Vor über 500 Jahren hat die Protestantische Reformation die religiöse Welt völlig auf den Kopf gestellt.  Doch war dies eine Rückkehr zum „ein für allemal“ überlieferten Glauben?  Oder war es etwas völlig Anderes?  Sie sollten die Wahrheit kennen!

 

Inhalt

 Kapitel 1    Die Wahrheit über die Protestantische Reformation

 Kapitel 2    Die Zeit ist reif für eine Revolution

 Kapitel 3    Der Bruch mit Rom

 Kapitel 4    Die Reformation wächst

 Kapitel 5    Martin Luther ist entfesselt

 Kapitel 6    Die Geburt des Calvinismus

 Kapitel 7    England rebelliert gegen Rom!

 Kapitel 8    Die schockierende Gewalt der Reformatoren

 Kapitel 9    Die wahre Bedeutung der Reformation

 

 

 

Kapitel 1


Die Wahrheit über die Protestantische Reformation

 

Die protestantische Bewegung steht heute vor Gericht.  Die Protestantische Reformation hat ein wahres Babylon von Hunderten verschiedener Denominationen hervorgebracht.  Sie unterscheiden sich im Glauben und praktizieren das ganze Spektrum von fundamentalistischen Quäkern bis zu modernen Kongregationalisten, von ursprünglichen Methodisten bis zur Christlichen Wissenschaft, von konservativen Lutheranern bis zu Mormonen, Siebenten-Tags-Adventisten und Zeugen Jehovas – mit Hunderten von Schattierungen dazwischen.

Was ist die wahre Grundlage der protestantischen Kirchen in der heutigen Welt?  Warum haben sich ihre frühen Führer gegen die Autorität der Römisch-Katholischen Kirche erhoben?  Inwiefern sind sie für die heutige „gespaltene Christenheit“ verantwortlich?

Konnten die protestantischen Reformer ihre erklärten Ziele erreichen?  Und noch wichtiger: Ist es ihnen gelungen, den Glauben und die Lehren Jesu und der inspirierten neutestamentlichen Kirche wiederherzustellen?  Denn die eigentliche Frage ist, ob es den protestantischen Reformern und ihren Nachfolgern gelungen ist, zu dem Glauben zurückzukehren, „der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist“ (Judas 3).

Diese Fragen sind entscheidend.  Viele von uns sind seit ihrer Kindheit in einer der vielen Konfessionen oder Freikirchen aufgewachsen, die aus der protestantischen Reformation entstanden sind.  Wir nahmen an – wie jedes Kind –, dass das, was uns gelehrt wurde, vollkommen wahr ist.

Natürlich wurden uns allen aber unterschiedliche Dinge beigebracht!

In der Bibel heißt es: „Prüft aber alles und das Gute behaltet“ (1. Thessalonicher 5, 21).  Der Zweck dieses Werks ist also eine objektive Untersuchung der tatsächlichen Faktoren der Protestantischen Reformation.  Wir werden versuchen, herauszufinden, warum die frühen Reformer gegen das römisch-katholische System rebellierten, und warum die verschiedenen protestantischen Gemeinschaften so Gestalt annahmen wie sie es taten.  Mit den unparteiischen Fakten der Geschichte werden wir im Wesentlichen die Lehren, Methoden und Taten der protestantischen Reformer mit der Bibel vergleichen, der sie nach eigenem Bekenntnis folgen wollten.

 

Die Grundlage der Beurteilung

Im Bewusstsein des gegenwärtigen Trends zur Moderne und zur Ablehnung der Bibel als inspirierter Autorität wollen wir zunächst klarstellen, dass dieses Werk vom Standpunkt eines fundamentalistischen, buchstäblichen Verständnisses der Bibel aus geschrieben ist.  Diese inspirierte Offenbarung von Gott liefert uns das Kriterium für die Wahrheit.

Für jene Leser, die vielleicht Modernisten sind, oder Anhänger der „höherer Textkritik“, stellen wir die Frage: Haben Sie wirklich bewiesen, ob die Bibel übernatürlich inspiriert ist, oder nicht?  Ein guter Weg, dies zu widerlegen, wäre nämlich, schlüssige Beweise dafür zu liefern, dass die vielen Prophezeiungen, welche spezifische Urteile über die großen Städte und Nationen der antiken Welt aussprechen, nicht eingetreten sind.  Nachteil dieses Standpunkts ist, dass bisher niemand dazu in der Lage war.

Ein anderer Ansatz wäre, Gott bei seinem Wort zu nehmen, sich zu fügen, seinem Willen zu gehorchen, und dann im echten Glauben und im ernsthaften, gläubigen Gebet eine der vielen spezifischen Verheißungen in der Bibel in Anspruch zu nehmen und zu sehen, ob ein wundertätiger Gott zu seinem Wort steht, oder nicht.

Natürlich tut der Modernist so etwas nicht.  Er hat nicht bewiesen, dass die Bibel nicht inspiriert ist.  Es täte also gut, sich daran zu erinnern, dass es intellektuelle Heuchelei ist, etwas zu verspotten und lächerlich zu machen, wenn es keinen Beweis für das Gegenteil gibt.

Deshalb werden wir die Heilige Schrift als übergeordneten, geistlichen „Maßstab“ verwenden, an dem wir die Protestantische Reformation messen werden.

Und wir werden auch die Aussagen der Reformer selbst zitieren hinsichtlich dessen, was sie vorhatten.  Wir werden die historischen Aufzeichnungen untersuchen, um zu sehen, was sie tatsächlich getan haben.  Dann werden wir Aussagen ihrer protestantischen Nachfahren in Betracht ziehen und Ihnen helfen, ein Urteil über die endgültigen Ergebnisse der Reformation zu fällen.

 

Die Ziele der Protestanten

Wir werden die bekannte Aussage des protestantischen Theologen William Chillingworth untersuchen: „Die Bibel, die ganze Bibel und nichts als die Bibel ist die Religion der Protestanten“ (Schaff-Herzog 3: 29).  In ihrer beständigen Bejahung der Bibel als „die inspirierte Richtschnur des Glaubens und der Praxis“ (Schaff 1: 257) haben sich die protestantischen Führer verpflichtet, der Religion Jesu Christi und seiner Apostel in jeder Hinsicht zu folgen.

Die Lutheraner erklären in ihrem Torgauer Artikel von 1576, dass „der einzige Maßstab, nach dem alle Dogmen und alle Lehrer eingeschätzt und beurteilt werden müssen, nichts anderes ist, als die prophetischen und apostolischen Schriften des Alten und Neuen Testaments“ (Lindsay 467).

Der durchschnittliche Protestant von heute nimmt diese Aussagen normalerweise für bare Münze und geht davon aus, dass sie der Wahrheit zumindest sehr nahekommen müssen.  Wir stellen allerdings die Frage: Traf dies im Verlauf der Protestantischen Reformation tatsächlich zu? Trifft es heute zu?

Es ist gut, sich auch daran zu erinnern, dass Johannes Knox in seinen Schriften und Lehren zusammen mit anderen führenden Reformern anerkannt hat, „dass jegliche Anbetung, Verehrung oder Gottesdienst, die durch das Gehirn des Menschen in der Religion Gottes ohne dessen ausdrückliches Gebot erfunden wurde, Götzendienst ist“.  Dann fügt er seiner Aussage Kraft und Klarheit hinzu, indem er sagte: „Es ist keine Entschuldigung, zu sagen, wir vertrauen nicht auf Götzen, denn solches wird jeder Götzendiener behaupten; aber wenn entweder du oder sie zur Ehre Gottes etwas tun, was dem Wort Gottes widerspricht, dann zeigst du dir selbst, dass du auf etwas anderes als Gott vertraust, und ebenso tun es Götzendiener.  Beachtet, Geschwister, dass viele einen Götzen aus ihrer eigenen Weisheit oder Phantasie machen; mehr auf das vertrauen, was sie für gut halten, und nicht auf Gott“ (Hastie 50).

Knox' Warnung vor falschem „Gottesdienst, der vom menschlichen Gehirn erfunden wurde“, ist sicherlich eine Parallele zu Jesu Verurteilung der „Menschengebote“ (Markus 7, 7-8).  Es ist sehr wichtig, dass wir diesen Grundsatz verstehen, bevor wir versuchen, die wahre Bedeutung der Protestantischen Reformation zu verstehen, denn, wie Salomo weise schrieb: „Manchem scheint ein Weg recht; aber zuletzt bringt er ihn zum Tode“ (Sprüche 14, 12).

Wir dürfen die Reformation nicht im Licht von menschlichen Ideen und dem betrachten, was Menschen vernünftig erscheint, sondern nur im Licht der Worte Christi: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Matthäus 4, 4).  Wir müssen auch die Warnung Jesu gegen die menschliche Tradition und die Tatsache berücksichtigen, dass die Reformer dieses Prinzip verstanden haben und behaupteten, einen Kurs zu verfolgen, der „allein auf der Bibel“ beruhte.

 

Wurde Gottes wahre Kirche „reformiert”?

Obwohl dies ein Thema ist, über das viele Protestanten nicht sprechen wollen, müssen wir, um die Bedeutung der Reformation richtig zu erfassen, eine weitere, sehr wichtige Überlegung berücksichtigen.  Und diese ist: War die protestantische Bewegung eine Reformation von Gottes wahrer Kirche, die auf Abwege geraten ist?  Ist also die Römisch-Katholische Kirche in Wahrheit der fehlgeleitete Abkömmling der Kirche, von der Jesus Christus sagte, dass er sie erbauen würde?

Wenn nicht, war dann die protestantische Bewegung lediglich eine Anstrengung von Männern, sich aus einem falschen und harten System zu befreien, von dem sie zugeben, dass es in vielen seiner Überzeugungen und Praktiken heidnisch und teuflisch ist?  Und wenn dies der Fall war, wo war dann Gottes wahre Kirche in all den Jahrhunderten zwischen den ursprünglichen Aposteln und den protestantischen Reformern?

Jesus Christus sagte: „…auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Matthäus 16, 18).  Am Ende seines irdischen Wirkens gebot er seinen Aposteln: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28, 19-20).

War zu Beginn der Reformation die Kirche Jesu erbaut, jene Kirche, der er versprochen hatte: „ich bin bei euch alle Tage“?  Wenn es die Römisch-Katholische Kirche war, dann protestierten die Protestanten schlicht – wie katholische Historiker behaupten – gegen die Kirche Gottes auf der Erde.

Wenn dies der Fall ist, dann hätten sie, so sehr sie sich auch bemüht haben mögen, die Verhältnisse in der wahren Kirche zu verbessern, sich an die Worte Christi erinnern müssen, welche sich gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer richteten – die perversen, jedoch rechtmäßig eingesetzten religiösen Führer seiner Tage: „Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln...“ (Matthäus 23, 3).

Aber wenn die Kirche Roms nicht die Kirche ist, die Jesus erbaute, warum suchten dann die Reformer nicht nach jener Kirche und verbanden sich mit ihr, die niemals am Heidentum Roms teilhatte oder mit ihrer falschen Lehre und ihrem Einfluss verschmutzt war, der Kirche, der Jesus versprach, ihr bis zum Ende des Zeitalters beizustehen, der Kirche, deren lebendiges Haupt er ist (Epheser 1, 22)?

Warum sollte man viele neue Kirchen gründen, wenn diese eine wahre Kirche noch existiert?

Oder war es nur notwendig, den Glauben und die Moral derjenigen Personen zu reinigen, die bereit wären, aus einem korrumpierten römischen System herauszukommen?

Diese Fragen verlangen eine Antwort!  Wie wir später sehen werden, versuchen viele protestantische Führer – in dem Wissen und Glauben, dass Rom ihre wahre Quelle ist –, ihren eigenen Anspruch zu rechtfertigen, der wahre Leib Christi auf Erden zu sein.  Diese Annahme bedarf einer sorgfältigen Prüfung.

Ist die „Mutterkirche“ in Rom die einzige historische Grundlage für den Anspruch der Protestanten, von Christus und seinen Aposteln abzustammen?  Wir werden sehen.

 

Das heutige „Christentum”

Wir müssen jede religiöse Konfession oder Bewegung auf der Waage von Christi prophetischem Wort wiegen: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?  So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte“ (Matthäus 7, 16-17).

Der ehrliche Historiker wird gezwungen sein, anzuerkennen, dass die Reformation ein wachsendes Interesse an der Bibel und eine Kenntnis der Bibel durch den einfachen Mann mit sich brachte.  Auch das Wiedererstarken des Lernens und der Künste, was durch die Renaissance inspiriert wurde, verbreitete sich sehr bereitwillig in der ganzen Bevölkerung jener Nationen, die den Protestantismus akzeptierten.  Zugegeben, die protestantischen Länder haben ein weit höheres Bildungsniveau als die katholischen Nationen.  Und in gleicher Weise genießen sie materiell gesehen einen viel höheren Lebensstandard.

Wie aber, wenn man nochmal zur eigentlichen Wurzel des Problems zurückkehrt, stehen die geistlichen Maßstäbe der modernen Protestanten im Vergleich mit denen der inspirierten neutestamentlichen Kirche da?

Ist eine echte Rückkehr zum ursprünglichen Christentum der Apostel eingetreten?  Oder liegt in der Zukunft notwendigerweise noch ein weiterer gewaltiger, religiöser Umsturz zur „Reinigung und Läuterung“ vor uns?

Im Gespräch mit seinen Jüngern über die Pharisäer, die religiösen Führern seiner Zeit, sagte Christus: „Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen“ (Matthäus 15, 13).  Sind die „Früchte“, die Ergebnisse der Protestantischen Reformation geeignet, uns zu zeigen, dass diese Bewegung von Gott gepflanzt und zu seiner Ehre gebraucht wurde?

Der Zweck dieses Buchs besteht darin, die vielen Fragen zu beantworten, die hier aufgeworfen werden und diesen auf den Grund zu gehen.

Erinnern wir uns zu Beginn noch einmal daran, dass die Protestantische Reformation von jedem ehrlichen Christen im Licht der klaren Lehren und Beispiele Christi und der Apostel betrachtet werden muss – „die Bibel, die ganze Bibel und nichts als die Bibel“, wie die protestantische Führer selbst für sich beanspruchten, dass es ihre „einzige Richtschnur des Glaubens und der Praxis“ sei.

Wenn der protestantische Glaube wahr ist, dann können wir beweisen, dass es so ist.  Aber wir dürfen nicht ohne Beweis einfach annehmen, dass die Lehren, der Glaube und die Praktiken des modernen Protestantismus die von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, gegründete Religion darstellen.

Vor allen anderen Dingen, müssen wir in dieser Angelegenheit Klarheit haben.  Wir müssen sicher sein.  Wir dürfen keine Angst haben, Christus und sein Wort mit dem zu vergleichen, was in unserer Zeit als seine Kirche gelten will.

Das ist eine faire Herausforderung.

 

Das Christentum nach dem Tod der Apostel

Alle Gelehrten stimmen darin überein, dass die protestantischen Reformer mit der historischen Katholischen Kirche gebrochen haben.  Sehr wenige Laien kennen jedoch die Geschichte der Entartung und der völligen Verderbtheit, in die diese Körperschaft gesunken war, bevor der Ruf nach einer Reform ertönte.  Eine Kenntnis dieser Tatsache und ein Verständnis des historischen Hintergrunds der Protestantischen Reformation ist für ihr richtiges Verständnis absolut notwendig.

Es ist weithin anerkannt, dass die sichtbare Kirche im frühen Römischen Reich viele Überzeugungen und Praktiken Christi und der Apostel völlig verändert hatte.  Wir müssen das Wesen dieser Veränderungen verstehen, um die spätere Reformation richtig zu bewerten. Und während wir die Aufzeichnungen über das römische System betrachten, sollten wir uns fragen: „Ist das die Geschichte von Gottes wahrer Kirche, die auf Abwege geraten ist?“

 

Früher Glaubensabfall

Eine geheimnisvolle Veränderung transformierte das Leben, die Lehre und den Gottesdienst der sichtbaren Kirche innerhalb von fünfzig Jahren nach dem Tod der ursprünglichen Apostel.  Jesse Lyman Hurlbut beobachtete: „Für fünfzig Jahre nach dem Leben des Paulus liegt ein Schleier über der Kirche, durch den hindurchzublicken für uns unmöglich erscheint;  und als er sich schließlich lüftet, etwa 120 n.Chr. mit den Schriften der frühesten Kirchenväter, finden wir eine Kirche vor, die sich in vielen Aspekten von derjenigen aus den Tagen von Paulus und Petrus unterscheidet (Hurlbut, The Story of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 41).

Diese ungewöhnliche Transformation erinnert an die unheilvollen Worte von Paulus: „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren“ (2. Timotheus 4, 3-4).  Petrus hatte in seinem zweiten Brief eine ähnliche Warnung ausgesprochen: „Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie losgekauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben.  Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden“ (2. Petrus 2, 1-2).

In der Tat waren zur Zeit des letzten Briefes des Apostels Johannes um 90 n. Chr. Verdrehungen des wahren Glaubens bereits weit verbreitet, und falsche Lehrer gelangten innerhalb der sichtbaren Kirchengemeinden zu Einfluss.  Johannes sagte, dass ein Diotrephes bereits diejenigen exkommunizierte, die an der Wahrheit festhielten: „…und begnügt sich nicht einmal damit: Er selbst weist die Brüder ab und hindert auch die, die sie aufnehmen wollen, und stößt sie aus der Gemeinde“ (3. Johannes 9-10).

Edward Gibbon beschreibt diesen Teil der Kirchengeschichte aus der distanzierten Sichtweise des säkularen Historikers: „Dem Historiker wird eine traurig stimmende Pflicht auferlegt. Er muss die unvermeidliche Mischung aus Irrtum und Verderbnis entdecken, die sie sich in einem langen Aufenthalt auf Erden unter einer schwachen und entarteten Rasse von Wesen zugezogen hat“ (Gibbon 1: 380).

Die sichtbaren christlichen Versammlungen, die von falschen Lehrern mit weltlichen Ambitionen untergraben worden waren, begannen, die Praktiken und Gebräuche der alten Heiden anstelle des inspirierten Glaubens und der inspirierten Praxis der apostolischen Kirche zu übernehmen. „Das Christentum begann bereits, das Gewand des Heidentums zu tragen“ (Wharey, Seite 39).

Zeremonien und Rituale begannen, die Verehrung Gottes vom Herzen zu ersetzen, bis schließlich die ganze Religion aus wenig anderem bestand (Wharey, Seite 40). Dies galt natürlich nur für die sichtbare Kirche als Ganzes.

 

Einige setzten die apostolische Praxis fort

Trotz des Abfalls der Mehrheit gibt es eine Fülle von historischen Beweisen, die darauf hindeuten, dass eine Reihe christlicher Gemeinschaften – von denen manche einen Großteil der Wahrheit bewahrten, andere nur sehr wenig – bis zur Zeit der Reformation weiterhin den grundlegenden Lehren und Praktiken der ursprünglichen Kirche folgten. Gibbon spricht von dem Leidenskampf der hauptsächlichen Nachahmer der apostolischen Kirche, den „Nazarenern“, die „die Grundlagen der Kirche gelegt hatten, (aber) bald von der wachsenden Menge überwältigt wurden, welche von allen verschiedenen Religionen des Polytheismus unter dem Banner Christi angeworben wurde: und von den Heiden, die mit der Zustimmung ihres eigenen Apostels das unerträgliche Gewicht der mosaischen Zeremonien zurückgewiesen hatten, welche ihren gewissenhaften Brüdern am Ende die gleiche Duldung verweigerten, die sie zunächst demütig für die eigene Praxis erbeten hatten“ (Gibbon, Seite 387).

So stellen wir fest, dass die heidnischen Bekehrten begannen, die Bräuche ihrer früheren, heidnischen Religionen in die Kirche zu bringen, und eine Haltung der Verachtung für jene an den Tag legten, die dem Beispiel und der Praxis Christi und der ursprünglichen Apostel treu blieben.  Zweifellos war genau diese Einstellung der Grund, warum Diotrephes die wahren Brüder mit der offenbaren Zustimmung der sichtbaren Gemeinden „ausstoßen“ konnte.

Da es nicht das Ziel dieser Abhandlung ist, die Geschichte der kleinen Herde von Gläubigen nachzuverfolgen, die dem Glauben der ursprünglichen Kirche und der ursprünglichen Gottesverehrung treu geblieben sind, und da es für die konfessionellen Kirchenhistoriker üblich ist, den Glauben dieser Leute zu verfälschen oder zu verunglimpfen, kann es erhellend sein, ein Eingeständnis Hurlbuts anzuführen, wie schwierig es sei, den wahren Glauben dieser Leute zu ergründen, welcher tatsächlich in jener Zeit als „Irrlehre“ bezeichnet wurde.  Er sagt uns:

In Bezug auf diese Sekten und sogenannten Häresien ergibt sich eine Schwierigkeit, sie zu verstehen, aus der Tatsache, dass (außer bei den Montanisten und selbst dort in großem Umfang) ihre eigenen Schriften verloren gegangen sind; und wir sind abhängig von unseren Ansichten über diejenigen, die gegen sie geschrieben haben und zweifellos voreingenommen waren.  Nehmen wir zum Beispiel an, dass die Methodisten als eine Denomination mit all ihrer Literatur aus der Existenz verschwunden wären; und tausend Jahre später sollten die Gelehrten versuchen, ihre Lehren aus den Büchern und Broschüren zu ermitteln, die im 18. Jahrhundert gegen Johannes Wesley geschrieben wurden.  Welche falschen Schlüsse würden daraus gezogen werden und was für ein verzerrtes Bild des Methodismus würde folglich dargestellt werden! (Hurlbut, Seite 66).

Hinzu kommt die spärliche historische Evidenz und die Tatsache, dass viele moderne Kirchenhistoriker aus einem konfessionell voreingenommenen Blickwinkel, hinsichtlich der apostolischen Praktiken und Glaubensvorstellungen schreiben, und es ist leicht zu erkennen, dass es schwierig ist, die Wahrheit über solche Christen in vergangenen Zeiten herauszufinden. Nichtsdestoweniger enthält sogar das Zeugnis der Gegner reichlich Beweise dafür, dass eine ununterbrochene Kette dieser treuen Gläubigen bis heute existiert.

 

Die Entwicklung der Katholischen Kirche

Obwohl, wie wir gesehen haben, ein großer Teil der Wahrheit innerhalb von fünfzig Jahren nach dem Tod der Apostel aus den örtlichen Gemeinden verschwand, entwickelte sich die Römisch-Katholische Kirche als solche erst im vierten Jahrhundert.  Zuvor gab es viele Spaltungen innerhalb der sichtbaren Kirche, aber der Fortschritt des buchstäblichen Götzendienstes wurde wegen der Verfolgung durch den römischen Staat aufgehalten – was viele der Heiden daran hinderte, hereinzukommen, und die Kirche somit zu einem gewissen Grad rein hielt.

Aber dennoch war es im Wesentlichen eine Reinheit im Irrtum, denn die Theologie dieser Zeit war so weit von den Lehren Jesu und der Apostel entfernt, dass viele Lehren nun auf den Ideen Platons und anderer heidnischer Philosophen beruhten.  Origenes, einer der großen „Kirchenväter“ jener Zeit, war ein Bewunderer dieser Philosophie und setzte sie ein, um die Lehren des Evangeliums zu erklären.  Dies führte ihn zu der allegorischen Methode der Auslegung der Heiligen Schrift (Wharey, Seite 46).

In seiner Abhandlung zu dieser Zeitperiode, beschreibt Gibbon für uns die allmähliche Entwicklung dessen, was schließlich zur römisch-katholischen Hierarchie wurde, entwickelt nach dem Muster der Regierung des kaiserlichen Roms. Er erklärt: „Die ursprünglichen Christen waren tot in Bezug auf die Geschäfte und Vergnügungen der Welt; aber ihre Liebe zum Handeln, die nie ganz ausgelöscht werden konnte, wurde bald wieder lebendig und fand eine neue Beschäftigung in der Regierung der Kirche“ (Gibbon, Seite 410).

Über die Entwicklung dieser Kirchenregierung berichtet er uns, dass sie bald dem Modell der Provinzialsynoden folgte, welches mehrere Gemeinden in einem Gebiet unter der Führung des Bischofs jener Gemeinde vereinte, die die meisten Mitglieder hatte und in der Regel in der größten Stadt ansässig war (Gibbon, Seiten 413-415).  Mit der Bekehrung von Konstantin zum nominellen Christentum wurde die Kirchenregierung noch mehr nach dem römischen Staat modelliert. Wharey sagt uns: „Unter Konstantin dem Großen wurde die Kirche zum ersten Mal mit dem Staat verbunden, und in ihrer Regierungsform wurde diese Verbindung auf Prinzipien der staatlichen Politik aufgebaut“ (Wharey, Seite 55).

 

Korruption und moralischer Verfall

Von der zunehmenden Sittenlosigkeit und Verderbtheit lesen wir bei Johann von Mosheim, der treffend beschreibt, wie die Lust nach Macht in die Herzen und Sinne der geistlichen Führer dieser Zeit einzog:

Die Bischöfe hatten beschämende Streitigkeiten untereinander hinsichtlich der Grenzen ihres Amtssitzes und des Einflussbereichs ihrer Zuständigkeit; und während sie die Rechte des Volkes und des niederen Klerus niedertrampelten, wetteiferten sie mit den bürgerlichen Statthaltern der Provinzen in Bezug auf Luxus, Arroganz und Wollust (Mosheim, Seite 131).

Als Konstantin 323 n. Chr. alleiniger Kaiser des Römischen Reichs wurde, wurde das Christentum innerhalb eines Jahres, zumindest dem Namen nach, als offizielle Religion des Reichs anerkannt.  Diese Anerkennung beeinflusste nicht nur die Regierung der Kirche und die Moral ihrer Prediger, sondern hatte auch einen tiefgreifenden Einfluss auf die gesamte Kirche und ihre Mitglieder.

Alle Verfolgung der etablierten Kirche hörte plötzlich und für immer auf.  Der alte „Tag der Sonne“ wurde bald als Tag der Ruhe und des Gottesdienstes ausgerufen.  Heidnische Tempel wurden als Kirchen geweiht.  Die Priester wurden bald eine privilegierte Klasse, die über dem Gesetz des Landes stand.

Nun strebte jeder die Mitgliedschaft in der Kirche an. „Ambitionierte, weltliche, skrupellose Männer suchten in der Kirche ein Amt wegen des sozialen und politischen Einflusses“ (Hurlbut, Seite 79).  Anstatt dass das Christentum die Welt beeinflusste und veränderte, sehen wir, dass die Welt die bekennende christliche Kirche dominierte.

Die Gottesdienste nahmen an Glanz zu, waren aber weniger geistlich und herzlich als die in früherer Zeit. Die Formen und Zeremonien des Heidentums schlichen sich allmählich in den Gottesdienst ein.  Einige der alten heidnischen Feste wurden zu Kirchenfesten mit einem Namenswechsel und angepassten Gottesdienst.  Um 405 n. Chr. erschienen in den Kirchen Bilder von Heiligen und Märtyrern... (Hurlbut, Seite 79).

Kirche und Staat wurden zu einem integrierten System, als das Christentum als Reichsreligion angenommen wurde.  Das römisch-katholische System hatte begonnen, und Hurlbut sagt uns, dass „die Kirche allmählich die Macht über den Staat an sich riss, und das Ergebnis war nicht das Christentum, sondern eine mehr oder weniger korrupte Hierarchie, die die Nationen Europas kontrollierte und die Kirche im Wesentlichen zu einer politischen Maschine machte“ (Hurlbut, Seite 80).

 

Katholizismus an der Macht

Innerhalb von zwei Jahren nachdem das, was als Christentum bezeichnet wurde, zur offiziellen Religion des Römischen Reiches geworden war, erwählte und baute Konstantin eine neue Hauptstadt.  Er entschied sich für die griechische Stadt Byzanz, weil sie durch ihre Lage relativ sicher vor den Kriegswirren war, die Rom so oft geplagt hatten.

Bald darauf fand die Teilung des Reichs statt – Konstantin ernannte einen Mitkaiser für den Westen.  Die Teilung des Reichs bereitete den Weg für die folgende Spaltung der Katholischen Kirche.  Dies bot auch einen leichteren Weg zur Erhöhung des römischen Bischofs, da er jetzt nicht mehr vom Kaiser überschattet wurde.

Während dieser Zeit herrschte die etablierte Kirche uneingeschränkt, und jeder Versuch, zum apostolischen Glauben zurückzukehren, wäre als Verstoß gegen den Staat schwer bestraft worden. „Der Befehl wurde erteilt, dass niemand gegen die christliche (katholische) Religion schreiben oder sprechen sollte, und alle Bücher ihrer Gegner sollten verbrannt werden“ (Hurlbut, Seite 85).

So können wir sehen, dass diejenigen, die in dieser Zeit vielleicht noch einiges an Wahrheit behalten hatten, der Mittel beraubt wurden, ihren Glauben für zukünftige Generationen zu bewahren.   Dieses Edikt war wirksam, um Irrlehren auszuradieren, aber es war eben auch wirksam, jede Wahrheit zu ersticken, die entgegen der katholischen Doktrin noch bewahrt wurde.

Bezüglich des Wesens dieser Lehren sagt Wharey uns:

Die Theologie dieses Jahrhunderts begann, sehr mit Aberglauben und heidnischer Philosophie verfälscht und verdorben zu werden. In der Folge gab es deutliche Spuren einer übermäßigen Verehrung für verstorbene Heilige, eines Glaubens an ein Fegefeuer nach dem Tod, eines Zölibats des Klerus, einer Anbetung von Bildern und Reliquien und vieler anderer Ideen, die im Laufe der Zeit die wahre Religion fast verbannt oder zumindest sehr verdunkelt und verdorben haben (Wharey, Seite 60).  

So finden wir, dass mit Fortbestand der Katholischen Kirche Aberglaube, Heidentum und Götzenanbetung zunahmen.

Die Entwicklung der päpstlichen Macht war die herausragende Begebenheit während der zehn Jahrhunderte des Mittelalters.  Der Papst in Rom behauptete bald, Herrscher zu sein, nicht nur über die anderen Bischöfe, sondern auch über Nationen, Könige und Kaiser (Hurlbut, Seite 105).
 Gregor I. (590-604) machte die Kirche faktisch zum Herrscher in der Provinz um Rom, und er war es, der die Lehren des Fegefeuers, der Anbetung von Bildnissen und der Transsubstantiation entwickelte.  George Park Fisher sagt über diese Zeit: „Weihnachten ist im Westen (Rom) entstanden und von dort auf die Ostkirche übergegangen. Viele Christen nahmen noch am heidnischen Neujahrsfest teil“ (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 119).

In Bezug auf die Lehrstreitigkeiten, die zu dieser Zeit in der Kirche wüteten, sagt er: „Die Einmischung des Staates in die Belange der Lehre ist eine Tatsache, die besondere Aufmerksamkeit verlangt.  In der Philosophie war Platons Einfluss immer noch vorherrschend: Augustinus und Origenes waren vom platonischen Geist durchdrungen“ (Fisher, The History oft he Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 121).  Hier ist eine klare Aussage, dass die philosophischen Lehren solcher heidnischen Denker wie Platon die Lehrpositionen vieler der frühen „Kirchenväter“ deutlich beeinflusst haben!

 

Der Höhepunkt und Niedergang des päpstlichen Ansehens

Der Höhepunkt der päpstlichen Vorherrschaft wurde unter Gregor VII., mit bürgerlichem Namen Hildebrand, erreicht.  In seine Herrschaft fällt das Ereignis des Gangs nach Canossa durch den damaligen Kaiser, Heinrich IV., um die Absolution vom Bann der Exkommunikation durch den Papst zu erhalten, „nachdem er alle Besitztümer eines Königs abgelegt hatte und mit bloßen Füßen und in Wolle gekleidet drei Tage lang lief, um vor den Toren der Burg zu stehen“ (Hurlbut, Seite 111).

Ein weiterer Höhepunkt in der Entwicklung der päpstlichen Autorität war die Herrschaft von Innozenz III.  In seiner Antrittsrede erklärte er: „Der Nachfolger des Hl. Petrus steht in der Mitte zwischen Gott und Mensch; unter Gott, über dem Menschen; Richter aller, selbst von keinem gerichtet“ (Hurlbut, Seite 112).

Bald darauf folgte jedoch die Zeit der „Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ (1305-1378).  Durch politischen Einfluss des französischen Königs wurde das Papsttum von Rom nach Avignon in Südfrankreich verlegt.  Die politischen und moralischen Skandale des Papstes und des Klerus schwächen den päpstlichen Einfluss und bereiten die Menschen auf die späteren Reformversuche vor (Mosheim, Seite 490).

Dass es in der Römischen Kirche auch während dieser Zeit viele gute und aufrichtige Männer gab, wird nicht angezweifelt.  Doch die völlige Abkehr ihrer Vorfahren von der Lehre und Praxis Christi und der Apostel, deren Ersetzung durch heidnische Philosophien und Lehren, heidnische Kirchenfeste, Fastenzeiten, Bilderverehrung, Reliquien und anderer Praktiken – all dies hatte es für die meisten Menschen praktisch unmöglich gemacht, die einfachen Wahrheiten der Bibel zu erfassen, selbst wenn sie dies gewollt hätten.  Und aufgrund der vorherrschenden Ignoranz und fehlenden Bildung der Zeit wären die meisten gewöhnlichen Männer und Frauen nicht in der Lage gewesen, die Schriften zu lesen, selbst wenn sie verfügbar gemacht worden wären, und sie dies gewollt hätten (Mosheim, Seite 491).

Der ständige Missbrauch kirchlicher Autorität durch einen unwissenden und räuberischen Klerus, die anhaltenden Skandale am päpstlichen Hof und die kompromittierende Verstrickung der Päpste und Kardinäle in weltliche und religiöse Angelegenheiten – all das trug viel dazu bei, in der Masse der Menschen einen fragenden Geist zu wecken.

Am Ende der „Babylonischen Gefangenschaft“ im Jahr 1378 kehrte Papst Gregor XI. nach Rom zurück.  Aber bei seinem Tod wurden durch politischen Druck und Manöver von den Kardinälen zwei Päpste gewählt! Die Welt sah dann das Spektakel von ernannten Oberhäuptern der Christenheit, die sich über viele Jahre hinweg gegenseitig Verwünschungen, Drohungen, Beschuldigungen und Exkommunikationen zuwarfen.

Mosheim beschreibt diesen unglücklichen Zustand treffend:

Während der fünfzig Jahre hatte die Kirche zwei oder drei Häupter, und die zeitgenössischen Päpste griffen sich gegenseitig mit Exkommunikationen, Verwünschungen und Intrigen an.  Das Unglück und die Not dieser Zeit waren unbeschreiblich.  Denn neben den fortwährenden Streitigkeiten und Kriegen zwischen den päpstlichen Fraktionen, die aufgrund ihrer großen Anzahl ruinös waren und zu Verlust an Leben oder Eigentum führten, wurde an vielen Orten fast jeder Sinn für Religion ausgelöscht, und die Schlechtigkeit nahm täglich zu an Skrupellosigkeit und Kühnheit; die früher korrupten Geistlichen legten jetzt sogar den Anschein von Frömmigkeit und Göttlichkeit beiseite, während jene, die sich selbst zu Christi Stellvertretern ernannten, einen offenen Krieg miteinander führten und die gewissenhaften Leute, die glaubten, niemand könne gerettet werden, wenn sie sich nicht in Christi Stellvertretern unterwarfen, wurden in größte Ratlosigkeit und Seelenangst geworfen (Mosheim, Seite 496).

Dies war der provokative Zustand der „Christenheit“ am Vorabend der Reformation.  Die Menschen hätten sich selbst sehr wohl fragen können: „Ist das die Kirche, die Jesus Christus erbaut hat?“

 

Vorläufer der Reformation

Die Geschichte scheint einige seltsame Dilemmata zu liefern. Zumeist vermutet man eine von zwei Alternativen hinsichtlich der Existenz der wahren Kirche während des Mittelalters.  Eine davon ist, dass die Kirche Gottes als sichtbare, organisierte Gemeinschaft von Gläubigen über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren aufgehört hatte zu existieren. Der andere ist, dass die Römisch-Katholische Kirche – deren völlige Verderbtheit wir beschrieben haben – der einzige legitime Nachfolger der Kirche war, von der Jesus Christus gesagt hatte, dass er sie erbauen würde (Matthäus 16, 18).

Viele Historiker beginnen jedoch inzwischen zu erkennen, dass es Gruppen von Gläubigen in der apostolischen Wahrheit gab, die vor der Zeit Luthers in fast allen Ländern Europas verstreut existierten (Mosheim, Seite 685).

Lange vor dem Beginn der eigentlichen Reformation sind viele dieser verschiedenen unabhängigen Bewegungen und religiösen Gemeinschaften angesichts des Niedergangs des päpstlichen Einflusses und der Macht offener aufgetreten.  Einige von ihnen enthielten ohne Zweifel Überreste von Gläubigen gemäß der apostolischen Wahrheit, die lange Zeit in einer Verborgenheit verharrt waren, die ihnen durch regelmäßige Verfolgungen und Verhaftungen aufgezwungen wurde.

Unter diesen waren die Albigenser oder Katharer, „Puritaner“, welche um das Jahr 1170 in Südfrankreich bekannt wurden.  Die Katharer nutzten die Bibel in großem Maß, obwohl sie angeblich Teile des Alten Testaments ablehnten (Walker, Seite 250).

