). Ignatius von Antiochien schrieb um etwa 110
n.Chr.: „Es ist ungeheuerlich, von Jesus Christus zu reden und den Judaismus zu
praktizieren" (Magnesians, Seite 10). Er sprach auch davon, „Sabbate
nicht länger einzuhalten." Doch Johannes, der nur 20 Jahre zuvor sein Evangelium
niedergeschrieben hatte, betonte, dass Jesus dieselben Festtage eingehalten
hatte, wie die jüdische Gesellschaft seiner Zeit (Johannes 7, 2; 11, 55).
Barnabas von Alexandrien, nicht zu verwechseln mit dem Apostel Barnabas,
spricht sich in seinem um 130 n.Chr. verfassten Brief dafür aus, dass das Alte
Testament eine Allegorie sei und nicht vorgesehen war, es wörtlich zu verstehen.
Er sah das Verbot des Genusses von unreinem Fleisch im Gesetz als eine bildhafte
Darstellung dafür, welche Art Menschen Christen meiden sollten (Epistle of
Barnabas, 10). In seinem Versuch, den Sabbat sinnbildlich zu deuten, schrieb
er: „Wir feiern den achten Tag im freudigen Gedenken an den Tag, an dem auch
Jesus von den Toten auferstand" (Epistle of Barnabas, 15).
Zwei bekannte Theologen des zweiten Jahrhunderts, die eine bedeutende Rolle
in der Übergangsphase von der biblischen Theologie zur römisch-katholischen
Theologie spielten, waren beide in Gemeinden unter der Führung des treu
gebliebenen Polycarp getauft worden. Polycarp (ca. 69 – 155 n.Chr.) war ein
persönlicher Jünger des Apostels Johannes gewesen und einer der wenigen
Kirchenführer seiner Zeit, die an der Wahrheit festgehalten hatten. Diese beiden
Männer, Justinian der Märtyrer (ca. 95 – 167 n.Chr.) und Irenäus (ca. 130 – 202
n.Chr.) behielten manche der Wahrheiten, die sie unter Polycarp erlernt hatten,
bei, waren aber auch bestrebt, sich im Namen der „Einheit der Kirche" nach der
römischen Theologie auszurichten. Obwohl Irenäus stark von den Lehren Polycarps
abwich, bewunderte er diesen sein Leben lang als einen großen Mann Gottes.
Justinian war ein Grieche aus Samaria, der zunächst ein platonischer
Philosoph geworden war und dann unter dem Einfluss Polycarps und seiner Jünger
ca. 130 n.Chr. in Ephesus als Christ getauft wurde. Er kam 151 n.Chr. nach Rom
und gründete eine Schule, bevor er schließlich 167 n.Chr. den Märtyrertod starb.
Nach seiner Ankunft in Rom versuchte er, im Hinblick auf das Gesetz einen
Mittelweg zu finden. Henry Chaldwick schrieb:
„Justinian glaubte, dass es einem Judenchristen
freigestellt blieb, das mosaische Gesetz zu befolgen, ohne dadurch in irgend
einer Weise seinen christlichen Glauben zu kompromittieren, und dass sogar
Heidenchristen jüdische Bräuche halten konnten, wenn sie durch Judenchristen
dazu veranlasst wurden; es musste nur deutlich gemacht werden, dass solche
Einhaltungen nur eine Frage des persönlichen Gewissens waren. Aber Justinian
musste zugeben, dass es Heidenchristen gab, die nicht so freizügig dachten und
vielmehr glaubten, dass diejenigen, die das mosaische Gesetz befolgen, nicht
gerettet werden würden" (The Early Church [Die frühe Kirche], Seiten
22-23).
Irenäus wuchs in Kleinasien auf und hörte als
Jugendlicher die Predigten von Polycarp. Als junger Mann kam er nach Rom und
wurde 179 n.Chr. zum Bischof von Lyon in Frankreich. Irenäus wird als der erste
große katholische Theologe bezeichnet und scheint sich sehr um Frieden und eine
versöhnliche Atmosphäre bemüht zu haben. Sein Wunsch nach Frieden war jedoch so
groß, dass er auch bereit war, Kompromisse mit der Wahrheit einzugehen,
um die Einheit der Kirche zu erhalten. Die Gemeinden in Kleinasien hielten unter
Polycarps Führung den Sabbat und feierten die heiligen Tage. Doch als Irenäus
nach Rom kam, passte er sich bereitwillig den römischen Praktiken in der
Einhaltung des Sonntags und der Feier von Ostern an. In Lyon gab es einige, die
das Passah am 14. Abib begingen, und andere, die Ostern feierten. Irenäus selbst
feierte Ostern, begegnete aber denen mit Toleranz, die weiterhin das Passah
feierten.
In der Kirche des zweiten Jahrhunderts gab es eine regelrechte theologische
Revolution. Lesen Sie: „Justinian der Märtyrer nimmt eine zentrale Position in
der Geschichte der christlichen Denkweise des zweiten Jahrhunderts ein... .
Justinian beeinflusste auch das Denken von Irenäus, dem Bischof von Lyon"
(Chadwick, Seite 79). Obwohl Justinian in Ephesus ein bekennender Christ
geworden war, „hatte er nicht verstanden, dass dies eine Abkehr von seinen
philosophischen Studien bedeuten musste, und sogar ein Widerrufen all dessen,
was er vom Platonismus gelernt hatte" (Seite 75). Er glaubte, dass der Gott
Platos auch der Gott der Bibel sei. „Justinian erhob nicht den strengen und
ausschließenden Anspruch, dass nur die Hebräer göttliche Offenbarung empfangen
hätten, was andere Quellen der Weisheit in ihrem Wert herabgesetzt hätte.
Abraham und Sokrates waren gleichsam Christen vor Christus" (Seite 76).
Diese Denkweise war Wegbereiter für einen Umbruch in der christlichen Theologie
und für die Aufnahme vieler philosophischer Ideen der Griechen über die Natur
Gottes.
Trotzdem erkannte Justinian die Autorität des Buchs der Offenbarung an und
glaubte, „Christus würde in ein erneuertes Jerusalem zurückkehren, um mit
seinen Heiligen für tausend Jahre zu regieren" (Seite 78).
Irenäus, der stark von Justinian beeinflusst war, behielt auch Teile der
Wahrheit, obwohl er sich den römischen Praktiken anpasste. Er lehrte zu Recht: „Der
Zweck unserer Existenz ist die Bildung von Charakter durch das Meistern von
Schwierigkeiten und Versuchungen" (Seite 81). Er behielt auch die Hoffnung
bei, dass es ein buchstäbliches tausendjähriges Reich auf Erden geben würde, in
dem Christus auf Erden regieren werde, und stellte sich gegen die Interpretation
des Millenniums als Symbol für den Himmel, auch wenn er diesen Widerstand in
seinen späteren Werken abschwächte.
Wahrheit zu Gunsten von Einheit und Tradition
verworfen
Es gab zwei grundsätzliche Punkte, die vorgebliche
Christen von denen trennten, die wirklich die Fortsetzung der Kirche
darstellten, die Jesus erbaut hatte. Diese Punkte drehten sich darum, ob
Gottes Gesetz noch immer für Christen bindend ist, oder nicht, und darum, wer
und was Gott ist. Fehler in diesen beiden Punkten führten zu einer immer
größeren Distanz zwischen der sich christlich nennenden Kirche und der wahren
Kirche Gottes.
Die Bedeutung des Gesetzes war der größte Diskussionspunkt zwischen 50
n.Chr. und 200 n.Chr. Er wurde erst auf dem Konzil von Nicäa (325 n.Chr.) und
dem Konzil von Laodizea (363 n.Chr.) endgültig beigelegt, als sich der römische
Staat einschaltete. Das Thema des Konflikts ist uns überliefert in der
Konfrontation zwischen Polykrates aus Kleinasien und Viktor, dem Bischof von Rom
um 190 n.Chr. Polykrates war der Nachfolger von Polycarp, der selbst ein
Jünger des Apostels Johannes gewesen war. Irenäus berichtet, dass Polycarp
in der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Rom gereist war, um zu versuchen,
Anicetus, den Bischof von Rom von der richtigen Zeit für das Passah zu
überzeugen. Anicetus gab an, dass er durch die Tradition gebunden sei, die seit
Bischof Sixtus von diesem und seinen Nachfolgern beibehalten wurde, während
Polycarp erklärte, „er habe es [das Passah] immer mit Johannes, dem Jünger des
Herrn, und dem Rest der Apostel, mit denen er noch Umgang hatte, eingehalten"
(Eusebius, xxiv).
Etwa 50 Jahre nach Polycarps Reise versuchte Viktor von Rom, die Gemeinden
in Kleinasien einzuschüchtern, damit sie sich der römischen Praxis des
Osterfests anschließen würden. Polykrates schrieb an Viktor:
Wir begehen also den genauen Tag [des Passahs] und fügen
weder hinzu noch nehmen wir davon weg. Denn in Asien schlafen leuchtende
Beispiele, die am Tage der Erscheinung des Herrn wieder auferstehen werden, wenn
er in Herrlichkeit vom Himmel kommt und alle Heiligen erwecken wird. Philippus,
einer der zwölf Apostel, der in Hierapolis liegt ... Johannes, der an der Brust
unseres Herrn lehnte ... Polycarp von Smyrna... . Sie alle begingen das
Passah am vierzehnten Tag ein in Übereinstimmung mit dem Evangelium, wichen
in keiner Weise davon ab, sondern folgten dem Gesetz des Glaubens ... und
meine Verwandten feierten immer den Tag, an dem die Leute das Gesäuerte
wegwerfen [14. Abib]. Ich also, Geschwister, bin nun 65 Jahre im Herrn, habe
mich mit den Geschwistern auf der ganzen Welt beraten und die Gesamtheit der
heiligen Schriften studiert und bin in keiner Weise beunruhigt angesichts
dessen, mit dem mir gedroht wird, um mich einzuschüchtern. Denn diejenigen, die
größer sind als ich, haben gesagt, ‚wir müssen Gott mehr gehorchen als den
Menschen’" (Eusebius, xxiv).
Während noch verschiedene Streitfragen im zweiten
Jahrhundert ungelöst waren, hatte eine neue Auffassung von Kirchenregierung
enorme Auswirkungen. Diese Auffassung war die Hervorhebung dessen, was als „apostolische
Nachfolge" bekannt wurde.
Im ersten Jahrhundert hatte Paulus die Beröer für ihren Eifer gelobt, weil
sie alles nachprüften, was er sagte, indem sie täglich die Schrift studierten,
um zu sehen, ob er auch die Wahrheit sagte (Apostelgeschichte 17, 11). Die
Thessalonicher ermutigte er: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet" (1.
Thessalonicher 5, 21). Im ersten Jahrhundert sehen wir ständig den Hinweis auf
die heiligen Schriften.
Doch beginnend mit den Schriften von Clemens, dem Bischof von Rom, finden
wir einen anderen Schwerpunkt. Clemens schrieb um 100 n.Chr. einen Brief an die
Gemeinde in Korinth, wohl kurz nach dem Tode des Johannes. Die Herausgeber von
Masterpieces of Christian Literature [Meisterwerke christlicher Literatur]
fassen Clemens’ wesentliche Ideen so zusammen: „Der Weg zu Frieden und Eintracht
ist der des Gehorsams gegenüber den etablierten Autoritäten, den Ältesten.
Christus regiert die Gemeinden durch die Apostel, die Bischöfe, die von diesen
ernannt wurden und die anerkannten Nachfolger der Bischöfe."
Etwa zehn Jahre später betonte Ignatius denselben Punkt: „Einheit und
Frieden in der Kirche und die Berechtigung der Kirche werden durch die Treue
gegenüber den Bischöfen erreicht" (Masterpieces).
In der Mitte des folgenden Jahrhunderts war dieser Anspruch so stark
geworden, dass Cyprianus von Nordafrika bemerkte: „Der Mittelpunkt der Einigkeit
ist der Bischof. Ihn zu verlassen bedeutet, die Kirche zu verlassen, und man
kann Gott nicht als seinen Vater betrachten, wenn man die Kirche nicht als seine
Mutter akzeptiert" (Chadwick, Seite 119).
Dieser Anspruch wurde gegenüber Gläubigen geäußert, um diese in einer
Organisation zu halten, die sich schnell zu dem entwickelte, was wir heute als
die Römisch-Katholische Kirche kennen. Wie verschieden sind doch diese
Äußerungen von denen des Apostels Paulus und der anderen neutestamentlichen
Kirchenführer, die ihrerseits auf die heiligen Schriften und auf die Früchte
ihres Dienstes verwiesen, um ihre Berechtigung nachzuweisen (vgl. 1. Korinther
11, 1; Apostelgeschichte 17, 2). Da die Kirchenführer des zweiten und
dritten Jahrhunderts sich nicht mehr auf die Klarheit der Schrift berufen
konnten, begründeten sie ihren Anspruch auf die Treue der Gläubigen zunehmend
mit dem Nachweis, dass sie legitim ordinierte Nachfolger der Apostel und der auf
sie folgenden Bischöfe waren. Während sie immer mehr die Lehren der
Apostel verließen, bemühten sich diese Verführer, Gläubige durch Appelle an die
Einheit und durch das Gedenken an die Apostel zusammenzuhalten.
Kapitel 2: Ein dramatischer Übergang
Wie konnte es geschehen, dass so viele so schnell so
weit gingen? Diese Frage stellt sich fast zwangsläufig, wenn wir die Geschichte
der frühen Kirche betrachten.
Beim Anbruch des zweiten Jahrhunderts n.Chr., in der Zeit kurz nach dem Tod
des Apostels Johannes, hatte die christliche Bewegung wenigstens noch eine
erkennbare Ähnlichkeit mit der Kirche Gottes der Apostelgeschichte – auch wenn
sie bereits mit vielen Problemen und falschen Lehrern zu kämpfen hatte. Doch zu
Beginn des dritten Jahrhunderts n.Chr. glich das Bild der meisten Gemeinden in
ihrer Lehre weitaus mehr der Katholischen Kirche des Mittelalters als der Kirche
Gottes in den Tagen der Apostel Petrus, Jakobus, Paulus und Johannes, obwohl sie
sich noch immer „Kirche Gottes" nannten.
Im Verlauf des zweiten Jahrhunderts hatten die meisten Kirchengemeinden
eine Vielzahl schrittweiser Veränderungen in Lehre und religiösen Praktiken
durchgemacht. Den Weg dazu hatten einige derselben Ideen bereitet, die schon
wenige Jahre nach Christi Auferstehung und Himmelfahrt in Umlauf gebracht worden
waren. Ideen haben immer Folgen!
Ein anderes Evangelium
Christus verbrachte die Zeit seines Wirkens mit dem
Predigen der „guten Nachricht" von einer kommenden, göttlichen Regierung, die
die unterjochenden Regierungen der Menschen ersetzen würde, welche seine Zuhörer
nur allzu gut kannten. Seine Jünger fragten ihn nach Zeichen, die ihnen zeigen
würden, wann diese Zeit kommen würde (Matthäus 24, 3). Die letzte Frage, die sie
stellten, als er sich bereit machte, in den Himmel aufzusteigen, handelte davon,
ob das Reich zu jener Zeit errichtet werden würde (Apostelgeschichte 1, 6). In
der letzten Phase des Wirkens von Paulus, von der uns Aufzeichnungen erhalten
sind, sehen wir, dass Paulus noch immer „das Reich Gottes [predigte] und lehrte
von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert" (Apostelgeschichte
28, 31)! Selbst im letzten inspirierten Buch des neutestamentlichen Kanons gab
Jesus dem Apostel Johannes Visionen über die buchstäbliche Errichtung des Reichs
Gottes auf dieser Erde (Offenbarung 19, 11-21; 20, 4-6; Kapitel 21).
Trotz dieser klaren Aufzeichnungen der deutlichen Aussagen Jesu Christi
lesen wir in 2. Korinther 11, 3-15, dass falsche Prediger sich in die Kirche
eingeschlichen hatten und schon 25 Jahre nach der Gründung der Kirche etwas
predigten, was Paulus „ein anderes Evangelium" nannte. Im zweiten Jahrhundert
wurde das wahre Evangelium, das Jesus gelehrt hatte, von den Führern der sich
formierenden „orthodoxen" christlichen Kirche als eine „zweifelhafte Meinung"
bezeichnet. Im dritten Jahrhundert wurde Christi Vorbild und Lehre bereits als
blanke Ketzerei angesehen. Im Verlauf des zweiten und dritten
Jahrhunderts konzentrierte sich das „Evangelium," das gepredigt wurde, fast
ausschließlich auf die Person Jesu. Und zur selben Zeit fanden heidnische
Konzepte über die Unsterblichkeit der Seele und über Himmel und Hölle weite
Zustimmung.
Das richtige Verständnis über das Reich Gottes wurde bis weit in das zweite
Jahrhundert erhalten, sogar von Männern wie Justinian dem Märtyrer und Irenäus.