Sie übersetzten und verbreiteten Kopien des Neuen Testaments, verwarfen die Autorität der Tradition und griffen die römisch-katholischen Lehren des Fegefeuers, der Bilderverehrung und verschiedene Behauptungen von Priestern an.  Ihre Lehre scheint eine Mischung aus Wahrheit und Irrtum gewesen zu sein, aber ihre Ablehnung der päpstlichen Autorität führte 1208 auf Geheiß von Papst Innozenz III. zu einem „Kreuzzug“ gegen sie.  Infolgedessen wurde die Sekte durch wahlloses Abschlachten der meisten Einwohner der Gegend, darunter auch viele Katholiken, fast ausgerottet (Hurlbut, Seite 141).

 

Die Waldenser

Eine andere verstreute Gruppe von an apostolische Lehren und Praktiken Gläubigen wurden Waldenser genannt.  Mosheim erzählt uns, wie sich die Waldenser „mit erstaunlicher Schnelligkeit durch alle Länder Europas vermehrten und ausbreiteten und auch nicht durch irgendwelche Strafen, weder durch Tod noch durch andere Formen der Verfolgung, ausgerottet werden konnten“ (Mosheim, Seite 429).

Zweifellos gab es verschiedene Elemente unter denen, die als Waldenser bezeichnet wurden.  Einige behielten mehr apostolische Wahrheit bei, als andere.  Einige, so wird uns berichtet, „sahen die Römische Kirche als echte Kirche Christi an, obwohl sie stark korrumpiert war“.  Andere hingegen behaupteten, die Kirche Roms sei von Christus abgefallen, vom Heiligen Geist verlassen, und sei die babylonische Hure, die von Johannes erwähnt wird“ (Mosheim, Seite 430).  Wie wir bereits gesehen haben, klagten die Feinde dieser zerstreuten christlichen Gruppen sie oft fälschlicherweise wegen ihrer Lehren an, und ein großer Teil der biblischen Wahrheit, die sie vielleicht innehatten, ist wahrscheinlich mit der Zerstörung ihrer ursprünglichen Schriften verloren gegangen.  Doch selbst ihre Feinde gaben manchmal ein beredtes Zeugnis für die Moral und Lehre der Waldenser.  Wie in einem Anhang von Whareys Kirchengeschichte zitiert wird, ist der folgende Vorfall, der einer frühen und angesehenen Quelle entnommen wurde, ein Hinweis auf den Glauben und die Praxis der frühen Waldenser:

König Ludwig XII. erhielt Informationen von den Feinden der Waldenser, welche in der Provence lebten, die ihnen mehrere abscheuliche Verbrechen angedichtet hatten, und schickte Monsieur Adam Fumee, einen Inquisitionsmeister, und einen gewissen Doktor der Sorbonne, genannt Parui, der sein Beichtvater war, an den Ort, um die Angelegenheit zu untersuchen. Sie besuchten alle ihre Pfarreien und Tempel und fanden weder Bilder noch Anzeichen der Ornamente, welche zur Messe oder zu den Zeremonien der Römischen Kirche gehörten.  Viel weniger konnten sie irgendwelche Spuren der Verbrechen entdecken, derer sie angeklagt wurden.  Vielmehr fanden sie heraus, dass diese den Sabbat gebührend hielten; ihre Kinder wie in der ursprünglichen Kirche taufen ließen; ihnen die Artikel des christlichen Glaubens und die Gebote Gottes beibrachten.  Als der König den Bericht der besagten Abgesandten gehört hatte, sagte er mit einem Eid, dass sie bessere Männer seien als er selbst oder sein Volk (Perrin, Seite 36).

So ist es offensichtlich, dass in den Köpfen vieler glaubenstreuer Männer und Frauen während des gesamten Mittelalters viel Wissen über den „Glauben, der ein für alle Mal überliefert wurde“ existierte.  Sie sammelten sich oft zum Zweck des Gottesdienstes in religiösen Körperschaften.  Obwohl sie manchmal zerstreut und verfolgt wurden, waren sie tatsächlich eine Kirche, die im Geist, im Glauben und in der Praxis Christi und seiner Apostel voranschritt.

Wir müssen die Tatsache berücksichtigen, dass die Kenntnis der apostolischen Wahrheit und Praxis, die sie hatten, auch Luther und den anderen Reformatoren zur Verfügung stand, wenn sie diese gewollt hätten.

Neben diesen verstreuten Gruppen von Gläubigen, die seit Jahrhunderten – unabhängig von Rom – existierten, gab es innerhalb der Römischen Kirche viele einzelne Führer, die über den geistlichen Verfall beunruhigt waren und vor der eigentlichen Reformation bereits Reformen forderten.

 

Das Werk von Johannes Wyclif

Einer der bemerkenswertesten Reformer vor der Reformation war Johannes Wyclif, geboren ungefähr 1324 in Yorkshire, England. Er wird allgemein „der Morgenstern der Reformation“ genannt.

In Oxford erwarb er eine wissenschaftliche Auszeichnung, wurde schließlich Doktor der Theologie und bekleidete mehrere ehrenvolle Positionen an der Universität.  Er wurde bald ein Führer unter denjenigen, die versuchten, einige hervorstechende Missbräuche des Klerus zu bekämpfen.

Wyclif griff die Bettelmönche und das System des Mönchtums an und wandte sich schließlich gegen die Autorität des Papstes in England.  Er schrieb auch gegen die Lehre der Transsubstantiation und befürwortete einen einfacheren Gottesdienst nach dem Muster des Neuen Testaments.
Er lehrte, dass die Bibel das einzige Gesetz der Kirche sei.  Dennoch lehnte er das Papsttum nicht rundweg ab, sondern nur das, was er für dessen Missbrauch hielt (Walker, Seite 299).

Die Unfähigkeit des Klerus brachte ihn dazu, Prediger, seine „armen Priester“, auszusenden, die jeweils zu zweit durch das Land zogen – um dort zu wirken, wo ein Bedarf bestand.  Ihr Erfolg war groß, denn es gab bereits eine starke Abneigung gegen die päpstliche Besteuerung aus dem Ausland und eine Sehnsucht, zu einem biblischeren Glauben zurückzukehren.

 

Wyclif lehrte den Gehorsam gegenüber den Zehn Geboten

Obwohl er seine Lehre nie vollständig entwickelte und von Geburt an mit den römisch-katholischen Konzepten seiner Zeit verbunden war, erkannte Wyclif deutlich die Notwendigkeit, den Gehorsam gegenüber den Zehn Geboten wiederherzustellen.  Er benutzte nie die charakteristischen Methoden der späteren Reformatoren, um diese apostolische Lehre zu umgehen.  Der gelehrte Historiker Augustus Neander beschreibt diesen offenen Ansatz.  Er stellt in Bezug auf Wyclif fest, dass…

…eins der ersten Werke seiner reformatorischen Tätigkeit eine ausführliche Auslegung der zehn Gebote war, worin er das unsittliche Leben unter allen Ständen seiner Zeit in Kontrast mit dem, was die Gebote verlangten, darstellte.  Freilich müssen wir bedenken, dass, wie er selbst sagt, er dazu veranlasst wurde durch die Unbekanntschaft der Meisten, mit den zehn Geboten, und dass er dabei die Absicht hatte, einer Richtung entgegenzuwirken, welche um Menschensatzungen mehr als um die göttlichen Gebote sich bekümmerte.  Immer aber zeigt sich die aus den zehn Geboten die ganze christliche Moral abzuleiten geneigte, der alttestamentlichen Form des Gesetzes sich mehr anschließende Richtung, welche auch das Sabbatgesetz auf den Sonntag anwenden ließ (Neander, Band 9, Seite 176).

Es war vielleicht bedauerlich, dass Wyclif keinen Anhänger mit entsprechender Fähigkeit hinterließ, um seine Arbeit in England fortzusetzen.  Aber seine Übersetzung der Bibel in die englische Sprache, vollendet zwischen 1382 und 1384, brachte seinen Zeitgenossen einen großen und dauerhaften Nutzen.  „Der größte Dienst, den er den Engländern leistete, war seine Übersetzung der Bibel und sein offenes Eintreten für ihr Recht, die Schrift in ihrer eigenen Sprache zu lesen“ (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 274).

 Obwohl seine Ansichten von der römischen Hierarchie verurteilt wurden, erwiesen sich Versuche, ihn einzusperren, wegen seiner Freunde und Anhänger als unwirksam, und er durfte sich in seine Pfründe in Lutterworth zurückziehen, wo er eines natürlichen Todes starb.  Mit seinem Tod kam die politische Bedeutung der Bewegung der Lollarden, wie sie im Volksmund genannt wurde, zu ihrem Ende.  Zumeist im Geheimen blieben einige seiner Anhänger bis zur Reformation aktiv.

Doch seine Schriften und Lehren waren ins Ausland gelangt, und wie ein Historiker sagt: „Wyclifs Haupteinfluss sollte in Böhmen und nicht in seinem Geburtsland liegen“ (Walker, Williston, Seite 301).

 

Die Wiedererweckungsbewegung der Hussiten

Dass Wyclifs Ansichten in Böhmen eine leichtere Akzeptanz als in England fanden, war fast ausschließlich auf die Bemühungen von Jan Hus zurückzuführen.

Hus wurde 1369 in Böhmen geboren und war ein glühender Schüler von Wyclifs Schriften und predigte die meisten seiner Lehren, besonders jene, die sich gegen päpstliche Übergriffe richteten.  Als Rektor der Prager Universität hatte Hus früh einen bedeutenden Einfluss in Böhmen.
Anfangs hoffte er anscheinend, die Kirche von innen heraus zu reformieren, und hatte das Vertrauen seiner kirchlichen Vorgesetzten.  Aber als Prediger prangerte er die vorherrschenden Sünden des Klerus mit großem Eifer an und fing an, Verdacht zu erregen.  Als er ernannt wurde, um einige der angeblichen Wunder der Kirche zu untersuchen, erklärte er sie als falsch und sagte seinen Anhängern, dass sie aufhören sollten, nach Zeichen und Wundern zu suchen und stattdessen die Heiligen Schriften zu durchsuchen.

Letztlich „brachte ihm seine leidenschaftliche Verurteilung des ungerechten Ablasshandels die päpstliche Exkommunikation ein“ (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 275).

Daraufhin wurde er von dem mit ihm sympathisierenden König dazu überredet, ins Exil zu gehen.  Unglücklicherweise erklärte er sich jedoch später bereit, vor dem Konzil von Konstanz aufzutreten, nachdem er vom Kaiser ein sicheres Geleit zugesichert bekommen hatte. Er verteidigte seine Lehren in Übereinstimmung mit der Bibel, aber er wurde vom Rat verurteilt und zur Hinrichtung an die Zivilmacht übergeben.  Diese Methode wurde immer benutzt, um die „Unschuld“ der Römischen Kirche in solchen Angelegenheiten zu bewahren.

Das Versprechen des Kaisers auf „sicheres Geleit“ wurde nach dem katholischen Grundsatz gebrochen, dass „der Glaube nicht mit Ketzern gehalten werden sollte“ (Hurlbut, Seite 143).  Das grausame Urteil für Hus war, dass er auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollte.  Sein mutiger Tod und der von Hieronymus von Prag ein Jahr später, welcher seinen Reformgeist und seine Ideale teilte, erweckte das reformatorische Element in Böhmen und beeinflusste seine Landsleute für viele weitere Jahre (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 276).

 

Hieronymus Savonarola

Um 1452 wurde in Florenz, Italien, ein Mann geboren, der die päpstliche Korruption in ihrem eigenen Territorium herausfordern sollte.

Dieser Mann war Hieronymus Savonarola, der von der Bosheit und Ausschweifung um ihn so angewidert war, dass er zum Teil deswegen ein Mönch des Dominikanerordens wurde, um dem Übel um ihn herum zu entkommen.

Er predigte heftig gegen die kirchlichen, sozialen und politischen Übel seiner Zeit – er verschonte weder Alter noch Geschlecht noch die Umstände der Menschen. Zuerst wollte ihm die Stadt nicht zuhören, aber später füllte er die Kathedrale.  In seinen Predigten verwendete er keine Vernunftargumente mehr, sondern predigte im Namen des Allerhöchsten (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 276).

Eine Zeitlang bewirkte er eine scheinbare Reformation der Stadt und wurde für kurze Zeit praktisch zum politischen und religiösen Herrscher der Stadt Florenz.  Aber seine politischen Entscheidungen brachten ihm erbitterte Feinde ein, unter ihnen Papst Alexander VI. Savonarola weigerte sich, zu schweigen und wurde bald darauf exkommuniziert, festgenommen und eingesperrt.  Nach einer voreingenommenen Gerichtsverhandlung wurde er gehängt, dann verbrannt, und seine Asche wurde schließlich in den Arno geworfen.

Historiker stimmen darin überein, dass Savonarolas Interessen viel weniger in Reformen der Lehre, als in der Reinigung der Moral lagen.  Dies sollte innerhalb der Grenzen der Römischen Kirche erreicht werden.  Und wir können feststellen, dass dies in hohem Maße auch bei Wyclif und Hus der Fall war.  Alle drei waren im Glauben, in der Praxis und in der Perspektive als Katholiken erzogen worden.  Mit der möglichen Ausnahme von Wyclif starben alle tatsächlich als Katholiken – obwohl sie innerhalb dieser Körperschaft eine Reformation anstrebten.

So ist es offensichtlich, dass kein gewöhnlicher Mensch, sei er noch so fähig und eifrig, in der Lage gewesen wäre, eine Reinigung der geistlichen Verderbtheit der Römisch-Katholischen Kirche als Ganzes zu bewirken.  Infolge des Ausbaus der päpstlichen Macht waren der Papst und sein unmittelbarer Hof die einzigen, die dies hätten tun konnten.

 

Hindernisse für eine wahre Reformation

Die Verwicklungen des schändlichen Systems waren jedoch so groß, der Verkauf kirchlicher Posten so ungeheuerlich, die Versuchung so groß, aus dem Verkauf von Ablässen und anderen Kircheneinnahmen reichlich Gewinn zu schöpfen, dass selbst ein aufrichtiger Reformer innerhalb des päpstlichen Hofs hoffnungslos verloren gewesen wäre.  

Wenn Männer ihr ganzes Vermögen für den Kauf eines lukrativen Postens hergaben, der zur Versteigerung angeboten wurde, wäre es da nicht abwegig gewesen, alle diese Posten abzuschaffen?  Und es gab kein Geld, um einen Ausgleich dafür zu schaffen.  Als Leo X. starb, war das Papsttum nicht nur verschuldet, sondern bankrott.  Ein reformierender Papst hatte keine Chance auf Erfolg.  Jede Tür war verriegelt, und jedes Rad war verklemmt (Plummer, Seite 15).

Doch in allen europäischen Ländern gab es viele politische, soziale und wirtschaftliche Missstände, die nach Reformen riefen – ganz zu schweigen von den überwältigenden religiösen Missbräuchen.  So oder so war, wie wir bald sehen werden, eine Art universeller Umsturz unausweichlich dazu bestimmt, die äußere Selbstgefälligkeit dieser Zeit zu erschüttern.

Aber wie wir gesehen haben, wurden die Männer, die versuchten, dieses korrupte System zu reformieren, so gründlich mit den Lehren von Rom indoktriniert, dass es äußert schwierig war, sie vollständig zu durchbrechen.  Wir müssen uns vor Augen halten, dass diese Männer – wie auch Luther, Zwingli, Calvin und deren Mitstreiter – alle von Kindheit an in der römisch-katholischen Lehre und Praxis aufgewachsen waren.  Sie hatten nichts anderes gelernt, und da es praktisch keine religiösen Bücher oder Bibeln in der Sprache des Volkes gab, kannten sie nichts anderes als den römisch-katholischen Glauben, dessen Zeremonien, Rituale und Traditionen.

Daher war es nahezu unmöglich für sie, das religiöse System, in dem sie aufgewachsen waren, objektiv zu betrachten und mit dem Glauben und der Praxis Jesu Christi und der inspirierten neutestamentlichen Kirche zu vergleichen.

Aber von einem geistlichen Standpunkt aus war die wahre Frage der Stunde nicht, ob es irgendeine Art von Reformation geben würde, sondern ob es eine Rückkehr zum „ein für alle Mal überlieferten Glauben“ geben würde.  Eine Rückkehr zum echten Christentum der Apostel war dringend nötig.  Eine Rückkehr zum wahren Evangelium, sowie dem Glauben und der Glaubenspraxis Christi und der Kirche, wie er sie gegründet hatte, hätten eine neue Ära der Gerechtigkeit und Anbetung, des Friedens und der Freude eingeleitet.

War so eine echte Reformation in Sicht?  Das ist die Frage, die sich in die Gedanken und Herzen aller denkenden Menschen hineinbrennen sollte, denn die endgültige Antwort auf diese Frage erklärt – zu einem großen Teil – die wahre Bedeutung der religiösen Spaltung und Verwirrung unserer Zeit.

Die Antworten auf diese wichtigen Fragen, das Aufdecken dieses faszinierenden Geheimnisses, werden wir im nächsten Kapitel betrachten.

 

 

Kapitel 2


Die Zeit ist reif für eine Revolution

 

Wir haben die verblüffende Tatsache gesehen, dass kurz nach den Tagen der ursprünglichen Apostel ein radikaler Wechsel hinsichtlich des nominellen „Christentums“ erfolgte.  Heidnische Zeremonien, Bräuche und Traditionen wurden schnell in die bekennende christliche Kirche aufgenommen.  Und wir haben von der Korruption und den Ausschweifungen der Katholischen Kirche während des Mittelalters bzw. „Dunklen“ Zeitalters erfahren.  Wir haben gesehen, wie Männer wie Wyclif, Hus und Savonarola diese Schlechtigkeit innerhalb der organisierten Kirche ihrer Zeit nicht beseitigen konnten.  Viele haben für den Versuch mit ihrem Leben bezahlt!

Betrachten wir nun die wirklichen Faktoren, die die Menschen dazu gebracht haben, sich gegen die Autorität der Römisch-Katholischen Kirche zu erheben.  Lassen Sie uns diese Frage erneut stellen: War das eine aufrichtige, vom Geist Gottes motivierte Rückkehr zu dem „Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist“?

 

Direkte Ursachen der Reformation

Viele moderne Protestanten haben angenommen, dass die Reformation eine rein religiöse Bewegung war.  Sie sehen Visionen von Scharen aufrichtiger Männer in ganz Deutschland und Europa, die von ganzem Herzen eine Rückkehr zum apostolischen Glauben und zur apostolischen Praxis anstrebten.

Aber das ist kein zutreffendes Bild.

Es ist eine historische Tatsache, dass es viele selbstsüchtige und materialistische Gründe gab, warum die Reformation stattfand, wann und wie sie geschah. Viele von ihnen waren völlig von einem rein religiösen Motiv losgelöst.

Zweifellos spielten politische, intellektuelle und finanzielle Überlegungen eine wichtige Rolle bei der Reformation des 16. Jahrhunderts.  Ein aufsteigendes Gefühl des Nationalismus veranlasste die Leute, zu glauben, dass sie als Deutsche, Franzosen oder Engländer gemeinsame Interessen gegen alle Fremden hatten, selbst gegen den Papst.

Als die Städte Europas an Größe und Einfluss zunahmen, bereiteten die zunehmende Bildung, der Reichtum und der politische Einfluss der Mittelklasse sie auf eine entscheidende Rolle in den kommenden Umwälzungen vor.  Sie begannen, angesichts der ständigen kirchlichen Einmischung in zeitliche Angelegenheiten unruhig zu werden (Walker, Reginald, Seite 289).

Verbunden mit diesem nationalen Gefühl hatte der wachsende Absolutismus die verschiedenen Herrscher dazu gebracht, sich unabhängiger vom Römischen Stuhl zu fühlen, und sie versuchten oft, sich die uneingeschränkte Kontrolle bei Ernennungen zu Kirchenämtern in ihren Reichen zu sichern.  Dies war der Beginn einer Tendenz, die später in staatlich kontrollierten Kirchen in vielen Ländern gipfelte.  Die ausgeprägte Freundschaft zwischen den Päpsten und den Königen Frankreichs während der Avignon-Zeit ließ in anderen Nationen ein allgemeines Misstrauen hinsichtlich päpstlicher Motive aufkommen.  Der Skandal wurde durch die Erhöhung der päpstlichen Besteuerung während dieser Zeit noch verstärkt, als „die Versetzung des Papsttums nach Avignon die Einnahmen aus den päpstlichen Güter in Italien weitgehend unterband, ohne jedoch den Luxus oder die Kosten des päpstlichen Hofs zu schmälern“ (Walker, Reginald, Seiten 292, 296).

Viele Klagen wurden nicht nur von Einzelpersonen geäußert, sondern von den mächtigsten Königen und von ganzen Nationen, wegen der gebieterischen Herrschaft der Päpste, der Betrügereien, der Gewalt, dem Geiz und der Ungerechtigkeit Roms.  Die Unverschämtheit und Tyrannei der päpstlichen Legaten, zusammen mit den Verbrechen, der Ignoranz und der moralischen Verderbtheit der Priester und Mönche, ließen die Menschen überall eine Reform der Kirche „in ihrem Kopf und ihren Gliedern“ verlangen (Mosheim, Seite 24).

Gemeinsam mit all diesen Kräften entstand die bemerkenswerte Bewegung, die als Renaissance bekannt ist, das neu erwachte Interesse Europas an Wissenschaft, Literatur und Kunst.  Es war eine Bewegung, die den Wechsel von mittelalterlichen zu modernen Idealen, Kultur und Denkweisen brachte.

Wenn wir die darauf folgende Reformation verstehen wollen, müssen wir zuerst das Zusammenspiel und die Wirkung jedes dieser Faktoren untersuchen, die eine so wichtige Rolle bei der Ausrichtung und dem Endergebnis gespielt haben.

 

Politische und finanzielle Gründe für eine Reform

Wie wir gesehen haben, erreichte die päpstliche Macht ihren Höhepunkt unter Hildebrand (1073-1085), der mehr als seine Vorgänger die vollständige Unterordnung des „Heiligen Römischen Reiches“ unter die Römische Kirche anstrebte.  Die Verfolgung dieses Ziels führte zu einem langwierigen Machtkampf zwischen Papsttum und Reichsmacht.  In diesem Kampf hatten die Päpste große Vorteile gegenüber den Kaisern, deren tatsächlicher Herrschaftsbereich weit von dem von der Kirche beherrschten Einflussbereich abwich.  Eine sehr wirksame Unterstützung wurde in der Bereitschaft der deutschen Fürsten gefunden, welche die Macht der Kaiser eingrenzen wollten.  Und in den Kreuzzügen hatten die Päpste Gelegenheit, die religiöse Begeisterung des gemeinen Volkes in allen Nationen zu lenken (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seiten 26-28).

Schließlich war das Papsttum in diesem Kampf siegreich, und der reumütige Kaiser Heinrich IV. war gezwungen, sich vor Papst Hildebrand zu demütigen, um die Loyalität seiner Untertanen zu erhalten.  So sehen wir das Schauspiel einer Kirche, die über den Staat herrschte und den Königen und Kaisern ihren Willen diktierte.

In der Tat hatte die Kirche das Reich bis zu einem gewissen Grad schon lange beherrscht, aber niemals so vollständig.  

In den achtzehn Jahren (1198-1216), in denen Innozenz III. regierte, erstrahlte die päpstliche Institution in voller Pracht.  Die Durchsetzung des Zölibats hatte den gesamten Klerus in eine engere Beziehung zum souveränen Pontifex gebracht.  Der Stellvertreter Petri war zum Stellvertreter Gottes und Christi geworden... Der König stand zum Papst wie der Mond zur Sonne – ein schwächeres Licht, das mit fremdem Licht scheint (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seiten 29-30).

So sehen wir, dass die Päpste sich als Gott auf Erden verstanden haben. Sie lehrten, dass Jesus Christus seine tausendjährige Herrschaft auf Erden durch sie aufbaute.

Bevor jedoch diese päpstliche Macht über längere Zeit ausgeübt werden konnte, wurde es offensichtlich, dass in Europa neue Kräfte auftauchten, um ihre Vorherrschaft anzufechten.  In vielen Ländern führte der Patriotismus des Volkes dazu, dass man sich der Fremdherrschaft über die eigenen Nationalkirchen nicht beugen wollte, und dass man sich weigerte, den „Peterspfennig“ für den Bau prächtiger Kathedralen in Rom zu bezahlen (Hurlbut, Seite 118).

 

Missbrauch kirchlicher Ämter

In der Ausübung ihrer politischen und finanziellen Macht steuerte die Katholische Kirche auf ihren Sturz zu.  Die Päpste schienen eine unersättliche Gier nach Geld zu haben.  Dieser Reichtum wurde nicht nur benutzt, um ihr Streben nach einem sinnlichen und komfortablen Leben zu befriedigen, sondern auch, um Freunde und Macht zu erkaufen.  Die römischen Päpste waren in der Lage, dieses Geld mit verschiedenen Mitteln aus ihren unkritischen Untertanen herauszuholen, immer unter dem Deckmantel der Religion.

Mosheim beschreibt diesen Machtmissbrauch:

Unter diesen Kunstgriffen hatte der so genannte Ablasshandel – nämlich die Freiheit, sich durch Geldspenden von der Bestrafung für ihre Sünden loszukaufen – eine herausragende Stellung.  Und dieser wurde angewandt, wann immer die päpstliche Schatzkammer erschöpft war, zum immensen Schaden für das öffentliche Interesse.  Unter einem plausiblen, aber meist falschen Vorwand wurde den ignoranten und ängstlichen Menschen von Ablasshändlern, die im Allgemeinen niederträchtige und skrupellose Charaktere waren, in Aussicht gestellt, große Vorteile zu haben (Mosheim, Seite 88).

Diese Skandale gaben in den Augen vieler deutscher Fürsten einen durchaus hinreichenden Grund, das päpstliche Joch abzuwerfen – sei es durch „Reform“ oder „Aufstand“ –, um sich von der päpstlichen Besteuerung und Einmischung zu befreien und den Reichtum der Kirchen und Klöster in Besitz zu nehmen.  Luthers späterer Angriff auf die päpstliche Finanzpolitik und Besteuerung machte ihn augenblicklich zum Verfechter des deutschen Bürgertums und indirekt aller seiner Landsleute, die schon lange Zeit Ressentiments gegen die gewieften und leichtlebigen Italiener hegten.

In England herrschte in etwa dieselbe Situation. König Heinrich VIII. hatte den größten Teil der königlichen Schatzkammer verschwendet, die er von seinem schlaueren Vater geerbt hatte.  Gleichzeitig wuchs die Unzufriedenheit unter den Adligen, insbesondere im Hinblick auf die exzessive päpstliche Besteuerung, und der üppige Reichtum der Ordensgemeinschaften wurde als Hauptgewinn angesehen, wenn man die päpstliche Autorität abwerfen könnte.  Es ist bezeichnend, dass eine der ersten Handlungen Heinrichs, nachdem er sich selbst als „oberstes Haupt der Kirche und des englischen Klerus“ deklariert hatte, darin bestand, die Konfiszierung des Vermögens der Kirche, insbesondere der Ordensgemeinschaften, anzuordnen.

Durch königliche Nachlässigkeit und Extravaganz entstand eine Klasse von Nutznießern an der klösterlichen Beute, welche somit ein Interesse an der weiteren Trennung von der Kirche von Rom hatte.   Diese Fraktion war eine mächtige Garantie gegen spätere Versöhnungsbewegungen mit dem Papsttum (Walker, Reginald, Seite 56).

Angesichts dieser vielen Versuchungen und der bereits bestehenden nationalistischen Tendenz hätte es das vorrangige Interesse der Päpste gewesen sein sollen, die politischen und finanziellen Einwände der verschiedenen Nationen in Einklang zu bringen. Aber so war es nicht.

Während das Papsttum alles in seiner Macht Stehende hätte tun müssen, um die europäischen Bürger nicht mit seiner rücksichtslosen Finanzpolitik zu erschüttern, tat es genau das Gegenteil. Die Päpste nutzten oft den Reichtum, den sie durch Ablasshandel und den Verkauf von Kirchenämtern erhielten, um ihre eigenen Verwandten zu bereichern oder den Status der Römischen Kirche zu stärken.

Fisher beschreibt den niederträchtigen Charakter einiger dieser Päpste:

Innozenz VIII. vermehrte nicht nur das Vermögen seiner sieben unehelichen Kinder und führte zwei Kriegen gegen Neapel, sondern erhielt auch vom türkischen Sultan einen jährlichen Tribut dafür, dass er seinen Bruder und Rivalen im Gefängnis festhielt, anstatt ihn als Anführer einer Streitmacht gegen die Türken zu senden, die Feinde der Christenheit.  Alexander VI., dessen Bosheit an die dunklen Tage des Papsttums im 10. Jahrhundert erinnert, beschäftigte sich mit dem Aufbau eines Fürstentums für seinen Lieblingssohn, jenes Ungeheuer der Verderbtheit, Caesar Borgia, und mit der Anhäufung von Schätzen durch grausame Methoden, um damit das ausschweifende Leben am römischen Hof zu finanzieren.  Es heißt, er sei an dem Gift gestorben, das er für einen reichen Kardinal vorbereitet habe, welcher seinerseits den Chefkoch bestach, um es dem Papst selbst zu servieren (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seiten 44-45).

So ist es offensichtlich, dass, als die Reformer ihre Bitten um einen Bruch mit der päpstlichen Autorität begannen, die breite Antwort oft nicht so sehr aus aufrichtigen, religiösen Motiven erfolgte, sondern vielmehr aus dem praktischen und natürlichen Wunsch vieler, sich die politischen und finanziellen Entlohnungen selbst anzueignen, die bisher von der Römischen Kirche zurückgehalten oder kontrolliert wurden.

 

Die Renaissance

Ein weiterer wichtiger Wegbereiter der Reformation war die Wiederbelebung von Lernen, Literatur und Kunst, die Renaissance genannt wird.  Die Führenden dieser Bewegung waren normalerweise keine Priester oder Mönche, sondern Laien.  Sie begann als literarische Bewegung und war zunächst noch nicht offen antireligiös, sondern nur skeptisch und forschend.  Sie wurde durch die Erfindung des Buchdrucks von Gutenberg 1455 sehr unterstützt.  Zum ersten Mal konnten Bücher zu Tausenden verbreitet werden, und es ist bezeichnend, dass das erste gedruckte Buch die Bibel war.

Die Renaissance stimulierte den Patriotismus und diente dazu, die Entstehung nationaler Literatur zu inspirieren.  Sie förderte die Unabhängigkeit in der Denkweise und nationalen Politik und führte zur Entwicklung des modernen Nationalgedankens, wie wir ihn heute kennen.   Als starke nationale Regierungen entstanden, führte dies zwangsläufig dazu, die Autorität dessen zu zügeln, was als Universalkirche angesehen wurde.  Der Einfluss des Papstes und des Klerus beschränkte sich mehr und mehr auf den religiösen Bereich, und die diplomatische Politik jeder Nation verfolgte einen unabhängigeren Kurs.

Das gestiegene Interesse an den heidnischen Klassikern übte einen starken Einfluss auf die gebildeten Schichten aus und veranlasste sie, mit der mittelalterlichen Scholastik zu brechen, und in vielen Fällen auch mit aller ernsthaften Beschäftigung mit Religion als solcher.

Die mittelalterlichen Ideale waren jenseitig gewesen und ermutigten zu Selbstverleugnung.  Die Renaissance führte den Humanismus ein und förderte den Ausdruck der dem Menschen innewohnenden Neigungen.  Die Haltung der asketischen Abgeschiedenheit wich dem Streben nach dem vollen Genuss, den die Welt zu bieten hat.

Ein rationaler Blick in die Geschichte und Literatur der Vergangenheit unterzog viele Dokumente der Kirche einer kritischen Prüfung.  Eine Schule der historischen Kritik wurde von Lorenzo Valla (1405-1457) gegründet, der die Fälschung der Konstantinischen Schenkung aufdeckte und den apostolischen Ursprung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses leugnete.  All diese Untersuchung und die Erneuerung der menschlichen Interessen dienten dazu, die Autorität und den Einfluss der Katholischen Kirche zu untergraben.

Etwa zwei Generationen vor der Protestantischen Reformation versuchten die Päpste selbst, in den Geist der Renaissance einzutauchen, und die Päpste jener Zeit waren eher von Kultur als von religiösem Glauben geprägt.  Dies führte natürlich dazu, dass der päpstliche Hof noch weltlicher wurde und eine erhöhte Nachfrage nach einer Reformation der Kirche hervorrief.

„Ein sehr nützliches Ergebnis der Renaissance war das wiederbelebte Interesse am Studium von Hebräisch und Griechisch.  Dies förderte ein besseres Verständnis der Bibel, auf der das große Reformwerk von Luther, Zwingli und Calvin basierte.  Ohne diese Vorbereitung wäre ihre Arbeit nicht möglich gewesen“ (Qualen, Seite 199).

Der vielleicht herausragendste Gelehrte der Renaissance war Desiderius Erasmus, dem vorgeworfen wurde, „das Ei gelegt zu haben, aus dem Luther schlüpfte“.  Er studierte in verschiedenen europäischen Ländern.  Obwohl er in erster Linie römisch-katholisch war, beeinflussten seine provokativen Satiren der kirchlichen Missbräuche seiner Zeit und sein Appell, zur Schlichtheit des ursprünglichen Christentums zurückzukehren, die gebildeten Schichten seiner Zeit tiefgreifend und erreichten durch sie die Masse der Menschen in Europa.

Erasmus war davon überzeugt, dass das römische System von Aberglauben und Korruption erfüllt war.  Aber er wollte nicht mit dem Katholizismus brechen.  Er betrachtete ihn sentimental als die „Mutter“ der Gesellschaft und der Künste.  Und er war zu intellektuell, um mit der Revolte Luthers zu sympathisieren, deren brutale Ausschweifungen ihn abstießen.

Daher hat ihn keine Seite des Streits, der sich in seinem letzten Lebensabschnitt aufgetan hat, verstanden, und sein Gedenken wurde von polemischen Schriftstellern verunglimpft, von Protestanten wie Katholiken.  Sein eigener Gedanke war, dass Bildung, die Rückkehr zu den Quellen der christlichen Wahrheit und die Geißelung der Ignoranz und Unmoral durch gnadenlose Satire die Kirche zur Reinheit bringen würde.  Auf dieses Ziel arbeitete er hin (Walker, Reginald, Seite 329).

So finden wir, dass die Humanisten geholfen haben, den Weg für die Reformation vorzubereiten.  Sie diskreditierten einen Großteil der katholischen Theologie.  Sie ermutigten Männer, die Bibel und frühe Kirchenschreiber von einem neuen Standpunkt aus zu studieren.  Sie halfen, die Gedanken der Menschen vom mittelalterlichen Traditionalismus zu befreien, und begannen eine Ära unabhängiger Gelehrsamkeit und Denkweise, die sich um die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen drehte.

Mit dem Aufkommen des Nationalismus, der Erfindung des Buchdrucks und der zunehmenden Verbreitung von Wissen, hätte diese intellektuelle Bewegung im Mittelalter auch bezüglich der Freiheit des Einzelnen bereits gewaltige Veränderungen bewirkt, selbst wenn es keinen Luther, Zwingli oder Calvin gegeben hätte.  Als die Reformation begann, wurde ihr durch rein intellektuelle und oft irreligiöse Kräfte zum Erfolg verholfen.

 

Religiöse Misshandlungen verlangen nach Reformen

Die Einzelheiten der entarteten Moral und kirchlichen Korruption in der Zeit unmittelbar vor der Reformation sind so weit bekannt, dass sie hier nur einer kurzen Erwähnung und Analyse bedürfen.  Es stellt sich jedoch eine notwendige Frage, die meist übersehen oder beiseitegeschoben wird. Das ist die grundlegende Frage, ob die heidnisch geprägte, radikal veränderte und korrumpierte religiös-politische Maschinerie, genannt Römisch-Katholische Kirche, welche die Völker Europas beherrschte, tatsächlich der rechtmäßige und legitime Nachfolger der ursprünglichen apostolischen Kirche war – der einen wahren Kirche, von der Jesus Christus sagte, dass er sie erbauen würde.

Denn, wie wir später sehen werden, beriefen sich auch die protestantischen Kirchen insgesamt in ihrem Anspruch auf historische Einheit mit der apostolischen Kirche auf ihre direkte Abstammung von der Römisch-Katholischen Kirche, ihrer „Mutterkirche“.

War dies die Kirche, die Jesus erbaut hatte?  Waren ihre Führer und ihre Mitglieder vom Geist Gottes erfüllt und geleitet?  Dies ist ein wichtiger Punkt, denn wie der Apostel Paulus sagte: „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Römer 8, 9).

Wir könnten unsere Schlussfolgerungen aus den Aussagen anerkannter Historiker auf diesem Gebiet nicht besser ziehen.  Ein direkter Vergleich wird von Plummer gemacht:

Und als durch die Wiederbelebung der geschriebenen Worte der Inhalt des Neuen Testaments und die Lehre der Väter bekannt wurde, sah man, dass das Christentum, wie es am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts bestand, kaum als solches erkennbar war, wenn es neben das gestellt wurde, was wir über das Christentum am Ende des Apostolischen Zeitalters wissen (Plummer, Seite 11).

Eine lebhafte und umfassende Beschreibung dieser Situation, die den Alltag der Menschen beeinflusste, gibt der bekannte Historiker D'Aubigne:

Sehen wir uns nun an, in welchem Zustand die Kirche kurz vor der Reformation war.  Die Länder der Christenheit sahen nicht mehr auf einen heiligen und lebendigen Gott für das freie Geschenk des ewigen Lebens.  Um es zu erhalten, waren sie verpflichtet, auf alle Mittel zurückzugreifen, die eine abergläubische, ängstliche und alarmierte Phantasie entwickeln konnte.  Der Himmel war gefüllt mit Heiligen und Vermittlern, deren Aufgabe es war, diese Gnade zu erbitten.  Die Erde war gefüllt mit frommen Werken, Opfern, Gebeten und Zeremonien, durch die es erlangt werden sollte (D'Aubigne, Seite 17).

Christus wurde als strenger Richter dargestellt, der bereit war, jeden zu verurteilen, der sich nicht auf die Fürbitte der Heiligen beruft oder auf den päpstlichen Ablass zurückgreift.

Viele Fürsprecher erschienen an Christi Stelle.  An erster Stelle stand die Jungfrau Maria, wie die Diana des Heidentums, und dann kamen die Heiligen, deren Zahl ständig von den Päpsten erhöht wurde.

Religiöse Wallfahrten wurden als Buße für die Sünde vorgeschrieben. Es gab fast so viele religiöse Orte für Pilger wie Berge, Wälder und Täler. Auf diesen Wallfahrten brachten die Leute den Priestern Geld und alles, was einen Wert hatte – Hühner, Enten, Gänse, Wachs, Stroh, Butter und Käse.

D'Aubigne fährt fort:

Die Bischöfe predigten nicht mehr, sondern sie weihten Priester, Glocken, Mönche, Kirchen, Kapellen, Bilder, Bücher und Friedhöfe; und das alles brachte ihnen große Einnahmen.  Knochen, Arme und Füße wurden in goldenen und silbernen Gefäßen aufbewahrt; Sie wurden während der Messe vorgeführt, damit die Gläubigen sie küssen konnten, und auch dies war eine Quelle großen Profits.  Alle diese Leute waren überzeugt, dass der Papst, der „als Gott im Tempel Gottes sitzt“, sich nicht irren könne und keinen Widerspruch dulden würde (D'Aubigne, Seite 17).

Es wird erzählt, dass in derselben Kirche, in der Luther in Wittenberg predigte, ein vermeintliches Fragment der Arche Noah, ein Stück Holz aus der Wiege Jesu, einige Haare aus dem Bart des heiligen Christophorus und neunzehntausend andere Reliquien gezeigt wurden.

Diese religiösen Reliquien wurden im ganzen Land verteilt und an die Gläubigen verkauft wegen der geistlichen Vorzüge, die sie gewähren sollten.  Die wandernden Verkäufer zahlten einen Teil ihrer Gewinne an die ursprünglichen Besitzer der Reliquien.  „Das Himmelreich war verschwunden, und an seiner Stelle war ein Markt der Gräuel auf der Erde eröffnet worden“ (D'Aubigne, Seite 17).

 

Der verderbte Klerus

Während die Mitglieder dieser bekennenden Christenheit teilweise, wegen der vorherrschenden Unwissenheit und des Mangels an richtiger geistlicher Führung entschuldigt werden könnten, hat keine dieser Entschuldigungen irgendein Gewicht, wenn sie auf den höheren Klerus und die Päpste selbst angewandt werden.  Denn diese Männer hatten alle Vorteile von Bildung und Wissen, wenn sie wirklich diese Vorteile hätten anwenden wollten.

Die beklagenswerte Korruption der Römischen Kirche im Jahrhundert vor der Reformation ist erschreckend.  Viele der Päpste waren nicht viel mehr als „respektable“ Verbrecher.

Keine Spur des Heiligen Geistes Gottes ist in ihren Worten oder Handlungen zu finden.  Und dennoch führten und repräsentierten sie, was angeblich die einzige Kirche Gottes auf Erden sein sollte!

In Bezug auf zwei dieser Päpste sagt Wharey:

Sixtus IV. hatte sechzehn uneheliche Kinder, um deren Versorgung und Bereicherung er sich besonders sorgfältig kümmerte.  Aber von allen Päpsten dieser Zeit zeichnete sich vielleicht Rodrigo Borgia besonders durch Bosheit aus, der den Namen Alexander VI. annahm.  Er wurde auch der Catilina der Päpste genannt; und die Bosheiten, Verbrechen und Ungeheuerlichkeiten, die von ihm aufgezeichnet wurden, sind so zahlreich und so groß, dass es sicher sein muss, dass er völlig unvermögend war, nicht nur im Hinblick auf Religion, sondern auch hinsichtlich Anstands und Schamgefühls (Wharey, Seiten 211-212).

Es war damals üblich, dass die Priester ihren Bischöfen für die heimlichen Konkubinen, mit denen sie ihre Betten teilten, und für jedes so erzeugte uneheliche Kind den Preis der Erpressung bezahlten (D'Aubigne, Seite 18). Die römische Religion enthielt nichts mehr, was dazu führte, dass sie von wirklich Frommen geschätzt wurde, und fast die ganze Anbetung Gottes bestand aus äußerlich heidnisch geprägten Zeremonien. Solche Predigten, wie sie gelegentlich an die Menschen gerichtet waren, waren nicht nur des Geschmacks und des gesunden Menschenverstandes beraubt, sondern auch voll von Fabeln und widerlichen Fiktionen (Mosheim, Seite 547).

 

Ist Gottes wahre Kirche korrumpiert worden?

Und dennoch, nachdem sie diese Berichte über den geistlichen Gestank, die völlige Verderbtheit der Moral, die völlige Ignoranz oder Missachtung aller christlichen Wahrheit und Tugend, welche die Römische Kirche über viele Generationen hinweg charakterisierte, selbst berichtet haben, versuchen dieselben protestantischen Autoren im nächsten Atemzug, dieses verkommene System als die „Kirche Christi“ zu bezeichnen – die Kirche, von der Jesus sagte, dass er sie erbauen werde, den vom Geist erfüllten Leib, dessen lebendiges Haupt er ist! (Epheser 1, 22).

Beachten Sie D'Aubignes erbärmliche Klage: „Das Böse hatte sich in allen Rängen ausgebreitet: ‚Eine Macht der Verführung war unter die Menschen gesandt worden; die Korruption der Manieren entsprach der Korruption des Glaubens.  Ein Geheimnis der Ungerechtigkeit bedrückte die versklavte Kirche Christi‘“ (D'Aubigne, Seite 20).

Die Tatsache, dass eine Reinigung dieser Gemeinschaft notwendig war, steht außer Zweifel.  Aber an der angeblichen Tatsache, dass dieses völlig heidnische System die Kirche Gottes auf Erden gewesen sein soll, gibt es große Zweifel.

In der Tat steht die Beschreibung der wahren Kirche, wie sie im Neuen Testament gegeben wird, in völligem Widerspruch zu dem Glauben, der Praxis und dem Leben des römischen Katholizismus, wie er seit Hunderten von Jahren existiert!

Das inspirierte Gebot von Petrus, zu bereuen und sich taufen zu lassen (Apostelgeschichte 2, 38), wurde durch die römische Verfügung „Buße zu tun“ ersetzt – zu beichten und dem Priester Geld zahlen.  Die apostolische Lebensweise der Liebe und des Gehorsams gegenüber Gottes geistlichen Gesetzen wurde durch ein Schema aus Furcht und einer abergläubischen Einhaltung besonderer Fastentage, Feste und kirchlicher Feiern ersetzt, die Christus und der frühen, wahren Kirche völlig fremd waren.

Anstelle der inspirierten Form der Kirchenleitung, die von Christus eingeführt, und von den Aposteln fortgeführt wurde, finden wir eine korrupte Hierarchie von priesterlichen Ämtern, die so nicht in der Bibel erwähnt werden.  Und über dem ganzen verdorbenen System finden wir den römischen Papst, der „sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst als Gott erklärt“ (2. Thessalonicher 2, 4), der sich oft allen Gesetzen Gottes und der Menschen widersetzt und dennoch mit Autorität vorgibt der „Stellvertreter Christi“ zu sein, und der zulässt und ermutigt, dass Menschen sich vor ihm in einer Art von Anbetung niederwerfen, welche Petrus und die anderen Apostel nie zuließen (Apostelgeschichte 10, 25-26).

War dieses völlig niederträchtige, religiös-politische System der legitime Nachfahre der Kirche, die Jesus und die Apostel gegründet hatten?  Würde eine „Reformation“ dieses verderbten Systems eine Fortsetzung der wahren Kirche darstellen?

Dies sind die wirklich grundlegenden Fragen, die wir betrachten müssen.  Und verschließen wir nicht unsere Augen vor der unausweichlichen Tatsache, dass die protestantischen Kirchen direkt aus dem römisch-katholischen System entstammen.

Wie wir nun gesehen haben, haben politische, wirtschaftliche, soziale, intellektuelle und religiöse Faktoren in den Nationen Europas einen universellen Umbruch angekündigt.  Und politische und finanzielle Überlegungen spielten in der folgenden Reformation eine sehr wichtige Rolle.

Als diese dann kam, was war ihre wahre Bedeutung im Gesamtplan und im Zweck des ewigen Gottes?  War es eine Rückgewinnung des „Glaubens, der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist"?  Wir müssen uns diesen Fragen stellen.

Im nächsten Kapitel werden wir uns direkt mit dem Beginn der Protestantischen Reformation unter Martin Luther beschäftigen.  Viele der verborgenen Fakten darüber, was tatsächlich stattgefunden hat und warum, können einem wirklich die Augen öffnen!

 

Kapitel 3

Der Bruch mit Rom

 

Millionen protestantischer Bücher, Broschüren und Traktate verkünden mutig die protestantische Grundlage: „Die Bibel, die ganze Bibel, und nichts als die Bibel ist die Religion der Protestanten“.

In den ersten beiden Kapiteln haben wir aus der Bibel und historischen Berichten erfahren, dass sich im nominellen Christentum kurz nach dem Tod der ursprünglichen Apostel eine bemerkenswerte Veränderung vollzogen hatte.  Heidnische Zeremonien, Traditionen und Ideen wurden in die bekennende christliche Kirche eingeführt.  Später fanden wir heraus, dass während der „dunklen“ Zeitalter, die darauf folgten, die herrschende Katholische Kirche durch ihre Korruption und weltliche Orientierung die Christen dieser Ära zu abergläubischen Überzeugungen und Praktiken brachte, welche Petrus oder Paulus schockiert hätten!

Wir haben die Frage gestellt: War die protestantische Bewegung eine Reformation der wahren Kirche Gottes, die auf Abwege gekommen war?  Haben die protestantischen Reformatoren wirklich „den Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist“, wiederhergestellt?  Wurde diese Bewegung vom Heiligen Geist Gottes inspiriert und geleitet?   Beweisen die „Früchte“ das?

Kommen wir jetzt also direkt zum Beginn der eigentlichen Reformation unter Martin Luther.

 

Luthers Revolte gegen Rom

Wie wir gesehen haben, gab es am Vorabend der Reformation viele Probleme und Missbräuche, die nach einer Reform verlangten.  Diejenigen, die für das geistliche und materielle Wohlergehen der Menschen verantwortlich waren, begnügten sich damit, den Status quo zu bewahren, weil es ihrer eigenen Bereicherung und ihrem religiösen oder politischen Vorteil diente.

Doch das Volk rief nach finanzieller Erleichterung – nach zumindest einem gewissen Maß an politischer Freiheit – und das Joch der religiösen Unterdrückung lag schwer auf der Bevölkerung Europas.

Es bedurfte einer herausragenden Persönlichkeit, um den Anstoß zu geben, der unvermeidlich eine universelle Explosion auslösen würde, die schon lange schwelte.  Doch kein gewöhnlicher Führer konnte diese Rolle erfüllen, egal was seine Ideale oder persönliche Brillanz gewesen wären.  Es brauchte jemanden, der sich mit den unausgesprochenen Sehnsüchten der lokalen Fürsten, mit der Mittelklasse und mit den Bauern identifizieren konnte – jemanden, der sich auf einzigartige Weise mit den lang ertragenen Missständen identifizieren und so zum Symbol des universellen Dranges nach einer vollständigen Revolution im religiösen, sozialen und politischen Leben jener Tage werden konnte.

Ein solcher Mann war Martin Luther.

Die vollständige Identifizierung Luthers mit der Protestantischen Reformation, die Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit als deren Mittelpunkt und Sammelpunkt, wird von allen Historikern bestätigt.  Der Historiker George Fisher beschreibt diesen Umstand: „Zweifellos war Luther der Held der Reformation.  Ohne ihn und seinen mächtigen Einfluss hätten andere reformatorische Bewegungen, selbst solche, die einen eigenständigen Anfang hatten, wie die von Zwingli, zum Misserfolg werden können... Luther ohne die Reformation würde nicht mehr Luther sein“ (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 87).

Ein Verständnis der grundlegenden Fakten über Luthers Kindheit und Jugend ist wichtig als Hintergrund für ein angemessenes Verständnis seiner späteren Überzeugungen und Lehren.

 

Luthers frühes Leben

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines Bauern geboren. Die Familie zog sechs Monate nach Luthers Geburt nach Mansfeld, und er wurde dort in einer Atmosphäre von Strenge und disziplinierter Tugend erzogen.

Ein tiefer Einblick in Luthers frühe Heimat- und Schulzeit wird in Roland Baintons abschließender Biografie gegeben:

Es heißt, Luther habe gesagt: „Meine Mutter hat mich dafür bestraft, weil ich eine Nuss gestohlen habe, bis Blut geflossen ist.  Solch strenge Disziplin trieb mich ins Kloster, obwohl sie es gut meinte“. Diese Aussage wird noch durch zwei andere bekräftigt: „Mein Vater hat mich einmal ausgepeitscht, so dass ich davongelaufen bin und ihn verachtet habe, bis er mich zurückgewinnen wollte“.  „[In der Schule] bezog ich an einem einzigen Morgen fünfzehnmal Prügel, obwohl ich absolut nichts getan hatte.  Ich sollte deklinieren und konjugieren und hatte meine Aufgaben nicht gemacht“ (Bainton, Seite 7-8).

Selbst in diesen frühen Augenblicken können wir ein Muster von Vorfällen sehen, die Luther schließlich dazu brachten, Autorität und jeglicher Notwendigkeit von Gehorsam zu entgehen.  Wir müssen seinen Hintergrund eines mittelalterlichen Aberglaubens und der Furcht verstehen, um seine Betonung des Glaubens allein in späteren Jahren vollständig zu verstehen.

Die Atmosphäre in Luthers Familie war eindeutig geprägt von einem rauen, bäuerlichen Leben.  Aber es gab ein starkes religiöses Gefühl in der Familie.  Sein Vater Hans betete am Bett seines Sohnes, und seine Mutter war im Ort als sehr fromme Person bekannt.

Dennoch wurden viele Elemente des alten deutschen Heidentums mit der „christlichen“ Mythologie im Glauben der Bauern vermischt.  Die Wälder, dachten sie, waren von Elfen, Gnomen, Feen, Hexen und anderen Geistern bevölkert.  Luthers eigene Mutter glaubte, sie könnten Eier, Milch und Butter stehlen.  Luther selbst behielt viele dieser Überzeugungen bis zu seinem Tod bei.  Er sagte einmal: „In meinem Heimatland auf dem höchsten Berg, Pubelsberg genannt, ist ein See, in dem, wenn ein Stein hineingeworfen wird, ein Sturm über die ganze Gegend aufsteigt, weil das Wasser ein Ort gefangener Dämonen ist“ (Bainton, Seite 19).  Sein frühes katholisches Religionsleben war erfüllt von Szenen mit Kirchtürmen, Klöstern, Priestern, Mönchen verschiedener Orden, Reliquiensammlungen, Glockengeläut, Verkündigung von Ablässen, religiösen Prozessionen und angeblich heilenden Gegenständen in Schreinen.  In all diesen Dingen hatte er eine normale religiöse Erziehung für diese Zeit.

Mit fünfzehn Jahren wurde Luther in Eisenach zur Schule geschickt, wo seine Mutter Verwandte hatte.  Wie viele der anderen armen Studenten dort, musste er auf der Straße singen und um Brot betteln.  1501 ging Luther an die Universität Erfurt, weil er mit seinem Vater übereingekommen war, eine juristische Karriere zu beginnen.  Schon während seines Studiums haben einige geistliche Krisen Luthers Werdegang gestört und schließlich sein ganzes Leben umgestaltet.

 

Luthers eigener geistiger Wendepunkt

Bevor wir auf die spezifischen Ereignisse eingehen, die dazu geführt haben, dass Luther von dem gewöhnlichen Leben abwich, das sein Vater für ihn geplant hatte, ist es hilfreich zu wissen, welche Auswirkungen die normale religiöse Erziehung dieses Zeitalters auf Jugendliche im Allgemeinen und auf Luther im Besonderen hatte.  

Es gibt nur einen Aspekt, in dem sich Luther offenbar von anderen Jugendlichen seiner Zeit unterschied, nämlich dass er außerordentlich empfindlich war und wiederkehrenden Phasen von Hochgefühl und Depressionen ausgesetzt war. Diese Stimmungsschwankungen plagten ihn zeitlebens.  Er bezeugte, dass es in seiner Jugend begann und dass die Depressionen in den sechs Monaten vor seinem Eintritt in das Kloster akut waren (Bainton, Seite 20).

Wir können sehen, dass Luther in der Tat mental sehr beunruhigt war. Dieses Problem der Stimmungsschwankungen – verstärkt durch ein Gefühl der ewigen Schuld, das die katholischen Lehren hervorriefen – ließ Luther eine Art emotionale Befreiung von diesen inneren Konflikten suchen.

Bainton sagt:

Die Erklärung liegt eher in den Spannungen, die die mittelalterliche Religion bewusst herbeiführte, indem sie abwechselnd auf Angst und Hoffnung anspielt.  Das Konzept der Hölle wurde befeuert, nicht weil die Menschen in ständiger Angst lebten, sondern gerade deshalb, weil sie dies nicht taten, und so musste man genug Angst erzeugen, um sie zu den Sakramenten der Kirche zu treiben.  Nachdem sie vor Schrecken versteinert waren, wurde das Fegefeuer als Abschwächung und Zwischenstation eingeführt, wo diejenigen, die nicht schlecht genug für die Hölle und nicht gut genug für den Himmel waren, eine weitere Sühne durchmachen könnten.  Wenn diese Erleichterung zur Selbstzufriedenheit beitrug, wurde die Temperatur im Fegefeuer erhöht, und schließlich wurde der Druck durch den Verkauf von Ablässen wieder gelockert (Bainton, Seite 21).

So können wir sehen, dass mit Luthers Empfindlichkeit leicht gespielt werden konnte angesichts der religiösen Ängste, die ihm seit seiner Kindheit eingeimpft wurden. Diese Ängste waren ein wesentlicher Bestandteil des Systems, das Luther schließlich verabscheute.

Vielleicht war das erste in einer Reihe von Ereignissen, die Luther allmählich zu seiner späteren Rolle als Reformator führten, eine Entdeckung, die er im Alter von zwanzig Jahren gemacht hatte, als er bereits sein Bakkalaureat erhalten hatte.  Es geschah, als er eines Tages die Bücher in der Erfurter Bibliothek anschaute.  Er holte beiläufig ein Exemplar der lateinischen Bibel heraus.  Es war das erste Mal, dass er ein Exemplar der Bibel in seinen Händen hielt, und er war überrascht über den Reichtum seines Inhalts und studierte es eifrig (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 88).  Obwohl er sich seit einiger Zeit mit humanistischen Studien befasst hatte, kehrten die tiefen religiösen Ängste, die ihn seit seiner Kindheit beeinträchtigt hatten, zum ersten Mal in dieser und den folgenden Ereignissen zurück und begannen, seine Gedanken zu beschäftigen.

 

Luther gerät in ein Gewitter

Als er später von einem Besuch bei seinen Eltern nach Erfurt zurückkehrte, kam ein Sturm auf und ein Blitz schlug Luther und seinen Gefährten nieder. Luther erholte sich schnell wieder, wurde jedoch tief bewegt, als er entdeckte, dass sein Freund Alexis getötet worden war.  In dem Moment beschloss Luther, mit Gott Frieden zu schließen, und er trat bald darauf in das Augustinerkloster Erfurt ein, um Priester zu werden.

Im Jahr 1507 empfing er die Priesterweihe, aber sein Studium und seine geistlichen Exerzitien brachten ihm nicht den inneren Frieden, den er so verzweifelt suchte.  Er wurde von Staupitz, dem Vikar des Ordens ermutigt, Passagen aus der Bibel und aus den Schriften der Kirchenväter zu studieren. Obwohl diese Studie hilfreich war, beruhigte sie Luthers Rastlosigkeit und innere Qual nicht.

In dieser Zeit waren viele von der bemerkenswerten Erscheinung Luthers beeindruckt.  1518 sagte ein Zeitgenosse von ihm: „Ich konnte dem Mann kaum in das Gesicht sehen, ein solches teuflisches Feuer schoss aus seinen Augen“ (Hausser, Seite 8).

 

Luther fühlte sich unfähig, Gott zu gehorchen

Aufgrund eines Gefühls von persönlicher Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit machte er sich daran, die guten Werke zu tun, die zur Rettung seiner Seele vorgeschrieben waren.  Es gab viele solche Übungen, die der Katholizismus damals empfohlen hatte.  

Er fastete, manchmal drei Tage, ohne einen Krümel zu essen.  Die Zeiten des Fastens trösteten ihn mehr als die des Feierns.  Die Fastenzeit war trostreicher als Ostern.  Er legte mehr Nachtwachen und Gebete ein, als durch die Klosterordnung festgelegt war.  Er legte die Decken ab und ließ sich fast erfrieren.  Manchmal war er stolz auf seine Heiligkeit und sagte: „Ich habe heute nichts Verkehrtes getan“.  Dann kamen ihm wieder Bedenken.  „Hast du genug gefastet?  Bist du arm genug?“  Er entledigte sich dann aller Kleidungsstücke, abgesehen von dem was der Anstand erforderte.  Er vermutete im späteren Leben, dass seine Kasteiungen seine Verdauung dauerhaft geschädigt hätten (Bainton, Seite 34).

Alles, was Luther zu dieser Zeit von Christus wusste, war, dass er ein „strenger Richter“ war, vor dem er fliehen wollte.  Aufgrund eines Gefühls der völligen Verdammung beharrte Luther darauf, seinen Körper und seinen Geist mit den verschiedenen religiösen Übungen zu belasten, die die Mönche seiner Zeit praktizierten.  „Wenn ein Mönch jemals den Himmel durch Aktivitäten eines Mönchs gewonnen hätte, hätte ich auch meinen Weg dorthin gefunden; Alle meine Klostergenossen werden das bezeugen“ (Lindsay, Seite 427).

Beachten Sie, dass diese Dinge alle auf Luthers starke Verbundenheit mit der Römischen Kirche hinweisen.  Er war ein Teil davon, wurde darin aufgezogen und war von ihren Lehren durchdrungen.  Und wie so oft in ähnlichen Fällen, als der Bruch kam, sollte es ein gewalttätiger sein.

Das Problem war, dass er Gott zu keinem Zeitpunkt zufriedenstellen konnte. Im späteren Leben kommentierte Luther die Bergpredigt und drückte seine Ernüchterung in dieser Hinsicht aus.  In Bezug auf die Gebote Jesu sagte er: „Dieses Wort ist zu hoch und zu hart, dass es irgendjemand erfüllen könnte.  Dies wird nicht nur durch das Wort unseres Herrn bewiesen, sondern durch unsere eigene Erfahrung und unser Gefühl.  Nehmen Sie einen aufrechten Mann oder eine aufrechte Frau.  Er wird mit denen, die ihn nicht provozieren, sehr gut auskommen, aber sollte jemand nur die geringste Irritation bringen, wird er im Zorn aufflammen..., wenn nicht gegen Freunde, dann gegen Feinde.  Fleisch und Blut können sich nicht darüber erheben“ (Bainton, Seite 34).

In seiner eigenen Überzeugung, dass es dem Menschen unmöglich ist, das zu tun, was Gott verlangt, setzte Luther seine Suche nach einer Antwort auf seinen Schuldkomplex fort.  Nachdem er an der Universität Wittenberg, die im Zusammenhang mit dem Augustinerkloster betrieben wurde, Professor wurde, begann er, Vorlesungen über die Paulusbriefe zu geben.

Er hatte kaum begonnen, den Brief an die Römer darzulegen, als seine Augen auf die Passage fielen: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Römer 1,17).  Diese Worte hinterließen einen tiefen Eindruck bei Luther, und er dachte sehr lange über ihre Bedeutung nach.

 

Seine Enttäuschung über das Papsttum

Als Luther in dieser Zeit einige Zeit in Rom war, lief er voller hingebungsvoller Begeisterung durch die Stadt und versuchte, sich die geistlichen Segnungen zu sichern, die durch das Betrachten verschiedener heiliger Relikte und durch Buße an heiligen Schreinen angeboten wurden.   Während er auf der Treppe des sogenannten Richterstuhls von Pilatus Buße tat, kam ihm erneut der eindringliche Text der Schrift in den Sinn: – „Der Gerechte wird aus Glauben leben“.

Während Luthers Aufenthalt in Rom wuchs die Ernüchterung über den Charakter der Römischen Kirche.  Er begann zu sehen, was für ein korruptes und abscheuliches System sie geworden war.  Während er bei mehreren Messen in Rom mitwirkte, versuchte er die Würde und Ehrerbietung aufrechtzuerhalten, von der er glaubte, dass sie dem Anlass angemessen war. Er war jedoch sehr verstört angesichts der leichtfertigen und völlig respektlosen Art und Weise, in der die römischen Priester das Altarsakrament feierten.  D’Aubigne berichtet:

Eines Tages, als er eine Messe leitete, stellte er fest, dass die Priester an einem benachbarten Altar bereits sieben Messen wiederholt hatten, bevor er nur eine beendet hatte.  „Schnell, schnell!“, rief einer von ihnen, „schickt der Gottesmutter ihren Sohn zurück“; und sie macht eine lästerliche Anspielung in Bezug auf die Umwandlung des Brotes in den Leib und das Blut Jesu Christi.  Bei einer anderen Gelegenheit hatte Luther gerade erst das Evangelium erreicht, als der Priester an seiner Seite die Messe bereits beendet hatte.  „Passa, Passa!“, rief dieser ihm zu: „Beeilen Sie sich! Machen Sie schon Schluss“ (D’Aubigne, Seite 193).

„Noch größer war sein Erstaunen, als er in den Würdenträgern des Papsttums das fand, was er bereits im niederen Klerus beobachtet hatte.  Er hatte auf etwas Besseres gehofft“ (D'Aubigne, Seite 68).

Als er nach Hause zurückkehrte, dachte er über die Szenen der frommen Pilger in Rom nach, die durch verschiedene Bemühungen die Erlösung suchten.  Und es schauderte ihn, wenn er an die Frivolität, die moralische Verkommenheit und das Fehlen echter geistlicher Erkenntnisse in dieser Stadt dachte – angeblich „der Hauptstadt der Christenheit“.  Die Worte des Paulus kehrten zu ihm zurück: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“.  Endlich hatte er das Gefühl, dass er sie verstehen konnte.

 

Das Kernstück der Theologie Luthers

Fisher stellt über Luther fest:

Er hat gesehen, dass Christus nicht als Gesetzgeber gekommen war, sondern als Erlöser; dass diese Liebe, nicht Zorn oder Gerechtigkeit, das Motiv in seiner Mission und seinem Werk ist; dass die Vergebung der Sünden durch ihn ein freies Geschenk ist; dass die Beziehung der Seele zu ihm und durch ihn zum Vater, die durch den Begriff Glauben ausgedrückt wird, die Antwort der Seele auf die göttliche Barmherzigkeit ist, und dass das alles ist, was erforderlich ist.  Diese Methode der Versöhnung ist ohne die Werke des Gesetzes (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 91).

Hier sehen wir den zentralen Punkt der gesamten Theologie Luthers. Diese Rechtfertigungslehre wurde zum Eckpfeiler aller späteren religiösen Bemühungen Luthers. Sie alleine hatte ihn von seinem quälenden Schuldgefühl und der Angst vor Verdammnis befreit. Und wir können hinzufügen, dass dies ihm einen Weg gab, die Anforderungen des geistlichen Gesetzes Gottes zu umgehen – von dem Luther glaubte, dass er es nicht halten konnte – und welches er letztlich immer mehr hasste.

Es ist offensichtlich, dass Luther bei all dem Nachdenken über das Gesetz die katholische Idee ritueller „Werke“ und Buße mit den Zehn Geboten Gottes gleichsetzte.  Besessen von der Idee, jegliche Notwendigkeit von Gehorsam zu umgehen, begann er zu glauben, dass allein der Glaube für die Erlösung ausreicht.

Die logische Konsequenz der neuen Position Luthers musste zu einem Konflikt mit Rom führen.  In der Frage des Verkaufs von Ablässen wurde erstmals sein direkter Widerstand gegen die orthodoxe katholische Lehre bekannt.

 

Die Lehre vom Ablass

Nach seiner Rückkehr aus Rom nahm Luther seine Lehrtätigkeit an der Universität Wittenberg wieder auf und setzte das Studium der Schrift und die Entwicklung seiner Rechtfertigungs- und Heilstheorie fort.  Durch die Ermutigung seines Vorgesetzten Staupitz vollendete er seine Doktorarbeit, um Staupitz durch die Übernahme des Lehrstuhls für Bibelstudien an der Universität nachzufolgen.  1512 promovierte er zum Doktor der Theologie und setzte seine Lehrtätigkeit fort.

Währenddessen wuchsen und entwickelten sich seine Ideen zur Rechtfertigung.  Er schrieb:

Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem Römerbrief kennenzulernen, und nichts stand im Weg, als dieser eine Ausdruck „die Gerechtigkeit Gottes“, weil ich es als die Gerechtigkeit verstand, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft. – Ich aber, der ich trotz meines untadeligen Lebens als Mönch, mich vor Gott als Sünder mit durch und durch unruhigem Gewissen fühlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott versöhnt: ich liebte nicht, ja, ich hasste diesen gerechten Gott, der Sünder straft; wenn nicht mit ausgesprochener Blasphemie, so doch gewiss mit einem ungeheuren Murren war ich empört gegen Gott.  Dennoch klammerte ich mich an den lieben Paulus und hatte eine große Sehnsucht, zu wissen, was er meinte (Bainton, Seite 49).

Beachten Sie, dass Luther eingestand, dass er Gott in der Rolle des Gesetzgebers und Richters hasste.  Tatsächlich verwirrte ihn sein falsches katholisches Konzept des Gehorsams im Hinblick auf die wahren, geistlichen Fragen, um die es eigentlich ging.  Er war wie ein Mann, der geistlich betrunken war – und der seinen Weg aus einem Abgrund suchte.  In seiner seelischen Qual aufgrund der katholischen Lehre war er auch gänzlich entschlossen, einen Weg zu finden um Gehorsam, Gesetz und Gerechtigkeit zu umgehen.

Luther schrieb:

Ich habe Tag und Nacht nachgedacht, bis ich die Verbindung zwischen der Gerechtigkeit Gottes und der Aussage sah, dass „die Gerechten durch seinem Glauben leben werden“.  Dann begriff ich, dass die Gerechtigkeit Gottes jene Gerechtigkeit ist, durch die Gott uns durch Glauben aus reiner Gnade und Barmherzigkeit rechtfertigt.  Daraufhin fühlte ich mich wie neu geboren und durch offene Türen ins Paradies eingegangen. Die gesamte Schrift bekam eine neue Bedeutung, und während mich die „Gerechtigkeit Gottes“ früher von Hass erfüllt hatte, wurde sie mir jetzt zu unaussprechlich bezaubernder und größerer Liebe.  Diese Passage von Paulus wurde für mich zu einem Tor zum Himmel… (Bainton, Seite 49).

Wir können also sehen, dass Luther mit der zunehmenden Betonung, die er auf eine Rechtfertigung allein durch den Glauben legte, die römisch-katholische Praxis des Verkaufs von Ablässen als besonders verabscheuungswürdig empfand – und als einen Missbrauch, dem er natürlich entgegentreten wollte.   Da die Angelegenheit des Ablasshandels die unmittelbare Ursache für Luthers Bruch mit Rom war, ist es an dieser Stelle besonders hilfreich, eine wissenschaftliche Beschreibung dieser Praxis und den genauen Wortlaut der Ablässe zu zitieren.

 

Eine Beschreibung der Ablässe

James Wharey dokumentiert die Praxis des Ablasshandels im Detail:

Ablässe in der Römischen Kirche sind ein Erlassen der Strafe aufgrund von Sünde, das von der Kirche gewährt wird und den Sünder vor dem Fegefeuer retten soll.  Nach der Lehre der Römischen Kirche werden alle guten Werke der Heiligen, die über das für ihre eigene Rechtfertigung Notwendige hinausgehen, zusammen mit den unendlichen Verdiensten Jesu Christi in einer unerschöpflichen Schatzkammer deponiert.  Die Schlüssel dazu wurden dem Hl. Petrus und seinen Nachfolgern, den Päpsten, übergeben, die diese nach Belieben öffnen konnten; und indem ein Teil dieses übermäßigen Verdienstes für einen bestimmten Geldbetrag einer bestimmten Person übertragen wird, kann diese entweder die Begnadigung für ihre eigenen Sünden erwirken, oder die Befreiung von den Qualen des Fegefeuers für jemanden, der ihr wichtig ist.

Solche Ablässe wurden erstmals im 11. Jahrhundert von Urban II. als eine Entschädigung für diejenigen erfunden, die sich persönlich der ruhmreichen Eroberung des Heiligen Landes widmeten.  Sie wurden später jedem gewährt, der für diesen Zweck einen Soldaten bezahlte; und im Laufe der Zeit wurden sie jedem gewährt, der Geld für irgendein frommes Werk gab, das der Papst angeordnet hatte.  Die Macht, Ablässe zu gewähren, wurde in der Kirche von Rom stark missbraucht.  Um das eindrucksvolle Gebäude des Petersdoms in Rom zu errichten, veräußerte Papst Leo X. Ablässe und Freibriefe für alle, die Geld dazu beisteuerten.  Zur Förderung des Projekts gewährte er Albrecht II., dem Kurfürsten von Mainz und Erzbischof von Magdeburg, den Handel mit Ablässen in Sachsen und den angrenzenden Landesteilen, und veräußerte die der anderen Länder an den jeweils Meistbietenden.  Diese wiederum engagierten die fähigsten Prediger, um das Beste aus ihrem Handel herauszuschlagen und den Wert der Ware anzupreisen.  Die Formel dieser Ablassbriefe war wie folgt:

„Möge unser Herr Jesus Christus dir gnädig sein und dich durch die Verdienste seines allerheiligsten Leidens von deinen Sünden lossprechen.  Und durch seine Vollmacht, die seiner gesegneten Apostel Petrus und Paulus, und des heiligsten Papstes, die mir in diesen Teilen gewährt und übertragen wurden, entbinde ich dich zuerst von allen kirchlichen Vergehen, wie auch immer sie geschehen sind; von all deinen Sünden, Übertretungen und Exzessen, wie unermesslich sie auch sein mögen; selbst von denen, die der Erkenntnis des Heiligen Stuhls vorbehalten sind, und soweit die Schlüssel der heiligen Kirche reichen.  Ich nehme von dir alle Strafen, die du im Fegefeuer für sie verdienst; und ich bringe dich zurück zu den heiligen Sakramenten der Kirche, zur Gemeinschaft der Gläubigen und zur Unschuld und Reinheit, die du bei der Taufe besessen hast; so dass, wenn du stirbst, die Tore zur Strafe geschlossen werden und die Tore des Paradieses der Freuden geöffnet werden; und wenn du gegenwärtig nicht stirbst, bleibt diese Gnade in voller Kraft, wenn du dereinst dem Tod nahe bist. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Wharey, Seite 224–226).

Wharey kommentiert, dass die glühenden Beschreibungen, die die Ablasshändler über deren Vorzüge abgaben, manchmal fast unglaublich waren.  Wenn ein Mann Ablassbriefe kaufen würde, könnte seine Seele sicher sein, dass sie gerettet wird.  „Siehe“, sagten sie, „der Himmel ist offen; Wenn du jetzt nicht eintrittst, wann trittst du dann ein?“

Es war der große Missbrauch dieser ohnehin abscheulichen Praxis, der Martin Luther dazu veranlasst hat, sich eindeutig gegen Rom zu stellen.  Er hatte natürlich Recht, sich dieser Praxis zu widersetzen.  Diesen Standpunkt einzunehmen, wie er es tat erforderte Mut.  Doch die Frage, die wir stellen möchten, ist, ob er dadurch dazu veranlasst wurde, zu dem „ein für alle Mal überlieferten Glauben“ zurückzukehren, oder ob er einfach den Teil der katholischen Lehre ablehnte, mit dem er nicht einverstanden war – und an seine Stelle ein anderes, rein menschlich inspiriertes kirchliches System setzte, das ihm passte.

 

Der Ablass für den Petersdom in Rom

In Luthers Nähe wurde die Verkündigung des Ablasses für den Aufbau des Petersdoms in Rom einem Dominikaner, Tetzel, einem erfahrenen Verkäufer, anvertraut.  Der Ablass wurde nicht direkt in Luthers Pfarrei angeboten, weil die Kirche ohne Zustimmung der örtlichen Behörden keinen Ablass einführen konnte.  In diesem Fall hatte der Kurfürst Friedrich der Weise nicht zugestimmt, da er nicht wollte, dass der Ablass für den Petersdom in den Ablass der Allerheiligenkirche in Wittenberg eingriff (Bainton, Seite 57).