Allerdings lagen sie in anderen Fragen völlig daneben, wie zum Beispiel bei
ihrer Lehre über das Gesetz Gottes. Edward Gibbon schrieb:
„Die Versicherung eines solchen Millenniums prägte sich
[denen] besonders ein, die mit den direkten Jüngern und Aposteln Umgang
hatten... . Aber als das System der Kirche beinahe vollendet war, wurde diese
vorübergehende Befürwortung beiseite gelegt. Die Lehre von der Herrschaft
Christi auf Erden wurde zuerst als tiefgründige Allegorie angesehen, später
schrittweise als zweifelhafte und nichtsnutzige Meinung betrachtet und
schließlich als absurde Erfindung von Ketzern und Fanatikern verworfen" (Decline
and Fall, Band 1, Kapitel 15).
Vieles in diesem fortschreitenden Prozess war das
Ergebnis des Einflusses von Origenes. Origenes war, wie wir gleich sehen werden,
einer der unvernünftigsten Männer, die jemals als christliche Theologen
anerkannt wurden. Er spielte eine bedeutende Rolle in der Formulierung der
katholischen Lehren über die Dreieinigkeit, die Unsterblichkeit der Seele und
das Reich Gottes.
Als das grundsätzliche Verständnis über die wahre Natur des Evangeliums und
des Reichs Gottes verworfen wurde, gab es viele verheerende Folgen. Eine davon
war die Beteiligung von Kirchenmitgliedern an der Politik und im Militär.
Historiker stimmen fast völlig darin überein, dass die frühen Christen eine
solche Beteiligung vermieden hatten: „Doch während sie die Richtlinie eines
passiven Gehorsams einhielten, lehnten sie jede aktive Beteiligung an der
zivilen Verwaltung oder dem militärischen Verteidigungsapparat des Reichs ab"
(Gibbon, The Triumph of Christendom in the Roman Empire [Der Triumph des
Christentums im Römischen Reich], Seite 41). Am Ende des dritten Jahrhunderts
jedoch gab es „christliche" Legionen in der römischen Armee. Denen, die sich zum
Christentum bekannten, wurde gesagt, dass eine politische Mitwirkung akzeptabel
sei.
Die unsterbliche Seele
Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, die in
praktisch allen heidnischen Religionen auf der Welt vorkommt, wird weder im
Alten Testament noch im Neuen Testament gelehrt. Lesen Sie, was das
Interpreter’s Dictionary of the Bible [Wörterbuch zur Interpretation der
Bibel] dazu schreibt:
„In der KJV [King James Version] des Alten Testaments
[der Hinweis ist in manchen modernen Übersetzungen weggelassen] steht „Seele"
fast immer für das hebräische Wort nephesh. Das Wort Seele im Englischen
... beinhaltet häufig auch ein Verständnis, das ursprünglich aus der
griechischen Philosophie (Platonismus), aus dem Orphismus und aus dem
Gnostizismus kam, jedoch nicht Teil des Begriffes nephesh ist. Im Alten
Testament bedeutet es nie eine unsterbliche Seele, sondern ist im Wesentlichen
das Prinzip des Lebens, oder ein lebendiges Wesen... . Psyche im Neuen
Testament entspricht dem Wort nephesh im Alten Testament" (Band 4, Seite
428).
Wie kam das Konzept einer unsterblichen Seele dann in
das Christentum? Schon 200 n.Chr. griffen durch den griechischen Einfluss manche
jüdische Sekten diese Idee auf und versuchten, sie mit den biblischen Lehren von
der Auferstehung zu verknüpfen. Dies wird aus den zwischentestamentlichen
Schriften der Apokryphen wie dem 4. Buch Makkabäer deutlich, sowie aus den
Schriften von Philo und Josephus. Die Gnostiker betonten durch ihre Hervorhebung
eines heidnischen Dualismus die Unsterblichkeit der Seele im Kontrast zu der
Auferstehung des Leibes. Die International Standard Bible Encyclopedia
schreibt: „Es gibt einen Unterschied zwischen dem platonischen Glauben an die
Unsterblichkeit der Seele und der biblischen Lehre über die Auferstehung von den
Toten" (Band 2, Seite 810).
Autoren des späten zweiten und frühen dritten Jahrhunderts wie Tertullian
und Origenes spielten eine wesentliche Rolle in der Formulierung der späteren
katholischen Lehre im Hinblick auf Himmel, Hölle und die Unsterblichkeit der
Seele. Die ISB Encyclopedia führt weiter aus: „Frühe Christen wurden oft
durch griechisches und jüdisches Gedankengut beeinflusst. Zum Beispiel wurden
viele durch die Lehre des Pythagoras über die Einteilung der Seele in
verschiedene Teile und die Seelenwanderung beeinflusst: Ein platonisches und
neoplatonisches Verständnis [besonders von Plotinus] liegt der Anschauung des
Origenes über die Seele zugrunde ... Tertullian folgte der Denkweise der
Stoiker" (Band 4, Seite 588). Die Encyclopedia of Religion hebt hervor,
dass viele einflussreiche katholische Theologen späterer Jahre „alle die
biblischen Konzepte einer Seele im Sinne der platonischen Denkweise und in der
allgemeinen Tradition von Origenes und seiner Schule interpretierten."
Die Dreieinigkeit
Es gab nicht einfach nur eine Irrlehre hinsichtlich der
Wesensart Gottes, sondern viele verschiedene und untereinander widersprüchliche
Lehren. Es schien fast ebenso viele verschiedene Ideen zu geben, wie es
philosophische Schulen und Lehrer gab. Die heutige katholische Vorstellung, aus
der auch die protestantische Lehre zu diesem Thema abgeleitet wurde, ist einfach
diejenige Irrlehre, die sich gegenüber den mitstreitenden Ideen behaupten
konnte. Da sich diese Lehre mit ein paar Abänderungen bis heute gehalten hat,
werden wir diese genauer untersuchen.
Den Hintergrund der orthodoxen Lehre des dritten Jahrhunderts zu diesem
Thema finden wir nicht in den biblischen Texten, sondern in den philosophischen
Schriften der Griechen. Das Roman Catholic New Theological Dictionary
[Römisch-Katholisches neues theologisches Wörterbuch] macht einige offene
Zugeständnisse in dieser Hinsicht. Über die biblische Lehre zur Natur des
heiligen Geistes erkennt es in dem Artikel „Dreieinigkeit" an: „Der heilige
Geist an sich ist nie das ausdrückliche Objekt neutestamentlicher Verehrung und
der Geist wird auch in den Seiten des Neuen Testaments nie als jemand
dargestellt, der mit dem Vater und dem Sohn persönlichen Kontakt pflegt."
Später in demselben Artikel diskutieren moderne katholische Gelehrte den
Hintergrund der orthodoxen Lehre über die Dreieinigkeit und geben einen
heidnischen Einfluss auf ihre Theologie zu:
Christen haben ... im Zwiegespräch mit der damals
vorherrschenden Philosophie des Mittelplatonismus die Gelegenheit ergriffen, die
christliche Botschaft in einer gedanklichen Form zu verkünden und zu vertiefen,
die für die gebildeten Kreise der damals weit verbreiteten hellenistischen
Gesellschaft einen Sinn ergab. Diese Bewegung, die die katholische Theologie im
Allgemeinen als positiv angesehen hat, sollte enorme Auswirkungen auf die
Entwicklung der christlichen Theologie haben ... . In der Zuversicht, dass der
Gott, den sie [die heidnischen, griechischen Philosophen] verkündeten, der Vater
Jesu Christi war und dass die Erlösung, von der sie sprachen, die durch Jesus
war, passten die Apologisten einen Großteil ihres hellenistischen Weltbildes
daran an... . Der Begriff ‚Dreieinigkeit’ ist zuerst durch Tertullian bekannt
geworden.
Origenes übernahm die Philosophie des Mittelplatonismus noch systematischer
als die Apologisten oder Tertullian. Sein ‚Konzept einer ewigen Generation’
übernahm er von der mittelplatonischen Lehre, dass die ganze Welt der Geistwesen
ewig sei. Der Sohn ist seit Ewigkeit abgeleitet (oder gezeugt) von dem Wesen
Gottes und dadurch aus der Wesensart des Vaters, jedoch dem Vater
untergeordnet... . Origenes prägte wie zuvor Tertullian eine Begriffsbestimmung
für die ‚Drei’ der göttlichen Trias. Der Vater, der Sohn und der heilige Geist
sind ‚drei Hypostasen’ [Unterzustände] ... . Origenes’ Hauptbeitrag zur
Formulierung der Dreieinigkeitslehre ist die Annahme einer ewigen Generation.
Sein Begriff für die ‚Drei’ (Hypostasen) wird im vierten Jahrhundert
aufgegriffen und verfeinert" (Seite 1054).
Wenn wir uns die Entwicklung der „christlichen"
Theologie im späten zweiten und frühen dritten Jahrhundert ansehen, tauchen
immer wieder die Namen von Tertullian und Origenes auf. Tertullian (ca. 150 –
225 n. Chr.), der auch der Vater der lateinischen Theologie genannt wird, war
„einer der begabtesten Autoren seiner Zeit und beinahe so einflussreich wie
Augustinus in der Entwicklung der Theologie im Westen" (Eerdman, Handbook to
the History of Christianity [Handbuch zur Geschichte des Christentums],
Seite 77).
Tertullian lebte in Karthago und lehrte als einer der ersten, dass nach dem
Tode eine feurige Hölle käme. In seinen späteren Jahren brach er mit Rom und
wurde ein Montanist. Dies bedeutete, dass er die Behauptungen zweier von Dämonen
besessener Frauen übernahm, die sich selbst Prophetinnen nannten. Sie gerieten
in ekstatische Zuckungen und „sprachen in Zungen," behaupteten, der Parakleitos
zu sein (ein Begriff für den heiligen Geist im Johannesevangelium) und lehrten
eine Botschaft, die „neue Prophezeiung" genannt wurde.
Origenes (ca. 185 – 254 n.Chr.) „war der größte Gelehrte und fleißigste
Autor der frühen Kirche" (Eerdman, Seite 104). Um etwa 203 n.Chr. wurde Origenes
zum Nachfolger von Clemens von Alexandria als Leiter einer berühmten Schule, die
unter anderem Christen auf die Taufe vorbereiten wollte, und dabei Kurse in
Philosophie und Naturwissenschaft für das einfache Volk anbot. Bei seinem guten
Ruf als großer Gelehrter und Theologielehrer bleibt die Frage offen, wie viel
Origenes wirklich verstand. Nach dem Bericht des Kirchenhistorikers Eusebius aus
dem vierten Jahrhundert kastrierte Origenes sich selbst kurz nachdem er die
Leitung der Schule in Alexandria übernommen hatte! Diese Tat stützte er auf sein
Verständnis (oder vielmehr Missverständnis!) von Christi Worten in Matthäus 5,
29-30).
Derselbe Mangel an vernünftigem Verständnis der wahren Bedeutung und
Absicht der Bibel wird in vielen seiner theologischen Schriften überaus
deutlich. „Origenes führte die Möglichkeit der Existenz einer heilenden Hölle
[des Fegefeuers] ein" (International Bible Encyclopedia, „Hölle"). Er
spielte auch eine bedeutende Rolle bei dem, was sich später zur katholischen
Marienverehrung entwickelte, indem er als Erster die Idee vorbrachte, dass Maria
nach Jesu Geburt weiterhin eine Jungfrau geblieben war.
Religiöse Kunst im Gottesdienst
Eine der drastischsten Veränderungen, die die Kirche
nach dem ersten Jahrhundert getroffen hatte, war die Einführung von
religiöser Kunst in den Gottesdienst. Diese Neuerung konnte so offenkundig
mit der Götzenverehrung in Verbindung gebracht werden, die durch das zweite
Gebot untersagt ist, dass sie nur langsam angenommen wurde. Lesen Sie:
„Sowohl Tertullian als auch Clemens von Alexandria
hielten dieses Verbot für absolut bindend für Christen. Bildnisse und
Kultstatuen gehörten in die dämonische Welt des Heidentums. Tatsächlich waren
die Einzigen, die im zweiten Jahrhundert für den Besitz von Bildnissen Christi
bekannt waren, radikale Gnostiker... . Doch noch vor dem Ende des zweiten
Jahrhunderts drückten Christen freimütig ihren Glauben durch künstlerische
Mittel aus" (Henry Chadwick, The Pelican History of the Church, Seite
277).
Das früheste Beispiel einer Kirche, die Bilder an den
Wänden hatte, war ein Gebäude aus dem dritten Jahrhundert in Dura, am Euphrat.
Und selbst da waren es hauptsächlich Szenen aus dem Alten Testament. Sogar viel
später noch, zu Zeiten Kaiser Konstantins, waren viele Führer der sich zum
Christentum bekennenden Kirche schockiert angesichts der Idee, Bilder oder
Bildnisse von Christus zu haben. Wir lesen:
„Etwa 327 [n.Chr.] empfing der gelernte Historiker
Eusebius von Cäsarea einen Brief von der Schwester des Kaisers, Constantia, die
ihn um ein Bild von Christus bat... . Eusebius ließ ihr eine sehr harsche
Antwort zukommen. Es war ihm wohl bewusst, dass man Bildnisse von Christus und
den Aposteln finden konnte. Diese wurden auf den Basaren von Palästina verkauft,
und er hatte sie selbst gesehen. Aber Eusebius hielt die Maler und
Ladenbesitzer, die solche Bildnisse an Pilger verkauften, keineswegs für
Christen... . [Ihm] war klar, dass nur heidnische Künstler überhaupt daran
denken konnten, solche Bildnisse herzustellen" (ebenda, Seiten 280-281).
Epiphanius von Salamis, ein Kirchenführer des vierten
Jahrhunderts, war entsetzt, als er in der Vorhalle einer Kirche in Palästina
einen Vorhang sah, auf dem ein Bildnis Christi prangte. Er sandte nicht nur
einen heftigen Protest an den Bischof von Jerusalem, sondern riss persönlich den
Vorhang herunter und vernichtete ihn. Bei seinem Tod 403 n.Chr. waren jedoch
Bildnisse Christi und der Heiligen bereits zunehmend verbreitet. Gleichzeitig
verbreitete sich der Kult der Marienverehrung, der um 400 n.Chr. einen
immer wichtigeren Platz in privaten Andachten einnahm.
Die Reichskirche
Nach fast drei Jahrhunderten mehr oder minder starker
Verfolgung von Christen durch die Regierung Roms wurde 313 n.Chr. das
Toleranzedikt von Mailand erlassen. Schon bald danach entwickelte sich das
Christentum von der offiziell durch das Römische Reich tolerierten Bewegung zur
offiziellen Staatsreligion des Reichs. War dies eine Erfolgsgeschichte
für die Kirche, die Jesus gegründet hatte? Hatte das wahre, biblische
Christentum im Römischen Reich einen Triumph erzielt?
Weit gefehlt! Was wir vorfinden, ist eine vom Heidentum beeinflusste
Religion, die eine christliche Terminologie angenommen, aber ihre heidnischen
Traditionen beibehalten hatte – alles von Kaiser Konstantin von Rom
durchgesetzt. Sie unterschied sich sehr von der verfolgten judeochristlichen
Kirche, die von Jesus Christus persönlich im ersten Jahrhundert gegründet worden
war. Konstantin erkannte die wichtige Rolle, die die Religion bei der Einigung
des Reichs spielen konnte, wenn das Volk sich mit einer gemeinsamen Sache
identifizieren konnte. Motiviert durch diese hauptsächlich politischen Ziele
schmiedete Konstantin eine Allianz mit dem Bischof von Rom und begann einen
Prozess zur „Vereinheitlichung" des „Christentums" im gesamten Reichsgebiet. Auf
seine Veranlassung kam 325 n.Chr. das Konzil von Nicäa zustande, bei dem er
sogar den Vorsitz hatte. Beachten Sie, dass Konstantin zu diesem Zeitpunkt noch
nicht einmal getauft war! Tatsächlich schob er die Taufe noch bis zu seinem
Totenbett auf und war dann zu krank, um untergetaucht zu werden. Sein
persönliches Beispiel, bei der Taufe mit Wasser bespritzt zu werden, trug
wesentlich dazu bei, dass das Untertauchen aufgegeben wurde und man später durch
Besprengung mit Wasser getauft wurde.
Das Konzil von Nicäa versuchte hauptsächlich zwei schwierige Fragen zu
klären, die bis dahin noch nicht gelöst werden konnten. Es ging um die
widersprüchlichen Ansichten über die Natur Gottes und über die Feier von
Ostern oder Passah. Durch die Macht des Reichs gestützt behielten die
Ansichten der römischen Kirche auf dem Konzil die Oberhand. Alle Opposition
wurde unterdrückt.
Konstantin war auch derjenige, der den „ehrbaren Tag der Sonne" zu einem
staatlichen Feiertag machte, an dem die Gerichtshöfe geschlossen blieben und
auch die meisten Geschäfte ihre Türen geschlossen halten sollten.