Tetzel kam jedoch so nahe, dass Luthers Gemeindemitglieder die Grenze überschreiten und mit erstaunlichen Freibriefen zurückkehren konnten, als Folge der massiven Verkaufskampagne, die Tetzel und seine Kollegen veranstalteten.

Luther war empört über diese schamlose Einmischung des Papstes, und sein Blut als Reformator geriet in Wallung.  Er fertigte fünfundneunzig Thesen zur Debatte an und nagelte diese an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg, wie es damals üblich war.  Dies war am 31. Oktober 1517.

Viele von Luthers Thesen appellierten an die verzweifelte finanzielle Notlage der deutschen Bauern und indirekt an das Papsttum, nicht mehr Geld von ihnen zu fordern.  In seiner fünfzigsten These erklärte Luther: „50. Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als dass sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde“ (Bettenson, Seite 267).

In den hitzigen Diskussionen, die darauf folgten, erklärte Luther:

In diese unersättliche Basilika werden die Einnahmen aller Christen gesaugt. Die Deutschen lachen darüber, wenn man dies den gemeinsamen Schatz der Christenheit nennt.  Schon bald werden alle Kirchen, Paläste, Mauern und Brücken Roms von unserem Geld gebaut.  Zuallererst sollten wir lebende Tempel errichten, nicht örtliche Kirchen und nur als Letztes den Petersdom, der für uns nicht notwendig ist.  Wir Deutschen können den Petersdom nicht besuchen.  Besser wäre, dass er niemals gebaut werden sollte, als dass unsere Pfarrkirchen beraubt werden sollten (Bainton, Seite 61).

Luthers politischer Appell an seine deutschen Mitbürger zeigt sich in allen frühen Schriften zu diesem Thema.  Er argumentierte nicht aus dem geistlichen Prinzip, was vor Gott richtig oder falsch ist, sondern vor allem aus der nationalistischen Einstellung, dass das Geld aus Ablässen für deutsche religiöse Zwecke ausgegeben werden sollte.

Luthers Angriff auf die päpstliche Finanzpolitik brachte eine bereitwillige Einigung der Deutschen zustande, die seit langem unter einem Gefühl der Bedrückung durch die italienische Hierarchie litten – wie sie es oft sahen. Luthers anderer Punkt, dass Ablässe dem Empfänger geistlich schaden, und dass der Papst keine absolute Macht über das Fegefeuer oder die Vergebung der Sünden hat, lösten ebenfalls kontroverse Diskussionen aus.

Obwohl der Durchschnittsdeutsche wahrscheinlich lediglich die Forderung nach finanzieller Entlastung vollständig verstand, hatte nur Luthers Verbindung dieser Volksbeschwerde mit der Idee der Blasphemie gegen die Barmherzigkeit Gottes das Potenzial, eine Volksrevolution auszulösen.

Luther unternahm keine Schritte, um seine Thesen unter den Leuten zu verbreiten.  Andere übersetzten sie jedoch heimlich ins Deutsche und ließen sie drucken.  Sie wurden bald zum Gesprächsthema in ganz Deutschland, und Luthers Karriere als Reformator war gestartet (Bainton, Seiten 62–63).

 

Luthers endgültiger Bruch mit Rom

Als Luther seine Thesen zum ersten Mal veröffentlichte, beabsichtigte er nicht, sie allgemein zu verbreiten.  Nun aber, nachdem sie verteilt worden waren, stand er zu ihnen in nachfolgenden Diskussionen und in Traktaten, die er zu ihrer Verteidigung schrieb.  Obwohl sich die Nachricht von diesen Entwicklungen nur langsam verbreitete, dauerte es nicht lange, bis die Behörden in Rom wussten, dass der größte Teil Deutschlands für Luther Partei ergreifen wollte.

In Rom wurde gegen Luther Anklage erhoben, und der Papst beauftragte Kardinal Cajetan, ihn in Gesprächen mit Luther zu vertreten.  Es wurde ihm gesagt, er solle versuchen, Luther zu überzeugen, radikale Ideen aufzugeben – und die Angelegenheit so ruhig wie möglich zu behandeln (Hausser, Seiten 19–20).  Doch Cajetans Bemühungen änderten nichts.

Daraufhin wurde ein zweiter Versuch unternommen, Luther in der Gemeinschaft mit Rom zu halten.  Karl von Miltitz, einem päpstlichen Nuntius, gelang es, Luthers Vertrauen zu gewinnen und mit ihm eine Vereinbarung zu treffen, um das Schweigen aufrechtzuerhalten – vorausgesetzt, seine Feinde würden es auch tun –, bis die päpstlichen Vertreter Luthers neue Lehren untersucht hatten.  „Und dann“, sagte Luther, „wenn ich des Irrtums überführt bin, werde ich ihn bereitwillig widerrufen und die Macht und den Ruhm der heiligen Römischen Kirche nicht schwächen“ (Hausser, Seite 22).

Wir stellen fest, dass Luther die Römische Kirche immer noch als „heilig“ ansah!  Es ist wichtig zu erkennen, wie gründlich Luther in ihrer Philosophie und Lehre verankert war.  Es stimmt zwar, dass er in einigen Punkten letztendlich anderer Meinung war, doch bis zum Ende war Martin Luther – als römischer Katholik geboren und aufgewachsen, und von Beruf ein katholischer Priester – von den Konzepten, Dogmen und Traditionen, die seine Kirche im Mittelalter aufgebaut hatte, buchstäblich durchdrungen.

Selbst noch am 3. März 1519 schrieb Luther an den Papst:

Nun, Heiliger Vater, ich protestiere vor Gott und seinen Geschöpfen, dass es niemals mein Ziel war, noch ist es jetzt, etwas tun zu wollen, das die Autorität der Römischen Kirche oder die Ihrer Heiligkeit schwächen oder stürzen könnte; nein, umso mehr bekenne ich auch, dass die Macht dieser Kirche über allen Dingen steht; dass nichts im Himmel oder auf Erden vor sie gesetzt werden soll, Jesus allein, der Herr von allen, ausgenommen (Alzog, Seite 195).

Wenn er in diesem Brief nicht gelogen hat, glaubte Martin Luther selbst zu diesem späten Zeitpunkt, dass die römisch-katholische Religion die wahre Kirche Gottes auf Erden sei!

 

Luthers Vorgehen

Aber seine Einigung mit Rom, nicht öffentlich zu sprechen, sollte nur von kurzer Dauer sein.  Der Leipziger Theologe Dr. Johannes Eck forderte Luther öffentlich dazu auf, über seine neuen Lehren zu debattieren (Hausser, Seite 22). Der Kampf um Worte und Flugschriften flammte wieder auf.

In den Debatten verdrehte Luther, wie immer, Rechtfertigung und Erlösung.  Er behauptete weiterhin, dass dieser Glaube allein – ohne irgendwelche Werke – für die Erlösung ausreicht.  Als er mit anderslautenden Aussagen aus dem Jakobusbrief konfrontiert wurde, stellte er die Echtheit des Briefes in Frage (Alzog, Seite 302).

Es ist wichtig zu wissen, dass Luther nicht nur einmal, sondern viele Male die Autorität eines jeden Buches in der Bibel in Frage stellte, das mit seinen Ideen zur Rechtfertigung nicht in Einklang zu sein schien.  Wir werden Luthers widersprüchliche Aussagen zur Heiligen Schrift später in diesem Buch besprechen.

 Nach den Leipziger Debatten ging Dr. Eck nach Rom, um Papst Leo X. vor der Gefahr zu warnen, die Luther für die Katholische Kirche in Deutschland darstellte.  Eine päpstliche Bulle wurde 1520 herausgegeben, die Luther und einundvierzig seiner Thesen verurteilte.  Er selbst sollte exkommuniziert werden, wenn er nicht innerhalb von sechzig Tagen widerrufen würde (Alzog, Seite 300).

 

Mächtige Unterstützer sammeln sich

Wegen Luthers Beliebtheit bei den einfachen Leuten und beim Adel wurde die päpstliche Bulle in Deutschland mit offener Ablehnung aufgenommen.  Viele erklärten, es sei nicht notwendig, dem zu gehorchen, und Luthers Beschützer, Friedrich der Weise, lehnte den Gehorsam gegenüber der Bulle offen ab.  Luther unternahm dann den unerhörten Schritt, die päpstliche Bulle in Gegenwart seiner Mönchsbrüder, der Studenten und der Bürger von Wittenberg öffentlich zu verbrennen (Hausser, Seite 27).

Dieser mutige Schritt, einen vollständigen Bruch mit Rom zu vollziehen, lenkte die Aufmerksamkeit der gesamten deutschen Nation auf Luthers Sache.  Er fand schnell politische Unterstützung in der wohlwollenden Haltung des Kurfürsten und der Juristen, die seit langem über die Einmischung kirchlicher Gerichte in zivile Angelegenheiten verärgert waren. Er fand auch bereitwillige Verbündete in den humanistischen Gelehrten, die von nationalistischem Eifer erfüllt waren und bereit waren, die von Italien und der päpstlichen Herrschaft erlittenen Schmähungen Deutschlands zu vergelten.  Sie waren bereit, mit Beschimpfung und Satire zu schreiben und auch ihre Schwerter zu gebrauchen (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 102).

Bald nach diesen Ereignissen richtete Luther einen politischen Appell an den deutschen Adel, ihn zu unterstützen.  Seine Herausforderung an das „ruhmreiche deutsche Volk“, das geboren wurde, „um Meister zu sein“, wirkte auf viele deutsche Adlige und Fürsten elektrisierend.  Aber der Appell war rein politischer Natur, und dieselbe Art von Aufruf wurde von deutschen Generälen und Diktatoren modernerer Zeit ebenfalls mit Erfolg eingesetzt!

Luther drängte:

Arme Deutsche, die wir sind – wir sind betrogen worden! Wir wurden geboren, um Meister zu sein, und wir wurden gezwungen, das Haupt unter dem Joch unserer Tyrannen zu beugen und Sklaven zu werden. Name, Titel, äußerliche Zeichen des Königtums, all diese besitzen wir; Kraft, Macht, Recht, Freiheit, alle diese sind auf die Päpste übergegangen, die uns dieser beraubt haben.  Sie bekommen den Kern, wir bekommen die Hülle… Es ist an der Zeit, dass die glorreichen Deutschen aufhören sollten, die Marionette des römischen Pontifex zu sein (Bettenson, Seite 278).

Von hier an mussten Luther und seine Anhänger versuchen, ein neues religiöses System zu gründen, das die Lehren aus Luthers aktiver Feder mit einschloss.  In zukünftigen Kapiteln werden wir sehen, ob Luthers System eine Rückkehr zum Glauben, zur Lehre und zur Praxis von Christus und der apostolischen Kirche darstellte.

 

 

Kapitel 4

 

Die Reformation wächst

 

Nach seinem endgültigen Bruch mit Rom begann Luther, den Kontakt mit einigen führenden Adligen und Fürsten zu pflegen, um seine Sache voranzubringen.  Ohne angemessenen Schutz war er ein toter Mann – stand unter dem Bann des Kaisers und des Papstes.

Durch seine Auseinandersetzungen mit Johannes Eck in seinen Predigten, Schriften und anderen reformatorischen Arbeiten gewann Luther den Respekt einiger junger Humanisten in Deutschland.  Darunter waren Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen.  Von Hutten unterstützte Luthers religiöse Appelle, indem er kämpferische Flugschriften gegen den Papst und den hohen Klerus schrieb.  Und von Sickingen bot als enger Freund Luther sein Schloss als Zufluchtsort im Notfall an.

Zwei weitere Männer unterstützten Luthers Arbeit und waren mit ihm an der Universität Wittenberg verbunden.  Der erste war Andreas Karlstadt, Luthers Dekan an der theologischen Fakultät, der ihm den Doktortitel verliehen hatte.  Karlstadt war zu dieser Zeit ein fähiger Theologe, hatte aber nicht Luthers Persönlichkeit und volkstümliche Beredsamkeit.  Er wurde als etwas ungestüm angesehen und wünschte oft eine umfassendere Reform als Luther.  Zu Luthers Bestürzung setzte Karlstadt manchmal in die Tat um, worüber Luther nur sprach.

Der andere Mann, der sich in Luthers Unterricht vertiefte, war Philip Melanchthon, der Professor für Griechisch an der Universität.  Zu dieser Zeit war er erst einundzwanzig Jahre alt, aber er war gebildet, sensibel und brillant – und hatte bereits einen guten Ruf wegen seiner Fähigkeiten.  Seine Bekehrung zu Luthers Lehre war kein Wirken des Geistes, sondern das Ergebnis seiner enthusiastischen Übereinstimmung mit Luthers Interpretation der Schriften des Paulus.

Diese Humanisten, diese Theologen, der Kurfürst Friedrich der Weise und viele andere Fürsten, Adlige und Gelehrte – alle begannen, sich mit Luther und seinen Lehren zu verbünden.  Für die meisten Fürsten und Adligen waren die Motive rein politischer und finanzieller Natur. Sie hatten die Dominanz und Einmischung des italienischen Papsttums satt.  Luther war zu einem konkreten Symbol dieser bereits lange schwelenden Rebellion geworden.  Unter seiner Führung waren sie in einem gemeinsamen Hass gegen die materielle Macht der Römisch-Katholischen Kirche vereint (Alzog, Seite 202).

Für die Humanisten wurde Luther zu einem Verfechter, der in volkstümlicher Beredsamkeit aussprach, worüber sie in witzigen, gebildeten Büchern und Pamphleten geschrieben hatten, die über dem Verständnis des Durchschnittsmenschen lagen.  Und sein religiöser Appell gab den Angriffen auf die Hierarchie eine Tiefe und eine positive Bedeutung, die ihren satirischen Schriften fehlten.  Obwohl viele seine Lehre von der Gnade nicht verstanden, breitete sich sein Geist der Rebellion gegen Rom schnell aus.

Luther wurde somit über Nacht zu einem Vorreiter für ganz Deutschland in deren verschiedenen Anklagepunkten gegen das Papsttum. Eine echte Bewegung hatte nun begonnen, und sie sollte zu einem Flächenbrand heranwachsen, mit dem weder der Papst noch der neue Kaiser Karl V. vollständig zurechtkommen konnten.

 

Luthers doktrinäre Entwicklung

Luthers Abhandlung mit dem Titel „An den christlichen Adel deutscher Nation“ von 1520 hatte ihn bei dem deutschen Adel, den örtlichen Behörden und der Bauernschaft sehr beliebt gemacht.  Seine praktischen Vorschläge werden von Walker kurz zusammengefasst:

Päpstliche Misswirtschaft, Ernennungen und Besteuerung sollen beschränkt werden; belastende Ämter sollen abgeschafft werden; deutsche kirchliche Interessen sollten unter einem „Primas von Deutschland“ stehen; Ehen von Klerikern sollen erlaubt sein; die viel zu vielen Feiertage sollen sich im Interesse von Industrie und Selbstbeherrschung verringern; Betteln, einschließlich das der Bettelorden, sollen verboten werden; Bordelle geschlossen werden; Luxus eingeschränkt werden; und die theologische Ausbildung an den Universitäten soll reformiert werden.  Kein Wunder, dass die Wirkung von Luthers Werk tiefgreifend war.  Er hatte zum Ausdruck gebracht, woran ernsthafte Männer schon lange gedacht hatten (Walker, Williston, Seite 345).

Später im selben Jahr, in seinem Traktat „Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, griff Luther die sakramentalen Praktiken der Römischen Kirche an.  Er leugnete die Lehre der Transsubstantiation und sagte, es gebe nur zwei echte Sakramente – die Taufe und das Abendmahl.  Er leugnete die biblische Gültigkeit der anderen römischen Sakramente – Firmung, Ehe, Weihe und letzte Ölung –, auch wenn er sagte, dass die Buße einen gewissen sakramentalen Wert als Rückkehr zur Reinheit der Taufe habe.

Bei der Ablehnung der unbiblischen Lehre der Transsubstantiation deklarierte Luther die absolute Autorität der Schrift in Glaubens- und Praxisfragen.  Er erklärte: „Für das, was ohne die Autorität der Schrift oder der nachgewiesenen Offenbarung behauptet wird, kann man es als Meinung betrachten, aber es besteht keine Verpflichtung, es zu glauben… Die Transsubstantiation… muss als eine Erfindung der menschlichen Vernunft betrachtet werden, da sie weder auf der Schrift noch auf fundierten Argumenten beruht…“ (Bettenson, Seite 280).

Hätte Luther diese Art schriftlicher Überprüfung nur auf alle seine Lehren angewandt, könnte die Welt von heute eine andere Art von Ort sein!  Als er angeklagt wurde, das Wort „sola“ (allein) in Römer 3, 28 eingefügt zu haben, antwortete er hochmütig: „Sollte sich Ihr Papst über das Wort sola unnötig ärgern, können Sie sofort antworten: Es ist der Wille von Dr. Martin Luther, dass es so sein sollte“ (Alzog, Seite 199).  Und wir können mit Gewissheit hinzufügen, dass nie ein anderer Grund für eine solche unbiblische Änderung wie diese gegeben wurde.  Wenn es um die persönlichen Überzeugungen Luthers ging, war Martin Luther wirklich ein eigenwilliger Mann.

 

Das Wesentliche an Luthers Lehre

Für Luther war das Wesentliche am Evangelium die Vergebung der Sünden durch einen persönlichen, transformierenden Glauben an Jesus Christus.  Er betrachtete dies als die einzige Art der wahren Religion (Walker, Williston, Seite 346).

Luther hat jedoch die biblische Lehre über die Art der absoluten Reue, die einer Vergebung der Sünden vorausgehen muss, völlig vernachlässigt.  Und sein Geist lehnte sich weiterhin gegen die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber jeder Art von Autorität oder Gesetz auf, nachdem einem durch den Glauben an Christus vergeben worden war.  Er schrieb: „So viele Menschen an Christus glauben, wie zahlreich und boshaft sie auch sein mögen, werden weder für ihre Werke verantwortlich gemacht noch für diese verdammt“.  Und: „Unglaube ist die einzige Sünde, derer man schuldig sein kann; Wenn der Name auf andere Handlungen angewendet wird, ist er eine falsche Bezeichnung…“ (Alzog, Seite 199).

In seinem dritten Traktat von 1520, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, erklärte er, ein christlicher Mann sei geistlich keinem Menschen oder Gesetz unterworfen. Er behauptete, da wir allein durch den Glauben gerechtfertigt sind, seien wir nicht länger verpflichtet, das Gesetz Gottes einzuhalten.

Hier sehen wir, dass Luther weiterhin diese persönliche, emotionale und psychologische Erfahrung der vorbehaltlosen Vergebung als zentralen Grundsatz seiner Lehre betonte.  Er hatte sich selbst in der Römischen Kirche von Schuldgefühlen so unterdrückt gefühlt, dass er sich nun gezwungen fühlte, jegliches Gefühl von Gesetz und jegliche Notwendigkeit von Gehorsam aufzuheben.  Wir werden diese Lehre an anderer Stelle mit der Bibel vergleichen.

Damit war Luthers Lehre in ihren Grundzügen vollständig.  Obwohl er später viele kleinere Punkte klarstellte, waren nun die Grundprinzipien des theologischen Systems Luthers etabliert (Walker, Williston, Seite 346).

 

Luther in Worms und auf der Wartburg

Im Jahre 1521 wurde Luther vor den Wormser Reichstag zitiert, und seine Freunde warnten ihn vor der Gefahr für sein Leben.  Aber der Kaiser hatte ihm ein sicheres Geleit versprochen, und er war fest entschlossen, hinzugehen, sogar „wenn es in dieser Stadt so viele Teufel gibt, wie Ziegel auf ihren Häusern“.

Vor dem Reichstag wurde Luther sofort mit einer Reihe seiner Bücher konfrontiert und gefragt, ob er sie widerrufen würde oder nicht. Nach einer Unterbrechung zu Beratungen erklärte er, dass er möglicherweise zu stark gegen Personen gesprochen hatte, aber nichts von dem, was er geschrieben hatte, widerrufen würde, es sei denn, dies könnte ihm durch die Schrift oder die Vernunft widerlegt werden.  Er soll mit den Worten geschlossen haben: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“ (Hurlbut, Seite 153).

Nach seiner Rückkehr aus Worms wurde Luther von Freunden ergriffen und auf die Wartburg bei Eisenach gebracht, wo er fast ein Jahr lang untergetaucht bleiben sollte.  Er war dem Reichsbann verfallen, und wenn Deutschland von einer starken Zentralbehörde beherrscht worden wäre, hätte Luthers Karriere bald in einem Martyrium geendet.  Aber sein energischer und freundlich gesinnter Landesfürst, Friedrich der Weise, erwies sich immer wieder als Luthers Rettung.  Von seinem heimlichen Rückzugsort auf der Wartburg aus ließ Luther seine fortgesetzte Aktivität spüren, indem er viele Briefe und Flugschriften zugunsten seiner Sache schrieb, die in ganz Deutschland verbreitet wurden.  Die nachhaltigste Frucht dieser Periode war jedoch seine Übersetzung des Neuen Testaments.  Diese Übersetzung des griechischen Textes von Erasmus ins Deutsche war ein literarisch wertvolles Werk und gilt als Grundlage der deutschen Schriftsprache (Hausser, Seiten 60–61).

Es gibt nur wenige Leistungen, die über diese Übersetzung hinausgehen, was die Entwicklung des religiösen Lebens einer Nation betrifft. Luther hatte allerdings trotz allem Respekt für das Wort Gottes seine eigenen Kritikpunkte.  Dabei ging es um die relative Klarheit, mit der seine Interpretation des Werkes Christi und die Methode der Erlösung durch den Glauben gelehrt wird.  Nach diesen Maßstäben beurteilt, empfand er Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung als von geringerem Wert.  Sogar in der Heiligen Schrift selbst gebe es Unterschiede im Wert (Walker, Williston, Seite 349).

Obwohl Luther lehrte, dass alle wahre Lehre auf der Bibel basieren sollte, finden wir, dass er bei der Interpretation der Bibel seine eigenen Lieblingstheorien hatte, sogar hinsichtlich des relativen Wertes ganzer Bücher der Bibel!  Und wie wir sehen werden, verunglimpfte er heftig diejenigen, die mit seinen Lehrtheorien nicht übereinstimmten.

 

Fortsetzung der Reformation in Wittenberg

Während sich Luther in Abgeschiedenheit auf der Wartburg befand, setzten mehrere seiner Mitarbeiter die kirchliche Revolution in Wittenberg fort. In vielen Fällen führten sie gerade die Reformen durch, über die Luther gesprochen hatte – die er aber noch nicht umgesetzt hatte.

 Im Oktober 1521 prangerte Luthers Mitkollege und Mönch Gabriel Zwilling die Messe an und forderte das Aufkündigen klerikaler Gelübde.  Viele der Insassen des Augustinerklosters in Wittenberg beendeten bald darauf ihr Mönchsgelübde und Zwilling griff anschließend die Verwendung von Bildern an.

Zu Weihnachten 1521 rief Karlstadt die Stadt zu einer Feier des Abendmahls nach der neuen Mode zusammen. Er amtierte in Zivilkleidung, ließ alle Hinweise auf Opfer in der Liturgie weg, bot Brot und Wein auch den Laien an und verwendete die deutsche Sprache, um das Sakrament zu stiften (Bainton, Seite 64).

Beichten und Fastenzeiten wurden bald darauf aufgegeben. Karlstadt lehrte, dass alle Prediger heiraten sollten und nahm später, im Jahr 1522, selbst eine Ehefrau.

Die allgemeine Aufregung wurde durch die Ankunft einiger radikaler „Propheten“ aus Zwickau im Dezember 1521 erhöht.  Sie behaupteten, direkt göttlich inspiriert zu sein, lehrten gegen die Kindertaufe und prophezeiten das baldige Ende der Welt (Walker, Williston, Seite 350).  Melanchthon war von all diesen Ereignissen verärgert, war aber selbst zu unsicher, um diese neuen Lehren zu bestätigen oder abzulehnen.

Karlstadt versuchte hingegen nur, Luthers Aufruf umzusetzen, zu den biblischen Praktiken zurückzukehren.  Es ist vielleicht unglücklich, dass die Ankunft der Zwickauer „Propheten“ die Bewegung für einige Zeit mit Radikalismus beschmutzte.  Diese Vorfälle waren für den Kurfürsten Friedrich den Weisen äußerst unangenehm und führten zu warnenden Protesten anderer deutscher Fürsten.  Es ist wichtig zu wissen, dass Luther auf einem schmalen Grat gehen musste, um das Wohlwollen dieser deutschen Fürsten zu erhalten, die ihm politische, militärische und finanzielle Unterstützung gaben.

So war Luther entschlossen nach Wittenberg zurückzukehren und erneut die Reformbewegung zu übernehmen, teils um zu vermeiden, dass es wegen der Radikalisierung zu weiterer Zensur durch die deutschen Fürsten kam, und teils wegen der offensichtlichen Eifersucht Karlstadts (Orchard, Seite 339).

 

Die Reformen Karlstadts

Beachten wir aber zunächst einige der Änderungen, die Karlstadt bewirkte:

Karlstadt verzichtete auf alle kirchlichen Gewänder und kleidete sich, obwohl er ein Geistlicher war, in einem großen grauen Mantel wie ein Bauer. Ein zweiter Grundsatz bekräftigte diese Position, nämlich der des sozialen Egalitarismus.  Die Lehre vom Priestertum aller Gläubigen wurde so ernst genommen, dass Karlstadt nicht Doktor, sondern nur „Bruder Andreas“ genannt wurde. Der Wunsch, der auch Luther veranlasste, das Muster des frühen Christentums wiederherzustellen, wurde weitergeführt und sollte viele Praktiken des Alten Testaments einbeziehen.  Die Zerstörung von Bildern beruhte auf der mosaischen Verfügung, ebenso wie die Einführung eines strengen Sabbatarianismus.  Das gesamte Programm war dem Geist Luthers fremd, der glaubte, die Erde sei des Herrn in ihrer Fülle, und jeder Teil könne im Interesse der Religion verwendet werden (Bainton, Seiten 65-66).

Als Luther von diesem neuen Programm erfuhr, kehrte er sofort nach Wittenberg zurück, gewann die Gunst des Kurfürsten und des Stadtrates und verbannte Karlstadt aus der Stadt.

Hier wird die verblüffende Tatsache offenbart, dass Karlstadt, obwohl er einige Punkte missverstand, versuchte, viele der Praktiken Christi und der Apostel wiederherzustellen. Luther wollte nichts davon. Er sprach manchmal über die Rückkehr zum biblischen Christentum, lehnte jedoch stets jeden Versuch ab, dies tatsächlich zu tun.

 

Luthers Bündnis mit den Fürsten

Nach Luthers Rückkehr aus Wittenberg zeigte er in allen Dingen eine ausgesprochen konservative Haltung und erlangte wieder Einfluss bei den deutschen Fürsten.  Er musste die meiste Zeit politische Spiele mitmachen, weil der Erfolg der lutherischen Bewegung vollständig von deren Gunst abhing.

Der Kaiser war gerade durch einen großen Krieg mit Frankreich um die Kontrolle über Italien beschäftigt.  Papst Leo X. war im Dezember 1521 gestorben, und sein Nachfolger war noch nicht einflussreich genug, um Luthers Aktivitäten einzuschränken.  Unter diesen günstigen Umständen sah es so aus, als könne die Reformation die gesamte deutsche Nation für ihre Sache gewinnen (Hausser, Seiten 68–69).

In verschiedenen Regionen Deutschlands bildeten sich nun viele lutherische Gemeinden, und das Problem der kirchlichen Organisation und Führung wurde aufgeworfen.  Ohne die Bibel zu konsultieren, um herauszufinden, welche Art von Kirchenregierung Christus in seiner Kirche eingesetzt hatte, dachte Luther über ein eigenes System nach.  

Luther war nun überzeugt, dass solche Vereinigungen von Gläubigen die Vollmacht hatten, ihre Pastoren selbst zu ernennen und zu entlassen.  Er vertrat jedoch auch die Auffassung, dass die weltlichen Machthaber in ihrer Position höchster Macht und Verantwortung in der Christengemeinschaft eine besondere Pflicht hatten, das Evangelium zu fördern.  Die Erfahrungen der unmittelbaren Zukunft und die Notwendigkeit der tatsächlichen kirchlichen Organisation in ausgedehnten Territorien brachten Luther zu einer Kehrtwendung von der Sympathie, die er bis dahin mit diesem freikirchlichen Glauben hatte, hin zu einer strikten Abhängigkeit vom Staat (Walker, Williston, Seite 351).

Aufgrund dieser Art einer von Menschen entworfenen Kirchenregierung stellen wir fest, dass die Lutherische Kirche politisch kontrolliert wurde und bis in unsere Zeit fast vollständig vom Staat abhängig ist.  Luthers Bemühungen, die Gunst der deutschen Fürsten zu wahren – und seine Neigung, unzählige Ideen und Bräuche der heidnischen Römischen Kirche beizubehalten – ließen ihn als sehr „konservativ“ erscheinen.  Tatsächlich wich er in vielerlei Hinsicht nicht von den römisch-katholischen Traditionen ab.

Luther entschied, dass eine große Freiheit in den Details der Anbetung zulässig ist, solange das „Wort Gottes“ im Mittelpunkt stand.  Die verschiedenen lutherischen Gemeinden entwickelten schon bald vielfältige Bräuche in ihren Gottesdiensten.  Anstelle von Latein wurde zunehmend die deutsche Sprache verwendet.  Luther selbst behielt einen großen Teil der katholischen Form der Messe bei und gab 1526 eine Liturgie auf Deutsch heraus.  Er behielt auch die katholische Praxis der Beichte bei, jedoch nicht verpflichtend.  

Gemessen an der Entwicklung der Reformation anderswo war Luthers Haltung in Anbetungsfragen sehr konservativ.  Sein Grundsatz lautete: „Was der Schrift nicht widerspricht, ist im Sinne der Schrift und die Schrift ist dafür“.  Er behielt daher viele römische Bräuche bei, wie beispielsweise die Verwendung von Kerzen, das Kruzifix und die illustrative Verwendung von Bildern (Walker, Williston, Seite 352).

 

Ein Riss in Luthers Partei

Zu dieser Zeit traten die ersten schweren Risse unter den Anhängern Luthers auf.  Die erste Unzufriedenheit entstand unter den Humanisten, deren Führer Erasmus nur sehr wenig Sympathie für Luthers Doktrin der „Rechtfertigung allein durch den Glauben“ hatte.  Er fürchtete die Folgen einer Lehre, die die moralische Verantwortung des Menschen praktisch leugnete, und die stürmischen Schriften Luthers, in Verbindung mit turbulenten Ausbrüchen an vielen Orten, beunruhigten ihn zunehmend.

Im Herbst 1524 begann er, Luthers Leugnung des freien Willens infrage zu stellen.  Diese Lehre, die wir in einem späteren Abschnitt ausführlicher besprechen werden, besagt, dass die Natur des Menschen beim Sündenfall Adams so radikal verdorben wurde, dass er nicht fähig war, Gott zu gehorchen oder überhaupt etwas wirklich Gutes zu tun.

Erasmus erkannte den groben Irrtum dieser Lehre und anderer, die von Luther vertreten wurden, und fürchtete den zunehmenden Rückgang des Interesses an Bildung und öffentlichen Sitten, welche Luthers Lehren zu begleiten schienen, und er brach formal mit Luther (Alzog, Seiten 226–227).

Ein weiterer Riss in der Bewegung geschah, weil einige mit den halbherzig getroffenen Maßnahmen, die Luther als Reformator durchführte, nicht zufrieden waren.  Viele wollten zum Muster des neutestamentlichen Christentums zurückkehren.  Aber Luther schien jetzt entschlossen zu sein, so viele der römischen Praktiken und Lehren wie möglich zu bewahren, ohne seine Grundlehren der Rechtfertigung allein durch den Glauben und die Ablehnung der päpstlichen Hierarchie und des sakramentalen Systems zu verwerfen.  Er hatte zweifellos das Gefühl, dies tun zu müssen, um die politische Unterstützung der deutschen Fürsten aufrechtzuerhalten.

Es ist wahr, dass die Führer einiger dieser Bewegungen zu Radikalen wurden.  Ein Beispiel ist Thomas Münzer, der Romanisten und Lutheraner gleichermaßen wegen ihrer Doktrinen angriff.  Er behauptete, er sei direkt inspiriert, brachte seine Anhänger dazu, Klöster zu plündern und zu zerstören und alle Bilder in den Kirchen zu zerbrechen (Walker, Williston, Seite 353).

Es scheint jedoch sicher, dass Luther, wenn er nur für seinem Schutz auf Gott vertraut hätte, anstatt die Gunst der menschlichen Fürsten zu suchen, dazu fähig gewesen wäre, das Volk darin anzuführen, mit dem heidnischen katholischen System, dessen Lehren und Bräuchen völlig zu brechen.  Allein in Deutschland hätte er Tausende von aufrichtigen Männern und Frauen gefunden, die ihm gerne gefolgt wären, denn die Massen hatten das römische und das feudale System bereits satt und waren bereit für eine Veränderung.

Hier bot sich eine großartige Gelegenheit, eine echte Wiederherstellung des Christentums der Apostel durchzuführen.  Wenn Luther und seine Gefährten ihren Willen vollständig Gott untergeordnet hätten, in jeder Phase dieser Wiederherstellung um seine Führung gebetet hätten und ehrlich dem wahren, buchstäblichen Wort der Lehren und Praktiken nachgefolgt wären, die von Christus und seinen Aposteln eingeführt wurden, wäre ein großer Teil Deutschlands ihm wahrscheinlich gefolgt.

Dies sollte jedoch nicht der Fall sein.  Luthers Weigerung, eine vollständige Reformation durchzuführen, ließ viele aufrichtige, aber ungebildete Bauern und Bürger zur Beute unausgeglichener Führer werden, die in vielen Fällen einige der wahren biblischen Praktiken wiederherstellten, welche Luther bewusst ignoriert hatte – die diese jedoch allzu oft mit seltsamen Exzessen nach ihrer eigenen Vorstellung vermischten.

 

Der Bauernkrieg

Die eben beschriebene Situation führte zu dem berüchtigten Aufstand der deutschen Bauern.  Die Art und Weise, wie Luther mit dieser Situation umging, verursachte bei weitem die gravierendste Spaltung in seiner Bewegung.

Die deutsche Bauernschaft war seit Generationen unterdrückt worden, und ihr Elend wurde immer größer.   Das Predigen und die religiöse Begeisterung durch die Reformbewegung Luthers waren ein Funke, der sie zu dem bewegte, was sie seit langem überlegt hatten:  sich gegen ihre Herren zu erheben.

Im März 1525 veröffentlichten die Bauern zwölf Artikel und forderten das Recht, dass jede Gemeinde ihren Pastor wählen und absetzen könne, dass der große Zehnte (des Getreides) für die Unterstützung des Pastors und anderer Gemeindekosten verwendet werde, dass der kleine Zehnte abgeschafft werde, dass die Leibeigenschaft beendet werde, dass die Vorrechte für die Jagd eingeschränkt würden, dass die Nutzung der Wälder für die Armen erlaubt werde, dass Zwangsarbeit reguliert und ordnungsgemäß bezahlt werde, dass Mietpreise gerecht festgesetzt werden, keine neuen Gesetze erlassen werden, Gemeinschaftsgebiete wieder der Gemeinde zurückgegeben werden, von der sie genommen worden waren und, dass die Erbschaftszahlungen an ihre Herren abgeschafft werden.  Für unser modernes Denken waren dies moderate und vernünftige Forderungen. Für jenes Zeitalter erschienen sie revolutionär (Walker, Williston, Seite 354).

Obwohl viele protestantische Historiker behaupten, dass Luther am Bauernaufstand nicht beteiligt war, ist es eine Verdrehung der Wahrheit, die Tatsache zu bestreiten, dass die Bauern einfach einige der in Luthers eigenen Schriften enthaltenen Grundsätze der Freiheit in die Tat umgesetzt haben.  Und es ist nicht zu leugnen, dass, wenn Luther sich nicht in der Stunde der Not gegen sie gewandt hätte, unzählige Tausende von Menschenleben verschont worden wären – und die wirtschaftliche Ausbeutung der deutschen Bauernschaft nicht verlängert worden wäre (Hausser, Seite 102).

Aber Luther war misstrauisch gegenüber der ungebildeten Bauernklasse – obwohl seine eigene Familie dazugehörte.  Noch wichtiger war, dass Luther sein Vertrauen in die Unterstützung der Fürsten gesetzt hatte und stets darauf bedacht war, sie nicht vor den Kopf zu stoßen – obwohl er ihnen eine abgeschwächte Warnung und eine Erinnerung hinsichtlich ihrer Verantwortung in dem erwarteten Ausbruch zukommen ließ (Hauser, Seite 103).

 

Luther befürwortet die gewaltsame Unterdrückung

Weil Luther seit langer Zeit den Rat der Liebe und Zurückhaltung befürwortet hatte, und auch die Forderung Christi, „liebet eure Feinde“, gut kannte, ist seine Kehrtwende in der Angelegenheit des Bauernaufstandes nichts weniger als erstaunlich.  Darüber hinaus erforderte die Situation keine solche Gewalt, wie er sie befürwortete – selbst wenn ein solcher Kurs den christlichen Prinzipien entsprochen hätte.

Zweifellos wurden auf beiden Seiten Fehler gemacht.  Doch Luthers Appell an die Fürsten, die Bauern gnadenlos zu vernichten, offenbart einen Geist, der so weit von dem Geist, durch den Jesus Christus geleitet wurde, entfernt ist, wie man sich nur vorstellen kann.

Henry C. Vedder zeichnet ein genaues Bild der hässlichen Situation:

Obwohl die Bauern einen guten Grund hatten, hatten sie nicht immer gute Methoden angewandt.  Die meisten von ihnen waren unwissend, alle waren verärgert und einige wurden durch das Unrecht zornig gemacht.  Bei ihrem Aufstand wurden einige Verbrechen begangen; Burgen wurden niedergebrannt und geplündert, erbarmungslose Unterdrücker sind getötet worden.  Diese Taten wurden nun zum Vorwand für eine Vergeltungsmaßnahme, deren Grausamkeit in der Geschichte selten übertroffen wurde.  Von Historikern, die kein Interesse an Übertreibung haben, wurde berechnet, dass einhunderttausend Menschen getötet wurden, bevor die Wut der Fürsten und Ritter besänftigt war.

Unter denjenigen, die sie anspornten, war vor allem Luther.  Es scheint, dass er durch die Beharrlichkeit derer, die versucht hatten, ihn und seine Lehren für den Bauernkrieg verantwortlich zu machen, beunruhigt war.  Seine Hoffnung war der Schutz und die Hilfe der Fürsten, für welche die klaren Worte, die er gesprochen hatte, eine tiefe Beleidigung gewesen sein mussten.  So schickte er inmitten des Aufruhrs eine zweite Broschüre an die Druckereien, in der er eine vollständige Kehrtwende vollzog und nun die Bauern so gewalttätig anprangerte, wie er zuvor die Fürsten getadelt hatte.

„Zum andern, dass sie Aufruhr anrichten, rauben und plündern mit Frevel Kloster und Schlösser, die nicht ihnen gehören, sodass sie als die öffentlichen Straßenräuber und Mörder alleine deshalb wohl zwiefältig den Tod an Leib und Seele verdienen.  Auch ist ein aufrührerischer Mensch, den man dessen überführen kann, schon in Gottes und kaiserlicher Ächtung, sodass, wer es als erstes kann und mag, denselben erwürgen kann und dabei recht und wohl tut.  Denn über einen öffentlichen Aufrührer ist ein jeglicher Mensch beides, Richter und Vollstrecker, gleichwie wenn ein Feuer angeht: Wer als erstes löschen kann, der ist der Beste. Denn Aufruhr ist nicht einfach nur ein hinterhältiger Mord, sondern ist wie ein großes Feuer, das ein Land anzündet und verwüstet.  Also bringt Aufruhr mit sich ein Land voll Mordens und Blutvergießens und macht Witwen und Waisen und zerstört alles wie das allergrößte Unglück.  Drum soll hier erschlagen, erwürgen und erstechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann, als ein aufrührerischer Mensch, gleichwie wenn man einen tollwütigen Hund totschlagen muss: Schlägst du nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir“.

„So soll nun die Obrigkeit hier getrost vordringen und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solang sie eine Ader regen kann. Denn hier ist von Vorteil, dass die Bauern ein böses Gewissen und eine unrechte Sache haben, und welcher Bauer darüber erschlagen wird, mit Leib und Seele verloren und ewig des Teufels ist. Aber die Obrigkeit hat ein gut Gewissen und rechte Sachen und kann zu Gott also sagen mit aller Sicherheit des Herzens: Siehe, mein Gott, du hast mich zum Fürsten oder Herren gesetzt, daran kann ich nicht zweifeln, und hast mir das Schwert befohlen über die Übeltäter (Röm. 13)… Drum will ich strafen und schlagen, solange ich eine Ader regen kann. Du wirst es wohl richten und machen… Solch wunderbare Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, eher als denn andere mit Beten“ (Vedder, Seite 173-174).

Nun, fragen wir uns selbst: „Wenn dies die Worte eines Reformators sind, der von Gott gesandt wurde, was ist dann der Maßstab der wahren Religion?“  Sind dies die Worte eines Mannes, der vom Heiligen Geist Gottes geleitet wird?  Gebrauchte der auferstandene Christus diesen Mann, um seine „kleine Herde“ zu reinigen?

Indem er sich auf so grausame Weise gegen die Bauern wandte, hatte Luther bei den ihn beschützenden Fürsten größere Wertschätzung erlangt. Doch selbst in menschlicher Hinsicht waren die Kosten dafür hoch.  Von dieser Zeit an war die Sympathie des Volkes für seine Sache unter den Bauern Süddeutschlands verflogen.

Erasmus tadelte Luther für sein heuchlerisches Verhalten in dieser schmutzigen Angelegenheit.  Er schrieb:

Wir ernten jetzt die Früchte Ihrer Lehre.  Sie sagen mit Recht, dass das Wort Gottes von Natur aus ganz andere Früchte hervorbringen sollte.  Nun, meiner Meinung nach hängt das stark von der Art und Weise ab, in der es gepredigt wird.  Sie bestreiten jede Verbindung mit den Aufständischen, doch diese betrachten Sie als ihren Elternteil und den Urheber und Formulierer ihrer Prinzipien (Alzog, Seite 223).

Somit ist es leicht zu verstehen, dass die Bauern keine Sympathie für den Mann hegten, der die Fürsten dazu drängte, sie und ihre Angehörigen zu „erschlagen, erwürgen und erstechen“.

 

Die Spaltung Deutschlands

Durch die blutige Unterdrückung des Bauernaufstandes hatten die Fürsten und Städte die vollständige Kontrolle über Deutschland.  Nun wurden politische Allianzen für oder gegen die Reformation gebildet.  Eine katholische Liga wurde von Herzog Georg von Sachsen und anderen katholischen Fürsten organisiert, die sich im Juli 1525 in Dessau trafen.  In Torgau wurde eine gegnerische lutherische Liga ins Leben gerufen.  Durch ein Wiederaufflammen der Kämpfe des Kaisers – diesmal gegen ein Bündnis des Papstes mit dem französischen König – war Karl V. zu beschäftigt, um in die religiösen Kämpfe in Deutschland einzugreifen (Walker, Williston, Seite 356).

Auf dem Reichstag von Speyer wurde 1526 ein Dekret erlassen, das jedem deutschen Fürsten das Recht einräumte, – vorerst – über religiöse Angelegenheiten in seinem eigenen Gebiet zu bestimmen, so wie er sich vor Gott verantwortlich fühlte.  Dieser Akt gab der lutherischen Bewegung ihre erste rechtliche Grundlage und galt für die deutschen Reformern als Triumph.  Von dieser Zeit an war Luther jedoch an seine fürstlichen Beschützer gebunden.  Wie wir sehen werden, war er gezwungen, Kompromisse und Betrug zu betreiben, um in deren Gnade zu bleiben.  Aufgrund seines eigenen Systems durfte er das Wort Gottes nicht mehr „ohne Furcht oder Gunst“ predigen. Er und die protestantische Sache waren untrennbar mit der Politik dieser Welt verbunden.

Der Kaiser war jedoch bald über alle seine Feinde siegreich, und die Fürsten wurden 1529 zum Reichstag von Speyer vorgeladen.  Die katholische Seite war jetzt in der Mehrheit und erließ ein Edikt, das das Fortschreiten der Reformation in den Ländern verbot, welche sie nicht angenommen hatten, und das allen Katholiken die vollen Freiheiten in den reformierten Gebieten gewährte.

Angesichts dieses einseitigen Beschlusses legten der Kurfürst von Sachsen und einige andere Fürsten förmlich Protest ein.  Von da an wurde der Begriff protestantisch für die lutherische Partei und ihre Lehren verwendet (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 304).

Seit dieser Zeit wurde die Entwicklung der Territorialkirchen zu einer etablierten Politik.  Deutschland wurde zwischen den katholischen Gebieten im Süden und den Protestanten im Norden aufgeteilt.

Nun bestimmte der Ort, wo man lebte, welche Religion man hatte.  Und die Verbreitung des Lutheranismus hing mehr von Politik als von Propheten ab.

Im nächsten Kapitel werden wir das Ergebnis dieser religiös-politischen Bewegung – deren „Frucht“ – diskutieren.  Dann werden wir mit den aufregenden Ereignissen in anderen Phasen der Reformation fortfahren.  Um unsere Perspektive zu behalten, sollten wir uns aber immer diese Fragen stellen: Wurde diese Bewegung vom Heiligen Geist Gottes motiviert und geleitet?  War es eine echte Rückkehr zu dem „Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert wurde“?  Die Antworten auf diese Fragen werden wir im nächsten Kapitel untersuchen.

 

 

Kapitel 5

 

Martin Luther ist entfesselt

 

Spaltungen und Skandale plagten das protestantische Lager in den späteren Jahren Luthers. Die Armeen der Fürsten und die politische Macht konnten garantieren, dass die reformierte Religion in bestimmten Gebieten nach außen hin gewahrt blieb.  Aber sie hatten weder die Macht, den Glauben und die Moral der Untertanen zu reinigen, noch konnten sie die kriegerischen Fraktionen, die innerhalb der protestantischen Bewegung aufkamen, in einem Geist zusammenbringen.

In diesen Jahren begann eine Kontroverse zwischen den deutschen und den schweizer Reformatoren über die wahre Bedeutung der Einsetzung des Abendmahls Christi, wie es jetzt genannt wurde.  Dieser Streit führte zu einem dauerhaften Bruch zwischen den lutherischen und den reformierten Kirchen – einem Bruch, den wir in einem späteren Abschnitt genauer untersuchen werden.

In der Zwischenzeit, im Januar 1530, erließ der Kaiser einen Aufruf an die deutschen Fürsten, für einen Reichstag in Augsburg zusammenzukommen.  Er schlug eine friedliche Regelung der religiösen Unterschiede als Hauptziel des Treffens vor.

Die Protestanten bereiteten daher eine umfassende Erklärung ihres Glaubens und ihrer Kritik an der römisch-katholischen Lehre und Praxis vor. Sie wurde hauptsächlich von Luther und Melanchthon verfasst, wobei letzterer den Großteil zu ihrer Ausarbeitung beitrug.

Es ist wichtig, dieses „Augsburger Bekenntnis“, wie es genannt wurde, zu verstehen.  Es ist die offizielle Erklärung der Position der Lutherischen Kirche und ist bis heute die Grundlage ihrer Lehren.

Lassen Sie uns Reginald Walkers wissenschaftliche Zusammenfassung der lutherischen Position betrachten, wie sie von Melanchthon (mit Luther als Berater) in diesem Glaubensbekenntnis dargelegt wurde:

Sein Zweck war es, zu zeigen, dass die Lutheraner sich in keinem zentralen und wesentlichen Aspekt von der Katholischen Kirche oder auch von der Römischen Kirche, wie sie von ihren früheren Autoren beschrieben wurde, entfernt hatten.  Diese Vereinbarung wird ausdrücklich bestätigt und viele alte Irrlehren werden darin ausdrücklich zurückgewiesen.  Auf der anderen Seite werden Positionen von Zwingli und den Wiedertäufern energisch abgelehnt.  Die alleinige Autorität der Schrift wird nirgends mehr ausdrücklich erwähnt.  Das Papsttum wird nirgends kategorisch verurteilt.  Das universelle Priestertum der Gläubigen wird nicht erwähnt.  Doch Melanchthon gab dem Bekenntnis insgesamt einen durchaus protestantischen Ton.  Die Rechtfertigung durch den Glauben wird bewundernswert klar definiert, die protestantischen Kritiken an der Kirche werden deutlich; Anrufung von Heiligen, Messe, die Verweigerung des Kelchs, Mönchsgelübde und vorgeschriebenes Fasten werden abgelehnt (Walker, Reginald, Seite 372).

 

Die Protestanten bestätigen ihre Einheit mit dem Römischen System

Beachten Sie zunächst, dass dieses Bekenntnis die Einheit der Lutheraner mit der Römisch-Katholischen Kirche bestätigt.  Es wird betont, dass Protestanten und Katholiken im Wesentlichen eine Kirche sind – ein Glaubenssystem.

Der Hinweis auf die alleinige Autorität der Heiligen Schrift wird ab diesem Zeitpunkt weggelassen.  Die protestantischen Doktrinen der Rechtfertigung allein durch den Glauben und der Ablehnung des katholischen sakramentalen Systems sind die einzigen wirklichen Unterschiede.

Anstatt sich für eine Rückkehr zum Glauben, zur Lehre und zur Praxis Jesu Christi und der von ihm gegründeten wahren, apostolischen Kirche einzusetzen, betonen die Reformatoren nun die Einheit des Protestantismus mit den heidnischen Philosophien, Überzeugungen und Praktiken des korrupten römisch-katholischen Systems.

Wie wir gesehen haben, war die Römische Kirche jetzt so weit von den Lehren und Bräuchen Christi und der Apostel entfernt, wie es nur möglich erscheint. Dennoch werden wir immer wieder sehen, wie die Protestanten ihre „Einheit“ mit diesem korrumpierten System betonen.

Trotz des versöhnlichen Tons dieses Bekenntnisses wurde es von Karl V. und dem katholisch dominierten Reichstag abgelehnt.  Man ordnete die vollständige Wiederherstellung des katholischen Glaubens an, und vertagte sich auf eine Generalversammlung innerhalb eines Jahres (Hausser, Seite 123).

 

Luther drängt nun auf Krieg

Aus Angst vor Strafmaßnahmen und dem Verlust kirchlichen Eigentums, das sie enteignet hatten, vereinigten sich elf Städte mit acht protestantischen Fürsten und gründeten den Schmalkaldischen Bund zur Verteidigung gegen den Kaiser (Alzog, Seiten 240–241).  Es ist an dieser Stelle interessant, festzustellen, dass Luther aus Gründen der Zweckmäßigkeit erneut seine Politik änderte.

Er hatte es zuvor mit der Heiligen Schrift gehalten (Römer 13), dass es eine Sünde sei, sich gegen den Kaiser oder gegen jede gesetzlich festgelegte Autorität zu stellen (Walker, Reginald, Seite 375).  Nun aber forderte er sie auf, Gewalt anzuwenden, um seine Lehren zu verteidigen:

Die protestantischen Fürsten und einige Kaiserstädte Süddeutschlands vereinigten sich im Schmalkaldischen Bund, um dem willkürlichen Vorgehen des Kaisers zu widerstehen, der versuchte, die neuen Ansichten auszuradieren.  Luther, der sich bisher gegen Waffengewalt ausgesprochen hatte, erklärte nun, die Christen seien verpflichtet, ihre Fürsten zu verteidigen, wenn sie rechtswidrig angegriffen würden.  Der Bund wurde durch eine Allianz mit Frankreich, Dänemark und den Herzögen von Bayern gestärkt.  Die Territorien des Kaisers waren erneut durch einen Einmarsch der Türken unter Süleyman I. bedroht.  Unter diesen Umständen war es ihm unmöglich, die in Augsburg beschlossenen Repressionsmaßnahmen durchzuführen.  Dementsprechend wurde im Jahr 1532 der Nürnberger Religionsfrieden vereinbart, der vorsah, dass religiöse Angelegenheiten so beibehalten werden sollten, bis sie durch einen neuen Reichstag oder eine Generalversammlung neu geordnet werden konnten (Fisher, History of the Christian Church [Geschichte der christlichen Kirche], Seiten 305–306).

Seit dem Nürnberger Religionsfrieden blieb die Situation der protestantischen Gebiete über mehrere Jahre im Wesentlichen unverändert. In Luthers Lager fanden jedoch viele erhellende Ereignisse statt, als die „Früchte“ seiner Lehre deutlicher wurden.  Und in vielen Fällen ist erkennbar, dass Luther auf unmoralische Taten zurückgriff, wenn er sie als „zweckdienlich“ für seine Sache betrachtete.

 

Luther billigt Bigamie

Das vielleicht herausragendste Beispiel für Luthers Bereitschaft, seine Maßstäbe zu verändern, um seinen fürstlichen Beschützern gerecht zu werden, ist der bekannte Fall von Philipp I., dem Landgrafen von Hessen. Philipps ständige Ehebrüche machten ihn besorgt um seine Erlösung, und er begann zu argumentieren, dass vielleicht eine zweite Ehe mit einer attraktiveren Frau die Lösung für seine Probleme wäre.  Er führte das Alte Testament an, um dies zu rechtfertigen, motiviert in seinem „Nachdenken“ durch seine Bekanntschaft mit der attraktiven siebzehnjährigen Tochter einer Dame am Hof seiner Schwester.

An diesem Punkt ist es hilfreich, Auszüge aus einer vollständigen Darstellung des Historikers Jules Michelet zu diesem Thema anzufügen. Darin finden wir die direkte Antwort Luthers und seiner Mitarbeiter auf die Anfrage des Landgrafen:

Der kriegerischste unter den protestantischen Hauptleuten, der ungestüme und cholerische Landgraf von Hessen, veranlasste, dass Luther vorgetragen wurde, dass sein Gesundheitszustand ihn dazu zwang, mit mehr als einer Frau zusammenzuleben.  Die Anweisungen, die Butzer für das Aushandeln dieser Angelegenheit mit den wittenbergischen Theologen erhalten hat, zeigen eine merkwürdige Mischung aus Sinnlichkeit, religiösen Vorbehalten und gewagter Offenheit.

Die Anfrage des Landgrafen von Hessen brachte Luther in extreme Verlegenheit.  Alle Theologen Wittenbergs versammelten sich in dieser Angelegenheit, um eine Antwort zu formulieren, wobei sie beschlossen, einen Kompromiss mit dem Fürsten zu schließen. Sie stimmten seiner Bitte um Erlaubnis zu, eine zweite Ehefrau zu nehmen, aber unter der Bedingung, dass sie nicht öffentlich anerkannt werden würde.  „Eure Hoheit“, so sagten sie in ihrer Antwort, „werden von sich aus leicht den Unterschied erkennen zwischen der Festlegung eines allgemein verpflichtenden Gesetzes und einem, das einer privaten und dringenden Notdurft dient.  Wir können nicht wie durch ein Gesetz öffentlich die Erlaubnis für die Ehe mit einer Vielzahl von Ehefrauen einführen oder erteilen.  Wir bitten eure Hoheit, über die Gefahr nachzudenken, in die der Mann geraten würde, der überführt werden würde, ein solches Gesetz in Deutschland eingeführt zu haben, wodurch sofort Spaltungen zwischen den Familien geschaffen würden und eine endlose Reihe von Klagen aufkommen würde.  Eure Hoheit ist von schwacher Verfassung; Sie schlafen wenig und es ist notwendig, in Ihrem Fall sehr große Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Der große Skanderbeg ermahnte seine Soldaten häufig, die Keuschheit zu bewahren, und sagte ihnen, dass ihrem Streben nichts so abträglich sei, wie die Freuden der Liebe.  Möge es Ihnen gefallen, die verschiedenen Überlegungen in dieser Angelegenheit ernsthaft zu prüfen; der Skandal, die Mühen, die Sorgen, die Trauer und die Schwäche, die, wie Ihnen gezeigt wurde, dabei auftreten.  Wenn jedoch eure Hoheit völlig entschlossen ist, eine zweite Ehefrau zu heiraten, sind wir der Meinung, dass dies heimlich geschehen sollte.  Unterzeichnet und besiegelt zu Wittenberg, nach dem Fest des Hl. Nikolaus im Jahr 1539. – Martin Luther, Philip Melanchthon, Martin Butzer, Anton Corvinius, Johannes Lening, Justin Wintfert, Dyonisius Melander (Michelet, Seiten 251, 253).

Luthers Rat, eine „geheime Sünde“ zu begehen, sollte unbeachtet bleiben.  Seine Verantwortung dafür, dem Landgrafen geraten zu haben, Gottes Gesetz zu brechen, sollte nun seine Strafe fordern.  Als die Nachricht sich zu verbreiten begann, riet Luther dem Landgrafen, ein weiteres von Gottes Geboten zu brechen!

 

Nun rät Luther zu einer Lüge

„Obwohl versucht wurde, die Angelegenheit geheim zu halten, erwies sich dies bald als unmöglich.  Luther konnte nur ‚eine gute, klare Lüge‘ empfehlen, aber Philip war Manns genug, zu erklären: ‚Ich werde nicht lügen‘„ (Walker, Reginald, Seite 378).

Der aus dieser Episode resultierende Skandal fügte der protestantischen Sache großen Schaden zu. Nachdenkliche Männer begannen, sich zu fragen, wohin Luthers Lehre von „Gnade allein“ führen würde.

Der wichtigste Punkt, an den man sich erinnern sollte, ist, dass Martin Luther – der sich als Diener Gottes ausgab – bewusst und absichtlich befürwortet hatte, dass ein Mann zwei Gebote Gottes brechen sollte.

In der Zwischenzeit setzte sich die Zerrüttung der Moral in allen Klassen der protestantischen Gesellschaft fort.  

Die Protestanten hatten bereits begonnen, sich in der Strenge ihres Verhaltens und ihrer Praxis zu lockern.  Sie öffneten die Häuser wieder, in denen Ausschweifungen betrieben werden sollten.  „Besser, wäre es gewesen“, so stellte Luther fest, „dass der Teufel niemals verbannt worden wäre, als dass er in siebenfacher Stärke zurückkehren würde“ (13. September 1540) (Michelet, Seite 255).

 

Luthers Tod

Der Verlauf des Protestantismus lag nun fest in den Händen der lutherischen Fürsten, und mit ständigen Drohungen seitens der katholischen Liga hielten sie an dem bisher gewonnenen Boden fest.

Das katholische Konzil von Trient wurde 1545 eröffnet.  Mit verschiedenen Unterbrechungen wegen Kriegen sollte es bis 1563 in unregelmäßigen Sitzungen zusammentreten.  Sein Zweck bestand hauptsächlich darin, einige Missbräuche zu untersuchen und aufzuklären, die zur Reformation geführt hatten.  Das Ergebnis war eine konservative Reform innerhalb der Katholischen Kirche, natürlich streng nach römischen Vorgaben.

Bald nachdem dieses Konzil seine Sitzungen begonnen hatte, und zu einer Zeit, als der Kaiser mit den Türken und seinen anderen Feinden Frieden geschlossen hatte und nun zu einem neuen Angriff auf die protestantischen Fürsten bereit schien, begab sich Luther auf eine Reise nach Eisleben, an seinen Geburtsort.

Im Hinblick auf die nachfolgende Geschichte Deutschlands ist es hilfreich, anzumerken, dass Luthers letzte Predigt ein heftiger Angriff auf das jüdische Volk war.  Er scheint mit dem gleichen bösartigen Hass und der Eifersucht gegen die Juden besessen gewesen zu sein, die später die Herrschaft von Adolf Hitler kennzeichneten.  Alzog beschreibt diese Tendenz:

Luther bestieg die Kanzel der Andreaskirche in Eisleben zum letzten Mal und beschwor erneut die Rache des Himmels über die Juden, ein Volk von Menschen, die er bereits in seinen früheren Schriften so ungerechtfertigt und heftig angegriffen hatte, dass seine Anhänger nach seinem Tod schon bei der Erwähnung seiner bösartigen Denunziationen verstört waren.  In seiner ersten Flugschrift gegen sie forderte er die Christen auf, ihnen die Bibel wegzunehmen, ihre Bücher und Synagogen mit Pech und Schwefel zu verbrennen und ihre Gottesdienste unter Todesstrafe zu verbieten; und in seinem zweiten Pamphlet „Vom Schem Hamphoras“ beschreibt er sie gleich zu Beginn als „junge Teufel, zur Hölle verdammt“, die aus dem Land vertrieben werden sollten (Alzog, Seite 271).

Wenn wir also von den Gräueltaten lesen, die Hitlers Drittes Reich gegen die Juden begangen hat, sollten wir uns daran erinnern, dass eine solche Haltung bereits im Gründer des deutschen Protestantismus auf bemerkenswerte Weise zu sehen war.

Luther selbst war in seinen letzten Monaten unglücklich und elend. Beunruhigt durch den schrecklichen Zustand der Moral, zu dem seine Lehre vom „Glauben allein“ die Bewohner von Wittenberg gebracht hatte, schrieb er im Juli 1545 an seine Frau: „Lasst uns aus diesem Sodom weggehen“ (Alzog, Seite 270).

Während sich die Situation so verfinsterte, starb Luther am 18. Februar 1546 bei einem Besuch in Eisleben, der Stadt, in der er geboren wurde, als Folge eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls.  Seine letzten Jahre waren alles andere als glücklich gewesen.  Seine Gesundheit war schon lange zerrüttet.  Die Auseinandersetzungen der Reformatoren, zu denen er einen großen Anteil beigetragen hatte, machten ihm Sorgen.  Vor allem das Versagen der reinen Predigt von Rechtfertigung allein durch den Glauben, welche das soziale, bürgerliche und politische Leben um ihn herum stark verändern sollte, betrübte ihn (Walker, Reginald, Seite 379).

So war es sogar für Luther klar, dass seine Lehren im Wesentlichen nicht dazu geführt hatten, dass Menschen ein Leben führten, welches mit geistlichen Prinzipien vereinbar war.  In seinen letzten Jahren hatte er oft Zeiten der Verzweiflung, als er sich ernsthaft fragte, ob er nicht viele Seelen zur ewigen Verdammnis mitnehmen werde (Plummer, Seite 132).

Nach Luthers Tod erlitten die protestantischen Fürsten 1547 in der Schlacht bei Mühlberg eine militärische Niederlage.  Der Kaiser gewährte eine Interimszeit, die im Wesentlichen ein Sieg für die Katholiken war, bis eine weitere Sitzung des Konzils von Trient einberufen wurde.

 

Die Verfestigung der Reformation

Doch im Jahr 1554 schloss sich der lutherische Kurfürst Moritz von Sachsen mit Heinrich II. von Frankreich zusammen, um Karl V. eine vernichtende Niederlage zuzufügen.  Die Lutheraner forderten nun volle Religionsfreiheit und das Recht, sämtliches bisher beschlagnahmtes Kircheneigentum zu behalten (Alzog, Seiten 279–280).

Im September 1555 wurde schließlich ein Kompromiss erzielt, der „Augsburger Religionsfrieden“ genannt wird.  Er erlaubte jedem Fürsten, zu entscheiden, ob der Katholizismus oder der Lutheranismus in seinem Hoheitsgebiet praktiziert werden sollten.  Es gab keine Wahl für seine Untertanen.  Alle vor 1552 beschlagnahmten kirchlichen Besitztümer sollten von den Lutheranern behalten werden; alle Enteignungen nach dieser Zeit sollten rückgängig gemacht werden.  Nur der Katholizismus und der Lutheranismus (wie im Augsburger Bekenntnis definiert) waren in Deutschland erlaubt.  Alle anderen Abweichler sollten weiterhin als „Ketzer“ bestraft werden (Walker, Reginald, Seite 382).

So wurde 1555 die Trennung Deutschlands in Katholiken und Lutheraner dauerhaft verfestigt.  In den folgenden Jahren war der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) die größte Herausforderung für diesen Zustand.  Im Zuge dieses schrecklichen Krieges zwischen den Fürsten der Katholischen Liga und denen der Protestantischen Union soll fast die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands durch Schwert, Hunger oder die Pest umgekommen sein.  Aber mit dem Westfälischen Frieden endete dieser schließlich in praktisch derselben religiösen Spaltung Deutschlands, wie sie im Augsburger Frieden bereits beschlossen worden war.

So folgten religiöser Hass, politische Spaltung und ein langer Krieg nach der lutherischen Reform.  Wie wir sehen werden, war auch der Rückgang der öffentlichen Sitten eine erkennbare Folge.

Das politische und religiöse Bündnis Luthers mit den deutschen Fürsten legte das Schicksal seiner Sache von Anfang an in ihre Hände.  Dieser religiöse Patriotismus bereitete wiederum den Weg für einen starken Nationalstaat in Deutschland vor.

Bevor wir die Lehren und Praktiken der lutherischen Bewegung und das Endergebnis dieses religiösen Umbruchs analysieren, werden wir zuerst den Verlauf der Reformation in anderen Ländern wie der Schweiz, Frankreich und England betrachten.

Und damit wir nicht unsere Perspektive im Labyrinth historischer Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten verlieren, fragen wir uns noch einmal: War die Protestantische Reformation eine Bewegung, die durch das ursprüngliche Christentum des ersten Jahrhunderts aktiviert wurde?  Waren seine „Früchte“ das Ergebnis des Wirkens des Heiligen Geistes?  War die Protestantische Bewegung eine echte „Reformation“ der einzigen wahren Kirche, die Jesus zu erbauen versprochen hatte? (Matthäus 16, 18).  War es eine aufrichtige, vom Geist geführte Rückkehr zu dem „Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert war“ (Judas 3)?

Nun werden wir diese aufschlussreiche Analyse der Reformation mit der dramatischen Geschichte ihres Werdegangs in der Schweiz fortsetzen.  Wir werden zuerst den Mann betrachten, der die Reformationsbewegung in diesem Land begonnen hat.  Er ist den meisten modernen Kirchgängern wenig bekannt.  Dennoch hat er einen starken Einfluss auf die Glaubenssätze und Praktiken ausgeübt, die viele protestantische Kirchen bis heute haben.  Sein Name war Ulrich Zwingli.

 

Die Reformation Zwinglis

In den ersten Jahren der lutherischen Reform begann in der Schweiz eine in vielerlei Hinsicht ähnliche Bewegung.  Die führende Kraft dieser Bewegung in ihrem frühen Stadium war Ulrich Zwingli.

Zwingli wurde 1484 im Bergdorf Wildhaus geboren und war ein glänzender Schüler seit seiner Jugend.   Er studierte an der Universität Wien und ging dann nach Basel.  Er beschäftigte sich mit dem Humanismus und begann später, das von Erasmus veröffentlichte griechische Testament zu studieren.  Daraus kopierte er eigenhändig die Paulusbriefe, damit er sie in Erinnerung behalten könnte.

Neben seinen wissenschaftlichen Interessen war Zwingli auch ein eifriger Patriot und wollte das korrupte soziale und politische Leben seines Landes reformieren.  Üblicherweise wurden einflussreichen schweizer Bürgern Bestechungsgelder und kirchliche Positionen angeboten, um sich deren Treue im Kämpfen des Papstes oder des französischen Königs zu erkaufen (Hausser, Seiten 127–128).

Zwingli wurde nach seinem Magisterabschluss an der Universität Basel durch den Einfluss seines Onkels zum Pfarrer ernannt.  Er selbst erhielt zeitweise vom Papst eine Pension dafür, dass er der Einstellung von schweizer Jugendlichen als Söldner in der Armee des Papstes zustimmte (Walker, Reginald, Seite 360).

Er wurde schließlich aufgrund starker französischer Aktivitäten in dieser Hinsicht dazu veranlasst, diese Praxis der Anheuerung von Soldaten in seiner eigenen Gemeinde zu widerrufen.  Zwingli konnte anschließend seine Aktivitäten auf den berühmten Wallfahrtsort Einsiedeln ausweiten, was seinen Einfluss und seinen Ruf deutlich erhöhte.

 

Zwinglis doktrinäre Entwicklung

Während dieser Zeit kam Zwingli zu der Einsicht, dass die abergläubischen Wallfahrten, die jedes Jahr zu den religiösen Heiligtümern in Einsiedeln unternommen wurden, vergeblich sind, und wurde dazu gebracht, gegen Bernhardin Samson, einen Ablassverkäufer, zu predigen.

Er setzte zu dieser Zeit auch sein Studium der Schrift fort und begann, eine Rechtfertigungslehre zu entwickeln, die der von Luther ähnelte.  Er erinnerte sich an einige humanistische Vorlesungen, die er an der Universität gehört hatte, zeigte die Wertlosigkeit der Ablässe und bestätigte, dass der Tod Christi der einzige Preis für Vergebung ist.  Er begann, die Bibel als einzige Autorität anzuerkennen, und entwickelte durch sein Studium viele Punkte, die in seine spätere Lehre mit einflossen.

1518 wurde Zwingli an das Großmünster von Zürich versetzt.  Er lehnte nun seine päpstliche Zuwendung ab und sprach sich gegen jegliche ausländischen Verstrickungen der Schweizer aus. Erst 1522 brach Zwingli endgültig mit Rom ab.

Als einige seiner Gemeindemitglieder unter Berufung auf Zwinglis Lehre von der alleinigen Autorität der Heiligen Schrift (Hausser, Seite 132) die Fastenzeit brachen, predigte zu ihrer Verteidigung und ließ seine Predigt drucken und verbreiten.  Der Bischof von Konstanz schickte eine Delegation, um die Neuerungen niederzuschlagen. Zwingli wandte sich nun an die Zivilbehörden, und der Zürcher Bürgermeister entschied schließlich, dass nur das, was in der Schrift gelehrt wurde, gepredigt werden sollte.  Damit war der Weg frei für eine religiöse und politische Revolution.

 

Schnelle Veränderungen treten ein

Die Nachricht von der Reformation in Deutschland unter Luther hatte nun den größten Teil der Schweiz erreicht, und dies war eine zusätzliche Ermutigung für ihre Sache. Viele der Schriften Luthers wurden auch unter den Deutschschweizern verbreitet, und seine Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein wurde inzwischen weithin verstanden (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 147).

Aber wie wir sehen werden, konnte Zwingli mit Hilfe der Behörden, die genug von der römischen Tyrannei hatten, eine noch größere Veränderung herbeiführen, als Luther.

Zwingli glaubte, dass die christliche Gemeinschaft die höchste Autorität war, und dass diese Autorität durch die ordnungsgemäß konstituierten Organe der Zivilregierung im Einklang mit den Schriften ausgeübt werde.  Nur das, was die Bibel vorschreibt oder für das eine klare Autorisierung in ihren Seiten zu finden ist, sei verbindlich oder zulässig (Walker, Reginald, Seite 361).

Aufgrund seines festen Glaubens, dass die Bibel die vollständige Richtlinie für Lehre und Praxis sein sollte, ging Zwingli in seiner Reform viel weiter als Luther.  Seine Haltung gegenüber den heidnischen Zeremonien und Festen, die sich in die Römisch-Katholische Kirche eingeschlichen hatten, war viel strenger, als die von Luther.  „Während Luther bereit war, das, was die Bibel nicht verbot, unangetastet zu lassen, neigte Zwingli eher dazu, das abzulehnen, was die Bibel nicht gebot“ (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 145).

Zwingli begann nun, die kantonalen Regierungsbeamten dazu zu bewegen, seine Lehre zu unterstützen.  Er organisierte eine öffentliche Debatte über 67 Artikel, die mit den katholischen Lehren zur Messe, guten Werken, Fürbitte von Heiligen, Mönchsgelübden und der Existenz des Fegefeuers zu tun hatten.  Die Bibel sollte die Autorität sein, auf die sich die Diskussion stützen sollte.  „In der darauffolgenden Debatte erklärte die Regierung Zwingli zum Sieger, indem sie bestätigte, dass er nicht der Ketzerei überführt worden war, und befahl, dass er seine Predigt fortsetzen dürfe.   Es war eine Bestätigung seiner Lehre“ (Walker, Reginald, Seite 362).

Viele Veränderungen fanden daraufhin statt.  Die Priester und Nonnen begannen, zu heiraten.  Bilder, Relikte und Orgeln wurden entfernt.  1524 begann die Konfiszierung kirchlicher Güter durch den Staat.   Im selben Jahr heiratete Zwingli eine Frau, mit der er seit 1522 zusammengelebt hatte – nicht ohne erheblichen Skandal zu verursachen (Walker, Reginald, Seite 363).

Wegen des politischen Wertes der Schweiz in den Kriegen hatte der Papst die Bewegung Zwinglis die ganze Zeit nicht direkt beeinflusst.  Zwingli förderte die Verbreitung seiner Bewegung in der ganzen Schweiz.  Die meisten Städte gerieten bald unter den Einfluss seiner Lehre, und sogar die große deutsche Stadt Straßburg war für den zwinglianischen anstatt für den lutherischen Standpunkt gewonnen worden.

Es ist jedoch wichtig, anzumerken, dass die Veränderungen nicht wirklich von der umfassenden Bekehrung der Menschen in diesen Städten zu Zwinglis Lehren begleitet wurden.  Es war vielmehr eine Kombination aus einer politisch-religiösen Bewegung und der Unterstützung durch die Schweizer Republikanische Partei, welche sich gegen alles Römische richtete.  Genau dieses Bündnis mit der Politik, führte bald zu Zwinglis Tod auf dem Schlachtfeld.

 

Zwinglis grundlegende Lehrposition

Im Jahr 1525 veröffentlichte Zwingli sein theologisches Hauptwerk, den „Kommentar zur wahren und falschen Religion“.  Fisher fasst seine Lehrposition zusammen:

Obwohl er in den meisten Punkten die normalen protestantischen Ansichten vertrat, unterschied er sich in der Sakramententheologie von ihnen, wie später erklärt wird.  Er hielt an der Vorherbestimmung als philosophischem Grundsatz fest, lehrte aber, dass Christus die gesamte menschliche Rasse erlöst hat.   Er sah die Erbsünde eher als Störung an, als einen Zustand der Schuld.  Er glaubte, dass die Weisen der Antike durch den göttlichen Geist erleuchtet wurden, und in seinem Heiligenkatalog nannte er Sokrates, Seneca, die Catos und sogar Herkules (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 308).