Dieser römische Kaiser war zuvor nämlich ein Anhänger des Kultes Sol
Invictus („die unbesiegte Sonne") gewesen, und mit seiner „Bekehrung" kamen
viele Attribute der Sonnenanbetung wie das Kreuz und der Heiligenschein auf
Kunstwerken in das „Christentum." Zur gleichen Zeit begannen auch
Massenbekehrungen des Volkes. Um diese zu fördern, wurden populäre Feiertage
wie die Saturnalien und Lupercalien in neue, „christliche" Feiertage umgedeutet
und nun Weihnachten und Valentinstag genannt. Die Führer der Kirche von Rom
behaupteten, dass sie nur einen breiteren Weg öffneten, um das Christentum den
Massen zugänglicher und weniger „jüdisch" zu machen. Der Antisemitismus war eine
starke Motivation im römischen Christentum.
Wo war die Kirche, die Jesus gegründet hatte?

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Was war mit der Kirche geschehen, die bei einer Ausgießung des
heiligen Geistes am Pfingsttag 31 n.Chr. gegründet worden war? Wo war
Christus, und was tat er während dieser Zeit?
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Im zweiten und dritten Kapitel des Buchs der Offenbarung
finden wir Botschaften, die Jesus Christus für die sieben Gemeinden in
Kleinasien niederschreiben ließ. Im ersten Kapitel sah der Apostel Johannes in
einer Vision den verherrlichten Christus in der Mitte von sieben goldenen
Leuchtern stehen. Diese sieben Leuchter repräsentieren die Kirche Gottes in
ihrer gesamten Geschichte im zeitlichen Ablauf (Offenbarung 1, 12-20). Die
sieben Städte in Kleinasien, die im Buch der Offenbarung erwähnt sind, befanden
sich geographisch aufeinander folgend an einer römischen Postroute. Welche
Bedeutung haben diese sieben Botschaften?
Eindeutig haben diese Botschaften eine historische Bedeutung für die sieben
Gemeinden, die es tatsächlich im ersten Jahrhundert dort gab. Außerdem jedoch –
und das ist für uns heute wichtig – versinnbildlichen diese Gemeinden
Einstellungen und Probleme, die die gesamte christliche Gemeinschaft und auch
einzelne Christen charakterisieren könnten, die es gab, seitdem Johannes dies
geschrieben hat (vgl. Offenbarung 2, 7).
Wenn wir uns den Zusammenhang im Buch der Offenbarung ansehen, muss man
anerkennen, dass es hauptsächlich als eine Prophezeiung gedacht war.
Offenbarung 1, 1 zeigt, dass die Absicht dieses Buchs ist, Gottes Dienern zu
zeigen, was bald geschehen soll. Also sollten die sieben Gemeinden hauptsächlich
als Abfolge der Geschichte der Kirche Gottes in sieben Kirchenzeitaltern
verstanden werden.
Die erste Gemeinde, die in Offenbarung 2 angesprochen wird, ist die
Gemeinde in Ephesus. Diese Gemeinde repräsentiert das apostolische Zeitalter. In
Vers 2 lesen wir, dass der große Test für dieses erste Zeitalter darin lag, zu
erkennen, wer die wahren Apostel Christi waren, und wer die Lügner (vgl. 2.
Korinther 11, 3-15). Es war ein Zeitalter, in dem lange und hart gearbeitet
wurde, um das Werk Gottes zu tun und man erlitt viel Verfolgung und Härten
dabei. Die wahren Christen des Zeitalters von Ephesus waren diejenigen, die die
Praktiken der Nikolaiten (der Anhänger von Simon Magus) ablehnten und hassten.
Doch nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n.Chr. machten sich
Enttäuschung und geistliche Trägheit breit. Die Gläubigen hatten Christi
Rückkehr für einen Zeitpunkt kurz nach der Umzingelung Jerusalems durch die
römische Armee erwartet. Aber nun waren weite Bereiche Judäas und Galiläas
zerstört – besetzt durch römische Legionen. Die jüdischen Christen wurden von
ihren jüdischen Nachbarn als Verräter und von der römischen Besatzungsmacht als
potenzielle Störenfriede betrachtet. Das Leben war hart und gefährlich.
Dieses Zeitalter hatte die erste Liebe, den frühen Eifer für das Werk
Gottes, hinter sich gelassen. Die Mitglieder verloren allmählich die Lehren,
Praktiken und Prioritäten aus den Augen, die ihnen einst ihre Identität und ihr
Lebensziel verliehen hatten.
Die Botschaft des lebendigen Christus an die Christen im Zeitalter von
Ephesus lautete, dass er ihren Leuchter von seiner Stelle wegstoßen würde, wenn
sie nicht bereuen und zu ihren ersten Werken in der eifrigen Verkündigung des
Evangeliums zurückkehren würden. Der Glaubensabfall der überwiegenden Mehrheit
der Kirche von Jerusalem 135 n.Chr. (als die zweite jüdische Revolte gegen Rom
vernichtend niedergeschlagen wurde), wird allgemein als das Ende des Zeitalters
von Ephesus angesehen. Diejenigen, die in diesen Tagen der Prüfung dem Glauben
treu geblieben waren, wurden von der größeren Kirche als „Nazarener" (vgl.
Apostelgeschichte 24, 5) und als „Ebioniten" (arme Leute) bezeichnet. Wie es
auch heute noch ist, gab es eine Vielzahl von „unabhängigen" Gruppen neben der
wahren Kirche Gottes, die auf viele verschiedene Arten Teile der Wahrheit mit
Irrtümern vermischt hatten. Diese Gruppen wurden manchmal mit den „Nazarenern"
und den „Ebioniten" in einen Topf geworfen und von der römischen Kirche
ebenfalls als „Ketzer" bezeichnet.
Die Gemeinde in Smyrna ist die zweite der sieben Kirchen, die im Buch der
Offenbarung angesprochen wird. Der Apostel Johannes war in Ephesus am Ende des
ersten Jahrhunderts gestorben. Der nächste treue Kirchenführer in Kleinasien
war, wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt, Polycarp, der Bischof von Smyrna.
Als junger Mann war Polycarp ein persönlicher Jünger von Johannes gewesen und
hatte mit ihm mehrmals das Passah gefeiert. Polycarp wurde in den ersten
Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts bekannt. Die Gemeinden unter seiner Führung
waren einige der wenigen Gebiete, in denen Gottes Festtage noch im ganzen
zweiten Jahrhundert eingehalten wurden. Im hohen Alter unternahm Polycarp
sogar noch eine Reise nach Rom, um zu versuchen, Anicetus, den Bischof von Rom
von seinem Irrtum zu überzeugen, weil dieser nicht den biblischen Tag des
Passahs feierte, sondern stattdessen eine jährliche passahähnliche Feier am
Sonntag (Ostern) und eine wöchentliche Feier der „Eucharistie" vollzog.
In den letzten Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts trat Polykrates, ein
glaubenstreuer Kirchenführer, der persönlich von Polycarp ausgebildet worden
war, hervor. Er blieb der einzige bekannte Kirchenführer, der dem Vorbild der
Apostel und der Kirche Gottes in Jerusalem treu geblieben war. Polykrates lehrte
das wahre Evangelium von der tatsächlichen Errichtung des Reichs Gottes auf
Erden, von dem unbewussten Zustand der Toten, die auf die Auferstehung warteten,
von der Bedeutung der Einhaltung von Gottes Gesetzen und von der Feier der
biblischen Festtage.
Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts hatte Viktor, der Bischof von Rom,
damit begonnen, Polykrates und alle, die seiner Lehre folgten, als Ketzer zu
bezeichnen – als Quellen der Zwietracht und Spaltung in der Kirche. Polykrates
blieb trotz des verstärkten Drucks und der Isolation von so genannten
„Mitchristen" und trotz vermehrter Verfolgung und Anfeindung von der
umliegenden, heidnischen Gesellschaft dem Glauben treu. Nach seinem Tod jedoch
wurde kein weiterer starker Kirchenführer unter den glaubenstreuen Gemeinden in
Kleinasien mehr bekannt.
Für die Allgemeinheit sah es so aus, als hätten die wahren Christen im
Kampf gegen die wesentlich populärere und bequemere römische Kirche an Boden
verloren. Ihre Zahl sank und sie wurden zunehmend isoliert. Von der großen
Kirche verachtet und als „Ebioniten" (arme Leute) bezeichnet, mussten sich
einzelne Personen und Gruppen von Familien, die dem Glauben treu blieben, in die
weniger besiedelten Gegenden von Kleinasien zurückziehen.
Sogar schon am Ende des ersten Jahrhunderts waren wahre Christen von
untreuen Gemeindevorstehern aus der Kirche ausgeschlossen worden (3. Johannes
9-10). Im zweiten Jahrhundert wurden andere, wie zum Beispiel der treue Rest,
der die „neuen Wahrheiten" von Bischof Marcus von Jerusalem nicht akzeptierte,
gezwungen, von sich aus die Gemeinde, deren Mitglieder sie gewesen waren, zu
verlassen. Dies geschah, als untreue Führer die offizielle Kirche immer mehr in
die Irre führten.
Der große Test für das Zeitalter von Smyrna bezog sich auf zwei Dinge.
Das Eine war ihre Fähigkeit, zwischen der Fortsetzung der wahren Kirche Gottes
und dem, was in Wirklichkeit die aufkeimende Synagoge des Satans war, zu
unterscheiden. Das Andere war ihre Bereitschaft, Verfolgung und sogar den
Tod zu ertragen, um Gott treu zu bleiben (Offenbarung 2, 9-10).
Physisch betrachtet waren die Christen dieses Zeitalters verarmt und
verfolgt. Sie wurden von der schnell wachsenden, „orthodoxen" Bewegung als
Ketzer geächtet, von den Juden als Abtrünnige bezeichnet und von der heidnischen
Gesellschaft Roms um sie herum mit Verachtung und Skepsis betrachtet. Doch in
Gottes Augen werden diejenigen, die in dieser schrecklichen Zeit treu geblieben
sind, als geistlich reich angesehen und sie werden letztendlich die Krone des
Lebens erhalten (Offenbarung 2, 9-10).
Nach Konstantin begann 325 n.Chr. eine systematische Durchsetzung der
Unterwerfung unter die Theologie Roms. Die Reste der wahren Kirche wurden
größtenteils gezwungen, bis außerhalb der Grenzen des Römischen Reichs in die
Berge Armeniens und später auf den Balkan nach Europa zu fliehen. Es gab nur
noch eine kleine Anzahl von ihnen und sie hatten weder Ansehen noch Reichtum.
Von dem eigentlich „christlichen" Römischen Reich wurden sie als Feinde des
Staates betrachtet.
In Gottes Augen waren sie aber kostbar. Es lag nicht in Gottes Absicht,
dass seine wahre Kirche zu einer großen, mächtigen Organisation werden sollte,
die die Welt „christianisieren" würde. Seine wahre Kirche sollte eine „kleine
Herde" bleiben (Lukas 12, 32). Ihr Fortbestand sollte sich nicht an einer Reihe
von stolzen, mächtigen, herrschenden Bischöfen in einer bestimmten Stadt messen
lassen (vgl. Hebräer 13, 14), sondern an einer Reihe von glaubenstreuen,
bekehrten Menschen, die weiterhin den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten
würden (Johannes 4, 23-24), sollten sie auch verstreut und verfolgt sein.
Es sollte Zeiten geben, in denen Gott einen treuen Führer unter ihnen
aufkommen lassen würde, um sein Volk wieder aufleben zu lassen, damit es ein
bestimmtes Werk tun würde, das zumindest in der regionalen Umgebung öffentlich
sichtbar war. Zu anderen Zeiten, in denen Gottes Kirche weiterhin existierte,
war sie so verstreut und verborgen, dass nur Gott sie sehen konnte, aber sie
starb nie aus.
Kapitel 3: Die Kirche in der Wüste
In der Zeit nach dem Konzil von Nicäa waren Kaiser
Konstantin und seine Nachfolger bestrebt, alle nicht konformen Arten des
Christentums auszulöschen. Gruppen, die sich gegen die Anpassung an die Lehren
und Praktiken der „etablierten" Kirche, die sich jetzt Katholische (universelle)
Kirche Gottes nannte, zur Wehr setzten, wurden nicht nur als Ketzer angesehen,
sondern als umstürzlerische Feinde des römischen Staates.
Die wahre Kirche, die in Offenbarung 12 als Frau symbolisiert ist, war
gezwungen, für 1260 „Tage" in die Wüste zu fliehen. In der biblischen
Prophezeiung bedeutet ein „Tag" oft ein Jahr (4. Mose 14, 34; Hesekiel 4, 6).
Demnach müsste sich die wahre Kirche nach dem Konzil von Nicäa für 1260 Jahre
verborgen gehalten haben. Historisch ist genau dies geschehen. Obwohl dies ein
wirklich dunkles Zeitalter war, gab es ein Licht, das weiterhin brannte.
Manchmal flackerte diese Flamme, aber sie wurde nie ausgelöscht.
Jeder Religionsgelehrte und Historiker sieht sich einigen Problemen
gegenüber, wenn er versucht, die Wanderungen der wahren Kirche in diesem
1260jährigen Zeitabschnitt nachzuvollziehen. Der Grund dafür ist, dass die
Geschichte der wahren Kirche nicht die Geschichte einer einzigen,
unveränderten Organisation von Menschen ist. Die überlieferte Geschichte der den
Sabbat einhaltenden Kirche Gottes wurde fast ausschließlich von ihren Feinden
geschrieben, die diese als ketzerisch betrachtete. Wir lesen von Gruppen, die
von feindlich gesinnten Außenstehenden mit Namen wie Paulizianer, Bogomilen und
Waldenser bezeichnet sind – von denen kleinere oder größere Teile zu
verschiedenen Zeiten wahre Christen nach der Art der Jerusalemer Kirche des
ersten Jahrhunderts gewesen zu sein scheinen. Eine andere Schwierigkeit ist,
dass sich die Lehren jeder dieser Gruppierungen im Laufe der Zeit veränderten
und sich im Allgemeinen immer denen ihrer katholischen und protestantischen
Nachbarn anglichen.
Wir finden auch, dass Autoren oft verschiedene Gruppen von „Irrgläubigen"
einschließlich der wahren Kirche unter demselben Namen in einen Topf geworfen
haben, ohne wirklich die Unterschiede in ihren Lehren zu berücksichtigen. So
bleibt die große Herausforderung in der Kirchengeschichte, nicht nur zu
identifizieren, wer was lehrte, sondern auch zu erkennen, wann eine
Kirchenorganisation aufhörte, Teil der wahren Kirche zu sein und wann Gott die
wahre Kirche an einen anderen Ort verlegte.
Die Kirche flieht in die Wüste
In den ersten drei Jahrhunderten ihrer Existenz war die
Kirche Gottes zeitweise immer wieder starker Verfolgung ausgesetzt. Doch in
diesen Zeiten wurde sie nicht getrennt betrachtet, sondern im Allgemeinen immer
mit den Juden und einer großen Vielzahl von an Christus glaubenden Sekten in
Verbindung gebracht. Diese Verfolgungen waren zeitlich und räumlich begrenzt.
Der römische Kaiser Diokletian veranlasste vor dem Konzil von Nicäa von 303 bis
313 n.Chr. für zehn Jahre die schlimmste dieser Verfolgungen. Dies waren die
„zehn Tage," die in Offenbarung 2, 10 genannt sind.
Als Konstantin seine Macht im Reich gefestigt hatte, änderte sich die
Situation entscheidend. Gibbon schrieb, dass Konstantins religiöse Verehrung
„auf besondere Weise auf den Geist der Sonne ausgerichtet war ... und es gefiel
ihm, sich mit den Symbolen des Gottes des Lichts und der Poesie darstellen zu
lassen. Die unfehlbaren Pfeile dieser Gottheit, das Leuchten seiner Augen ...
schienen ihn zum geeigneten Schutzpatron für einen jungen Helden zu machen. Die
Altäre von Apollo waren überhäuft mit den Weihegaben von Konstantin; und der
gläubigen Masse wurde erzählt, dass es dem Kaiser gestattet war, mit seinen
sterblichen Augen die sichtbare Herrlichkeit ihres Schutzgottes anzuschauen... .
Die Sonne wurde allgemein als unbesiegbarer Führer und Beschützer Konstantins
gefeiert" (The Triumph of Christendom [Der Triumph der Christenheit],
Seite 309).
Vier Jahre vor dem Konzil von Nicäa erließ Konstantin ein Gesetz für das
ganze Römische Reich, das weit reichende Bedeutung für Gottes Volk haben sollte.
„Der früheste Hinweis darauf, dass die Einhaltung des Sonntags eine gesetzliche
Pflicht war, ist ein Erlass Konstantins aus dem Jahre 321 n.Chr., in dem er
befahl, dass alle Gerichtshöfe, alle Bewohner der Städte und alle Arbeitsstätten
am Sonntag (venerabili die solis, d.h. am verehrungswürdigen Tag der
Sonne) ruhen sollten... . Dies war der erste einer Reihe von kaiserlichen
Erlässen, von denen die meisten in den Codex Justinianus übernommen wurden."
Etwa vierzig Jahre später übernahm die Katholische Kirche dieses Reichsedikt im
„Kanon [29] des Konzils von Laodizea [363 n.Chr.], das Christen das
Judaisieren und Ruhen am Sabbat verbot und ihnen sogar befahl, an diesem Tag zu
arbeiten" (Encyclopaedia Britannica, 11. Ausgabe, „Sonntag").