Hier stellen wir fest, dass Zwingli den Zweck und die Wesensart des Heiligen Geistes Gottes so sehr missverstanden hat, dass er sich vorstellte, dass jener auch die heidnischen Philosophen der Antike geleitet hat, auf deren unmoralische Leben und Lehren der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom eindeutig anspielt (Römer 1, 18–32).

Natürlich feiern viele protestantische Schriftsteller Zwingli für seine „weitreichenden“ Ansichten hinsichtlich der heidnischen Spekulanten.  Hastie lobt Zwinglis Sichtweise: „Mit einem für sein Alter seltenen Gedanken- und Gefühlsunterschied erkannte er eine göttliche Inspiration in den Gedanken und im Leben der edleren Geister der Antike, wie Sokrates, Platon und Seneca, und hoffte sogar, diesen im Himmel zu begegnen“ (Hastie, Seite 184).

Zwinglis Wunsch, diese Philosophen des Altertums im Himmel zu treffen, ist für den aufrichtigen Studenten der Bibel erhellend.  Er hatte viele äußerliche katholische Formen zum Besseren verändert und Luthers grundlegende Rechtfertigungslehre übernommen, aber sein gesamtes Gottesbild und der letztendliche Zweck der Erlösung waren immer noch im Wesentlichen dieselben wie in der Römisch-Katholischen Kirche.

Die lutherischen und zwinglianischen Zweige der protestantischen Bewegung hatten sich kaum zu entwickeln begonnen, als sie in eine heftige Kontroverse über die Lehre des Abendmahls, wie sie es nannten, gerieten.  Für beide Parteien war dies eine grundlegende Angelegenheit, und keiner wollte dem anderen dabei entgegenkommen.

 

Der Abendmahlsstreit

Obwohl Luther die unbiblische Lehre der Transsubstantiation abgelehnt hatte, bestand er darauf, dass in Brot und Wein tatsächlich die objektive, echte Präsenz des verherrlichten Leibes und Blutes Christi steckte – ein Zustand, den er „sakramentale Einheit“ nannte.  Er leugnete, dass das Brot und der Wein irgendwie zu Christi tatsächlichem Leib und Blut „verwandelt“ wurden, behauptete aber dennoch, dass Christi Leib und sein Blut auf mysteriöse Weise tatsächlich vom Kommunikanten in der Eucharistiefeier empfangen würden.

Auf der anderen Seite bestritt Zwingli, dass der Leib und das Blut Christi in irgendeinem solchen Sinn tatsächlich anwesend ist, und glaubte, dass das Abendmahl des Herrn nur ein Gedenken an seinen Sühnetod sei.

In diesem Streit wurde auf beiden Seiten wenig Liebe gezeigt.  Zwingli meinte, Luthers Vorstellung von der tatsächlichen Präsenz Christi in der Eucharistie sei eine weitergeführte Form katholischen Aberglaubens.  Er sagte, dass ein physischer Leib nur an einem Ort sein könne, und dass Christus zur rechten Hand des Vaters im Himmel sei.

 Luther warf Zwingli vor, die menschliche Vernunft über die Schrift zu erheben. Er versuchte, die physische Präsenz Christi auf zehntausend Altären gleichzeitig als eine Lehraussage zu erklären, welche besagt, dass die Eigenschaften der göttlichen Natur Christi nicht auf seine menschliche Natur übertragen worden waren, und er somit als Geist überall zugleich sein könnte.

Das Bedeutsame ist vielleicht, dass dieser Streit eindeutig zeigte, dass sie – ob einer von ihnen recht hatte, oder nicht – nicht den gleichen Geist hatten. Von da an konnten sie nicht ehrlich behaupten, dass der eine Heilige Geist Gottes sie beide zur Wahrheit führte – und dass sie eins waren in der christlichen Gemeinschaft.

Luther erklärte, dass Zwingli und seine Anhänger keine Christen seien, während Zwingli versicherte, dass Luther schlechter sei, als der römische Abgesandte Eck. Zwinglis Ansichten fanden jedoch nicht nur die Zustimmung der deutschsprachigen Schweiz, sondern auch eines Großteils Südwestdeutschlands.  Die römische Seite freute sich über diese offensichtliche Spaltung der evangelischen Kräfte (Walker, Reginald, Seite 364).

Die leidenschaftlich geführte Kontroverse über diesen Punkt dauerten viele Jahre und umfassten eine Reihe von Flugschriften, Predigten und Diskussionen. Die hauptsächliche und was das Ergebnis betrifft abschließende Diskussion zu diesem Punkt zwischen den Reformatoren fand auf der Burg des bereits früher in diesem Kapitel erwähnten Landgrafen Philipp I. von Hessen, in Marburg, statt.  Philipp hatte, wie wir uns erinnern, zu dieser Zeit so große sexuelle Probleme, dass er wegen seines schuldbeladenen Gewissens selten an einem Abendmahl des Herrn teilnahm (Walker, Reginald, Seite 377).  

Man könnte sagen, dass es merkwürdig erscheint, dass ein Ehebrecher, Bigamist und Alkoholiker wie der Landgraf einer der Laienführer der Reformationsbewegung sein sollte.

Philipp war jedoch eine der politischen Stützen der protestantischen Bewegung und wünschte, dass die beiden Reformparteien zu einer Einigung gelangen, wenn irgendwie möglich.  Daher lud er die Führer beider Parteien ein, sich auf seiner Burg zu treffen, und am 1. Oktober 1529 begannen die Diskussionen.

 Obwohl Luther der Lehre der Schweizer von der Dreieinigkeit und der Erbsünde gegenüber misstrauisch war, bestand der Hauptunterschied darin, ob der physische Leib Christi im Abendmahl anwesend war oder nicht.  Luther bestand auf einer wörtlichen Auslegung der Worte: „Dies ist mein Leib“.  Zwingli vertrat die Ansicht, dass ein physischer Leib nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann.  Obwohl die Diskussionen mehrere Tage dauerten, war keine Einigung möglich, und die beiden Parteien trennten sich schließlich – und beide stellten das „Christsein“ des jeweils anderen infrage (Kurtz, Seite 273).

Der Landgraf organisierte ein letztes Treffen der Reformatoren und erklärte ihnen eindringlich die Wichtigkeit, zu irgendeiner Verständigung zu gelangen.

 

Das letzte Treffen von Luther und Zwingli

Schaff beschreibt dieses Treffen wie folgt:

Am Montagmorgen organisierte er ein weiteres privates Treffen zwischen den sächsischen und den schweizer Reformatoren. Es war ihr letztes Treffen auf der Erde.  Mit Tränen in den Augen wandte sich Zwingli an Luther und streckte die Hand zur Bruderschaft aus; Luther lehnte dies ab und sagte erneut: „Ihr Geist ist ein anderer als unser Geist“.  Zwingli meinte, dass die Unterschiede im Unwesentlichen bei der Einheit im Wesentlichen die christliche Bruderschaft nicht verbieten.  „Lass uns“, sagte er, „unsere Einigkeit in allen Dingen, in denen wir uns einig sind, bekennen; und im Übrigen, erinnern wir uns daran, dass wir Brüder sind. Es wird niemals Frieden in den Kirchen geben, wenn wir in sekundären Punkten keine Unterschiede ertragen können.  „Luther hielt die leibliche Präsenz für einen grundlegenden Artikel und interpretierte Zwinglis Liberalität als Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit.  „Ich bin erstaunt“, sagte er, „dass Sie mich als Ihren Bruder betrachten wollen.  Es zeigt deutlich, dass Sie Ihrer Lehre keine große Bedeutung beimessen“.  Melanchthon betrachtete die Bitte der Schweizer als eine merkwürdige Unbeständigkeit.  An die Schweizer gewandt sagten die Wittenberger: „Sie gehören nicht zur Gemeinschaft der christlichen Kirche.  Wir können Sie nicht als Brüder anerkennen“.  Sie waren jedoch bereit, sie in jene universelle Nächstenliebe aufzunehmen, die wir unseren Feinden schulden (Schaff 7: 644–645).

Wir sehen also, dass Luther sich von Zwingli trennte, nicht in dem Gefühl, dass die schweizer Partei vom Heiligen Geist geleitet wird, sondern dass Zwingli von einem anderen „Geist“ geleitet wird als er.  In der Tat gibt es sogar unter protestantischen Autoren viele Zeugnisse, dass die Reformer nicht die „Einheit des Geistes“ hatten, die nur Gottes Geist bringen kann.

Beachten Sie Plummers Bericht über Zwinglis Wunsch, diese erbärmlichen Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden:

Doch es gibt keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln, dass er es sorgfältig vermieden hatte, mit Luther zu diskutieren, denn er sagte: „Ich wollte allen Menschen die Einheitlichkeit des Geistes Gottes zeigen, wie sie sich darin zeigt, dass wir, die wir sind weit voneinander entfernt sind, dennoch im Einklang miteinander sind, auch ohne Absprachen“.  Sie blieben jedoch nicht im Einklang, wie alle Welt weiß; und es ist eine der vielen traurigen Tatsachen in der Reformationsgeschichte, dass Luther Zwinglis gewaltsamen Tod zu einer Verurteilung für seine eucharistische Lehre erklärte (Plummer, Seiten 141–142).

 

Zwinglis Tod

Kurz nach der Marburger Konferenz brach zwischen den Kantonen der Schweiz ein Krieg aus, der zum Tod von Zwingli führte.  Er begann als direkte Folge des Versuchs der protestantischen Städte, die katholischen Kantone auszuhungern, um sie so zu unterwerfen, und endete damit, dass die Katholiken einen Teil des Bodens zurückgewannen, den sie zuvor verloren hatten.

Die Unruhe entwickelte sich aus der Verfolgung der Protestanten in den katholischen Kantonen.  Das Verhalten der katholischen Kantone wurde bedrohlich, und Zwingli empfahl Gewaltmaßnahmen, um sie zur Unterwerfung zu zwingen.

Die hauptsächlichen Forderungen, die wirklich gestellt wurden, waren, dass die protestantische Lehre, zu der man sich in den unteren Kantonen bekannte, in den oberen Kantonen geduldet werden sollte, und dass die Verfolgung dort aufhören sollte.  Die Frage war jedoch, ob diese Forderungen auch durchgesetzt werden könnten.  Zwingli sprach sich dafür aus, den Feind durch einen direkten Angriff zu überwältigen und sie dann lediglich zu Zugeständnissen zu zwingen.  Aber er wurde überstimmt, und man entschied sich für halbherzige Maßnahmen.  Es wurde der Versuch unternommen, die katholischen Kantone zum Einlenken zu zwingen, indem man sie vom Nachschub abschnitt.  Der Effekt war, dass die Katholiken ihre Kräfte sammeln konnten, während die protestantischen Städte durch Eifersucht und Uneinigkeit darüber geteilt waren, welche Politik möglicherweise am besten sei.  Zürich blieb ohne Unterstützung, als es sich mit hastiger und unzulänglicher Vorbereitung der vereinten Kraft der katholischen Partei stellen musste.  Die Zürcher Streitkräfte wurden am 11. Oktober 1531 bei Kappel besiegt, und Zwingli, der als Kaplan mit seinen Leuten in den Kampf gezogen war, fiel (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seiten 153–156).

 

Warum Zwingli in der Schlacht starb

Die grausame Wahrheit ist, dass Zwinglis gewaltsamer Tod eine direkte Folge seiner eigenen Handlungen war.  Er hatte die biblische Anweisung nicht beachtet, „sich von der Welt unbefleckt zu halten“ (Jakobus 1, 27).  Ohne auf die Erklärung Christi zu hören, der sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18, 36), hatte Zwingli ständig die Politik und die weltliche Macht genutzt, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.

Wie Fisher sagt: „Zwingli war ein Patriot und ein sozialer Reformator“ (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 145).  Er verließ sich wie Luther auf die Fürsten dieser Welt.

Daher erscheint Zwinglis gewaltsamer Tod auf dem Schlachtfeld – in einem im Wesentlichen religiösen Krieg, auf den er selbst gedrängt hatte – wie eine eindrucksvolle Bestätigung der Warnung Christi: "wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen" (Matthäus 26, 52).

Nach seinem Tod hätte die Seite der Reformer immer noch den Sieg erringen können.  Aber sie war nicht vereint, und jede Stadt wollte die Hauptstadt einer geplanten Konföderation sein – und war auf die anderen eifersüchtig.  Infolgedessen mussten sie einen demütigenden Frieden unterzeichnen und einige der zuvor erreichten Gewinne wieder zurückgeben (Kurtz, Seite 269).

So sehen wir eine Spaltung unter Zwinglis Anhängern und eine noch größere Spaltung zwischen ihnen und den Lutheranern.  Denselben Geist der gegenseitigen Zwietracht besaßen in den folgenden Generationen viele ihrer protestantischen Nachfolger.

Man muss sich nur umsehen, um die Hunderte verschiedener protestantischer Kirchen zu sehen.  Aus Gründen der Einheitlichkeit bezeichnen sie sich gelegentlich als die „Kirche Christi“.  Sie sind jedoch keineswegs eines Geistes.

Martin Luther war zu Beginn dieser Spaltung zwischen den evangelischen Kirchen bereit, diese Tatsache anzuerkennen.  In Bezug auf Zwingli und seine Anhänger sagte er: „Entweder die eine oder die andere Partei muss notwendigerweise im Dienst des Satans arbeiten; die Angelegenheit lässt keine Diskussion zu, es besteht keine Möglichkeit eines Kompromisses“ (Alzog, Seite 352).

So begannen die religiöse Spaltung und die Verwirrung unserer Zeit.  Unser Ziel ist es, herauszufinden, ob dieses protestantische System – oder auch nur ein Teil davon – eine echte Wiederherstellung der einen wahren Kirche darstellt, von der Jesus Christus sagte, dass er sie erbauen würde.  Im nächsten Kapitel werden wir mit der Untersuchung des gewaltigen Einflusses von Johannes Calvin auf die Reformation fortfahren.  Sie werden überrascht sein, die Wahrheit über den Ursprung vieler moderner protestantischer Ideen herauszufinden!

 

 

Kapitel 6

 

Die Geburt des Calvinismus

 

Im letzten Kapitel begannen wir die Geschichte der Schweizer Reformation und sahen die Rolle, die Ulrich Zwingli dabei spielte.  Wie bei den anderen Reformatoren mussten wir feststellen, dass Zwinglis Beispiel ebenfalls in auffallendem Gegensatz zu der Lehre und dem Beispiel Christi und der frühen Apostel stand. Zwinglis gewaltsamer Tod in einem Krieg, auf den er selbst gedrängt hatte, bestätigte zweifellos die Warnung Jesu: „…wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen“ (Matthäus 26, 52).

Oft müssen wir innehalten, um zu fragen: War die protestantische Bewegung eine Reformation der wahren Kirche Gottes, die schief gegangen ist?  Wurde diese Bewegung vom Heiligen Geist Gottes inspiriert und geleitet?

Nun kommen wir zu der Geschichte des Mannes, der in der Schweizer Reformation wirklich vorherrschend war – und der seither einen großen Teil des Protestantismus beherrscht hat.

 

Die Reformation unter Johannes Calvin

Johannes Calvin tritt nun in das Reformationsdrama ein, und wir werden sehen, dass der mächtige Einfluss seines Geistes und seiner Persönlichkeit das Lehrsystem der reformierten Gemeinden für die kommenden Generationen dramatisch prägte (Kurtz, Seiten 304–305).  Wie Luther und Zwingli vor ihm wurde Calvin für das katholische Priesteramt ausgebildet.  So hatte auch er viele Vorstellungen, die die Römische Kirche vermittelt hatte, tief in seinem Kopf verankert, obwohl sein doktrinärer Bruch mit dem Papsttum umfassender war, als der Luthers.

Es ist jedoch bezeichnend, dass die drei prominentesten Führer unter den frühen Reformatoren alle zu „römischen“ Theologen ausgebildet wurden, bevor sie ihre reformatorischen Aktivitäten begannen.  Vielleicht mag dies zum Teil erklären, warum sie viele heidnische Konzepte und Traditionen beibehalten haben, die sich während des dunklen Zeitalters in das römische System eingeschlichen hatten.

Während Zwingli damit beschäftigt war, das religiöse und politische Leben der Schweiz zu verändern, war Johannes Calvin noch ein Jugendlicher – in Vorbereitung für das katholische Priestertum.

Calvin war Franzose und wurde im Jahr 1509 in Noyon in der Picardie geboren.  Sein Vater war Finanzbeamter, und Calvin wurde mit Kindern von adliger Herkunft erzogen.  Mit nur zwölf Jahren wurde er zum Kaplan ernannt, mit einem Einkommen, das für seinen Unterhalt ausreichte.

Bald darauf wurde er nach Paris geschickt, um für das Priesteramt zu studieren, aber sein Vater änderte später seine Pläne und wollte, dass Calvin Anwalt wird.  Er ging dann nach Orleans und Bourges und studierte bei berühmten Doktoren des Rechts.   Er war so ein brillanter Gelehrter, dass er oft gebeten wurde, Vorlesungen zu übernehmen, wenn der Professor abwesend war.

Zu dieser Zeit kam er unter den Einfluss eines Verwandten, Pierre Olivétan, welcher der erste Protestant war, der die Bibel ins Französische übersetzte.  Durch das Studium des Neuen Testaments in der griechischen Ursprache stärkte Calvin weiter sein Interesse an den protestantischen Lehren.

Nicht lange nachdem er eine wissenschaftliche, humanistische Abhandlung über die Schriften von Seneca veröffentlicht hatte, fand seine „plötzliche Bekehrung“ – wie er es später beschrieb – statt.  Nun wollte er sich der Gnade Gottes unterwerfen und begann ein ernsthaftes Studium der Bibel (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 319).

Calvin kehrte nach Paris zurück und wurde bald ein anerkannter Führer der Protestanten.  Verfolgung vertrieb ihn aus der Stadt, und Calvin ließ sich schließlich vorübergehend im protestantischen Basel nieder.

Zu dieser Zeit versuchte der französische König Franz I., die Hilfe der deutschen lutherischen Fürsten gegen den Kaiser Karl V. zu bekommen.  Um seine Verfolgung französischer Protestanten zu rechtfertigen, beschuldigte er sie, den gleichen gesetzlosen Fanatismus zu haben, wie einige der extremen Wiedertäufer-Sekten.

Dies veranlasste Calvin zu einer ausführlichen Verteidigung seiner französischen Glaubensgenossen.  Dieses Werk sollte die Falschheit der Anschuldigungen von Franz I. beweisen und die protestantischen Überzeugungen auf eine systematische und logische Weise darlegen, welche das Wohlwollen des Königs und anderer für die Sache der Reformer bringen könnte (Kurtz, Seite 302).

 

Calvins Institutio

Dieses Werk trug den Titel Institutio Christianae Religionis [Unterricht in der christlichen Religion].  Es wurde als großer Beitrag zur Theologie und auch zur Literatur angesehen.  Kein französischer Protestant hatte bisher mit einer solchen Logik und Autorität gesprochen.  Diese Arbeit gilt nach wie vor als die geordnetste und systematischste Darstellung der Lehre und des christlichen Lebens, die die Reformation hervorgebracht hat (Walker, Williston Seite 392).

Um die Lehre Calvins, wie sie in der Institutio enthalten ist, im Ansatz zu begreifen, können wir nichts Besseres tun, als Auszüge aus Walkers Zusammenfassung der Position zu zitieren, die Calvin in diesem Werk eingenommen hat:

Ohne Luthers Vorarbeit wäre sein Werk nicht möglich gewesen.  Es ist Luthers Konzept der Rechtfertigung durch den Glauben und der Sakramente als Siegel der Verheißungen Gottes, die er präsentiert.  Er leitete auch viel von Butzer ab, insbesondere seine Betonung der Herrlichkeit Gottes als das, wofür alle Dinge erschaffen wurden, der Erwählung als Lehre für die christliche Zuversicht und der Konsequenz dieser Erwählung, nämlich als ein eifriges Bestreben nach einem dem Willen Gottes entsprechenden Leben.  All jenes hat Calvin jedoch systematisiert und mit der ihm eigenen Fähigkeit klargestellt.

Das höchste Wissen des Menschen, so lehrte Calvin, ist das über Gott und über sich selbst.  Die Natur liefert genug davon, dass der Mensch ohne Entschuldigung ist, aber ein ausreichendes Wissen wird nur in den Schriften gegeben, die das Zeugnis des Geistes im Herzen des gläubigen Lesers als die Stimme Gottes bekräftigt.  Die Schrift lehrt, dass Gott gut ist und überall die Quelle aller Güte ist.  Gehorsam gegenüber Gottes Willen ist die höchste Pflicht des Menschen.  Der ursprünglich geschaffene Mensch war gut und fähig, Gottes Willen zu gehorchen, aber er verlor durch Adams Fall Gutes und Macht, und ist nun für sich absolut unfähig, Gutes zu tun. Daher kann kein Werk des Menschen einen Verdienst haben, und alle Menschen sind in einem Zustand des Verderbens, verdienen einzig die Verdammnis.  Aus diesem hilflosen und hoffnungslosen Zustand werden einige Männer ohne ihr Verdienst durch das Werk Christi gerettet.

Da alles Gute von Gott ist und der Mensch nicht in der Lage ist, seine Bekehrung anzustoßen oder ihr zu widerstehen, folgt daraus, dass der Grund, warum einige gerettet werden und andere verloren gehen, die göttliche Entscheidung ist – Erwählung gleichwie Verwerfung.  Einen Grund für diese Entscheidung erforschen zu wollen, der über den Willen Gottes hinausgeht, ist absurd, da Gottes Wille eine ultimative Tatsache ist.

Von Gott wurden drei Institutionen gegründet, durch die das christliche Leben aufrechterhalten wird – die Kirche, die Sakramente und die Zivilregierung.  In der letzten Analyse besteht die Kirche aus „allen Auserwählten Gottes“; aber sie bezeichnet auch zurecht „den ganzen Leib der Menschheit…, der sich zur Anbetung des einen Gottes und Christi bekennt“.  Es gibt jedoch keine wahre Kirche, „wo Lügen und Falschheit die Vorherrschaft erlangt haben“ (Walker, Williston, Seiten 392–394).

 

Eine Überprüfung von Calvins Lehrposition

Wir können sehen, dass Calvins Lehre der Rechtfertigung allein durch den Glauben von Luther kam.  Calvin glaubte jedoch, dass ein „geretteter“ Mensch als notwendige Frucht seiner Bekehrung gute Werke hervorbringen soll.

Calvin betonte die Verantwortung des Menschen, dem Gesetz Gottes als Leitfaden für das christliche Leben zu folgen (Walker, Williston, Seite 393).  In keiner Weise meinte er jedoch, dass dies den Buchstaben der Zehn Gebote einschließt, sondern lediglich den „Geist“ von Gottes Sittengesetz, wie es von Calvin definiert wurde.  Wie wir sehen werden, gab es in der Praxis viele Male, in denen Männer den Buchstaben und den Geist der wörtlichen Zehn Gebote brachen.  Wir werden später Beispiele dafür nennen.

Ohne Zweifel ist das grundlegende Prinzip von Calvins gesamtem theologischem System seine Lehre von der Vorherbestimmung.  Darin wurden alle anderen Dinge dem unwiderruflichen Willen Gottes unterworfen.  Wie Luther leitete auch Calvin viele seiner Ideen zu diesem Thema von Augustinus ab (Fisher, The History of The Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 321).

Im Abschnitt über die Vorherbestimmung in seinem Werk Unterricht in der christlichen Religion erklärt Calvin dogmatisch:

„Niemand, der als religiös angesehen werden möchte, wagt es, die Vorherbestimmung zu bestreiten, durch die Gott einige für die Hoffnung des Lebens wählt und andere zum ewigen Tod verurteilt… Unter Prädestination verstehen wir die ewige Anordnung Gottes, der zufolge er bei sich beschloss, was aus jedem Menschen werden sollte nach seinem Willen.  Denn sie werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung geschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis im Voraus verordnet…“ (Bettenson, Seite 302).

Wie die protestantischen Historiker selbst sagen, ist dies der Kern des Calvinismus!

Betrachten wir die Bedeutung dieser dogmatischen Behauptungen. Erstens sagt Calvin, dass nicht alle Menschen vor Gott gleich geschaffen sind. Die Apostel Petrus und Paulus waren jedoch beide inspiriert zu schreiben, „dass Gott die Person nicht ansieht“ (Apostelgeschichte 10, 34; Römer 2, 11).

Als nächstes sagt Calvin, dass – unabhängig von dem, was sie tun mögen – einige Menschen für das ewige Leben absolut vorherbestimmt sind, andere hingegen für die ewige Verdammnis.

 

Calvins Idee der Vorherbestimmung

Daher stellen wir fest, dass der schreckliche Gedanke, dass Menschen geboren werden, um „gerettet“ oder „verloren“ zu werden, eine der grundlegenden Ideen von Calvins Lehre war.  Nach dieser Theorie sind Sie seit aller Ewigkeit zu den Freuden des Himmels oder zu den Qualen einer brennenden Hölle vorherbestimmt.  Sie können aus eigenem Willen nicht bereuen und bekehrt werden.  Dies ist nur für diejenigen möglich, die Gott zur Gnade „ausgewählt“ hat.

Wie wir gesehen haben, lehrte Calvin auch, dass sobald Christus einer Person vergeben hat und diese gerechtfertigt worden ist, diese Person niemals abfallen kann.  Praktisch gesehen bedeutet dies, dass der „gerettete“ Mensch, egal wie böse er auch werden mag, egal wie vollständig verdorben, gotteslästerlich und niederträchtig er am Ende seiner Tage sein mag, er dennoch vorbestimmt ist, die unaussprechlichen Freuden des Himmels für alle Ewigkeit zu erben.  Diejenigen, die dafür vorherbestimmt sind, „verloren“ zu werden, sind – wie die „reformierten“ Prediger es ausdrücken würden – verdammt zu einer Ewigkeit in den brennenden, schreienden, schrecklichen Qualen einer nie endenden Hölle.

So war die Lehre von Johannes Calvin. Und dies wurde zur Lehre der „reformierten“ Gemeinden, die sich später in Teilen Frankreichs, in Schottland, in anderen Ländern Europas und schließlich durch die „Puritaner“ in den Staaten Neuenglands ausbreiteten.

 

Calvin in Genf

Kurz nach der Veröffentlichung seiner Institutio besuchte Calvin für kurze Zeit Italien.  Auf dem Rückweg nach Basel musste er Genf passieren. Dort trug sich ein Ereignis zu, das den weiteren Verlauf seines Lebens veränderte.

Im Jahre 1532, nach der protestantischen Niederlage in der Schlacht bei Kappel, war ein reformierter Prediger namens Guillaume Farel nach Genf gekommen, um die protestantischen Kräfte der Stadt wiederzubeleben.  Wie Calvin war er durch katholische Verfolgung aus Frankreich vertrieben worden.  Wegen seines kraftvollen und freimütigen Predigens war er zunächst aus Genf ausgewiesen worden.  Später kehrte er jedoch zurück und brachte die Protestanten dazu, diese Stadt vollständig zu kontrollieren.

Da alle „weltliche“ Vergnügung und Unterhaltung von seiner religiösen Partei verboten wurden, war ein großer Streit entstanden, und die Stadt war in Aufruhr.  Farel, der die große Befähigung Calvins und sein Interesse an der protestantischen Sache kannte, überzeugte ihn daher, zu bleiben und der reformierten Partei zu helfen, die Stadt zu kontrollieren.  Calvin hatte anfangs die ruhige Abgeschiedenheit des gelehrten Lebens bevorzugt, gab aber schließlich nach, als Farel warnte, dass „Gottes Fluch“ auf ihn fallen würde, wenn er sich weigern würde, zu helfen.

Calvin machte sich sofort an die Arbeit.  Er stellte einen Katechismus für die Unterweisung junger Menschen zusammen und half dabei, strenge Gesetze zu formulieren, die es den Menschen verbieten, „eitel“ Ornamente zu tragen oder an „abscheulichen“ Sportarten und anderen weltlichen Vergnügungen teilzunehmen (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 324).

Doch die Libertiner, wie die gegnerische Partei genannt wurde, gewannen bald die Oberhand und verbannten Calvin und Farel aus der Stadt.

Dies geschah 1538, und Calvin ging nach Straßburg, wo er den Großteil seiner dreijährigen Abwesenheit von Genf verbrachte.  Dort übernahm er die Leitung einer protestantischen Kirche für französische Flüchtlinge und heiratete bald darauf.  Hier machte er auch eine persönliche Bekanntschaft mit Philip Melanchthon, der allmählich zu seiner Ansicht des Abendmahls kam, obwohl die beiden hinsichtlich der Vorherbestimmung nie einer Meinung waren.

Er wurde dann nach Genf zurückgerufen, um der siegreichen reformierten Partei zu helfen, eine politische und kirchliche Regierung nach den Grundsätzen ihres Glaubens zu einzusetzen.  Von hier an sehen wir Calvins zunehmendes Engagement in der Politik und die daraus folgenden religiösen Konflikte (Walker, Williston, Seiten 397–398).

 

Calvins Rückkehr nach Genf

Calvin kehrte 1541 als Sieger nach Genf zurück und gründete eine neue politische und kirchliche Ordnung.  Diese war überraschend ähnlich wie die katholische Beziehung zwischen Kirche und Staat in den gehorsamen Ländern innerhalb des Heiligen Römischen Reiches.

Der Staat wurde von den religiösen Führern beherrscht und war verpflichtet, die Interessen der Kirche zu fördern, ihre Anordnungen auszuführen und all diejenigen zu bestrafen oder hinzurichten, die gegen die etablierte Religion waren.  Calvin hatte sich nie von dem katholischen Konzept einer Kirche losgesagt, die den Staat regiert und sich in weltliche Politik einmischt.

Nicht nur Weltlichkeit und Trunkenheit, sondern auch unschuldige Vergnügungen und das Verbreiten abweichender theologischer Lehren wurden hart bestraft.  Das war jedoch nicht alles.  Auch geringfügige Straftaten wurden mit schweren Strafen belegt.  Es war unmöglich, dass eine Stadt mit zwanzigtausend Einwohnern unter derart strenger Disziplin und strengen Auflagen zufrieden sein sollte.  Die Elemente der Unzufriedenheit offenbarten sich bald nach Calvins Rückkehr.  Seine Hauptgegner waren nach wie vor die Libertiner (Fisher, The History of the Church [Die Geschichte der Kirche], Seite 325).

Calvin versuchte von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Tod, dieses dogmatische System in der gesamten Stadt durchzusetzen.  Natürlich konnte dies zu nichts anderem als Missbehagen führen, und die Chronik von Calvins späterem Leben beschäftigt sich hauptsächlich mit seinen Schwierigkeiten, die Stadt Genf zu unterdrücken und die Einwohner dazu zu zwingen, sich seinen Ansichten zu beugen.  Es ist nicht zu leugnen, dass er eine Art religiöser Diktator war!

 

Die calvinistische Disziplin

Abgesehen von dem berühmten Fall von Michael Servetus, der in einem späteren Kapitel behandelt wird, ist eine detaillierte Erklärung der Grausamkeit und Strenge, mit der Calvin den glücklosen Genfern sein Glaubenssystem aufgezwungen hat, nicht notwendig.  Das Einzige, was gesagt werden muss, ist, dass die „Früchte“ von Calvins Lehrtätigkeit in Genf einen auffälligen Gegensatz zu der inspirierten Aussage von Paulus bilden: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Römer 14, 17).

Die folgende Zusammenfassung der Auswirkungen von Calvins „Theokratie“ auf Genf sollte eine gute Grundlage für einen Vergleich bieten:

Lassen Sie uns die eindrucksvollsten Fälle von Disziplin zusammenfassen. Mehrere Frauen, darunter die Frau von Ami Perrin, dem Generaloberst, wurden wegen Tanzens eingesperrt (was normalerweise mit Exzessen verbunden war).  Bonivard, der Held der politischen Freiheit und ein Freund Calvins, wurde vor das Konsistorium zitiert, weil er mit Clement Marot, dem Dichter, ein Würfelspiel um ein Viertel Wein gespielt hatte.  Ein Mann wurde für drei Monate aus der Stadt verbannt, weil er, als er ein Eselsgeschrei hörte, scherzhaft sagte: „Er betet einen schönen Psalm“.  Ein junger Mann wurde bestraft, weil er seiner Braut ein Buch über die Hauswirtschaft mit der Bemerkung gab: „Dieses ist der beste Psalter“.  Eine Frau aus Ferrara wurde aus der Stadt vertrieben, weil sie ihre Sympathie für die Libertiner zum Ausdruck brachte und Calvin und das Konsistorium missbraucht haben soll.  Drei Männer, die während einer Predigt gelacht hatten, wurden drei Tage ins Gefängnis gesperrt.  Ein anderer musste öffentliche Buße tun, weil er am Pfingstsonntag nicht den Gottesdienst besucht hatte. Drei Kinder wurden bestraft, weil sie während der Predigt außerhalb der Kirche geblieben waren, um Kuchen zu essen… Eine Person namens Chapuis wurde vier Tage eingesperrt, weil er darauf bestanden hatte, sein Kind Claude (nach einem römisch-katholischen Heiligen) anstelle von Abraham zu nennen, wie der Prediger es wünschte, und sagte, dass er seinen Sohn fünfzehn Jahre lang nicht taufen lassen werde.  Bolsec, Gentilis und Castellio wurden wegen ketzerischer Meinungen aus der Republik vertrieben. Männer und Frauen wurden wegen Hexerei verbrannt.  Gruet wurde wegen Aufruhr und Atheismus enthauptet. Servetus wurde wegen Ketzerei und Blasphemie verbrannt.  Der letzte Fall ist der eklatanteste Fall, der den Namen Calvins mehr als alle anderen mit Missbrauch und Hinrichtungen in Verbindung gebracht hat.  Es sollte jedoch daran erinnert werden, dass er die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen durch die mildere Bestrafung durch das Schwert ersetzen wollte, und zumindest war er in diesem Punkt der öffentlichen Meinung und der üblichen Praxis seines Zeitalters voraus (Schaff, Seiten 490–492).

Schaffs Plädoyer, Calvins „Gnade“ sei seiner Zeit voraus gewesen, klingt etwas hohl, wenn wir uns daran erinnern, dass er und die anderen Reformatoren das Papsttum wegen derselben Brutalität verurteilten und auf das Beispiel der Liebe Christi als Kontrast verwiesen.

Vielleicht müssen wir uns daran erinnern, dass Jesus zu seiner Zeit den Christen gesagt hatte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7, 1). Und ebenso: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Matthäus 6, 15).

Diese Lehre steht sicherlich im Gegensatz zu Calvins „Theokratie“ in Genf.  Wir setzen Schaffs Beschreibung dieses schrecklichen Systems fort:

Die offiziellen Urkunden des Konzils von 1541 bis 1559 weisen ein dunkles Kapitel von Tadel, Geldstrafen, Gefängnisstrafen und Hinrichtungen auf.  Während der Verwüstungen durch die Pest im Jahr 1545 wurden mehr als zwanzig Männer und Frauen wegen Hexerei und einer bösen Verschwörung, um die schreckliche Krankheit zu verbreiten, lebendig verbrannt.  Von 1542 bis 1546 wurden achtundfünfzig Todesurteile und sechsundsiebzig Verbannungen ausgesprochen.  In den Jahren 1558 und 1559 betrugen die Fälle verschiedener Strafen für alle Arten von Vergehen vierhundertvierzehn – ein sehr großer Anteil für eine Bevölkerung von 20.000 (Schaff, Seite 492).

Wir sehen also, dass Calvin nicht nur gewillt war, diejenigen zu bestrafen, die sein theologisches System nicht mittrugen, sondern auch, sie hinrichten zu lassen.  Zwei Jahre nach der Verbrennung von Servetus unternahm die Partei der Libertiner in Genf einen letzten entschlossenen Versuch, die von Calvin aufgestellte religiöse Hierarchie zu stürzen.  Sie versuchten zunächst, Intrigen und Geheimdiplomatie zu betreiben, griffen jedoch im Mai 1555 auf einen bewaffneten Konflikt zurück.

Doch Calvins Streitkräfte waren die stärkeren, und diese letzte Rebellion war ein Todesstoß für die Partei der Libertiner.  Viele mussten nun vor der „Gerechtigkeit“ Calvins um ihr Leben fliehen (Walker, Williston, Seite 400).

An dieser Stelle sollten wir die Tatsache zur Kenntnis nehmen – wie durch die vorangehenden Beispiele von Calvins System bewiesen wurde –, dass er der wesentlichste Reformator war, der die Idee betonte, dass Menschen in diesem Leben jegliche Freude aufgeben sollen.

Daher wurden, wie wir gesehen haben, Kleinigkeiten wie Kartenspielen, Tanzen, Scherzen und Theaterbesuche als große Sünden behandelt.  In vielen Fällen hatten die Genfer Religionsgerichte einen solchen Täter mit öffentlichen Schlägen oder sogar mit dem Tod bestraft!

Diese harten Maßnahmen waren das Ergebnis der Auffassung, dass Gott ein strenger, unerbittlicher Richter ist, der möchte, dass alle Menschen leiden.  Er runzelt die Stirn angesichts der allgemeinen Freuden des Menschen.  Was ihm am meisten gefällt, so lehrte Calvin, ist ein Leben in Schlichtheit, Armut und Strenge.

Vielleicht ohne es zu merken, sind Tausende von Protestanten bis heute von diesem Konzept beeinflusst worden und haben ein Schuldgefühl, selbst wenn es um viele der unschuldigen Freuden des Lebens geht.  Die strengen „blauen Gesetze“ der Puritaner Neu-Englands sind ein Beispiel dafür, und diese Tendenz ist bis heute bei vielen der strengeren protestantischen Sekten offensichtlich.