Allein schon die Tatsache, dass die römische Kirche sich im späten vierten
Jahrhundert genötigt sah, Gesetze gegen die Einhaltung des Sabbats zu erlassen,
zeigt, dass es besonders in Kleinasien noch glaubenstreue Restgruppen gab, die
an der Wahrheit festhielten. Die zunehmend mächtigere Kirche bestand darauf,
dass nun alle die „christianisierte" Art der römischen Sonnenverehrung annehmen
mussten. Wer sich weigerte, konnte leicht identifiziert werden und diese
Menschen konnten kein normales Leben mehr führen, wenn sie in den städtischen
Gebieten des Römischen Reichs blieben. Deshalb verschwanden im vierten
Jahrhundert die Christen, die als Nazarener bezeichnet wurden, aus den
bevölkerten Gegenden Kleinasiens. Über drei Jahrhunderte hinweg waren Reste der
wahren Kirche dorthin gewandert, doch mit der Durchsetzung dieser
Sonntagsgesetze durch Konstantin waren sie gezwungen, zu fliehen. Epiphanus, ein
katholischer Historiker des vierten Jahrhunderts, beschrieb diese Menschen, die
sich unterschieden „von den Juden und [katholischen] Christen: Mit den Juden
stimmen sie nicht überein, weil sie an Christus glauben, mit den [katholischen]
Christen nicht, weil sie im Gesetz gelehrt sind... . Diese Irrlehre der
Nazarener existierte in Beröa, im benachbarten Coele Syria und in der Decapolis
um die Region von Pella ... von wo sie nach ihrem Auszug aus Jerusalem
ausgegangen waren, als alle Jünger in Pella zu leben begannen" (Ray Pritz,
Nazarene Jewish Christianity [Nazarenisch-jüdisches Christentum], Seite 34).
Die „Paulizianer" erscheinen in Armenien
Im fünften Jahrhundert erschien die Kirche in entlegenen
Gebieten im östlichen Kleinasien nahe dem Euphrat und in den Bergen Armeniens.
Diese Menschen wurden von Zeitgenossen als „Paulizianer" bezeichnet. Wer waren
sie?
Der armenische Gelehrte Nina Garsoian schrieb in The Paulician Heresy
[Die paulizianische Irrlehre]: „Es würde dann so erscheinen, als seien die
Paulizianer der überlebende Rest der früheren Form des Christentums in Armenien"
(Seite 227). Der Autor bemerkte auch, dass die Paulizianer „beschuldigt
wurden, schlimmer als andere Sekten zu sein, weil bei ihnen der Judaismus
hinzukam" (Seite 213).
Christi Botschaft an dieses dritte Zeitalter der Kirche Gottes (die
Paulizianer) wird durch die Gemeinde in Pergamon charakterisiert (Offenbarung 2,
12-17). Das Wort Pergamon heißt „befestigt" und die Kirchenmitglieder
dieses Zeitalters waren dafür bekannt, dass sie in entlegenen Gebirgsregionen
lebten. In Offenbarung 2, 13 sagt Christus von der Gemeinde in Pergamon, dass
sie dort wohnt, wo der Thron des Satans ist. Pergamon war ein Zentrum der
altertümlichen babylonischen Mysterienreligion. Im Jahre 133 v.Chr. starb
Attalus III., der letzte Gott-König von Pergamon, und in seinem Testament
vermachte er sein Reich und seinen Titel Pontifex Maximus („Oberster
Brückenbauer" zwischen den Menschen und Gott) den Römern. Die Herrscher Roms
übernahmen diesen Titel und behielten ihn bei bis Kaiser Gratian ihn im Jahre
378 n.Chr. auf Papst Damasus I. übertrug. Die katholischen Päpste tragen diesen
Titel bis zum heutigen Tag. Historisch betrachtet lässt sich der Begriff „Thron
des Satans" bis zu Nimrods Reich zurückverfolgen, das in frühester Zeit Armenien
und die obere Euphratregion mit einschloss (1. Mose 10). Die Gemeinde in
Pergamon – die Paulizianer – zogen in dieselbe geografische Region, nachdem
Konstantin im Römischen Reich die Einhaltung des Sonntags per Gesetz durchsetzen
ließ.
Schon im fünften Jahrhundert lesen wir von Paulizianern, die in
katholischen Dokumenten als Ketzer gebrandmarkt wurden. Doch der erste bekannte
Führer unter ihnen, dessen Name überliefert ist, war Konstantin von Mananeli
(ca. 620 – 681 n.Chr.). Er begann etwa 654 n.Chr. zu predigen und half, die
Kirche wieder zu beleben. Vor seinem Wirken bestand der Großteil der
Mitgliedschaft der Kirche aus Nachkommen von Christen, die über zwei
Jahrhunderte zuvor aus Griechenland und Kleinasien geflohen waren. Sie bewahrten
die Namen ihrer ursprünglichen Gemeinden und bezeichneten sich weiterhin als
„Kirche von Ephesus" oder „Kirche von Mazedonien," obwohl sie sich Hunderte von
Kilometern von ihren Ursprungsorten entfernt hatten.
Konstantin von Mananeli wurde von byzantinischen (oströmischen) Soldaten
unter dem Befehl eines Offiziers namens Simeon 681 n.Chr. hingerichtet. Simeon
war so von dem Beispiel und den Lehren Konstantins überwältigt, dass er 684
n.Chr. zurückkehrte, diesmal nicht als Soldat, sondern als Bekehrter. Simeon
wurde ein eifriger paulizianischer Prediger und starb seinerseits drei Jahre
später, im Jahre 687 n.Chr. den Märtyrertod.
Im Jahre 1828 wurde das Manuskript eines alten Buchs mit dem Namen Der
Schlüssel der Wahrheit in Armenien entdeckt. Teile dieses Buchs reichten bis
800 n.Chr. zurück und geben uns einen detaillierten Einblick in die Lehren der
Paulizianer. Um 1900 wurde das Buch von Fred Coneybeare ins Englische übersetzt.
So erfahren wir, dass die Paulizianer den Gebrauch des Kreuzes im Gottesdienst
und in religiöser Kunst ablehnten und es ein „verfluchtes Werkzeug" nannten. Sie
verurteilten Kriegführung und hielten das Passah am 14. Tag des ersten Monats im
heiligen Kalender. Die Paulizianer lehnten auch den Anspruch der
Römisch-Katholischen Kirche ab, die „Kirche Gottes" zu sein und wiesen den
Anspruch des Papstes, „apostolischer Nachfolger" zu sein, und andere
Behauptungen zurück. Sie hielten die Dreieinigkeit, das Fegefeuer und die
Fürbitte der Heiligen für unbiblisch.
In der Einführung zur englischen Ausgabe von The Key of Truth [Der
Schlüssel der Wahrheit] liefert uns Coneybeare wertvolle historische
Hintergründe zu den Praktiken der frühen Paulizianer. „Wir wissen auch aus einer
Notiz überliefert durch Ananias von Shirak, dass die Paulizianer, die auch
früher so hießen, Quartodezimaner waren und Ostern in der ursprünglichen Weise
am jüdischen Tag feierten. Johannes von Otzuns Sprache beinhaltet
möglicherweise, dass die frühen Gläubigen in Armenien im siebten Jahrhundert
ebenfalls Quartodezimaner waren, wie man es erwarten würde" (Coneybeare,
Einführung, Seite clii). Dr. Coneybeare führte weiter aus: „Wahrscheinlich wurde
der Sabbat eingehalten und es gab keine besonderen Sonntagsgottesdienste" (Seite
cxiii). Weiterhin sagte er über die Paulizianer, dass „sie wahrscheinlich Reste
einer alten jüdisch-christlichen Kirche waren, die sich bis nach Edessa, Siuniq
und Albanien ausgebreitet hatte" (Seite clxii).
Irgendwann in ihrer Geschichte jedoch verfielen viele der Paulizianer
einem folgenschweren Irrtum. Sie argumentierten, dass sie sich nach außen hin
vielen Praktiken der Katholischen Kirche anpassen könnten, um Verfolgung zu
vermeiden, so lange sie es in ihrem Herzen besser wussten. Dieser Weg des
Kompromisses führte dazu, dass viele ihre Kinder katholisch taufen ließen und
andere an der Messe teilnahmen. Christus hatte dieses prophezeit und ermahnte
die Gemeinde in Pergamon im Hinblick auf diejenigen, die sich an die heidnischen
und unmoralischen Praktiken hielten (Offenbarung 2, 14-15). Ergebnis ihrer
kompromittierten Einstellung war, dass Christus erlaubte, dass schwere
Verfolgung über sie kam. Als die Verfolgung begann, entschieden einige der
bedrängten Paulizianer, dass die Lösung ihrer Probleme in einer Allianz mit den
muslimischen Arabern lag, die zu jener Zeit öfters in das Byzantinische Reich
(Ostrom) einfielen. Gegensätzliche Ansichten unter den Paulizianern führten in
diesen Jahren zu zahlreichen Spaltungen in der Gemeinschaft.
Vor dem Jahre 800 n.Chr. wurde ein Mann namens Baanes als eine
herausragende Persönlichkeit in der Kirche bekannt, der die Führung der
Paulizianer in Armenien übernahm und sich für die Lehre militärischer Gegenwehr
einsetzte. Kurz darauf kam ein weiterer Prediger namens Sergius unter den
Paulizianern empor. Weil Sergius sich gegen den Krieg aussprach und sich damit
gegen die Ansichten von Baanes stellte, wurde ihm vorgeworfen, Spaltungen in der
Gemeinschaft hervorzurufen. Doch trotz des Widerstands wirkte Sergius 30 Jahre
lang als Prediger. Nach seinem Tod jedoch begannen auch die meisten seiner
Nachfolger, an Kriegshandlungen teilzunehmen.
Aufstieg der Bogomilen
Im achten und neunten Jahrhundert wurden viele
armenische Paulizianer von den byzantinischen Kaisern zwangsweise auf den Balkan
umgesiedelt. Sie sollten dort eine Pufferzone gegen die einfallenden
bulgarischen Stämme bilden. Umgesiedelt auf den Balkan wurden die Paulizianer
als Bogomilen bekannt.
Was lehrten die Bogomilen? „Die Taufe durfte nur an erwachsenen Männern und
Frauen durchgeführt werden ... Bildnisse und Kreuze waren Götzenbilder" (Encyclopaedia
Britannica, 11. Ausgabe, „Bogomilen"). Sie lehrten auch, dass Gebete zu
Hause stattfinden sollten, nicht in bestimmten Gebäuden wie Kirchen. Sie
lehrten, dass die Gemeinde aus den „Auserwählten" bestand und dass jeder
Einzelne nach der Vollkommenheit Christi streben sollte. Es wird berichtet, dass
ihr Werk auch die Heilung von Kranken und die Austreibung von Dämonen umfasste.
Im zehnten und elften Jahrhundert breiteten sich viele Bogomilen nach
Westen aus und siedelten sich in Serbien an. Später, gegen Ende des zwölften
Jahrhunderts, suchten viele in Bosnien Zuflucht. Diese Bogomilen waren „nur eine
Version einer Gemeinschaft von ähnlichen ketzerischen Sekten, die sich über ganz
Kleinasien und Südeuropa unter verschiedensten Namen während des Mittelalters
ausgebreitet hatten. Die Bekanntesten sind die Patarener, Katharen und
Albigenser" (Encyclopaedia Britannica, 15. Ausgabe, Band 29, Seite 1098).
Sie wurden deswegen als Ketzer verurteilt, weil sie glaubten, dass „die Welt von
zwei Prinzipien regiert wird, dem Gutem und dem Bösen, und dass die
Angelegenheiten der Menschen von dem Konflikt zwischen diesen Mächten bestimmt
werden; die gesamte sichtbare Welt ist in die Hände des Satans gegeben" (Encyclopaedia
Britannica, Seite 1098). Aus ihrer Heimat auf dem Balkan breitete sich der
Einfluss der Bogomilen begünstigt durch Handelsverbindungen bis nach Piemont,
Italien und nach Südfrankreich aus. Als die ottomanischen Türken schließlich
Bosnien besetzten, hatte sich die Saat der Wahrheit nach Piemont, in die
Provence und in die alpinen Gebiete Europas ausgebreitet.
Die Katharen und Waldenser
Zu Beginn des zwölften Jahrhunderts gab es eine Belebung
der Wahrheit durch die Entstehung der nächsten Phase der Kirche unter der
Führung von Peter de Bruys im Südosten Frankreichs. Dieser Abschnitt in der
Kirchengeschichte wird durch die Gemeinde in Thyatira in Offenbarung 2
charakterisiert. Die Täler von Piemont im Südosten Frankreichs beschrieb Papst
Urban II. im Jahre 1096 als „mit Ketzerei verseucht." Aus einem dieser Täler,
dem Tal Louise, stammte Peter de Bruys, der 1104 begann, über Reue zu predigen.
Er gewann zunächst viele Anhänger unter den Katharen und später auch in der
allgemeinen Öffentlichkeit.
Die Katharen, unter denen de Bruys ursprünglich gepredigt hatte, waren
Reste früherer Siedlungen der Bogomilen. Doch zu dieser Zeit hatten die meisten
von ihnen eine Vielzahl neuer und seltsamer Lehren angenommen und waren
untereinander sehr zerstritten. Sein Predigen und das seiner Nachfolger gaben
der Kirche im Südosten Frankreichs in der ersten Hälfte des zwölften
Jahrhunderts neuen Aufwind. De Bruys versprach, das Christentum in seiner
ursprünglichen Reinheit wieder herzustellen. Am Ende einer Predigtzeit von 20
Jahren wurde er verbrannt. Nach ihm folgten in schneller Abfolge zwei
einflussreiche Prediger, Arnold und Henri.
Nach dem Tod von Henri im Jahre 1149 geriet die Bewegung ins Taumeln und
schien fast völlig zusammenzubrechen. Ein paar Jahre später wurde ein
wohlhabender Kaufmann in Lyon, Peter Waldo, durch ungewöhnliche Umstände bekehrt
und begann 1161, das Evangelium zu predigen. Als er durch den Schock des
plötzlichen Todes eines nahe stehenden Freundes dazu gebracht wurde, über die
wahre Bedeutung des Lebens nachzudenken, erhielt Waldo eine Kopie der heiligen
Schrift und begann, Gottes Wort zu studieren. Schon bald erkannte er mit
Erstaunen, dass die Bibel in vielen Dingen genau das Gegenteil von dem lehrt,
was er durch seine katholische Erziehung erlernt hatte.
Der Historiker Peter Allix zitierte aus The Noble Lesson [Die
ehrbare Lehre], einem alten Dokument der Waldenser: „In der Annahme, dass die
Welt sich ihrem Ende nähert, ermahnt der Autor seine Geschwister zum Gebet, zur
Wachsamkeit... . Er wiederholt einige Artikel aus dem Gesetz und lässt auch das
nicht aus, das über Götzen spricht" (Ecclesiastical History of Ancient
Churches of Piedmont [Kirchliche Geschichte alter Gemeinden in Piemont],
Seiten 231, 236-237).
An anderer Stelle schrieb Allix, dass die Führer der Waldenser „sich selbst
zu Nachfolgern der Apostel erklären, apostolische Autorität und die Schlüssel
zum Binden und Lösen beanspruchen. Sie betrachten die Kirche von Rom als die
Hure von Babylon" (Ecclesiastical History, Seite 175).
Peter Waldo machte Lyon zwischen 1161 und 1180 zum Zentrum seines
Predigtdienstes. Dann zog er sich auf Grund von Verfolgung nach Norditalien
zurück. Von 1210 bis zu seinem Tod sieben Jahre später verbrachte er seine Zeit
mit Predigen in Böhmen und Deutschland. „Wie Franz [von Assisi] entschied sich
Waldo für ein Leben in Armut, damit er frei sei, zu predigen, doch mit dem
Unterschied, dass die Waldenser die Lehren Christi predigten, während die
Franziskaner über die Person Christi predigten" (Encyclopaedia Britannica,
11. Ausgabe).
Was waren einige der anderen Lehren, die die Waldenser predigten? Gibt es
Hinweise, dass die frühen Waldenser den Sabbat einhielten? Einer
der Namen, unter denen sie ganz zu Anfang bekannt waren, war Sabbatati!
Der Historiker J.N. Andrews führte 1873 in seinem Werk History of the Sabbath
[Geschichte des Sabbats] ein Zitat an, das aus einem Werk des
schweizerisch-calvinistischen Historikers Goldastus von ca. 1600 stammte. Über
die Waldenser schrieb Goldastus: „Insabbatati [wurden sie genannt] nicht, weil
sie beschnitten waren, sondern weil sie den jüdischen Sabbat hielten"
(Andrews, Seite 410). Dr. Andrews bezog sich außerdem auf das Zeugnis von
Bischof Ussher (1581 – 1656), der bestätigte, „dass viele verstanden, dass sie
[die Namen Sabbatati oder Insabbatati] ihnen [den Waldensern] gegeben wurden,
weil sie am jüdischen Sabbat Gottesdienste abhielten" (Seite 410). Sogar
bekannte protestantische Gelehrte waren also am Ende des Mittelalters eindeutig
bereit, anzuerkennen, dass viele Waldenser den Siebenten-Tages-Sabbat feierten.
In seinem Werk The History of the Christian Church [Die Geschichte
der christlichen Kirche] schrieb William Jones 1845:
„Leute, die die Angelegenheit untersuchten, überbrachten
Ludwig XII., dem König von Frankreich [regierte 1498 – 1516] einen Bericht, dass
sie alle Gemeinden besucht hatten, in denen sich Waldenser befanden. Sie hatten
all ihre Versammlungsorte untersucht ... aber sie fanden keine Bildnisse, kein
Anzeichen von Anweisungen hinsichtlich der Messe oder irgendeines anderen
Sakraments der römischen Kirche... . Sie begingen den Sabbat, hielten sich
an dieselben Anweisungen im Bezug auf die Taufe wie die Urkirche, lehrten ihre
Kinder die Artikel des christlichen Glaubens und der Gebote Gottes... .
Die Waldenser konnten einen Großteil des Alten und Neuen Testaments
auswendig aufsagen. Sie lehnen die Schriften und Werke der heiligen Männer
[römisch-katholische Kirchenväter] ab und berufen sich nur auf die Gültigkeit
der Schrift... . [Sie sagen,] die Traditionen der [römischen] Kirche sind nicht
besser als die Traditionen der Pharisäer und dass [Rom] mehr Wert auf die
Einhaltung der Traditionen von Menschen legt, als auf die Einhaltung des
Gesetzes Gottes. Sie lehnen das Osterfest ab, sowie alle anderen römischen Feste
Christi und der Heiligen" (A Handbook of Church History [Ein Handbuch zur
Kirchengeschichte], Seiten 234, 236-237).
Ein weiterer Kompromiss
Es gab jedoch ein ernsthaftes Problem, das die meisten
Gemeinden der Waldenser im späten Mittelalter betraf, und das zuvor schon den
Paulizianern zu schaffen machte. Es war die Tendenz vieler Leute, katholischen
Priestern zu erlauben, ihre Kinder zu „christianisieren" [katholisch zu taufen],
sowie ihre Bereitschaft, an katholischen Gottesdiensten und Andachten
teilzunehmen. In dem Wissen, dass solche Zeremonien ihnen nicht das Heil bringen
konnten, dachten viele, dass eine Konformität nach außen hin mit Rom sie vor
Verfolgung bewahren könnte, damit sie im privaten Rahmen weiterhin die Wahrheit
praktizieren könnten. Diese Tendenz wurde der Gemeinde in Thyatira in
Offenbarung 2, 20-24 prophezeit. Aus Gottes Sichtweise war das, was sie taten,
aber geistliche Hurerei und die Teilnahme an der katholischen Kommunionsfeier
entsprach dem „Essen von Götzenopfern."
Was geschah mit den Waldensern? „Die Waldenser verschwanden langsam aus den
Hauptbevölkerungszentren und suchten Zuflucht in den verborgenen Tälern der
Alpen. Dort, in den zurückgezogenen Gebieten von Piemont ... gab es eine
Siedlung der Waldenser, die den Tälern von Vaudois ihren Namen gab... .
Gelegentlich wurden Versuche unternommen, die Sekte in der Vaudois zu
unterdrücken, aber die Beschaffenheit der Landschaft, in der sie wohnten, ihre
Verborgenheit und Isolation ließen die Schwierigkeiten ihrer Unterdrückung
größer erscheinen, als die Vorteile, die man daraus ziehen konnte" (Encyclopaedia
Britannica, 11. Ausgabe, „Waldenser").
Im Jahre 1487 erließ Papst Innozenz VIII. eine Bulle, in der er zu ihrer
Auslöschung aufrief, und ihre Siedlungen wurden massiv angegriffen. Ein Nebel,
der sich über die katholischen Armeen legte und diese umzingelte, rettete die
Waldenser vor der völligen Vernichtung. Doch die meisten von ihnen waren einfach
entkräftet und ließen sich auf Kompromisse ein. Als ein paar Jahre später die
Reformation begann, schickte die Führung der Waldenser Abgesandte an die
lutherische Kirche. „Daraufhin," so schreibt die Encyclopaedia Britannica,
„hörten die Vaudois auf, ein Relikt der Vergangenheit zu sein und verschmolzen
mit der breiten Bewegung des Protestantismus."
Als am Ende des 16. Jahrhunderts dieser völlige Glaubensabfall die meisten
Waldenser ergriffen hatte, bewahrte Gott noch einen glaubenstreuen Rest.
Gläubige, die die Früchte der letzten sieben Jahre der Predigtzeit von Peter
Waldo waren, wurden im 13. Jahrhundert in Böhmen und Deutschland bekehrt. In den
entlegenen Gebieten der Karpaten in Zentral- und Osteuropa überlebten davon noch
einzelne kleine Gruppen – ein treuer Rest davon hat sich in der Isolation dieser
Gegend bis in die heutige Zeit gehalten (vgl. Offenbarung 2, 24-25).
Als sich das 17. Jahrhundert näherte, war es Zeit für das Erscheinen des
nächsten Zeitalters in Gottes Kirche. Reste der deutschen Waldenser, von
Außenstehenden manchmal als „Lollarden" bezeichnet, waren schon im 14. und 15.
Jahrhundert nach Holland und England vorgedrungen. Doch erst in den letzten
Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts konnte die Kirche wieder offen in Deutschland
und Großbritannien in Erscheinung treten.
Kapitel 4: Die Kirche schlägt Wurzeln in
der Neuen Welt
Was war mit der Kirche geschehen, die Jesus gegründet
hatte? Sie überlebte gegen unglaubliche Widerstände! Die Männer und Frauen, die
die geistlichen Vorfahren von Gottes heutigem Volk waren, erwiesen großen Mut
und Glauben. Über Jahrhunderte hinweg mussten sie immer wieder umsiedeln, um
sich entweder einer Verfolgung von außen zu entziehen, oder den Irrlehren und
Kompromissen aus ihrer Mitte zu entweichen. In diesen Zeiten, als es schien, als
würde Gottes Flamme der Wahrheit nur noch schwach flackern, brachte Christus
immer wieder einen glaubenstreuen Führer hervor, der sein Volk zusammenbrachte
und das Werk Gottes wieder mit Leben erfüllte.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts traten unter den Resten der Waldenser
Gemeinden auf, die als „sabbatarische Wiedertäufer" bezeichnet wurden. Diese
entwickelten sich in Zentraleuropa, Deutschland und England. Sie wurden
Sabbatarier genannt, weil sie die Einhaltung des Sabbats am siebten Tag lehrten
und praktizierten. Und sie wurden Wiedertäufer genannt, weil sie sich weigerten,
diejenigen als Christen zu akzeptieren, die nur als Baby mit Wasser begossen
worden waren. Sie lehrten, dass die Taufe nur für Erwachsene sei, die an das
Evangelium glaubten und ihre Sünden bereut hatten (vgl. Apostelgeschichte 2,
38).
Die Geschichte der Wiedertäufer
Unter diesen gab es einige bemerkenswerte Männer, wie
Oswald Glaidt, Andreas Fischer und Andreas Eossi. Ihr Wirkungskreis befand sich
hauptsächlich in Deutschland, Polen, Ungarn und Teilen der späteren
Tschechoslowakei und Rumänien. Diese Männer lehrten die Einhaltung des Sabbats
und der heiligen Tage, sowie eine Ablehnung der Kindstaufe und der
Dreieinigkeitslehre. Gott gebrauchte sie, um den glaubenstreuen Rest zu stärken
und ein Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, während die turbulente
Protestantische Reformation über dieselben Länder hinwegfegte.
Oswald Glaidt und Andreas Fischer trafen sich 1527 auf einer Donaureise.
Beide schrieben Bücher zur Verteidigung des Sabbats. Glaidt antwortete denen,
die ihn beschuldigt hatten, dass er versuche, sich das Heil zu verdienen, weil
er lehrte, dass man den Zehn Geboten gehorchen müsse: „Das moralische Gesetz
besagt: ‚Du sollst nicht töten.’ Niemand würde ernsthaft argumentieren, dass
dieses Gebot nicht mehr gültig ist, oder dass man versucht, sich durch ‚Werke’
das Heil zu verdienen, wenn man davon Abstand nimmt, andere zu töten" (Daniel
Liechty, Sabbatarianism in the Sixteenth Century [Sabbatarianismus im
sechzehnten Jahrhundert], Seite 31). Glaidt wurde 1546 in Wien hingerichtet.
Kurz vor seiner Hinrichtung sagte er zu seinen Anklägern: „Auch wenn ihr mich
ertränkt, werde ich Gott und seine Wahrheit nicht verleugnen. Christus starb für
mich und ich werde ihm weiterhin nachfolgen und würde auch für seine Wahrheit
sterben, bevor ich sie aufgeben würde" (Seite 35). Auch Andreas Eossi, ein
ungarischer Adeliger, veröffentlichte im späten sechzehnten Jahrhundert Bücher
und Traktate über den Sabbat und verwandte Themen.
Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die Reste der Kirche in Zentraleuropa von
der wieder erstarkten Katholischen Kirche immer mehr verfolgt. Diese hatte nach
den Turbulenzen der Reformation die Kontrolle erneut zurückgewonnen. Wahre
Christen sahen sich entweder schwerster Verfolgung ausgesetzt, oder sie mussten
in eine Gegend auswandern, die ihnen mehr Freiheit zur Ausübung ihres Glaubens
anbot. Das abgelegene Gebiet in den Karpaten, das zuvor schon Zufluchtsort der
Reste der Waldenser gewesen war, wurde für viele zu einem Schutzgebiet. Im 18.
Jahrhundert wanderten dann die meisten der Deutschen, die den Sabbat einhielten,
nach Pennsylvania aus. Es gab noch einige andere Menschen, die mit der
„Wiedertäuferbewegung" in Verbindung gebracht wurden, die aber andere
protestantische Lehren der Reformation akzeptierten. Von diesen stammen die
heutigen Gemeinden der Baptisten, Mennoniten und der Amischen ab.
Inzwischen waren Reste der wahren Kirche nach England gekommen. Die Zeit
war reif für die fünfte Etappe in der Geschichte der Kirche Gottes,
gekennzeichnet durch die Gemeinde in Sardes. Die ersten eindeutigen
Aufzeichnungen von den Sabbat einhaltenden Kirchengemeinden in England stammen
aus den 1580er Jahren. Im frühen 17. Jahrhundert entstand eine öffentliche
Debatte, ob der biblische Sabbat noch gültig sei. Ziemlich viele Bücher wurden
in dieser Zeit über das Gesetz Gottes und den Sabbat geschrieben, von denen
einige noch heute erhalten sind.
John Traske war einer der ersten, die in England ein Buch über den Sabbat
veröffentlicht haben. Er schrieb um 1618 und wurde dafür ins Gefängnis geworfen.
Manche führen die Gründung der Mill Yard Kirche in London auf ihn zurück, die
älteste bekannte Kirche, die den Sabbat hielt, die noch heute existiert und die
als Mutterkirche späterer Kirchen der Sabbatarier in Amerika gilt. Auch wenn
manche andere Historiker die Gründung der Mill Yard Kirche auf die 1580er Jahre
zurückführen, lange vor Traskes Zeit, war er doch sicherlich zu Anfang des 17.
Jahrhunderts ein Pastor dieser Kirche. John Traske wurde später verhaftet und
ins Gefängnis gebracht. Dort scheint er seine Lehren widerrufen zu haben, um
frei zu kommen, aber seine Frau weigerte sich, dasselbe zu tun; sie blieb der
Wahrheit treu und verbrachte die restlichen 15 Jahre ihres Lebens im Gefängnis.
1661 wurde John James, ein anderer Prediger der Kirche Gottes in der Gegend
von London dafür verhaftet, dass er die Wahrheit predigte.
„Mit seinen letzten Worten an das Gericht bat er es
einfach, die folgenden Schriftstellen zu lesen: Jeremia 26, 14-15 und Psalm 116,
15... . Nach seiner Hinrichtung wurde ihm das Herz herausgenommen und verbrannt.
Die vier Teile seines Körpers wurden an die Tore der Stadt gehängt und sein Kopf
auf einen Pfahl in Whitechapel gesteckt mit dem Gesicht dem Ort seines
Versammlungshauses abgewandt. Das war der schreckliche Preis, den manche für den
Gehorsam gegenüber Gott im England des siebzehnten Jahrhunderts zu zahlen bereit
waren" (Ivor Fletcher, The Incredible History of God’s True Church [Die
unglaubliche Geschichte der wahren Kirche Gottes], Seite 176).
Ein anderer bemerkenswerter Führer war Francis
Bampfield. Eine Kopie seiner Autobiografie The Life of Shem Acher [Das
Leben von Shem Acher] ist in der Bibliothek des Britischen Museums erhalten. Von
1662 bis zu seinem Tod 1683 verbrachte er den größten Teil seiner Zeit entweder
im Gefängnis oder auf der Flucht vor der englischen Staatsmacht. Noch als er im
Gefängnis von Dorchester inhaftiert war, strömten die Leute herbei, um ihn
predigen zu hören. Zu dieser Zeit der Verfolgung geschah ein Ereignis, das weit
reichende Bedeutung haben sollte: Stephen Mumford und seine Frau, Mitglieder der
Kirche, zogen von England aus in die Neue Welt und erreichten 1664 Rhode Island.
Am Anfang des 18. Jahrhunderts war die Kirche Gottes in England praktisch tot.
Die meisten Pastoren, die am Sabbat predigten, predigten nun auch zu Gemeinden
am Sonntag, um mehr Geld zu verdienen. Dieser Kompromiss blieb nicht ohne
Folgen.
Die Kirche im frühen Amerika
Als sie in Rhode Island, der einzigen amerikanischen
Kolonie gegründet auf dem Prinzip der Religionsfreiheit, angekommen waren,
begannen die Mumfords, sich mit Baptisten in Newport zu versammeln. Sie
verschwiegen jedoch nicht ihre Glaubensansichten hinsichtlich des Sabbats. Noch
im selben Jahr ihrer Ankunft, 1665, begann Tacy Hubbard, zusammen mit ihnen den
Sabbat einzuhalten und wurde so die erste Bekehrte in Amerika. Kurz danach kam
ihr Mann Samuel hinzu. 1671 begann die erste den Sabbat einhaltende Kirche in
Amerika offiziell mit sieben Mitgliedern. William Hiscox war der erste Pastor
der Kirche und diente in dieser Funktion von 1671 bis zu seinem Tod 1704.
1708 wurde eine zweite Gemeinde in Westerly, Rhode Island (später in
Hopkinton umbenannt) offiziell organisiert. Im ganzen 18. Jahrhundert scheinen
Rhode Island, Pennsylvania und New Jersey die wichtigsten Gebiete von Gemeinden
gewesen zu sein, die den Sabbat einhielten. In dieser Zeit kamen Einwanderer aus
Deutschland nach Pennsylvania, die auch den Sabbat einhielten. Peter Miller war
der bekannteste Pastor dieser Sabbatarier und ein Freund von Benjamin Franklin.
Die Zeit der amerikanischen Revolution war schwierig für einen großen Teil
von Gottes Volk. Die Geschichte dieser Zeit zeigt auch, wie geistlich tot viele
der Prediger und Mitglieder waren. Einige Gemeinden waren sehr zerstritten
hinsichtlich der Frage, ob man sich an politischen Entscheidungen und der
Kriegführung beteiligen sollte. Jacob Davis, Pastor der Kirche Gottes in der
Gemeinde Shrewsbury, New Jersey, schloss sich der kontinentaleuropäischen Armee
als Kaplan an. Viele Mitglieder folgten seinem Beispiel und ließen sich
rekrutieren. Ein Mitglied, Simeon Maxson widersprach dem jedoch heftig und
nannte jedes Kirchenmitglied, das den fleischlichen Krieg unterstützte, ein
„Kind des Teufels" (Richard Nickels, Six Papers on the History of the Church
of God [Sechs Schriften über die Geschichte der Kirche Gottes], Seite 60).
Wegen dieser Meinung wurde er aus der Gemeinde ausgeschlossen.
Die Sabbatarier in der Gegend von Shrewsbury waren durch den Krieg verarmt
und zerstritten. Viele siedelten nach der Revolution nach Pennsylvania um und
die meisten von ihnen kamen vor 1800 nach Salem, Virginia (dem späteren West
Virginia). Die Gegend um Salem wurde um etwa 1800 zu einem der größten Zentren
von Gottes Volk und blieb es bis ins 20. Jahrhundert. Die Geschichte von Gottes
Volk in dieser Gegend ist jedoch keine Geschichte der Einigkeit und eines großen
Werkes. Es ist eine Geschichte von Spaltungen, Irrlehren und geistlicher
Trägheit seitens der Mehrheit – vieles bedingt durch den Einfluss der bekannten
Familie Davis, die einige der führenden Pastoren im 18. und 19. Jahrhundert
hervorbrachte. Die große Mehrheit der Gläubigen scheint geistlich so tot gewesen
zu sein, dass sie abtrünnigen Predigern blind in den Protestantismus folgte.