Es ist gut zu erkennen, dass diese Lehre nicht aus der Bibel stammt. Im Wesentlichen kam sie aus Johannes Calvins unbeugsamem Geist.

 

Calvins letzte Tage

Der Aufstand der Libertiner war niedergeschlagen, Calvin war der unbestrittene Meister von Genf.  1559 gründete er die „Académie de Genève“ – später als Universität von Genf bekannt.  Sie wurde bald zum größten Zentrum für theologischen Unterricht in den reformierten Gemeinden, die sich von den lutherischen Gemeinden abgrenzten.

Diejenigen in allen Ländern, die sich bemühten, den reformierten Protestantismus voranzubringen, suchten in Genf Unterricht und Unterstützung.  Die Stadt wurde zum großen Seminar, von dem aus Prediger nach Frankreich, in die Niederlande, nach England, Schottland, Deutschland und Italien entsandt wurden.  Als beinahe absoluter Herrscher von Genf hat Calvin, wie Hausser kommentiert, „mehr Macht erlangt und bewahrt, als jemals von den mächtigsten Päpsten ausgeübt wurde“ (Hausser, Seite 250).

Bis zum Ende arbeitete Calvin fleißig im Predigen und Schreiben.  Er kam zu der Überzeugung, dass die Ausbreitung der protestantischen Kirchen auf der Welt mit dem Kommen des Reiches Gottes gleichgestellt zu betrachten sei.

Hier ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Calvin und den vorherigen Reformern.  Er lehnte ihre Erwartung des schnellen Kommens des Herrn ab und projizierte den endgültigen Kataklysmus auf eine unbestimmte Zukunft.  Luther hoffte sehnsüchtig auf das Ende des Zeitalters vor seinem eigenen Tod, und die Wiedertäufer legten häufig Zeitpunkte dafür fest.  Calvin erneuerte jedoch die Aussage des Hl. Augustinus, der die frühchristliche Erwartung des baldigen Kommens des Herrn beendet hatte, und die Vorstellung von aufeinander folgenden Akten im historischen Drama vertrat, durch welche die Kirche beinahe mit dem Reich Gottes gleichgesetzt werden würde.  Ebenso ersetzte Calvin den großen, bevorstehenden Tag des Herrn durch den Traum von einem Heiligen Gemeinwesen in der irdischen Sphäre. Seine Errichtung hing von menschlichen Handelnden ab, den von Gott gewählten Instrumenten, den Auserwählten (Bainton, Seite 114).

Diese Haltung veranlasste die Menschen dazu, so von dem vereinnahmt zu werden, was wir heute leider als „Kirchentum“ bezeichnen müssen, dass sie es versäumten, weiter in geistlichen Wahrheiten zu wachsen, als Calvin sie gefunden hatte, und somit seine speziellen Fehler zu korrigieren. Dies führte auch zu einem bemerkenswerten Mangel an Interesse und Verständnis für die prophetischen Teile der Bibel – ein Zustand, der bis heute andauert.

 

Calvins Tod und die Verbreitung seiner Lehren

Wir werden nicht versuchen, die Ausbreitung des Calvinismus oder der reformierten Theologie in anderen Ländern im Detail zu behandeln, da das Muster der Lehre im Wesentlichen gleichgeblieben ist.  Derselbe Geist leitete die Bewegung überall.  Tatsächlich tragen die reformierten Kirchen bis heute den unauslöschlichen Stempel von Calvins starkem Verstand und seiner Persönlichkeit.

Von Genf aus breitete sich der Calvinismus in Frankreich, Holland, England, Schottland und Neu-England aus.  Das Genfer Muster konnte in diesen Ländern zumindest anfangs nicht reproduziert werden.  Aus einer einzelnen Stadt kann eine ausgewählte Gemeinschaft werden.  Im Falle eines ganzen Landes war dies eine sehr schwierige Angelegenheit.  Das Ideal wurde schließlich in Schottland und Neu-England am besten erreicht (Bainton, Seite 121).

Wenn wir von den öffentlichen Auspeitschungen und von brennenden Menschen auf dem Scheiterhaufen in den „puritanischen“ Siedlungen Neu-Englands lesen, stellen wir fest, dass dies nur eine Fortsetzung von Calvins System war.  Wie in Neu-England und mit John Knox in Schottland gezeigt wurde, versuchten Calvins Anhänger, die politische Regierung und die gesamte Bevölkerung mit Gewalt zu regieren oder zumindest zu beherrschen.

Sogar bis zu seinem Tod war Calvins Geist wach und scharf, obwohl sein Körper von Krankheiten dahingerafft war.  Als er das Gefühl hatte, seine Zeit sei gekommen, ließ er den Senat kommen, an dessen Sitzungen er so oft teilgenommen und diesen dominiert hatte.  Er forderte dessen Mitglieder auf, den Staat vor Feinden zu schützen, die ihn noch bedrohten.

Kurz darauf starb er friedlich. Seine Predigerkollegen waren voller Trauer, denn seine große Persönlichkeit hatte sie alle inspiriert – und sein Tod hinterließ ein Vakuum, das sonst niemand füllen konnte.  Sein vorherrschender Geist und seine Persönlichkeit waren so, dass „er bei manchen die tiefste Bewunderung und bei anderen eine ebenso tiefe Abneigung erregte“ (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 329).

Diese Dominanz von Luther und Calvin war in vielerlei Hinsicht nachteilig.  Sie führte dazu, dass die Menschen ihre Lehre und Praxis akzeptierten, ohne sie zu hinterfragen.  Sie dachten nie daran, diese Ideen durch das heilige Wort Gottes zu prüfen.

Wie wir gesehen haben, sind viele Lehren und Handlungen der führenden Reformatoren so weit entfernt von der Lehre und Praxis Christi und der Apostel, wie es in einer zivilisierten religiösen Gesellschaft nur möglich erscheint!

Vielleicht war die protestantische Lehre eine Verbesserung gegenüber der Korruption der Römischen Kirche und ihrer autoritären Päpste.  Aber wie viel Verbesserung war das?  War es eine echte Wiederherstellung des Glaubens und der Praxis des ursprünglichen Christentums?

Sogar ein angesehener protestantischer Historiker stellte fest:

Der Protestantismus setzte den unfehlbaren Papst in einem großen Teil Europas ab und tat gut daran.  Leider neigte man jedoch dazu, die Reformatoren zu unfehlbaren Päpsten zu machen und Luther und Calvin, die unfehlbaren Theologen, an die Stelle Christi selbst zu setzen, als eine Autorität, der man nicht widersprechen kann.  Diese Tendenz war vielleicht ihre Stärke in einer Zeit des Konflikts, in der es viel bedeutet, intensive Überzeugungen und keine Zweifel zu haben, um auf Befehl zu marschieren und zu kämpfen.  Es war jedoch eine Quelle der Schwäche und der Stagnation, als die Schlacht vorbei war und die Theologie mehr zu einem akzeptierten Dogma wurde, als zu einem Glaubensbekenntnis, für das man leben und kämpfen musste.  Der Calvinismus entartete wie der Lutheranismus zu einer Art Scholastik, gegen die er teilweise selbst protestiert hatte (MacKinnon, Seite 291).

Wie MacKinnon weise festgestellt hat, haben Protestanten heute – anstatt offen auf der Suche nach mehr Wahrheit zu sein – „Dogmen akzeptiert“, die sie auf dieselbe Weise wie die mittelalterlichen Scholastiker verteidigen wollen.  Gott hingegen gebietet uns: „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus“ (2. Petrus 3, 18).

Protestanten tendierten oft dazu, aus Luther, Calvin und den anderen frühen Reformatoren unfehlbare Päpste zu machen.  Im nächsten Kapitel werden wir diese sachliche und packende Diskussion mit der schockierenden Darstellung der wahren Tatsachen hinter der Reformation in England und der turbulenten Herrschaft von Heinrich VIII. fortsetzen.

 

 

Kapitel 7

 

England rebelliert gegen Rom

 

Die dritte zentrale Reformationsbewegung, die man als eigenständige Bewegung betrachten muss, ist diejenige, die in England stattfand.  Diese war sogar noch mehr als die Reformation unter Johannes Calvin eine gewaltsame Reformation.  

Während wir uns der erstaunlichen Wahrheit über die Reformation in England zuwenden, lassen Sie uns dieselben Fragen stellen, wie in den vorherigen Phasen dieser Bewegung: War dies eine Rückkehr zum Glauben und zur Praxis Jesu Christi und seiner Apostel?  War dies tatsächlich eine Rückkehr zu „der BIBEL, der ganzen Bibel und nichts als der Bibel“?

 

König Heinrich VIII und die Revolte in England

Die sogenannte „Reformation“ in England war fast ausschließlich auf die Handlungen eines Mannes, Heinrichs VIII., zurückzuführen.  Da die Revolte in England unter seinem Einfluss keine herausragenden religiösen Führer und nur sehr wenige unterschiedliche Lehren hervorgebracht hat, ist eine detaillierte Analyse ihres Fortschritts nicht erforderlich, um ihren einzigartigen Platz in der gesamten Reformation zu verstehen.  Ein Verstehen der wichtigsten Ursprünge und Ergebnisse ist jedoch wichtig, um das Verständnis für seinen späteren Einfluss auf die englischsprachigen Völker der Welt zu erleichtern.

Als Heinrich VIII. Im Jahre 1509 den englischen Thron bestieg, war es bereits eine etablierte Politik der Könige, die meisten Einsetzungen in Kirchenämter zu kontrollieren und viele der wichtigsten politischen Ämter mit hochgebildeten Kirchenmännern zu besetzen.  Natürlich führte dies zu vielen Missbräuchen und förderte oft Gier, Unehrlichkeit und weltliche Schläue in den höheren Geistlichen.

Diese Situation neigte auch dazu, die religiöse Treue der römischen Geistlichkeit gegenüber Rom zu untergraben.  Sie wurde aufgrund des politischen Amtes und Interesses durch ein Gefühl nationaler Loyalität ersetzt.  Dies wurde noch verstärkt durch einen wachsenden nationalen Widerstand gegen alle ausländischen Eingriffe, ob päpstlich oder anderweitig (Walker, Williston, Seite 401).

Unter diesen Umständen war es für Heinrich VIII., einen jungen, gutaussehenden, brillanten und eitlen Monarchen, überhaupt nicht schwierig, den katholischen Klerus Englands nach seinen Launen zu beeinflussen und einzuschüchtern.

Heinrich hatte von seinem Vater, Heinrich VII., eine reichhaltige Schatzkammer geerbt und erfreute sich bei seinen Untertanen großer Beliebtheit.  Doch wegen eines politischen Bündnisses mit den Spaniern war er von seinem Vater verpflichtet worden, Katharina von Aragon, die Tochter von Ferdinand und Isabella von Spanien, zu heiraten.  Eigentlich war sie zuerst die Frau seines älteren Bruders gewesen, obwohl man sagte, dass die Ehe vor Arthurs frühem Tod nie vollzogen wurde.

Katharina war ungefähr sechs Jahre älter als Heinrich.  Obwohl dies anfangs scheinbar wenig zu ändern schien, fand sich der leidenschaftliche, selbstsüchtige Monarch etwa fünfzehn Jahre später mit einer übergewichtigen, vorzeitig alternden Frau von vierzig Jahren verheiratet.  Es ist bekannt, dass Heinrich zu dieser Zeit seine Leidenschaft über viele Jahre hinweg mit einer Reihe von Mätressen befriedigte, und dies hätte sich unbegrenzt fortsetzen können, wenn nicht zwei Umstände hinzugekommen wären.

Erstens scheint es, als habe Heinrich sich besonders in Anne Boleyn verliebt, und sie bestand darauf, seine Frau zu werden.  Zweitens hatte nur eines der sechs Kinder, die Katharina geboren hatte, die Kindheit überlebt – ein Mädchen, Mary.  Eine Frau hatte England noch nie regiert, und Heinrich hatte möglicherweise befürchtet, dass das Fehlen eines männlichen Thronerben zum Bürgerkrieg führen könnte.  Er wollte eine andere Frau heiraten und einen männlichen Erben haben (Hausser, Seiten 170–171).

 

Die Ehefrage

Um das Jahr 1526 beantragte Heinrich in Rom eine Erklärung, in der seine Ehe mit Katharina annulliert werden sollte.  Er stützte sich auf die Tatsache, dass sie zuerst die Frau seines verstorbenen Bruders gewesen war und dass nur eine päpstliche Ausnahmegenehmigung gewährt worden war, die es ihm erlaubte, sie zu heiraten, da diese Beziehung nach katholischem Recht normalerweise ein Hindernis für die Ehe darstellt.

Heinrich wünschte nun, diese Ausnahmegenehmigung und damit auch seine Ehe für ungültig erklären zu lassen.  Er versuchte die Unterstützung von Thomas Wolsey zu gewinnen – den er zu Lordkanzler gemacht hatte, und den Papst Leo X. zu einem Kardinal ernannt hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Wolsey Heinrichs rechte Hand gewesen.  Aber er war auch der Vertreter des Papstes und versuchte, sich selbst zu schützen, indem er einen Mittelweg in der Angelegenheit anstrebte.  Folglich verzögerte sich die Angelegenheit – der Papst und Wolsey hofften, dass Heinrich seine Meinung ändern würde.

Dieses Verfahren erschöpfte die Geduld des Königs bald, und Thomas Cranmer und Thomas Cromwell empfahlen, seinen Fall vor die europäischen Universitäten zu bringen.  Dies tat Heinrich, indem er Bestechung im Ausland und Drohungen zuhause einsetzte, um von einigen protestantischen Gelehrten und Theologen für seine Scheidung eine teilweise Billigung zu erhalten (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 319).

In der Zwischenzeit entließ Heinrich Kardinal Wolsey wegen vorgeschobener Anklagen, und der entehrte Kardinal wurde krank und starb auf dem Weg, als er wegen Hochverrats vor Gericht gestellt werden sollte.  Sein Tod wäre in dieser Angelegenheit nicht der Erste gewesen.  Wie die Ereignisse zeigen, war Heinrich bereit, diejenigen zu töten, die sich seiner ungezügelten Lust auf Frauen und Macht entgegenstellten.

Nun drängte Heinrich das englische Parlament zu einer Erklärung, wonach er „der Beschützer und das Oberhaupt der Kirche und des Klerus von England“ war, woraufhin nach langer Debatte hinzugefügt wurde: „…soweit nach dem Gesetz Christi erlaubt“.  Dann veranlasste er das Parlament, Gesetze zu erlassen, die die Einführung päpstlicher Bullen in England verbieten und die Einnahmen des Papstes aus England unterbanden (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 320).

Während sein Fall noch in Rom anhängig war, vollzog Heinrich eine eilige Scheidung und heiratete heimlich, aber formell, Anne Boleyn am 25. Januar 1533.   Es scheint offenkundig, dass er bereits eine illegale, ehebrecherische Beziehung mit ihr hatte, denn im selben Jahr am 7. September gebar sie eine Tochter, Elisabeth, die später Königin wurde (Walker, Williston, Seite 403).

Bald darauf wurde Heinrichs neuer Günstling, Thomas Cranmer, zum Erzbischof von Canterbury ernannt.  Am 23. Mai leitete er ein kirchliches Gerichtsverfahren und erklärte Heinrichs Ehe mit Katharina offiziell für null und nichtig.

 

Englands Bruch mit Rom

Das unvermeidliche Ergebnis all dieser Handlungen stand bald bevor. Am 11. Juli 1533 veröffentlichte Papst Clemens VII. eine Bulle, in der er Heinrich exkommunizierte.  Heinrich antwortete in gleicher Weise und bewirkte bald vom Parlament Gesetze, die alle Zahlungen an den Papst verboten.  Außerdem wurde angewiesen, dass alle Bischöfe nun gemäß Ernennung durch den König gewählt werden sollten und es wurde jegliche Anerkennungen der päpstlichen Autorität abgeschafft (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seiten 320–321).

Im November 1534 verabschiedete das Parlament die berühmte Suprematsakte.  Darin wurden Heinrich und seine Nachfolger zum „einzigen Oberhaupt der Anglikanischen Kirche auf Erden“ erklärt, ohne einschränkende Klauseln und mit der vollen Macht zur Beseitigung von „Häresien“ und „Missbräuchen“ (Bettenson, Seite 322).

Der Bruch mit Rom war nun vollständig. Obwohl es in erster Linie eine Angelegenheit von Heinrichs eigenem Willen war, hätte er dies nicht ohne das starke Nationalgefühl und die Abneigung gegen die päpstliche Autorität, die bereits unter den Engländern bestand, erreicht.

Was den Bruch mit Rom unwiderruflich machte, war die Politik, die Heinrich nun weiterführte, nämlich die Konfiszierung der Klöster und Abteiländereien und die Verteilung eines Teils des geplünderten Reichtums unter seinen Höflingen und Freunden (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 321).

Heinrich hatte für seine Arbeit einen neuen Agenten in Thomas Cromwell (um 1485-1540) gefunden, einen Mann sehr bescheidenen Ursprungs, der abwechselnd ein Soldat, ein Kaufmann und ein Geldverleiher war, von dem Wolsey als Geschäfts- und Parlamentsagent viel Gebrauch gemacht hatte. Um 1531 gehörte Cromwell zum Geheimrat; 1534 war er Master of the Rolls; und im Jahre 1536 war er ein Vizeregent des Königs in kirchlichen Angelegenheiten. Heinrich gierte nach kirchlichem Eigentum, sowohl um seinen verschwenderischen Hof aufrechtzuerhalten, als auch, um eine Gefolgschaft zu schaffen und zu belohnen – die Reformation war überall von diesen Beschlagnahmungen gekennzeichnet – und Ende 1534 beauftragte er Cromwell, die Klöster zu besuchen und über ihren Zustand zu berichten.  Die angeblichen Tatsachen, deren Wahrheit oder Falschheit nach wie vor umstritten ist, wurden dem Parlament vorgelegt, das im Februar 1536 dem König zubilligte, sowie „seinen Erben und Beauftragten, damit für immer nach seinen und ihrem eigenen Willen zu tun und sie zu nutzen”.  Dies betraf alle Klosterbetriebe mit einem Einkommen von weniger als zweihundert Pfund pro Jahr. Die Zahl der so beschlagnahmten Klöster war dreihundertsechsundsiebzig (Walker, Williston, Seite 404).

Wie Walker feststellt, ist es bemerkenswert, dass es unter den protestantischen Fürsten und Adligen allgemein üblich war, den Reichtum der Katholischen Kirche nach Möglichkeit zu konfiszieren.  Es ist offensichtlich, dass sich die meisten dieser einflussreichen „Protestanten“ mehr um ihre Bereicherung kümmerten, als um alle möglichen theologischen Veränderungen. In der Tat hat Heinrichs Bruch mit Rom praktisch keine Änderung der Lehre bewirkt, außer der Ablehnung der päpstlichen Autorität und der Einsetzung des englischen Monarchen als „Oberhaupt“ der Kirche.

Die gesamte Situation entwickelte sich hauptsächlich aufgrund von Heinrichs sexueller Leidenschaft und Lust nach Macht – nicht als Ergebnis ernsthafter Männer, die die Wahrheit der Bibel wiederherstellen wollten.

 

Theologische Entwicklungen

In dieser Zeit waren einige religiöse Führer von der Reformationsarbeit auf dem Kontinent beeinflusst worden.  Einer von ihnen, William Tyndale, übersetzte das Neue Testament ins Englische.  Er konnte es jedoch nicht in England veröffentlichen.  Stattdessen wurde es 1526 auf dem Kontinent veröffentlicht und viele Exemplare fanden ihren Weg nach England, obwohl Kirchen- und Zivilbehörden versuchten, dies zu unterdrücken.

Dass die Bibel auf diese Weise in die Hände der Menschen gelangte, half dabei, den Weg für spätere Änderungen der Lehre nach lutherischem Vorbild zu bereiten.  Vorerst aber sollte das römisch-katholische Dogma durchgesetzt werden (Walker, Williston, Seiten 404–405).

König Heinrichs eigene religiöse Haltung, mit Ausnahme der Rolle des Papsttums, war die katholische Orthodoxie.  Zuweilen machte er begrenzte doktrinäre Zugeständnisse, um die deutschen Protestanten zufriedenzustellen, wenn er ihre Unterstützung brauchte.  Aber aus Furcht vor Frankreich und Spanien brachte Heinrich 1539 das Parlament dazu, den „Six-Articles-Act“ zu erlassen. Er beinhaltete eine strenge Auslegung der Transsubstantiation, das Keuschheitsgelübde für Priester, Ohrenbeichte und andere katholische Praktiken (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 324). 

In der Zwischenzeit vollendete er jedoch im Jahre 1539 die Konfiszierung aller Klöster und stärkte seine Position als Oberhaupt von Kirche und Staat.  Sein Teilen des erbeuteten Reichtums aus den kirchlichen Besitztümern baute die Vermögen der herrschenden protestantischen Klasse auf, die nun ein persönliches Interesse an der fortgesetzten Trennung von Rom hatten.

Die wahre Tatsache ist, dass sie der Lehre nach katholisch waren, aber protestantisch in ihrer Bestätigung von Heinrichs Recht, sich selbst anstelle des Papstes als Oberhaupt der Kirche einzusetzen und mit ihnen die Beute aus den geplünderten Klöstern zu teilen.

 

König Heinrichs eheliche Ausschweifungen

Als „höchstes Oberhaupt“ der Anglikanischen Kirche war Heinrichs Verhalten gegenüber seinen Feinden und seltsamerweise auch gegenüber seinen Frauen so weit von den christlichen Prinzipien entfernt, wie es nur möglich erscheint.

Im Sommer 1535 ließ er zwei der fähigsten Gelehrten und Theologen Englands, Bischof John Fisher und Sir Thomas More, grausam hinrichten, weil sie sich seiner Vorherrschaft über die Kirche und den Klerus Englands nicht anschließen wollten.  Viele andere bemerkenswerte Personen haben mit ihrem Leben dafür bezahlt, dass sie mit Heinrichs Ansichten nicht einverstanden waren.

Eine hilfreiche Zusammenfassung von Heinrichs bösartigem Verhalten gegenüber seinen Frauen und den Adligen wird von Alzog gegeben:

Heinrich war gegenüber seinen Frauen ebenso grausam wie gegenüber seinen Ministern und andere Untertanen.  Katharina von Aragon überlebte ihre Ablehnung etwas weniger als drei Jahre und starb am 8. Januar 1536 einen abschreckenden Tod.  Sie war kaum in ihr Grab gelegt, als Anne Boleyn, die ihren Platz in der Zuneigung ihres Mannes eingenommen hatte und die Ursache von all ihrem Unglück war, am 19. Mai 1536 unter Anklage von Ehebruch, Inzest und Hochverrat verurteilt, für schuldig erklärt und auf der Grünfläche innerhalb des Towers enthauptet wurde.  Cranmer, der zuvor „Kraft seiner apostolischen Autorität“ die Ehe zwischen Heinrich und Anne für gültig nach Recht und Gesetz erklärt hatte, wurde nun aufgefordert, seine frühere Entscheidung rückgängig zu machen, und erklärte „im Namen Christi und zur Ehre Gottes“, dass dieselbe Ehe null und nichtig sei und schon immer gewesen war.  Am Tag der Hinrichtung von Anne zog sich Heinrich, als wollte er seine Verachtung für ihr Andenken zum Ausdruck bringen, einen weißen Anzug an und wurde am folgenden Morgen mit Jane Seymour verheiratet, die am 24. Oktober 1537 starb, weniger als zwei Wochen nach der Geburt eines männlichen Kindes, später bekannt als Edward VI.  Anfang des Jahres 1540 war Heinrich mit Anna von Kleve verheiratet.  Die Ehe war politisch motiviert, vermittelt durch das Wirken von Thomas Cromwell, der hoffte, die protestantische Sache in England voranzubringen und seine eigene Macht durch den Einfluss der neuen Königin, die als gläubige Lutheranerin bekannt war, zu stärken.  Getäuscht hinsichtlich ihrer Schönheit und ihrer persönlichen Anziehungskraft, heiratete Heinrich sie nur, weil er keinen Grund fand, der dagegensprach, und nachdem er sechs Monate mit ihr gelebt hatte, ließ sie sich hauptsächlich aus diesen Gründen scheiden (am 13. Juli).  Innerhalb eines Monats (am 8. August) heiratete er Catherine Howard, die kurz danach wegen Ehebruchs angeklagt wurde, für schuldig gesprochen und am 13. Februar 1541 enthauptet wurde.  Heinrichs sechste und letzte Frau, Catherine Parr, verlor bei einer Gelegenheit beinahe den Kopf, weil sie es gewagt hatte, sich in theologischen Fragen mit dem Leiter der Anglikanischen Kirche auseinanderzusetzen.  Aber als sie ihren Fehler schnell genug entdeckte, entging sie der königlichen Rache, indem sie geschickt seine große Weisheit und das theologische Wissen lobte, ihre demütigste Unterwerfung unter sein Urteil aussprach und behauptete, dass sie ihn mit ihrem Widerspruch nur in eine hitzige Diskussion ziehen wollte, weil sie dadurch den Schmerz der Krankheit, an der er litt, vergessen konnte.  Durch dieses geschickte Mittel behielt Catherine den Kopf auf den Schultern und hatte das Glück, das brutale Monster, das 1547 starb, zu überleben.

Heinrich regierte achtunddreißig Jahre, und während dieser Zeit befahl er die Hinrichtung von zwei Königinnen, zwei Kardinälen, zwei Erzbischöfen, achtzehn Bischöfen, dreizehn Äbten, fünfhundert Priestern und Mönchen, achtunddreißig Theologen und Rechtsgelehrten, zwölf Herzögen und Earls, einhundertvierundsechzig Lords, einhundertvierundzwanzig Bürgern und einhundertzehn Damen (Alzog, Seiten 322–323).

 

Voranschreiten des Protestantismus unter Edward VI

Nach dem Tod Heinrichs VIII. stand die große Mehrheit der Engländer hinter dem verstorbenen König und wünschte keine wesentliche Änderung der Lehre oder der Anbetung (Walker, Williston, Seite 408).  Trotz dieser Tatsache sollte England Zeuge der Einführung vieler lutherischer Lehren während der Regierungszeit von Edward VI. werden.

Bei seiner Thronbesteigung war Edward erst neun Jahre alt.  Der Herzog von Somerset wurde sofort zum Protektor ernannt und leitete den Regierungsrat. Er hegte Sympathien für den Protestantismus und war ein Freund der enteigneten, unteren Bauernklasse.

Unter dem Einfluss von Somerset und Erzbischof Cranmer wurden einige Änderungen in Lehre und Anbetung eingeführt.

Zu diesem Zeitpunkt wurden der „Six-Articles-Act“ aufgehoben und die eigentlichen Grundlehren der Anglikanischen Kirche wurden umrissen.  Cranmer war ein erklärter Protestant in seiner Sympathie und brachte einige lutherische Theologen als Berater nach England.

Die Gesetze zur Durchsetzung des Zölibats des Priestertums wurden nun aufgehoben.  Wie bei Luther wurde die Kommunion mit Brot und Wein für die gesamte Gemeinde eingeführt.  Die Verwendung der englischen Sprache in den Gottesdiensten war verpflichtend, und die kontinentalen Reformatoren leisteten Hilfe bei der Formulierung von Gebetsbüchern und Liturgien (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seiten 357–358).

In dieser Zeit wurde die Grundlage des englischen Protestantismus gelegt.  Doch wie wir gesehen haben, war es eigentlich der Protestantismus der deutschen Reformatoren, der in begrenztem Umfang eingeführt wurde.

 

Die Herrschaft der blutigen Königin Maria

Die Reformationspläne wurden mit dem frühen Tod von Edward VI. 1553 und der Thronbesteigung der katholischen Königin Maria abrupt abgebrochen. Wegen der Gier einiger protestantischer Adliger hatte Maria sogar die Sympathien der meisten ihrer Untertanen, als sie den Thron bestieg (Walker, Williston, Seite 405).

Auf den eindringlichen Rat ihres Cousins, Kaiser Karls V., ging Maria zunächst vorsichtig vor.  Kurz darauf machte das Parlament eine Kehrtwende und erklärte die Ehe ihrer Mutter mit Heinrich wieder für gültig.  Die seltsame Haltung der Monarchen und politischen Führer Englands gegenüber dem Ehebund ist abscheulich.  Ihre Handlungen sind nur eine beschämende Parodie der Worte Christi: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Markus 10, 9).

Diese Handlungen deuten auch darauf hin, dass die Herzen des britischen Volkes keineswegs stark von ihrem neuen protestantischen „Glauben“ überzeugt wurden.  Ein englischer Gelehrter kommentiert zynisch: „Mit dem Parlament hatte Maria keine Schwierigkeiten.  Wie ein Zeitgenosse ironisch beobachtete, hätten sie auf Bitten der Königin der Einführung der mohammedanischen Religion mit derselben Bereitwilligkeit und Begeisterung zugestimmt“ (Babington, Seite 286).

Mit nur wenig Widerstand überredete Maria das Parlament, die unter Edwards Regierung erlassenen kirchlichen Gesetze aufzuheben, und der öffentliche Gottesdienst wurde auf die Zeremonien des letzten Jahres von Heinrich VIII. zurückgeführt.  Cranmer jedoch war jetzt inhaftiert, und viele der ernsthafteren Protestanten flohen auf den Kontinent.

Zu dieser Zeit schloss Maria eine Ehe mit dem Sohn von Kaiser Karl V., Philipp, der bald Philipp II. von Spanien werden sollte.  Die Furcht vor der katholischen und spanischen Herrschaft machte dies bei Marias Untertanen zu einer äußerst unpopulären Ehe, und durch diese Aktion verlor sie viel öffentliche Unterstützung (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 359).

Die englischen Adligen fürchteten nun den Verlust des von ihnen beschlagnahmten Kirchenbesitzes, und es kam zu einer Reihe von Aufständen.  Während dieser Zeit war es schwer zu sagen, ob deren protestantische Sympathien oder ihr englischer Nationalismus diese Vorfälle provozierte (Hausser, Seite 569).

„Bloody Mary“ – wie sie genannt wurde – begann nun mit der Ausrottung ihrer Feinde, und im Februar 1554 wurden fünfzig Menschen gehängt. Die völlig unschuldige Lady Jane Grey und ihr Ehemann Lord Guildford Dudley wurden beide wegen angeblicher Verschwörung gegen die Krone hingerichtet. Maria hatte ihrer Schwester Elisabeth nie viel Zuneigung entgegengebracht, daher wurde sie im Tower of London eingesperrt. In all diesen Jahren vermied Elisabeth jedoch klugerweise alles, was Marias Misstrauen ihr gegenüber erweckte, und bewahrte so ihr Leben (Hausser, Seiten 570–573).

Selbst zu Beginn dieser Verfolgung waren die englischen Adligen und das Parlament immer noch bereit, ihren Protestantismus aufzugeben und „die Kirche und ihre Lehre gemäß der Zufriedenheit des Papstes zu regeln, solange niemand die Verteilung des Eigentums der Kirche infrage stellen würde…“ (Hausser 571).  Es sollte sicherlich klar sein, dass diese Adligen sich mehr mit ihrer Gier nach Reichtum und Macht beschäftigten, als mit dem Versuch, die wahre Religion zu finden.

Nachdem Maria den ehemaligen Protestanten erlaubt hatte, das beschlagnahmte Kirchengut zu behalten, stimmte das Parlament bereitwillig zu, dem Papst Gehorsam zu leisten und die Edikte gegen Ketzer zu erneuern.  Nun wurden diejenigen, die sich weiterhin gegen die römische Religion wehrten, mit voller Härte verfolgt.  In den drei Jahren vor Marias Tod wurden rund 270 protestantische „Ketzer“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt, darunter 55 Frauen und vier Kinder (Hausser, Seite 571).

Viele dieser einfachen Leute waren bis zum Ende ihrer protestantischen Überzeugung treu. Ihr geistlicher Führer, Thomas Cranmer, der unter Heinrich VIII. und Edward VI. Erzbischof von Canterbury war, war nicht ganz so beständig.  Er widerrief seine protestantischen Sympathien unter Königin Maria in der Hoffnung, sein Leben zu retten.  Aber als es feststand, dass er auf jeden Fall sterben sollte, fand er seinen Mut wieder.  Er widersprach seinem früheren Widerruf, erklärte, er sei Protestant und sterbe in Würde.  „Welchen Weg er gewählt hätte, wenn es ihm erlaubt worden wäre, weiter zu leben, ist unmöglich zu sagen…“ (Babington, Seite 328).

Unter Maria verfolgte die Regierung die Protestanten wie Verbrecher.  Dies entwickelte natürlich einen Hass auf Rom unter den Engländern.  Nicht aus echten religiösen Gefühlen, sondern in politischer Hinsicht entstand nun die Idee, dass „Protestantismus und englische Nationalität identisch sind“ (Hausser, Seite 573).

Wenn wir also von den überzeugten „protestantischen“ Gefühlen unter den englischen Völkern lesen, sollten wir wissen, warum.  Es wurde zu einem Geist des englischen Nationalismus im Gegensatz zu Rom und ist eine nationale Religion, die bis heute in England Bestand hat.  Und wie viele erkannt haben, hing sein Verlauf immer mehr von Politik und Macht ab, als von aufrichtigen religiösen Motiven.

Das englische Volk setzte seinen teilweisen Zustand der Rebellion fort, bis seine katholische Königin Maria im November 1558 starb. Die Nation begrüßte nun ihre Schwester Elisabeth auf dem Thron (Fisher, The History of the Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 362).

 

Der englische Protestantismus wird etabliert

Elisabeth setzte sich bald, wie zuvor Heinrich VIII., als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche ein.  Da der Titel „höchstes Oberhaupt“ jedoch für Katholiken anstößig schien, wurde sie jetzt als „Oberster Gouverneur“ der nationalen Kirche bezeichnet (Walker, Williston, Seite 414).

Schritt für Schritt wurden nun die zuvor unter Edward VI. etablierten protestantischen Prinzipien wieder eingeführt.  Durch die Uniformitätsakte von 1559 wurde das Gebetsbuch von Edward VI. für die Verwendung in allen Kirchen wieder eingeführt.  Alle Personen waren unter Strafe und Geldbuße verpflichtet, die Nationalkirche besuchen, außer sie hatten eine „rechtmäßige oder angemessene Entschuldigung“ (Moncrief, Seite 339).

Babington kommentiert die heuchlerische Veränderlichkeit der „religiösen“ Situation in England während dieser Zeit.  

So widerrief das englische Parlament innerhalb weniger Jahre zum dritten Mal formell seinen religiösen Glauben.  Es ist müßig, einen glaubwürdigen Grund für diese erstaunliche Tatsache anzugeben.  Anzunehmen, dass die erblichen Gesetzgeber und die Vertreter der englischen Bevölkerung in diesen Änderungen von geistlichem Eifer oder von religiöser Überzeugung geleitet worden seien, wäre der Höhepunkt der Absurdität (Babington, Seite 299).

Obwohl Königin Elisabeth persönlich in religiösen und zivilen Angelegenheiten dominierte, wurde Matthew Parker nun zum Erzbischof von Canterbury geweiht.  Unter seiner Leitung wurden die ursprünglich von Thomas Cranmer formulierten 42 Glaubensartikel auf 39 reduziert.  1571 nahm das Parlament sie als Grundlage der Lehre der Anglikanischen Kirche an.  Sie formulierten „eine Art der Lehre zwischen dem Lutheranismus und dem Calvinismus“ (Kurtz, Seite 315).

Tatsächlich war die religiöse Grundlage der Anglikanischen Kirche eher eine Mischung aus Lutheranismus, Calvinismus und Katholizismus.  Doch die neununddreißig Artikel beruhten hauptsächlich auf lutherischen Glaubensbekenntnissen (Moncrief, Seite 339).  Und natürlich wurde Luthers Theorie der Rechtfertigung allein durch den Glauben übernommen.  Jedoch wurden von Calvin die Lehren über das „Abendmahl des Herrn“ und über die Prädestination im Wesentlichen akzeptiert.

Viele römisch-katholische Rituale, Sitten und Konzepte wurden hingegen beibehalten. „Die neununddreißig Artikel enthalten viele protestantische Dogmen, aber sie enthielten auch einen großen Teil des römischen Kultes“ (Moncrief, Seite 340).

Obwohl es von Zeit zu Zeit manche Änderungen gab, blieben die Lehren und die Form der Religion, die zu jener Zeit unter Königin Elisabeth etabliert wurden, in der Anglikanischen Kirche bis heute im Wesentlichen dieselben (Wharey, Seite 240).

 

Zusammenfassung

Es ist nicht das Ziel des hier vorliegenden Werks, in eine detaillierte Geschichte der verschiedenen Spaltungen der drei protestantischen „Zweige“ einzutauchen.  Wie wir bereits gesehen haben, verbreiteten sich Luthers Lehren im größten Teil Norddeutschlands, von dort aus vor allem bis in die skandinavischen Länder und dann in die Neue Welt.  Calvins Theologie dominierte schließlich in der Schweiz, in Teilen Frankreichs und Deutschlands, den Niederlanden und Schottland.  Später fand sie – mit Anpassungen – auch nach Amerika, insbesondere in die Staaten Neu-Englands.