William Davis, 1663 in Wales geboren, kam aus der Church of England zu den
Quäkern, wurde dann ein Baptist. 1706 bekannte er sich zum Sabbat und wollte ein
Mitglied in der Gemeinde von Newport werden. Er wurde aber wegen seines
Festhaltens an anderen, falschen Lehren abgelehnt. Schließlich wurde er 1710 als
Mitglied akzeptiert und 1713 autorisiert, zu predigen und zu taufen. Doch er
glaubte weiterhin an die Dreieinigkeit, die Unsterblichkeit der Seele und daran,
dass man „in den Himmel kommt" – völlig entgegen den Lehren der damaligen
Kirche! Für den Rest seines Lebens war Davis immer wieder ausgeschlossen und
dann wieder aufgenommen. „Davis spielte eine wichtige Rolle in der Gestaltung
der Zukunft der sabbatarischen Baptisten" (Nickels, Seite 55).
In den frühen Tagen machte man sich keine großen Gedanken über den
offiziellen Namen der Kirche. In ihrer Korrespondenz untereinander nannten sich
die Gemeinden „die Kirche Christi in Newport" oder „die Kirche Gottes, die in
Piscataway lebt." Die meisten Mitglieder nannten sie einfach „die Kirche."
Außenstehende bezeichneten sie als Sabbatarier oder sabbatarische Baptisten. Als
die Gemeinde in Newport 1819 durch eine Urkunde einen offiziellen Status erhielt
(gegründet worden war sie 1671, aber die gesetzlichen Bestimmungen hatten sich
geändert), wurde sie unter dem Namen „Seventh-Day Baptist Church of Christ"
[Baptistenkirche Christi des siebten Tags] registriert.
Im Jahre 1803 wurde von acht Sabbatariergemeinden eine Generalkonferenz im
Nordosten einberufen, um deren evangelistische Bemühungen zu koordinieren und in
der Veröffentlichung von Literatur zusammenzuarbeiten. 1805 nahmen sie den Namen
„The Sabbatarian General Conference" [Die sabbatarische Generalkonferenz]
an. 1818 wurde der Name umgeändert in „Seventh-Day Baptist General Conference"
[Generalkonferenz der Siebenten-Tags-Baptisten] und die Organisation schloss nun
auch Sabbatariergemeinden außerhalb des Nordostens ein.
Die Kirche durchlief viele Veränderungen. Wir können eine Entwicklung von
einer Position gegen die Dreieinigkeit hin zu einer Befürwortung erkennen, die
von Familie Davis und anderen gefördert wurde. Eine Erklärung von 1811 hielt
sich noch an die traditionelle Lehre der Kirche und besagte, „dass die
sabbatarischen Baptisten glauben, dass der heilige Geist die wirkende Kraft oder
der Geist Gottes ist ... es gibt einige ... die glauben, dass der Vater, der
Sohn und der heilige Geist drei absolut getrennte Personen sind, gleichwertig
... und doch ein Gott" (Nickels, Seite 91). Nur 22 Jahre später, im Expose of
Sentiments [Darstellung der Ansichten] von 1833, war die offizielle Position
dann jedoch: „Wir glauben, dass es eine Union zwischen dem Vater, dem Sohn und
dem heiligen Geist gibt, und dass alle gleichermaßen göttlich sind und
gleichermaßen berechtigt, von uns angebetet zu werden" (Nickels, Seite 91). Noch
1866 wurde festgehalten, dass manche Prediger immer noch eine starke Abneigung
dagegen hatten, das Wort „Dreieinigkeit" zu gebrauchen.
In dieser Zeit hatten sich viele Prediger und Mitglieder so weit von der
Wahrheit entfernt, dass sie nun einfach Protestanten waren, die sich am Samstag
versammelten. Die Ausgabe der Zeitung Westerly Sun vom 18. November 1983
beschrieb die Gedenkfeier der ältesten den Sabbat einhaltenden Kirche in den
Vereinigten Staaten mit dieser Überschrift: „Kirche feiert 275jähriges Bestehen
gekennzeichnet durch Veränderung." In diesem Artikel stand: „Kirche wird dieses
Wochenende ihr 275jähriges Bestehen feiern – eine Zeitspanne, die trotz ihrer
Gewohnheit, den Sabbat einzuhalten, von Veränderungen durch den Druck der
Gesellschaft geprägt war."
Die Veränderungen, die stattgefunden haben, waren durch ein beständiges
Abrücken von der Wahrheit und eine Bewegung hin zum traditionellen
Protestantismus gekennzeichnet. Die Gebäude der Siebenten-Tags-Baptisten in
Rhode Island haben vor langer Zeit aufgehört, die lebendige Kirche Gottes zu
beherbergen. Heute sind es nur noch alte Gebäude, Museen, die davon zeugen, dass
früher dort einmal die Wahrheit gelehrt und das Werk Gottes weitergeführt wurde.
Die Gemeinden, die sich nun dort versammeln, glauben an die Dreieinigkeit,
feiern Weihnachten und Ostern und sind sogar dazu übergegangen, einigen der
alten Gebäude Kirchtürme – klare heidnische Symbole – hinzuzufügen.
Während sich die Mehrheit der Sabbatarier immer weiter von der Wahrheit
entfernte, gab es noch einzelne Mitglieder und Gemeinden, die glaubenstreu
blieben. Wir finden Aufzeichnungen der South Fork Church in West
Virginia, die im frühen 19. Jahrhundert das Passah einhielt und kein unreines
Fleisch aß. Diese kleine Gruppe musste sich aus der „Gemeinschaft der
Generalkonferenz und aller anderen Organisationen der Siebenten-Tags-Baptisten
wegen Unterschiede in der Lehre zurückziehen" (Nickels, Seite 68). In den 1870er
Jahren war eine neue Generation herangewachsen und letztendlich hatten die
meisten aus der South Fork Church die Organisation der
Siebenten-Tags-Baptisten akzeptiert.
Eine andere Gruppe, die sich Church of God at Wilbur [Kirche Gottes
in Wilbur] nannte, war 1859 von dem Ältesten J. W. Niles aus Pennsylvania
organisiert worden. Sie funktionierte noch in den 1930er Jahren und Andrew
Dugger nannte sie in seinem Buch A History of the True Religion [Eine
Geschichte der wahren Religion] „die älteste wahre Kirche Gottes, die jetzt noch
im Staat West Virginia existiert" (Seite 311).
Die Bewegung der Adventisten
In den 1830er Jahren entstand aus den Reihen der
protestantischen Kirchen im Westen New Yorks eine Bewegung, die sich auf die
Rückkehr Jesu Christi zu dieser Erde und auf die Errichtung eines tatsächlichen
Reiches konzentrierte. Diese Botschaft, die zur damaligen Zeit erstmals von
William Miller gepredigt wurde, unterschied sich gänzlich von der akzeptierten
Lehre der Protestanten. Seine Lehren über die Prophezeiungen erweckten großes
Interesse und ihm wurde zunehmende Aufmerksamkeit zuteil, als sich das von ihm
vorhergesagte Jahr für die Rückkehr Christi, 1844, näherte. Doch nach dem, was
„die große Enttäuschung" genannt wurde, machte sich Verwirrung unter diesen
protestantischen Adventisten breit. Von den traditionellen Protestanten
ausgelacht wurden manche so entmutigt, dass sie die Religion gänzlich aufgaben.
Andere suchten weiter in der Schrift, um zu sehen, wo sie sich geirrt hatten.
Frederick Wheeler war ein Prediger der Methodisten in Washington, New
Hampshire, der die Botschaft der Adventisten von Christi zweitem Kommen und der
Errichtung seines Reichs angenommen hatte. Anfang 1844 hatte er einen Besucher
in seiner Gemeinde, Frau Rachel Oakes, Mitglied der Gemeinde der
Siebenten-Tags-Baptisten in Verona, New York, die ihre Tochter besuchte.
Als sie hörte, wie Herr Wheeler seine Gemeinde dazu aufrief, Gott in allen
Dingen zu gehorchen und seine Gebote zu befolgen, konfrontierte Frau Oakes ihn
nach der Versammlung mit der Wahrheit, dass die Einhaltung des Sabbats eine
wichtige Rolle im Gehorsam gegenüber den Geboten spielt. Er war darauf nicht
vorbereitet und versprach, das Thema zu studieren. Innerhalb von ein paar Wochen
war er von der Wahrheit über den Sabbat überzeugt und begann, darüber zu
predigen. Die Wahrheit über den Sabbat verbreitete sich unter den enttäuschten
Adventisten wie ein Lauffeuer. Hunderte anderer reagierten ebenfalls auf die
einfache Wahrheit über das wahre Evangelium und den Gehorsam gegenüber allen
Geboten Gottes.
In diese Gemeinschaft eifriger, den Sabbat haltender Adventisten kam
Roswell Cottrell, ein langjähriger Prediger und Sabbatarier. Seine Familie
gehörte zu den frühesten Mitgliedern der Kirche Gottes in Rhode Island, aber die
Familie zog sich wegen anderer Auffassungen in der Lehre aus der damals so
genannten Kirche der Siebenten-Tags-Baptisten zurück. Es war die Zeit, in der
solche Änderungen wie die Dreieinigkeit und die Unsterblichkeit der Seele als
offizielle Lehren der Siebenten-Tags-Baptisten anerkannt wurden. Etwa 15 Jahre
nach seinem Zusammentreffen mit den sabbatarischen Adventisten fand er sich
erneut in einer Kontroverse wieder. Der Älteste James White, der zum leitenden
Führer unter den sabbatarischen Adventist Churches of God
aufgestiegen war, setzte sich für eine organisatorische Konferenz und den
offiziellen Namen Seventh Day Adventist Church ein. Manche
widersetzten sich der Änderung, die sie als unbiblisch ansahen, und weigerten
sich, den Visionen seiner Frau, Ellen G. White, Glauben zu schenken. Roswell
widersetzte sich ebenfalls den organisatorischen Bestrebungen von James White.
Er schrieb in Review and Herald am 3. Mai 1860: „Ich glaube weder an
Papismus noch an Anarchie; aber an biblische Ordnung, Disziplin und an Regierung
in der Kirche Gottes" (Nickels, Seite 162).
Auf einer Konferenz in Battle Creek, Michigan, im Oktober 1860 verwarfen
die Anwesenden mit großer Mehrheit den Namen „Church of God" und nahmen
den Namen Seventh-Day Adventist als den Namen an, der ihren Glauben
beschrieb. Dieser Name wurde von den Whites durchgesetzt. Frau Whites Visionen
wurden zunehmend als „neue Wahrheiten" für die Kirche verkündet.
In den 1860er Jahren wurde die Trennung zwischen der Mehrheit, die den
Whites nachfolgte, und dem zerstreuten Rest, der es nicht tat, immer deutlicher.
Während des Bürgerkriegs bezogen Mitglieder der Kirche Gottes einen klaren
Standpunkt als Kriegsdienstverweigerer, im Gegensatz zu den
Siebenten-Tags-Adventisten unter der Führung der Whites. Eine Delegation der
Kirche Gottes traf sich 1863 mit Präsident Abraham Lincoln und erwirkte den
Status als Kriegsdienstverweigerer für junge Männer in der Kirche.
Ein Zitat aus einem Rundbrief von Gläubigen in Marion, Iowa, der am 7.
September 1864 in The Hope of Israel [Die Hoffnung Israels]
veröffentlicht wurde, gibt einen Einblick, was damals geschah:
„Am 10. Juni 1860 haben etwa 50 von uns eine Art
Abkommen für die Kirche angenommen, das von [M.E. Cornell] ausgearbeitet
wurde... . Fast eineinhalb Jahre später hielt derselbe Redner öffentlich andere
Bücher neben der Bibel in die Höhe ... und drängte uns, deren Lehren ebenfalls
im Glauben und Gehorsam anzuerkennen. Ein Teil von uns war nicht bereit, diese
neuen Pfeiler im Fundament unserer Kirche anzunehmen... . Das Ergebnis war,
dass sich etwa die Hälfte der Kirche entschied, diese Bücher als
gleichberechtigte heilige Schriften anzuerkennen und sich von uns zurückzog,
oder vielmehr uns aus ihrer Mitte verdrängte, indem sie uns als Rebellen
bezeichnete... . Weil man uns als Rebellen ansieht, verkünden wir hiermit in
aller Deutlichkeit, dass wir keine Rebellen sind. Wir haben nicht gegen die
Verfassung rebelliert, die wir einst angenommen haben, denn wir stehen fest
dazu... . Die Anklage der Rebellion richtet sich also in schändlicher Weise
gegen diejenigen, die sie geäußert haben, weil sie es sind, die sich von ihrer
ersten Position entfernt und eine neue angenommen haben" (Robert Coulter,
The Story of the Church of God Seventh Day [Die Geschichte der Kirche Gottes
des Siebenten Tags], Seite 16).
Im August 1863 ging zum ersten Mal eine kleine
Kirchenzeitung genannt The Hope of Israel [Die Hoffnung Israels] im Staat
Michigan in Druck. Sie begann mit weniger als vierzig Abonnenten. 1866 wurde sie
nach Marion, Iowa, verlegt und 1888 schließlich nach Stanberry, Missouri. Im
Laufe der Jahre gab es viele Veränderungen. Schließlich wurde die Zeitung The
Bible Advocate [Verfechter der Bibel] genannt.
Eine der herausragendsten Persönlichkeiten der Kirche Gottes in dieser Zeit
was Jacob Brinkerhoff. Er war von 1871 bis 1887 und nochmals von 1907 bis 1914
Herausgeber der Zeitung. 1874 kam A. E. Dugger aus Nebraska hauptamtlich in den
Predigerdienst der Kirche Gottes. Von den 1870er Jahren bis zur Zeit vor dem
ersten Weltkrieg trugen die Ältesten Brinkerhoff und Dugger viele Artikel zur
Zeitung bei, in denen sie die Lehren der Kirche klärten und festigten. Artikel
über Prophezeiungen, reines und unreines Fleisch, die Gabe des Zehnten, die
richtige Einhaltung des Passahs und über die Bedeutung des Begriffs
„wiedergeboren" wurden gedruckt.
Schon 1866 schrieb man in Artikeln über Prophezeiungen, dass die Juden in
ein Heimatland in Palästina zurückkehren würden. Es wurden einige Wahrheiten
wieder hergestellt und gelehrt, aber insgesamt waren die Bemühungen der Kirche
schwach und man erreichte nur wenige Menschen, hauptsächlich in den ländlichen
Gebieten des mittleren Westens der USA.
Die Phase der Kirchengeschichte, die wir in diesem Kapitel betrachtet
haben, wird am besten mit Christi Botschaft an die Gemeinde in Sardes
beschrieben, wie sie in Offenbarung 3, 1-6 niedergeschrieben ist. Dieser Kirche
wurde gesagt, dass sie dem Namen nach lebte, in Wirklichkeit aber geistlich tot
sei. „Werde wach und stärke das andere, das sterben will" (Offenbarung 3, 2).
Während die Kirche als Ganzes geistlich träge oder gar tot war, gab es einige
Wenige, von denen Christus sagte, dass sie „ihre Kleider nicht besudelt haben;
die werden mit mir eingehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert" (V. 4).
Kapitel 5: Zersplitterungen, Spaltungen
und ein Neuanfang
Das zwanzigste Jahrhundert war eindeutig die Zeit der
schnellsten Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Das Jahrhundert begann
mit Kutschen als hauptsächlichen Fortbewegungsmitteln. Dennoch erreichten die
Menschen innerhalb von 70 Jahren den Mond! Es gab in diesem Jahrhundert zwei
Weltkriege sowie die Einführung von Massenvernichtungswaffen. Zum ersten Mal in
der Menschheitsgeschichte war es möglich, alles Leben von diesem Planeten
auszulöschen, so wie es Jesus Christus vorhergesagt hatte (Matthäus 24, 22).
Eine andere Prophezeiung, die in einzigartiger Weise diese Endzeit
charakterisiert, ist, dass das wahre Evangelium vom Reich Gottes in aller Welt
zum Zeugnis gepredigt werden wird – und dann wird das Ende kommen (Vers 14).
Das erste Viertel des 20. Jahrhunderts
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kirche Gottes
klein und zerstreut, mit weniger als 1000 Mitgliedern, die hauptsächlich im
mittleren Westen der USA wohnten. Die Generalkonferenz der Kirche Gottes wurde
1900 zu einer gesetzlich registrierten Organisation in Missouri. Im selben Jahr
wurde der Name der Kirchenzeitung geändert und sie hieß nun, wie im letzten
Kapitel erwähnt, The Bible Advocate.
Im Jahre 1903 starb Gilbert Cranmer im Alter von 89 Jahren, ein Prediger
seit den 1850er Jahren und einer derjenigen, die die Kirche nach der Trennung
von den Siebenten-Tags-Adventisten in den 1860er Jahren maßgeblich mit aufgebaut
hatte. Alexander Dugger, der bereits von Anfang an die Führung der
Generalkonferenz innehatte und als Herausgeber von The Bible Advocate
tätig gewesen war, starb ebenfalls. Ein dritter glaubenstreuer Pionier, Jacob
Brinkerhoff, starb 1916. Er war zu verschiedenen Zeiten zwischen 1871 und 1914
Herausgeber des Advocate gewesen. Herr Brinkerhoff war von vielen als
herausragendster Führer der Kirche in seiner Zeit angesehen worden. „Jacob
Brinkerhoff hatte der Kirche Gottes über 40 Jahre gedient... . Anstatt 1874 ein
Haus zu kaufen, benutzte Brinkerhoff das Geld, um Druckmaschinen für den
Advent and Sabbath Advocate [Verfechter der Wiederkunft und des Sabbats] zu
kaufen... . Es scheint, als habe er eigenhändig den völligen Zusammenbruch des
Werkes verhindert" (Richard Nickels, History of the Seventh Day Church of
God, Seite 85).
Andrew N. Dugger, der Sohn von Alexander Dugger, begann 1906 sein
Predigtamt in der Kirche Gottes. Als Jacob Brinkerhoff sich 1914 als Herausgeber
von The Bible Advocate zurückzog, wurde Andrew Dugger Präsident der
Generalkonferenz und Herausgeber. „In seinem Amt als Präsident und Herausgeber
übte Dugger großen Einfluss in der Kirche aus. Unter Duggers Führung erlebte die
Kirche Gottes in der Anfangsphase eine Periode schnellsten und größten
Wachstums" (Coulter, Seiten 41-42). Andrew Dugger behielt die Leitung der Kirche
von Juni 1914 bis 1932.
Das Thema der Organisation und Regierungsform war schon lange Zeit eine
Quelle gegensätzlicher Ansichten in der Kirche Gottes gewesen. Andrew Dugger
erkannte, dass mit dem mageren Einkommen, das dem Hauptquartier in Stanberry,
Missouri, zufloss (weniger als $1000,- im Jahre 1917), kein nennenswertes Werk
vollbracht werden konnte, und er unternahm Schritte, um dies zu ändern. Er ließ
1922 eine Umfrage unter den Mitgliedern durchführen, um herauszufinden, wie viel
Zehnten diese im vergangenen Jahr gezahlt hatten und an wen. Es stellte sich
heraus, dass ein Großteil der Zehnten von den einzelnen Predigern eingesammelt
wurde, und dass ein bestimmter Prediger den „Löwenanteil" einbehielt, obwohl er
wenig tat. Also wurde festgesetzt, dass alle Zehnten an die Konferenzen im
jeweiligen Staat zu zahlen waren, und dass ein Zehnter dieses Zehnten an die
Generalkonferenz weiterzugeben war. 1923 sprang das Einkommen der
Generalkonferenz in Stanberry auf über $18000,-.
Etwa um 1904 kam G. G. Rupert als Prediger zur Kirche Gottes. Herr Rupert
war zuvor als Prediger bei den Siebenten-Tags-Adventisten tätig gewesen und
hatte Gemeinden in Südamerika gegründet. Nach einigen Jahren, in denen sich
unterschiedliche Auffassungen in den Lehren vergrößerten, verließ er 1902 die
Adventisten. Unter anderem hatte Herr Rupert verstanden, dass der Sabbat und
die jährlichen heiligen Tage für die neutestamentliche Kirche bindend sind. 1913
veröffentlichte Jacob Brinkerhoff in The Bible Advocate eine Artikelserie
von G. G. Rupert zum Thema Gesetz Gottes, worin dieser die Meinung vertrat, dass
die heiligen Tage aus 3. Mose 23 für die neutestamentliche Kirche bindend sind.
Obwohl die Kirche in den Vereinigten Staaten seinen Lehren wenig Aufmerksamkeit
schenkte, folgten viele der Gemeinden in Südamerika, die er gegründet hatte,
nicht nur seinem Beispiel, die Adventisten zu verlassen, sondern sie fingen auch
an, die heiligen Tage einzuhalten. Wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen
Herrn Dugger und Herrn Rupert im Bezug auf die Lehre, insbesondere hinsichtlich
der Organisations- und Regierungsform der Kirche, machte Herr Rupert als
„unabhängiger" Prediger der Kirche Gottes weiter und veröffentlichte seine
eigene Zeitschrift, The Remnant of Israel [Die Übrigen von Israel], bis
zu seinem Tod 1922.
Die 1930er und 1940er Jahre – ein Neuanfang
Die späten 20er und frühen 30er Jahre hatten durch
politische Streitigkeiten und unterschiedliche Lehrmeinungen eine beinahe
gelähmte Kirche Gottes zurückgelassen. Die Konferenz der Kirche von 1929 war von
deutlicher Verwirrung und Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet. Kontroverse
Themen waren die Bezeichnung „wiedergeboren," reines und unreines Fleisch, der
Genuss von Tabak, das Datum des Passahs (14. oder 15. Nisan) und das Wirken des
heiligen Geistes (Pentecostalismus). Die Zahl Neubekehrter war verschwindend
gering und das Werk der Kirche kam praktisch zum Erliegen.
Zu diesem Zeitpunkt, im Herbst 1926, verband sich das Leben von Herbert W.
Armstrong mit der Geschichte der Kirche Gottes. Herrn Armstrongs
Predigttätigkeit hatte ohne Zweifel größeren Einfluss auf mehr Menschen als das
Wirken jedes anderen Predigers der Kirche Gottes seit dem ersten Jahrhundert.
Von seiner Frau hinsichtlich des wahren christlichen Sabbattags konfrontiert und
gleichzeitig von seiner Schwägerin mit Fragen über die Evolutionstheorie
herausgefordert, begann Herr Armstrong ein sechs Monate dauerndes, intensives
Bibelstudium. Im Frühling 1927 verstand er, dass vieles von dem, was ihm
beigebracht worden war, als er aufwuchs, nicht der biblischen Wahrheit
entsprach. Er lernte, dass sowohl der Siebenten-Tags-Sabbat, als auch Gottes
jährliche heilige Tage von Christen heute noch eingehalten werden müssen!
Im Anschluss an dieses intensive Bibelstudium fragte sich Herr Armstrong:
„Wo ist die wahre Kirche?" Schließlich versammelte er sich mit Gläubigen der
Kirche Gottes in Willamette Valley, Oregon, weil er glaubte, dass diese mehr
Wahrheiten beibehalten hatten, als jede andere Gruppe.
1928 begann Herr Armstrong, Artikel zur Veröffentlichung in The Bible
Advocate einzureichen. Da es in Oregon zu jener Zeit keinen Pastor gab,
baten die Gläubigen in Eugene ihn öfters, zu der Gemeinde zu sprechen. Im Juni
1931 wurde Herr Armstrong von der Konferenz der Kirche Gottes in Oregon zum
Prediger ordiniert und begann damit ein Predigtamt, das fast 55 Jahre andauerte!
Inzwischen entstanden für die Kirche Gottes als Ganzes Schwierigkeiten. Auf
der Generalkonferenz vom August 1933 verlor Andrew Dugger, der die Kirche die
vergangenen 20 Jahre geleitet hatte, seine Position bei einer Abstimmung mit
einer Stimme zu wenig. Dadurch brach eine Krise an, die die Kirche in zwei
Hälften spaltete. „Auf der einen Seite setzten sich Andrew Dugger und andere für
eine ‚Reorganisation’ der Kirchenverwaltung, für reines Fleisch, keinen
Tabakgenuss und für das Passah am 14. Nisan ein. Auf der anderen Seite führte
Burt F. Marrs eine Gruppe von ‚Unabhängigen’ an, die für den Genuss von
Schweinefleisch und Tabak waren und glaubten, das Passah müsse am 15. Nisan
gefeiert werden. Das Thema, an welchem Tag das Passah gefeiert werden solle,
wurde in dieser Zeit der Spaltung drei Tage lang diskutiert" (Nickels, Seite
151). Andrew Dugger zog sich von der Generalkonferenz der Kirche Gottes in
Stanberry zurück und berief im November 1933 eine Versammlung ein, um die Kirche
in Salem, West Virginia, neu aufzubauen. Eine neue Organisationsstruktur wurde
eingeführt mit „zwölf Aposteln", „siebzig Ältesten" und „Sieben," die für die
Finanzen zuständig waren.
Die Ämter wurden ausgelost, anstatt durch Abstimmung vergeben zu werden.
Herr Armstrong aus Oregon wurde als einer der „Siebzig" ausgewählt. Er und die
meisten der Gläubigen in Oregon verließen die Organisation in Stanberry und
schlossen sich nun der Organisation mit Hauptsitz in Salem an. Obwohl Herr
Armstrong kein Gehalt von Salem bezog, nahm er die von dort angebotene
Anerkennung als Prediger an und reichte monatliche Berichte über seine Tätigkeit
als Prediger ein.
„Die Spaltung der Church of God (Seventh Day) war für die Mitglieder
und die Leitung sehr betrüblich. Viele Mitglieder und mögliche zukünftige
Mitglieder wurden von den häufigen Angriffen der Kirchen gegeneinander
entmutigt. Manchmal änderten Prediger ihre Zugehörigkeit zu einer Organisation
und verwirrten ihre Gemeinde. In anderen Fällen wurden Mitglieder zum Spielball
zwischen zwei Predigern, die um deren Loyalität und Unterstützung buhlten. Der
Mitgliederzuwachs der 1920er Jahre wurde in den 1930er und 1940er Jahren nicht
einmal annähernd erreicht" (Coulter, Seite 55). Tatsächlich sank die
Mitgliederzahl sogar in dieser Zeit.
In der Zeit, in der all dies geschah, wurde das Fundament für ein Werk
Gottes gelegt, das eine nie da gewesene, weltweite Wirkung haben sollte. Anstatt
seine Energie mit politischen Rangeleien innerhalb der Kirche zu vergeuden,
begann Herr Armstrong eine regelmäßige wöchentliche Radiosendung, um der Welt
das Evangelium zu verkünden. Das Programm wurde „Radio Church of God"
genannt und zuerst von dem Sender KORE, einer 100-Watt-Station in Eugene,
Oregon, ausgestrahlt. Das Radioprogramm begann am ersten Sonntag im Januar 1934,
und im Februar begann Herr Armstrong mit der Verbreitung einer mimeografisch
vervielfältigten „Zeitschrift" mit dem Titel The Plain Truth [Die reine
Wahrheit], die an etwa 200 Abonnenten verschickt wurde. Zu dieser Zeit erkannte
er noch nicht, dass Christus ihn gebrauchen würde, um das sechste Zeitalter der
Kirche zu beginnen, versinnbildlicht durch die Kirche in Philadelphia
(Offenbarung 3, 7-13).
Zusätzlich zu den wöchentlichen Radiosendungen führte Herr Armstrong
evangelistische Kampagnen in der näheren Umgebung durch. Obwohl auf Grund dieser
Bemühungen einige Gemeinden gegründet wurden, zerfielen diese meist wieder oder
gingen zu anderen Organisationen, weil es keine glaubenstreuen und engagierten
Pastoren gab, um sie zu betreuen. In dieser Zeit kam Herr Armstrong zunehmend
mit dem Hauptsitz in Salem in Konflikt wegen seiner Lehren über die Identität
Israels und über die jährlichen Sabbate. Obwohl Andrew Dugger in einem privaten
Brief eingestanden hatte, dass Herrn Armstrongs Lehre von den „verlorenen zehn
Stämmen" richtig sei, lehnte Herr Dugger es ab, einen Artikel zu diesem Thema in
The Bible Advocate abzudrucken.
Schließlich spitzte sich das Thema der heiligen Tage 1937 zu. Es folgt ein
Zitat aus dem Sitzungsprotokoll eines Treffens des Rats der zwölf Apostel der
Church of God (Seventh Day) aus Salem, West Virginia, in Detroit, Michigan,
vom 5. bis 10. Mai 1937: „7. Mai, 13:00 Uhr. Lesen des Briefs von dem Ältesten
Armstrong an die Zwölf. Lesen von jedem Artikel des Ältesten Armstrong in
Abschnitten von 20 Minuten über die Tage der Ungesäuerten Brote, das Passah,
Pfingsten, Laubhüttenfest, usw. ... jeweils gefolgt von einer Diskussion der
Ältesten über das Pro und Kontra. Eine Entscheidung wurde gefällt, wie in der
folgenden Erklärung festgehalten: ‚Insofern manche die Gemeinden beunruhigt
haben und lehrten, dass sie das Fest der Ungesäuerten Brote und die jährlichen
Sabbate einhalten sollten ... bestätigen wir die Lehren der Kirche Gottes in
diesem Punkt ... dass wir keinen solchen Brauch befolgen’" (John Kiesz,
History of the Church of God [Geschichte der Kirche Gottes], Seite 180). Aus
den offiziellen Aufzeichnungen, die von Virginia Royer von der Buchführung des
Church of God Publishing House in Salem bereitgestellt wurden, geht hervor:
„Es war 1938, als Herr Armstrong gebeten wurde, seine Anerkennung als Prediger
zurückzugeben, weil er entgegen der Kirchenlehre predigte" (Seite 180).
Obwohl Herr Armstrong nach 1938 keine Anerkennung als Prediger von der
Church of God (Seventh Day) mehr besaß, lehrte und predigte er energischer
als je zuvor. Wie in der Zeitschrift Good News [Gute Nachrichten] vom
April 1939 berichtet, erreichte die wöchentliche Radiosendung bereits 100.000
Zuhörer im pazifischen Nordwesten. Es war das gleiche Jahr, in dem das erste
achttägige Laubhüttenfest in Eugene, Oregon, mit einer Anwesenheit von 42
Personen gefeiert wurde. (Von 1933 bis 1938 hatten Versammlungen nur an den
heiligen Tagen stattgefunden). Neben Herrn Armstrong waren noch andere Älteste
der Kirche Gottes, wie John Kiesz, Gastredner am Laubhüttenfest bis etwa 1945.
Mitte 1942 wurde der Name der Radiosendung von „Radio Church of God"
in „The World Tomorrow" [Die Welt von Morgen] umgeändert, und
versuchsweise wurden für eine Zeit täglich Sendungen im Gebiet von Los Angeles
ausgestrahlt. Im Spätsommer 1942 kamen über 1700 Besucher zu einer
evangelistischen Kampagne, die Herr Armstrong im Biltmore Theater in Los Angeles
abhielt. Das Werk, das Gott durch Herrn Armstrong durchführte, wuchs und brachte
erste Früchte. Im August 1942 wurde The World Tomorrow mit einer
Sonntagssendung über den Sender WHO in Des Moines in den ganzen USA
ausgestrahlt. 1943 kam der Sender WOAI in San Antonio dazu. 1944 erreichte die
Auflage der Plain Truth bereits 35.000 Exemplare.
Während die Wirkung des Werkes, das Gott durch Herrn Armstrong leistete,
stetig wuchs, gab es bei der Church of God (Seventh Day) weitere
Spaltungen und Trennungen mit mehr und mehr unabhängigen Gemeinden und
Predigern. Es gab Versuche zur Einheit, die darauf hinliefen, dass sich
schließlich 1949 die Gruppen in Salem und Stanberry wieder zusammenschlossen.
Doch diese Vereinigung selbst verursachte wiederum weitere Abspaltungen und 20
Jahre später, 1969, hatte die Hauptpublikation dieser Kirche, The Bible
Advocate, nur noch eine Auflage von etwas über 2000 Exemplaren. Die
Church of God (Seventh Day) repräsentierte die letzte Phase dessen, was in
Offenbarung 3 als die Gemeinde in Sardes beschrieben ist. Erinnern wir uns: Sie
wurde als geistlich tot beschrieben, obwohl es einige gab, die in weißen
Kleidern mit Christus einhergehen werden.
Offene Türen und dramatisches Wachstum
1946 begann Gott, die Radio Church of God und das
Werk, das durch Herrn Armstrong getan wurde, für dramatisches Wachstum neu zu
positionieren. Angesichts der Notwendigkeit täglicher Radioübertragungen (für
die Hollywood mit seinen technischen Ausrüstungen bestens geeignet war) und weil
Herr Armstrong die Notwendigkeit für ein College zum Training gebildeter und
glaubenstreuer Prediger erkannte, erwog er den Umzug nach Südkalifornien. Er
fand ein geeignetes Gelände in Pasadena und trat in Verhandlungen zum Kauf ein.
Zu dieser Zeit unternahmen Herr und Frau Armstrong auch eine Reise nach
Europa, um zu ermitteln, ob dort möglicherweise ein europäischer Zweig dieses
Colleges eröffnet werden könnte, um Prediger für ein weltweites Werk
heranzubilden. Keiner konnte Herrn Armstrong nachsagen, dass er in zu kleinen
Maßstäben gedacht hätte! Doch die meisten Menschen hätten seine Idee als völlig
unrealistisch abgetan. Schließlich waren beim Laubhüttenfest 1946 in Belknap
Springs nur 50 Personen anwesend! Es gab noch nicht einmal ein College in
Amerika, das seine Tätigkeit aufgenommen hatte – nur große Träume und ein
heruntergekommenes Gelände mit zwei Gebäuden, die Herr Armstrong zu kaufen
versuchte. Andere in der Kirche Gottes und außerhalb redeten von der Zeit, „wenn
all dies zusammenbricht." Doch Herr Armstrong hatte – weit mehr als alle anderen
Führer in der Kirche Gottes seiner Zeit – die Vision und die Fähigkeit, im
großen Maßstab zu denken. Im Herbst 1947 wurde das Ambassador College mit
vier Studenten und acht Lehrern eröffnet. Erweiterungen und ein europäischer
Zweig des Colleges mussten warten – eine kleine Weile.
1949 unternahmen die Studenten von Ambassador College erstmals eine
Reise durch die ganzen Vereinigten Staaten, um Personen zu besuchen, die sich
taufen lassen wollten. Viele Früchte dieser frühen Taufbesuche spiegelten sich
in einem sprunghaften Anstieg der Besucherzahlen beim Laubhüttenfest wider, von
150 Personen im Jahr 1951 auf 450 Personen im Jahr 1952. Im Dezember 1952
ordinierte Herr Armstrong die ersten Evangelisten dieser Phase in der Kirche
Gottes: Richard Armstrong, Raymond Cole, Herman Hoeh, C.Paul Meredith, und
Roderick C. Meredith. Im Februar 1953 kamen Marion und Raymond McNair hinzu, was
die Zahl auf sieben brachte. Es begann eine Zeit beschleunigten Wachstums und
schneller Entwicklung im Werk.
Als die ersten zwei Klassen von Ambassador College Studenten die
Ausbildung abgeschlossen hatten, wurde eine weiterführende Schule für Theologie
aufgebaut. Herr Armstrong benutzte diese weiterführende Schule für Theologie, um
auf einige Themen genauer eingehen zu können – insbesondere auf die Wesensart
Gottes und die Bestimmung des menschlichen Lebens.
Die Kirche Gottes war in ihrer gesamten Geschichte gegen die
Dreieinigkeitslehre und hat nie die Formulierungen der frühen katholischen
Kirchenräte als Glaubensrichtlinien für Christen anerkannt. Doch in der Neuzeit
haben Herr Armstrong und andere Prediger erst im Frühjahr 1953 ein klares
Verständnis für die biblischen Lehren entwickeln können, dass Gott eine Familie
ist, in die bekehrte Menschen bei der Auferstehung hineingeboren werden.
Zunächst versuchten sie, dieses Verständnis anhand der Bibel zu widerlegen.
Stattdessen fanden sie aber überall in Gottes Wort diese bedeutsame Wahrheit
bestätigt. Obwohl dieses Verständnis schon in vielen früheren Lehren klar
enthalten war, fanden Herr Armstrong und andere es schwierig, diese einfache –
und doch tiefgründige und atemberaubende – Wahrheit zu akzeptieren. Diese
zentrale Lehre der Bibel – dass wir in die Familie Gottes hineingeboren werden
können – ist vielleicht die größte einzelne Wahrheit, die Gott durch Herrn
Armstrong wieder der Kirche Gottes offenbart hat.
Die Verkündigung des Evangeliums machte 1953 zwei große Schritte vorwärts.
Das Jahr begann damit, dass sich dem Werk eine der bedeutsamsten Türen in der
Geschichte öffnete. Am 1. Januar begann Radio Luxemburg – zu der Zeit die
stärkste Radiostation der Welt – mit der Ausstrahlung des Programms The World
Tomorrow [Die Welt von Morgen] in Europa. Außerdem erhielt Herr Armstrong
Zeit für eine tägliche Radiosendung über das gesamte ABC Radio Network in
den USA.
Im Februar 1953 eröffnete Richard Armstrong (Herrn Armstrongs ältester
Sohn, der 1958 bei einem Autounfall ums Leben kam) ein Postbüro in London. 1954
führte Herr Armstrong, begleitet von seiner Frau Loma, von Richard Armstrong und
von Roderick C. Meredith, evangelistische Kampagnen in Großbritannien durch.
1956-57 kam Herr Meredith zurück, um weitere Kampagnen durchzuführen. Wieder in
den USA wurde er 1958 zum stellvertretenden Vizepräsidenten der Kirche ernannt.
Die Zeitschrift Plain Truth [Die reine Wahrheit] vom Juni 1960
enthielt in der Anlage eine besondere Bekanntmachung von Herrn Armstrong an die
Leser in Großbritannien, in der eine Serie von Veranstaltungen in Großbritannien
unter Herrn Merediths Leitung angekündigt wurde. Herr Armstrong schrieb: „Herr
Meredith ist in alles eingeweiht, äußerst aufrichtig... . Er wird Ihnen Dinge
sagen, die Sie aus keiner anderen Quelle erfahren können... . Sie werden
schockiert sein, überrascht – Sie werden an einem Abend dieser Veranstaltungen
mehr von der Wahrheit erfahren, als die meisten Menschen durch das Predigen in
der heutigen Zeit in vielen Jahren lernen!" (Fletcher, Seite 256). Im Oktober
1960 wurde das zweite College in Bricket Wood, England, eröffnet und ein drittes
College kam 1964 in Big Sandy, Texas, hinzu.
In dem Maße, wie die Zahl verfügbarer Prediger stieg, um Taufanwärter zu
besuchen und Gemeinden zu betreuen, stieg auch die Ernte, die das Werk
einbrachte. Die Besucherzahlen beim Laubhüttenfest sprangen von 750 im Jahre
1953 auf über 2000 im Jahre 1957. 1961 waren es bereits fast 10.000 und 1967
über 40.000 Personen. Die Auflage der Plain Truth überstieg 1964 die
Grenze von einer halben Million und erreichte 1967 eine volle Million. Ende der
60er Jahre wurde die Radiosendung The World Tomorrow täglich ausgestrahlt
und von vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehört. Im Hinblick auf
die weltweite Explosion des Interesses an Gottes Wort wurde 1967 der gesetzlich
eingetragene Name der Organisation von „Radio Church of God" in „Worldwide
Church of God" umgeändert.
In dieser Hochphase der 60er Jahre diente Garner Ted Armstrong (der jüngere
Sohn von Herrn Armstrong) als Hauptsprecher von The World Tomorrow und
als Vizepräsident der Kirche. Dr. Roderick C. Meredith (der im Januar 1966 den
Doktortitel für Theologie von der Ambassador College Graduate School of
Theology erhalten hatte), wurde zum Direktor über die Pastoren in den USA
ernannt.
1967 starb Frau Loma Armstrong im Alter von 75 Jahren. Ende der 60er Jahre
zeichneten sich bereits künftige Probleme für das Werk ab.
Im Januar 1972 wurde die Kirche durch die Entbindung Garner Ted Armstrongs
von seinen Pflichten erschüttert. Vier Monate später wurde er wieder eingesetzt.
In den 70er Jahren erlebte die Kirche wie Amerika als Ganzes das Aufkommen eines
zunehmend liberalen, freizügigen Denkens. Einige Pastoren und Mitglieder
verließen 1974 die Kirche. Zunehmende Verwirrung hinsichtlich der Lehren der
Kirche in Verbindung mit Gerüchten von Skandalen griffen das Werk an. Nach
seiner Erholung von einem massiven Herzinfarkt 1977 entband Herr Armstrong im
Frühjahr 1978 endgültig seinen Sohn von seinen Pflichten und schloss ihn im Juni
aus der Kirche aus.
Im Januar 1979 wurde die Kirche zeitweise von Übernahmebestrebungen durch
den Staat Kalifornien erschüttert. Herr Armstrong setzte von Tucson, Arizona aus
(wo er sich von seinem Herzanfall erholte) Dr. Meredith noch einmal in seiner
früheren Funktion als Direktor über die Pastoren in den USA ein, um damit in
diesen unruhigen Zeiten Stabilität in die Kirche und die Predigerschaft zu
bringen. Gleichzeitig bemühte sich Herr Armstrong, „die Kirche wieder aufs
richtige Gleis zu bringen" hinsichtlich der Lehren und angesichts des liberalen,
verwässernden Einflusses, der sich in den 70er Jahren ausgebreitet hatte. Als
Herr Armstrong 1986 starb, hatte die Plain Truth eine Auflagenstärke von
8 Millionen Exemplaren und erschien in sieben Sprachen. Die Besucherzahlen beim
Laubhüttenfest erreichten weltweit 150.000 Personen.
Als Joseph Tkach das Ruder der Worldwide Church of God [Weltweiten
Kirche Gottes] im Januar 1986 nach dem Tod von Herrn Armstrong übernahm, war die
Kirche eine scheinbar geeinte Organisation. Man schien sich auf das Werk Gottes
zu konzentrieren, das zu tun war und man schien der Wahrheit verpflichtet zu
sein. Unter der Oberfläche gab es jedoch Probleme. Diese wurden immer
offensichtlicher, zunächst nur schwach, dann immer deutlicher.
Die letzte Phase der Kirchengeschichte
In Offenbarung 3 lesen wir von den zwei letzten Phasen
in der Geschichte der Kirche Gottes. Die Gemeinde in Philadelphia wird durch
ihren Eifer für das Werk charakterisiert. Gott verhieß ihnen eine „offene Tür,"
um das Evangelium zu predigen (Vers 8), und Schutz vor der kommenden großen
Bedrängnis (Vers 10). Doch es wird noch eine letzte, siebte Phase der Kirche
beschrieben, die Gemeinde in Laodizea. Diese wird durch ihre geistliche
Gleichgültigkeit und Trägheit charakterisiert (Verse 15-17). Obwohl Herr
Armstrong die Kirche in den letzten sieben Jahren seines Lebens „zurück auf das
richtige Gleis" gebracht hatte, wurde es ab den frühen 70er Jahren immer
offenkundiger, dass zwei verschiedene „Geister" oder Einstellungen in einer
Organisation nebeneinander existierten.
Etwa ein Jahr nach Herrn Armstrongs Tod setzte ein schrittweiser Trend
zurück zu dem freizügigen, liberalen Denken der 70er Jahre ein. Doch schon nach
wenigen Jahren gingen die Änderungen weit über die in den 70er Jahren hinaus und
führten zu einem völligen Abweichen von der Wahrheit – sogar bis zu dem
Punkt, wo die Dreieinigkeit gelehrt und erklärt wurde, es sei unnötig, das
Gesetz Gottes (einschließlich des Sabbats, der heiligen Tage, des Zehnten und
unreinen Fleisches) zu befolgen. Im Dezember 1992, 40 Jahre nach seiner
Ordinierung, wurde Dr. Meredith gezwungen, die Worldwide Church of God zu
verlassen, weil er es abgelehnt hatte, mit den nun vorherrschenden Kräften des
Irrglaubens einen Kompromiss einzugehen. Zusammen mit treuen Gläubigen und
Pastoren handelte Dr. Meredith schnell, um das Werk Gottes nun unter dem Namen „Global
Church of God" wieder mit Leben zu erfüllen. Innerhalb von sechs Wochen
begann die Kirche mit der Ausstrahlung eines wöchentlichen Radioprogramms. Im
Mai 1995 folgte eine wöchentliche Fernsehsendung.
Im Januar 1995 ließ die Führung der Worldwide Church of God alle
bisherigen Behauptungen der Kontinuität mit historischen Lehren der Kirche
Gottes fallen und nahm offen die protestantische Theologie an. Dies hatte
praktisch den Zerfall der Organisation zur Folge und führte dazu, dass Tausende
von Gläubigen und Dutzende von Pastoren auf der ganzen Welt die Organisation
verließen. Leider entstanden aus der Zeit des Zerfalls 1995 viele miteinander im
Wettstreit liegende Organisationen, die sich im Laufe der Zeit immer weiter
aufspalteten und zersplitterten, und eine Vielzahl unabhängiger Prediger. Im
November 1998 gab es sogar einen Versuch mehrerer Vorstandsmitglieder der
Global Church of God, eine „feindliche Übernahme" der Organisation zu
inszenieren. Vorstandsmitglieder grenzten Dr. Meredith gegen den Willen der
Mehrheit des Ältestenrates der Kirche aus. Sie mussten aber bald einsehen, dass
die große Mehrheit der Mitglieder und Pastoren der Global Church of God
weiterhin den ausgegrenzten Vorstandsvorsitzenden und die Mitglieder, die
daraufhin den Ältestenrat verließen, unterstützte. Dr. Meredith setzte
unverzüglich das Werk mit einer neu gegründeten Organisation, der Living
Church of God, fort und wurde dabei von Tausenden der Wahrheit treu
gebliebenen Gläubigen und Pastoren unterstützt. Nach weniger als zwei Monaten
war die Kirche wieder zurück auf den Fernsehkanälen – auf denselben Stationen
und zu denselben Sendezeiten, die von den Mitgliedern des früheren Vorstands
gekündigt wurden!
Vierzig Wochen nach der offiziellen Gründung der Living Church of God
meldete die Organisation Global Church of God Konkurs an. Seitdem haben
sich die Splittergruppen, die sich aus der bankrott gegangenen Organisation
ergeben haben, weiter aufgelöst und verstreut. Die zehn Männer, die im Dezember
1998 nach der Ausgrenzung von Dr. Meredith in einem neu zusammengestellten
Ältestenrat der Global Church of God zusammensaßen, sind zum Zeitpunkt
der Erstellung dieser Broschüre unter sieben verschiedenen Organisationen der
Kirche Gottes verstreut. Dagegen sind alle ehemaligen Mitglieder des
Ältestenrates, die die Global Church of God verlassen und Dr. Meredith
unterstützt haben, weiterhin zusammen in der Living Church of God.
Die Living Church of God konzentriert sich nach wie vor darauf, das
Werk Gottes zu tun – die Welt mit der Botschaft des wahren Evangeliums Jesu
Christi zu erreichen. Diese Broschüre wurde möglich durch den Geist der Einheit
und des Teamworks, der es der Living Church of God erlaubt, an dem
gemeinsamen Ideal des Eifers der Philadelphiagemeinde festzuhalten und den Geist
des Eigensinns und des „Ausruhens auf seinen Lorbeeren" abzuweisen, von dem so
viele Mitglieder des Zeitalters von Laodizea in der Kirche Gottes befallen sind.
Die Living Church of God ist entschlossen, nach jedem Wort Gottes zu
leben – einschließlich des „großen Auftrags" Jesu Christi, „gehet hin in alle
Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur" (Markus 16, 15).
Wie schon so oft in der Vergangenheit steht Gottes Volk heute an einem
Scheideweg. Satan hat Verwirrung und Entmutigung verbreitet. Deshalb wurden die
Gefühle vieler Gläubigen verletzt und sie sind zornig, oder sie haben sich durch
die Sorgen des Alltags überwältigen lassen. Andere wurden durch falsche Lehrer
verführt und sind Irrlehren nachgefolgt. Wieder andere sind so träge und lauwarm
geworden, dass sie die Vision verloren haben und nur noch bestrebt sind, ihre
örtliche Gemeinde aufrecht zu erhalten und sich nicht mehr darum kümmern, ein
Werk der Verkündigung zu tun. Somit wurde Christi Warnung an die Kirche in
Matthäus 24, 10-13 erfüllt.
Doch das Evangelium wird in dieser Endzeit in aller Welt verkündet
werden (Matthäus 24, 14) und es gibt eine wachsende Gemeinde von Gläubigen, die
einen Eifer für die volle Wahrheit hat und eifrig bemüht ist, Gottes Werk zu
vollenden. Genauso, wie das Volk Gottes seit dem ersten Jahrhundert, so muss
sein Volk auch heute „für den Glauben [kämpfen], der ein für alle Mal den
Heiligen überliefert ist" (Judas 3). Gott sagt klar: „Der Herr wird sein Wort,
indem er vollendet und scheidet, ausrichten auf Erden" (Römer 9, 28). Wen wird
er dazu gebrauchen? Nach Daniel 11, 32 sind es „die vom Volk, die ihren Gott
kennen, [die] werden sich ermannen und danach handeln."
Wo ist die Kirche, die Jesus gegründet hat? Sie ist nicht
ausgestorben! Sie ist den Pforten der Hölle entronnen und besteht auf wundersame
Weise noch immer. Die Living Church of God ist in der heutigen Zeit
dabei, das Werk Gottes zu tun und einer Welt, die sich auf ihre Vernichtung
zubewegt, das wahre Evangelium zu verkünden.
Werden Sie einer derjenigen Menschen sein, die Gott gebraucht, um sein
endzeitliches Werk zu vollenden? Haben Sie den wahren Geist von Philadelphia, um
aus echter Liebe und Fürsorge der Welt die Hand zu reichen und mit ihr die
Botschaft Gottes von Wahrheit und Hoffnung zu teilen? Halten Sie es für wichtig,
dass das Haus Israel vor der bevorstehenden Zeit der Bedrängnis für Jakob
gewarnt wird? Ist Ihnen Gottes Werk wichtiger als ein komfortables Leben für Sie
persönlich?
Wir in der Living Church of God glauben, dass wir das Zeitalter von
Philadelphia fortsetzen, das Christus durch Herrn Armstrong vor vielen Jahren
begann. Ein Bewusstsein der Dringlichkeit motiviert uns in der heutigen Zeit
direkt vor der großen Bedrängnis besonders. Wir glauben aufrichtig, was Jesus
Christus lehrte – dass wir die Werke des Vaters tun müssen, solange es Tag ist,
denn es kommt die Nacht, wo niemand arbeiten kann (vgl. Johannes 9, 4)!
Werden Sie die Worte Christi beachten?