 Als Grundprinzip ist es wichtig, zu erkennen, dass jede größere protestantische Körperschaft eine dieser grundlegenden Reformbewegungen zu Recht als legitimen Vorfahren anerkennen muss.  Und der Lutheranismus, der Calvinismus und der Anglikanismus müssen anerkennen, dass sie alle in erster Linie aus der Kirche von Rom stammen.

In Bezug auf England können wir mit Sicherheit feststellen, dass die drei Hauptkirchen, die aus der „puritanischen“ Bewegung des 17. Jahrhunderts hervorgegangen sind – die Presbyterianer, die Kongregationalisten und die Baptisten –, alle Calvin den größten Teil ihrer Lehren, Bräuche und Konzepte verdanken.

Die spätere methodistische Bewegung unter John und Charles Wesley beinhaltete keine Veränderung in den grundlegenden Lehren der Anglikanischen Kirche.  Sie war nur als Reformation innerhalb der anglikanischen Kirche gedacht, indem man die Prädestination ablehnte und die persönliche Heiligung und das Bewusstsein eines „Zeugnisses des Geistes“ im Gläubigen betonte (Hurlbut, Seite 177).

Bis zu seinem Lebensende drängte Wesley seine Anhänger, in der Anglikanischen Kirche zu bleiben, und erklärte: „Ich lebe und sterbe als ein Mitglied der Anglikanischen Kirche; und keiner, der meine Beurteilung in Betracht zieht, wird sich jemals von ihr trennen“ (Bettenson, Seite 361).

Es ist also klar, dass sogar die aus Rom stammende Anglikanischen Kirche selbst Mutter anderer religiöser Körperschaften ist, die dieselben grundlegenden Lehren haben.  Der Punkt, den wir betonen möchten, ist, dass sich alle großen Spaltungen innerhalb der protestantischen „Christenheit“ einig sind hinsichtlich der meisten ihrer grundlegenden Lehren, Traditionen und religiösen Konzepte.  Was dies bedeutet, wird später betrachtet werden.

Wie wir gesehen haben, entstand die englische Revolte aufgrund der Lust und der Sünde Heinrichs VIII.  Sie wurde unter dem Volk im Geist des Nationalismus und der Antagonismus gegenüber Rom verbreitet.  Die Gier des englischen Adels nach dem Reichtum und Landbesitz der Klöster verhalf ihr zu weiterem Erfolg.  Und sie wurde gekrönt durch die Einsicht des Königs, dass sie den englischen Monarchen unkontrollierte Macht verlieh.

Ein berühmter protestantischer Historiker, Williston Walker, macht folgendes Eingeständnis: „Das bemerkenswerte Merkmal der englischen Revolte ist, dass sie keinen herausragenden religiösen Führer hervorgebracht hat – keinen Luther, Zwingli, Calvin oder Knox.  Sie hat auch vor dem Beginn von Elisabeths Regentschaft kein nennenswertes geistliches Erwachen unter den Menschen aufgewiesen.  Ihre Impulse waren vielmehr politisch und sozial“ (Walker, Williston, Seite 415).

Stellen wir uns also offen und ehrlich die Fragen: War dies eine Rückkehr zum reinen Christentum des Neuen Testaments?  War es eine vom Geist Gottes geführte Wiederherstellung des „ein für alle Mal überlieferten Glaubens“?  Im folgenden Kapitel werden die wahre Bedeutung all dessen, was wir besprochen haben, und die Antworten auf diese Fragen deutlich gemacht.  Wir müssen wissen, woher das heutige protestantische „Christentum“ wirklich kam – und wohin es führt!

 

 

Kapitel 8

 

Die schockierende Gewalt der Reformatoren

 

So überraschend es auch scheint, haben die meisten von uns sich nie wirklich bewiesen, warum wir an die Dinge glauben, an die wir glauben – besonders die Dinge über Gott und die Ewigkeit!

Warum ist das so?

Der Grund ist eine Laune der menschlichen Natur, die uns dazu neigen lässt, anzunehmen, dass das, was uns unsere Eltern, Freunde und Bekannten sagen, vollständig wahr ist.  Und wenn wir einmal verschiedene Ideen und Überzeugungen leichtfertig von ihnen akzeptiert haben, hassen wir es, uns zu ändern oder zu bedenken, dass wir möglicherweise falsch liegen!

Daher scheinen die einfachen Tatsachen der Geschichte, die wir gesehen haben, für viele schockierend, die zuvor angenommen haben, dass das, was heute als „Christentum“ bezeichnet wird, in Wahrheit die Religion sei, die von Jesus Christus und seinen Aposteln gelehrt wird. Dies ist aber eindeutig nicht der Fall!  Wir können jetzt sagen, dass der biblische und historische Beweis dieser Aussage in diesem Buch hinreichend demonstriert wurde.  Dies ist etwas, dem sich jeder aufrichtige Mensch stellen sollte!

Lassen Sie uns nicht die Augen vor der Bedeutung der Wahrheit verschließen!

Nachdem wir in dieser Hinsicht die Fakten aus der überlieferten Geschichte aufgezeigt haben, wollen wir nun die Motive und Methoden der protestantischen Reformatoren anhand des Buches untersuchen, an das sie zu glauben vorgeben, der heiligen Bibel.

 

Die Bibel und die Reformation

Wir haben bisher die Grundlagen der heutigen protestantischen Kirchen untersucht. Wir sind zur Quelle der „geteilten Christenheit” unserer Zeit vorgedrungen.

Wenn sich alle religiösen Menschen in etwas einig sind, dann ist es ihre Klage über die Tatsache, dass die protestantischen Reformatoren uns ein religiöses „Babylon“ von ungeheuren Ausmaßen hinterlassen haben.  Denn wie wir gesehen haben, muss fast jede größere protestantische Glaubensgemeinschaft ihre Geschichte direkt oder indirekt aus der Reformation des 16. Jahrhunderts ableiten.  Bis zu diesem Zeitpunkt befanden sich ihre religiösen Vorfahren alle im Schatten der Römisch-Katholischen Kirche.

Jesus Christus sagte, er will seine Gemeinde bauen (Matthäus 16, 18). Wir können uns nur vorstellen, wie er reagieren würde angesichts von Hunderten von verschiedenen Kirchen, die Anspruch auf seinen Namen und seine Anerkennung erheben.

 Wir fragen uns, wie das Urteil von Paulus, dem glaubenstreuen Apostel Christi, aussehen könnte, der uns dazu ermahnte: „Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ und weiter dazu inspiriert wurde, zu schreiben: „…ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen“ (Epheser 4, 3–6).

Es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Einheit in der heutigen protestantischen Welt nicht zu finden ist.  Es gibt viele Glaubensrichtungen und viele Körperschaften oder Kirchen.  Allzu oft drücken sie den Antagonismus aus, den Luther gegenüber den schweizer Reformatoren empfand: „Ihr Geist ist ein anderer Geist… Wir können Sie nicht als Brüder anerkennen“ (Schaff 7: 645).

Jesus sagte: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7, 16). Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die „Frucht“ der Protestantischen Reformation das geteilte „Kirchentum“ unserer Zeit ist.  Wir müssen gleich zu Beginn konstatieren, dass dies eine schlechte Frucht ist.

Paulus sagt uns, dass der Geist Gottes Einigkeit hervorbringt – nicht Spaltung.  Deshalb sollten wir im Nachhinein prüfen, was der Geist war, und welche Motivationsfaktoren es waren, die die religiöse Verwirrung verursachten, welche aus der Reformation entstand.

 

Nationalismus und Lust

Wir haben gesehen, wie der Geist des Nationalismus kurz vor der Reformbewegung in ganz Europa gewachsen ist.  Die Menschen in Europa hatten die religiöse und finanzielle Unterdrückung Roms satt.

Daher erlangte Luther sofort eine große Anhängerschaft unter den deutschen Adligen und der Mittelschicht, als er rief: „Wir wurden als Herren geboren… Es ist an der Zeit, dass das ruhmreiche deutsche Volk aufhört, die Marionette des römischen Pontifex zu sein“ (Bettenson, Seite 278).  Und wir haben gesehen, wie der englische Adel mit der „Reformation“ von Heinrich VIII. verbunden war, weil er ihnen erlaubte, den Reichtum der klösterlichen Ländereien und Einrichtungen zu beschlagnahmen.  Aber in letzterem Fall haben ihre parlamentarischen Vertreter, wie wir festgestellt haben, dreimal ihre „Religion“ gewechselt und hätten auf Bitten der Königin sogar „der Einführung der mohammedanischen Religion [...] zugestimmt“.

Und es war die sexuelle Lust von Heinrich VIII. nach Anne Boleyn, die ganz klar den Ausgangspunkt der englischen Revolte gegen Rom markiert.

Natürlich gibt es keinen Zweifel daran, dass viele Tausend Menschen in all diesen Ländern aufrichtig nicht nur eine Befreiung von der Tyrannei Roms, sondern auch die Wiederherstellung der religiösen Wahrheit und der Religionsfreiheit wünschten.  Doch Menschen folgen ihren Führern.

Die eigentliche Frage ist also nicht, was hätte passieren können, sondern was geschah, und was die politischen und religiösen Führer der Reformation motivierte.

„Am Ende war es ein nationales System einer Reformation, das umgesetzt wurde... In jenen Ländern, in denen die nationalen und politischen Impulse fehlten oder zu schwach waren, versagte die religiöse Bewegung“ (Plummer, Seite 16).

Wir sehen also, dass der Geist des Nationalismus ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Reformation war.  Es ist wichtig zu wissen, dass gerade diese Erhöhung der Nationen die Gefahr der Vernichtung der Menschheit in unserer Zeit zur Folge hat!

Die Menschen erhoben sich aus politischen, finanziellen und nationalistischen Gründen gegen die Kirche von Rom.  Sie stützten sich auf persönliche Beurteilung und Vernunft.  Und anstelle der römischen Autorität, die eigentlich Gott repräsentieren sollte, setzten sie nationalistische Autorität – und die Götter des Kriegs!

Es ist wahr, dass Luther und Calvin persönliche religiöse Motive hatten. Wie wir beschrieben haben, wurde Luthers Geist von einem fortwährenden Schuldgefühl gequält.  In seiner extremen Betonung der Errettung allein durch Glauben versuchte er verzweifelt, ein System zu entwickeln, in dem das Gesetz Gottes und die Gerechtigkeit Gottes keinen Platz haben würden.

Doch Luthers persönlicher geistlicher Umbruch hätte wenig Auswirkungen auf Deutschland oder die Welt gehabt, wenn er nicht an die politischen und finanziellen Instinkte der deutschen Fürsten appelliert hätte. Und „es stimmt, dass die Motive, welche zur lutherischen Revolte führten, weitgehend säkularer Natur waren, und nicht geistlich“ (Plummer, Seite 9).

 

Die gewaltsamen Methoden der Reformatoren

In der entscheidenden Phase waren die protestantischen Reformatoren ebenso bereit, auf Gewalt, Blutvergießen und Verfolgung zurückzugreifen, wie ihre römisch-katholischen Gegner.  In jeder Diskussion der Methoden, mit denen die Reformation siegte, muss diese Tatsache berücksichtigt werden.

Wir haben bereits gesehen, wie Luther die deutschen Fürsten für seine Sache gewinnen konnte.  Wie er sie benutzt hat, um den Katholizismus zu bekämpfen und diejenigen zu verfolgen, die nicht mit ihm übereinstimmten, ist eine andere Sache.  Dasselbe Prinzip gilt auch für Zwingli und Calvin und die politischen Räte unter ihrem Einfluss, sowie für König Heinrich VIII., das ihm untergeordnete Parlament und seinen Adel.

Erinnern wir uns an Luthers schwärmerischen Appell an die deutschen Fürsten, die Bauern, welche die Prinzipien seiner Lehre auf ihre eigenen Umstände angewandt hatten, „heimlich oder öffentlich zu erschlagen, zu erwürgen und zu erstechen“? Erinnern wir uns daran, dass er 1529 seine Meinung änderte und sagte, dass Christen dazu „gezwungen“ seien, ihre protestantischen Überzeugungen mit Waffengewalt zu verteidigen?

Es ist auch eine Tatsache, dass Luther die Verfolgung und das Martyrium der Wiedertäufer und anderer Sekten, die seine Lehren ablehnten, billigte.  Er kommentierte die Enthauptung von Wiedertäufern in Sachsen und sagte: „Ihr Mut zeigte, dass sie vom Teufel besessen waren“ (Plummer, Seite 174).

Die gleiche Behandlung erlitten diejenigen, die nicht mit dem nationalen Kirchensystem einverstanden waren, das den Engländern aufgezwungen wurde.  Neben den mehreren hundert Adligen und Bürgern, die durch die persönliche und religiöse Scheinheiligkeit Heinrichs VIII. ihr Leben verloren haben, kamen viele Hunderte andere unter der Regentschaft seiner protestantischen Tochter Elisabeth I. ums Leben.

Diejenigen, die sich weigerten, die religiöse Überlegenheit des englischen Monarchen anzuerkennen, wurden so behandelt, als ob sie des Hochverrats schuldig wären. „Vor 1588 waren bereits zwölfhundert Katholiken Opfer der Verfolgung geworden.  Allein in England wurden in den letzten zwanzig Jahren von Elisabeths Regierung einhundertzweiundvierzig Priester wegen ihres Glaubens gehängt, ausgeweidet und gevierteilt. Neunzig Priester und Ordensleute starben im Gefängnis, einhundertfünfzig wurden auf Lebenszeit verbannt, und zweiundsechzig Laien erlitten das Martyrium“ (Deharbe, Seite 484).

Und nicht nur die Monarchen übten Intoleranz in England aus, sondern auch die protestantischen religiösen Führer.  Während der Regierungszeit des jungen Königs Edward VI. überzeugte Erzbischof Cranmer ihn, das Todesurteil gegen zwei Wiedertäufer zu unterzeichnen, von denen einer eine Frau war.  Sie wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In diesem Zusammenhang erzählt uns Schaff: „Die englischen Reformatoren lagen in Sachen Intoleranz nicht hinter denen des Kontinents zurück“ (Schaff, Seite 711).

Nachdem der Calvinismus in Schottland eingeführt worden war, wurden diejenigen, die sich zur katholischen Religion bekannten, zum Tode verurteilt, und viele bezahlten für ihre religiöse Überzeugung mit dem Leben (Deharbe 485).

Bedenken Sie, dass diese Menschen Opfer einer protestantischen Verfolgung waren!

Indem die führenden protestantischen Reformer an finanzielle oder nationalistische Motive appellierten und an politische Macht gelangten und diese übernahmen, gelang es ihnen, ihre Lehren dem einfachen Volk aufzuzwingen.  Bevor die Reformatoren politische Macht erlangten, bestanden sie alle auf dem unveräußerlichen Recht jedes Christen, die Bibel für sich selbst zu erforschen und seine Lehren unabhängig zu beurteilen (Deharbe, Seite 620). Aber nachdem sie an der Macht waren, wehe dem Katholiken, dem Wiedertäufer oder jedem anderen, der weiterhin auf diesem unveräußerlichen Recht beharrte!

Wie wir gesehen haben, ergab sich dasselbe Bild unter Johannes Calvins „Theokratie“ in Genf.  Fisher stellt fest: „Nicht nur Weltlichkeit und Trunkenheit, sondern auch unschuldige Vergnügungen und das Lehren abweichender theologischer Lehren wurden streng bestraft“ (Fisher, History of the Church [Geschichte der Kirche], Seite 325).  Wir haben bereits einige der Hunderte von Fällen aufgezeigt, in denen Menschen wegen unschuldiger Belustigung inhaftiert, öffentlich geschlagen oder zum Tode verurteilt wurden wegen unschuldiger Vergnügungen, oder weil sie mit den religiösen Vorstellungen von Johannes Calvin nicht einverstanden waren.

Es gibt jedoch einen Fall, der von fast allen Reformatoren jener Tage verteidigt wurde.  Es ist einer, an den wir uns als herausragendes Beispiel für die Überlegungen der frühen Reformatoren zum Thema religiöse Toleranz besonders erinnern sollten.  Es ist das Martyrium von Michael Servetus.

 

Die Verbrennung von Michael Servetus

Servetus war etwa so alt wie Calvin. Obwohl er in Spanien geboren wurde, praktizierte er in Frankreich Medizin und soll Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs vorweggenommen haben.  Als junger Mann veröffentlichte er ein Buch über die „Irrtümer der Dreieinigkeit“.  Darin widersprach er der gängigen Lehre von Gott als Dreieinigkeit, die von Katholiken und Protestanten gleichermaßen gehalten wird.  Seine Position ähnelte der heutigen Position des unitaristischen Glaubens (Plummer, Seite 170).

Wegen seiner Lehrtätigkeit und Schriften über diese Lehre und auch weil er eine abweichende Ansicht über die genaue Natur der Göttlichkeit Christi hatte, wurde er von Katholiken und Protestanten gleichermaßen gehasst und verfolgt.

Auf der Flucht vor der katholischen Inquisition in Vienne, Frankreich, kam er törichterweise durch das protestantische Genf.  Jemand erkannte ihn und meldete es Calvin, der ihn festnehmen und inhaftieren ließ (Plummer, Seite 172).

Als Servetus' Prozess vor dem von Calvin dominierten Rat begann, schrieb Johannes Calvin an einen Reformkollegen: „Ich hoffe, dass das Urteil die Todesstrafe sein wird ...“ (Plummer, Seite 172).

Plummer fährt fort:

Bei der Verhandlung fungierte Calvin als Staatsanwalt und hatte keine Mühe, Servetus dazu zu bringen, sich hoffnungslos zu beschuldigen.… Es ist einer der vielen schmerzhaften Aspekte in diesem Fall, dass es in Calvins besonderem Interesse lag, Servetus zu verurteilen, denn ein solcher Triumph würde seine Position in Genf deutlich stärken.  Der Fall zog sich in die Länge, und wie im Fall von Bolsec gab es in der Schweiz viel Korrespondenz mit anderen Behörden, sowohl kirchlichen als auch zivilen.  Am Ende schien es klar zu sein, dass Calvins Feinde gescheitert waren und das protestantische Empfinden war, einen solchen Schädling wie Servetus von der Erde zu entfernen. Am 26. Oktober wurde er verurteilt, am nächsten Tag lebendig verbrannt zu werden.  Calvin bat um eine mildere Form der Todesstrafe, aber seine Bitte wurde abgelehnt.  Durch die Unbeholfenheit des Henkers wurden die Leiden von Servetus verlängert.  Sein letzter Ruf war „Jesus, du Sohn des ewigen Gottes, habe Mitleid mit mir“, und es wurde bemerkt, dass „ewig“ nicht der Beiname des Sohnes, sondern Gottes ist. Das Buch, aufgrund dessen Servetus verurteilt wurde, war an seinen Hals gebunden, um mit ihm verbrannt zu werden.  Es fiel jedoch ab und wurde aus den Flammen gerettet.  Es ist noch immer als ein grausiges Denkmal der reformatorischen „Ethik“ in der Nationalbibliothek von Paris zu sehen.

Wir müssen uns immer daran erinnern, dass bei der Tötung von Servetus weder Calvin noch der Rat oder die von ihnen konsultierten schweizer Regierungen irgendeine zuständige Gerichtsbarkeit innehatten.  Ihre Aktion war eine Lynchjustiz der abstoßendsten Art (Plummer, Seiten 172-173).

Wir stellen fest, dass selbst der protestantische Historiker gezwungen ist, anzuerkennen, dass einer der beiden größten protestantischen Reformatoren auf die Methode einer illegalen „Lynchjustiz“ zurückgegriffen hat, um einen religiösen Gegner zu vernichten!

Die traurige Wahrheit ist, dass dies nur ein „respektabler“ Mord war!

Jesus Christus hingegen sagte, „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen“ (Matthäus 5, 44; Schlachter-Bibel 2000).

Der Apostel Paulus wurde inspiriert, zu schreiben: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«  Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen“ (Römer 12, 19-20).

Indem Jesus sehr deutlich darauf hinwies, dass das Recht, über Zivilpersonen zu urteilen oder sie in geistlichen Angelegenheiten zum Tode zu verurteilen, nicht fehlbaren Menschen zugestanden wurde, sprach er die Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde, frei (Johannes 8, 11).  Er gebot stattdessen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7, 1).

Kannte Johannes Calvin diese Schriftstellen?  Hat er diese Prinzipien verstanden, die fast alle zivilisierten Menschen seitdem anerkennen?

 

Wie konnte Calvin eine solche Entscheidung treffen?

Die protestantischen Historiker geben die Antwort: „Er übernimmt mit Leichtigkeit die Führung unter den systematischen Auslegern des reformierten Systems der christlichen Lehre.… Calvins Theologie beruht auf einem gründlichen Wissen über die Schrift“ (Schaff 8: 260–261).

Hier war ein Mann, der die Bibel wirklich kannte.  Er schrieb gelehrte Kommentare darüber und war mit der Lehre und dem Vorbild Christi und der inspirierten Kirche des Neuen Testaments bestens vertraut.

Dennoch war er nicht nur bereit, zu verdammen, sondern auch direkt zu veranlassen, dass ein Mann verbrannt wurde, weil er seinen religiösen Lehren widersprach.  Im absoluten Sinn von allem, was Jesus Christus lehrte und für das er gelebt hat, steht Johannes Calvin als überführter Mörder da!  Aber wollte er das sein?  War er aufrichtig?  Oder war es ein voreiliger Akt, der in der Hitze der Leidenschaft ausgeführt wurde?

Die letzte Frage können wir verneinen.  Denn nach reiflicher und langer Überlegung versuchte Johannes Calvin, diese abscheuliche Tat zu verteidigen und sich zu rechtfertigen.  Und so bemerkenswert es auch sein mag, viele der anderen führenden Reformatoren taten es ebenso!

Im Jahr nach der Verbrennung von Servetus erklärte Calvin dogmatisch: „Wer jetzt behaupten will, es sei Unrecht, Ketzer und Lästerer zu Tode zu bringen, wird wissentlich und willentlich deren Schuld auf sich selbst bringen.  Dies ist nicht durch menschliche Autorität festgelegt.  Es ist Gott, der spricht und es als eine ewige Bestimmung für seine Kirche vorschreibt“ (Schaff 8: 791).

Es ist eine ernüchternde Wahrheit, dass, wenn heute Johannes Calvins Art von „ewiger Bestimmung“ gegen Ketzer umgesetzt würde, nur sehr wenige von uns lange am Leben blieben!

Zum Glück für seinen Ruf lebte Luther nicht mehr, um ein Urteil hinsichtlich der Verbrennung von Servetus auszusprechen.  In Kenntnis seiner früheren Aktivitäten ist es jedoch fast sicher, dass er mit Calvin einverstanden gewesen wäre, Servetus zu töten.

Luthers engster Mitarbeiter und Berater, Philip Melanchthon, drückte jedoch rasch seine Zustimmung zu Calvins Entscheidung aus.  Später schrieb er an Bullinger, einen weiteren schweizer Reformator: „Ich bin der Meinung, dass der Genfer Senat vollkommen richtig gehandelt hat, diesem eigensinnigen Mann ein Ende zu setzen, der niemals aufhören könnte, zu lästern.  Und ich wundere mich über diejenigen, die diese Strenge ablehnen“ (Schaff 8: 707).

So sehen wir, dass die deutschen Reformatoren mit den Schweizern einverstanden waren, einen Mann zu verbrennen, nur weil er ihren theologischen Meinungen widersprach!

Wir haben gefragt, ob Calvin bei all dem aufrichtig sein konnte.  Dies ist eine schwierige Frage, deren vollständige Antwort nur Gott kennt.  Der menschliche Geist spielt uns manchmal Streiche.  Wir übersehen oft willentlich, was wir nicht anerkennen möchten.  Wie wir bald sehen werden, ist es offensichtlich, dass sowohl Luther als auch Calvin dies bei der Entwicklung ihrer Lehren und in einigen ihrer Handlungen getan haben.

Aus den uns zur Verfügung stehenden Tatsachen und aus zeitgenössischen Zeugnissen zu urteilen, scheint es jedoch, dass Calvin aufrichtig sein wollte. In seiner eigenen Gedankenwelt war Calvin irgendwie aufrichtig in dem Eindruck, Servetus für dessen religiösen Widerstand verbrennen zu müssen, obwohl er und die anderen Reformatoren in ihrem eigenen Kampf gegen Rom die Freiheit des individuellen Gewissens einforderten.

 

Der Grund für protestantische Gewalt und Verfolgung

Die Antwort auf die Tötung von Servetus liegt also weder in einer übereilten Handlung, die später bereut wird, noch liegt sie in einem völligen Mangel an Aufrichtigkeit von Calvins Seite.  Aber wie lautet die Antwort?

Dieselbe Antwort wird im Wesentlichen von vielen protestantischen Historikern gegeben. Jeder ehrliche Bibel- und Geschichtsstudent muss dies anerkennen.

Die Antwort ist, dass die frühen Reformatoren und ihre Anhänger selbst lange nach ihrer Trennung von Rom und ihrer „Bekehrung“ zum Protestantismus buchstäblich immer noch mit den Lehren, Konzepten und Praktiken ihrer „Mutterkirche“ in Rom durchtränkt waren. „Die Reformatoren haben die Verfolgungslehre von ihrer Mutterkirche geerbt und haben sie so weit ausgeübt, wie sie die Macht dazu hatten. Sie bekämpften Intoleranz mit Intoleranz. Sie unterschieden sich von ihren Gegnern in Grad und Umfang, aber nicht im Prinzip der Intoleranz“ (Schaff 8: 700).

Wir haben gesehen, dass Martin Luther Politik spielte, Bigamie duldete, eine Lüge empfahl und die Abschlachtung von Bauern und die Hinrichtung von Wiedertäufern ermutigte (unter denen viele ertränkt wurden).

Es hat sich gezeigt, dass der Aufstand der Engländer mit der Begierde Heinrichs VIII. begann, und dass er und Königin Elisabeth und ihre protestantischen Theologen alle daran beteiligt waren, Hunderte Katholiken, Wiedertäufer und später puritanische Dissidenten zu töten.

Dann haben wir die Rolle betrachtet, die Johannes Calvin und die schweizer Reformatoren bei der Verfolgung von Wiedertäufern, sowie bei der grausamen Bestrafung und Hinrichtung ihrer eigenen Genfer Bürger spielten, weil sie sich nicht in jeder Hinsicht an Calvins Lehre gehalten haben. Und schließlich haben wir die Zustimmung fast aller frühen protestantischen Führer bei der Hinrichtung von Michael Servetus mittels „Lynchjustiz“ durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen beschrieben, die Calvin aus rein religiösen Gründen erwirkt hat.

Wir haben bewiesen, dass es sich dabei um „kaltblütige“ Tötungen handelte.  Sie waren nicht das Ergebnis eines Übereifers im Augenblick.  Den Verantwortlichen konnte man auch keine vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit attestieren.

Diese Verbrechen im Namen der Religion wurden berechnend ausgeführt, und sie wurden noch lange nach dem Geschehen durch theologische Argumente verteidigt!

Wir haben gesehen, dass die wirkliche Erklärung darin liegt, dass die frühen Reformatoren einen großen Teil der Lehre und des Geistes ihrer „Mutterkirche“ „geerbt“ haben. Sie waren wie Männer, die geistlich betrunken waren – unfähig, die wahre Bedeutung und die Folgen ihrer Lehren und Handlungen klar zu erkennen!

Im folgenden Kapitel schlagen wir vor, den eigentlichen Zweck der Protestantischen Bewegung zu entdecken – und den überraschenden Grund für die religiöse Verwirrung und die geistliche Trunkenheit, die unserer Generation hinterlassen wurden.

Die in diesem Buch enthaltenen Fakten haben einen direkten Einfluss auf Ihr Leben und Ihre Zukunft!  Bitten Sie Gott um einen offenen Sinn.

 

 

Kapitel 9

 

Die wahre Bedeutung der Reformation

 

Es gibt eine grundlegende, jedoch wenig verstandene Begründung für den erbärmlichen Zustand religiöser Verwirrung, der heutzutage existiert!  Es ist an der Zeit, dass Sie diesen Grund wirklich verstehen.  Es ist an der Zeit, dass Sie sich ehrlich der Wahrheit stellen!

Manchmal hören wir, dass sich heutige religiöse Führer beklagen, dass es so ein wahres Babylon moderner religiöser Konfessionen und Sekten gibt, die sich alle als „christlich“ bezeichnen.  Sie geben vielleicht sogar zu, dass Jesus Christus nur eine Kirche gegründet hat – nicht Hunderte von unterschiedlichen religiösen Gruppen, die politisch organisiert und von Menschen geleitet werden.

 Ein großer Teil dieses Babylon aus konkurrierenden religiösen Konfessionen wurde von den protestantischen Reformatoren hervorgebracht. Wir müssen den Grund für dieses erbärmliche Ergebnis ihrer Bemühungen verstehen.

Anstatt davon auszugehen, dass der Glaube, der uns beigebracht wurde, wahr ist, wie dies bei vielen Menschen der Fall ist, müssen wir „alles prüfen“ – und zwar im Licht von Gottes Wort, der Heiligen Schrift.  Wir müssen uns ehrlich die Frage stellen, ob die Protestantische Reformation in irgendeiner Weise von Gott inspiriert wurde.  Und wir müssen Beweise für unseren Glauben haben!

Wenn Sie dieses letzte Kapitel lesen, möge der lebendige Gott Ihnen helfen, Ihre Gedanken für die Möglichkeit zu öffnen, dass Sie in der Vergangenheit getäuscht worden sind!

Mit der ständigen Bedrohung durch den Dritten Weltkrieg und der Vernichtung der Welt nähern wir uns dem prophezeiten Ende dieses Zeitalters (Matthäus 24, 21–22).  Die Erkenntnis mehrt sich jetzt (Daniel 12, 4; Lutherbibel 1984).

Werden Sie aufrichtig „alles beweisen“ und aufhören, Dinge einfach nur zu vermuten?  Werden Sie im Licht wandeln, wie Gott es vorgibt?  Werden Sie der Wahrheit gehorchen, während Gott Ihren Verstand öffnet, um sie zu verstehen?

Fragen wir uns noch einmal: War dies eine Rückkehr zum biblischen Glauben und zur Praxis Jesu Christi und seiner Apostel?

 

Protestantische Widersprüche

Obwohl diese Veröffentlichung nicht zum Ziel hat, Argumente von Hunderten von unterschiedlichen protestantischen Lehren und Glaubensbekenntnissen zu beschreiben, möchten wir die Prinzipien betrachten, die die Reformatoren zu ihren Schlussfolgerungen gebracht haben.  In der Tat haben wir bereits die grundlegenden Lehren dargelegt, auf denen die Reformation basierte.  Nun aber wollen wir ihre Ursprünge und Ergebnisse eingehender untersuchen und die Wesensart des Protestantismus insgesamt untersuchen.

Wir erinnern uns an die Behauptung von Chillingworth: „Die Bibel, die ganze Bibel und nichts als die Bibel ist die Religion der Protestanten“.  Wir erinnern uns an die protestantische Bekräftigung, dass die Bibel „der inspirierte Maßstab des Glaubens und der Praxis“ ist.

 Fisher sagt uns: „Der Protestantismus, unabhängig von der Form der Verschiedenartigkeit der Erscheinung, und trotz der unterschiedlichen Charakteristiken und Meinungen, die unter seinen Führern beobachtet werden, hebt sich als Glaubenssystem durch zwei Prinzipien ab.  Diese sind die Rechtfertigung allein durch den Glauben und die ausschließliche Autorität der Heiligen Schrift“ (Fisher, The Reformation [Die Reformation], Seite 459).

Die meisten Protestanten sind in dem Glauben aufgewachsen, dass diese Aussagen wahr sind.  Was die meisten Leute nicht wissen, ist, dass Luther, Calvin und die englischen Reformatoren ganze Bücher der Bibel ablehnten oder deren Autorität infrage stellten.  Und sie drückten unzähligen Schriftstellen ihre Interpretationen auf, wenn deren natürliche Aussage nicht ihren vorgefassten Lehren entsprach.

Wir erinnern uns, dass Martin Luther so sehr von einem anhaltenden Schuldgefühl geplagt wurde, dass er jeden Vers der Bibel stürzen wollte, in dem gelehrt wurde, dass Gehorsam zusätzlich zum Glauben für die Erlösung erforderlich ist.  Er bestand darauf, dass wir allein durch den Glauben gerettet werden.  Luther war so von dieser Idee überzeugt, dass er absichtlich das Wort „allein“ zu seiner Übersetzung von Römer 3, 28 hinzufügte, sodass dies nun besagte, dass wir gerecht werden „allein durch den Glauben“ – etwas, was das originale Griechisch nicht sagt!  Die einzige Rechtfertigung, die er für diese anmaßende Handlung vorbrachte, etwas zu Gottes Wort hinzuzufügen, war: „Es ist der Wille von Dr. Martin Luther, dass es so sein sollte“ (Alzog 3: 199).

Besonders hinsichtlich seines Beharrens auf Glauben allein, und seiner Ablehnung zahlreicher Schriftstellen, die lehren, dass man auch gehorchen muss, war Luther ein dickköpfiger, eigenwilliger Mann.

Die Bibel lehrt: „Sünde ist die Gesetzesübertretung“ (1. Johannes 3, 4; Schlachterbibel). Dies ist eindeutig das geistliche Gesetz, das durch den Finger Gottes geschrieben wurde – die Zehn Gebote.  Der inspirierte Jakobus erklärte dies: „Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.  Denn der gesagt hat: »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes.  Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen“ (Jakobus 2, 10-12).

Welches Gesetz verbietet Ehebruch und Tötung?  Offensichtlich bezieht sich Jakobus auf die Zehn Gebote.  Und er schließt mit dem Hinweis, dass wir nach diesem Gesetz reden und handeln sollen.

Dies stimmt mit den Worten Jesu Christi überein.  Denn als ein junger Mann kam, um ihn nach dem Weg zum ewigen Leben zu fragen, antwortete er: „Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote“, und er fuhr fort, einige der Zehn Gebote zu nennen (Matthäus 19, 16–19).

Luther ignorierte völlig die direkte Parallele zwischen den Lehren von Jakobus und Jesus Christus und erklärte hochmütig: „Verglichen mit den Paulusbriefen ist dies in Wahrheit ein Strohbrief; er enthält absolut nichts, was an den Stil des Evangeliums erinnern könnte“ (Alzog 3: 208).  So lehnte Luther den gesamten Jakobusbrief hartnäckig ab, weil er nicht mit seiner eigenen Lehre übereinstimmte!

Luther lehnte auch die ersten fünf Bücher der Bibel ab und erklärte: „Wir haben keinen Wunsch, Mose zu sehen oder zu hören.  Überlassen wir Mose den Juden, denen er als Spiegel Sachsens dienen soll; Er hat nichts gemeinsam mit Heiden und Christen, und wir sollten ihn nicht beachten“ (Alzog 3: 207).

Da Luther Mose mit Gottes Gesetz in Verbindung brachte – welches Luther hasste –, wollte er mit den inspirierten Schriften von Mose nichts zu tun haben!

Aber da Paulus Luthers Lieblingsschriftsteller war, fragen wir uns, wie er auf die inspirierte Erinnerung von Paulus reagierte, der an Timotheus schrieb: „…dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.  Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit…“ (2. Timotheus 3, 15-16). Denken Sie daran, dass es nur die alttestamentlichen Schriften gab, als Timotheus ein Kind war.

Und da Luther hartnäckig von Mose „keine Kenntnis nehmen“ wollte, könnten wir ihn vielleicht an die Beschreibung des Apostels Johannes über die siegreichen Heiligen Gottes erinnern, die „das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes“ singen (Offenbarung 15, 3).  Luthers eigene Schriften antworten jedoch umgehend: „Ich betrachte die Offenbarungen von Johannes als weder apostolisch noch prophetisch“ (Michelet 273).  Er fügte dann hinzu: „Jeder kann sich sein eigenes Urteil über dieses Buch bilden; Ich selbst empfinde eine Abneigung dagegen, und für mich ist das ein ausreichender Grund, um es abzulehnen“ (Alzog 3: 208).

Es ist eine Tatsache, dass Martin Luther die Autorität eines jeden Buches der Bibel absichtlich ablehnte, gegen das er eine „Abneigung“ empfand.

Nun beginnen wir vielleicht, die wahre Bedeutung der religiösen Verwirrung unserer Zeit zu verstehen.  Moderne Protestanten haben Martin Luthers Erbe angetreten – welcher als der größte Führer der Reformation anerkannt wird – und dieses Erbe beinhaltet einen Geist des Eigenwillens und die Bereitschaft, die höchste Autorität des Wortes Gottes abzulehnen!

Martin Luther hatte die Torheit und Sinnlosigkeit des römisch-katholischen Bußsystems gesehen und sich gegen die Idee von jeglichen „Werken“ aufgelehnt.  Er war jedoch als römischer Katholik aufgewachsen, wurde als katholischer Priester gelehrt und ausgebildet und war von dem katholischen Konzept von Gesetz und Werken durchdrungen.

Da er sich in einem Zustand befand, der einer geistlichen Trunkenheit entsprach, konnte er den Unterschied zwischen der biblischen Lehre des Gehorsams gegenüber geistlichen Geboten einerseits, und der jüdischen und römisch-katholischen Lehre der Unterwerfung unter physische „Werke“ und vom Menschen gemachte kirchliche Regeln und Traditionen nicht klar erkennen.

In seiner Rebellion gegen den Gehorsam gegenüber Gottes Gesetz schrieb Luther an Melanchthon:

Sündige, sündige mächtig, aber habe umso mehr Vertrauen in Christus; freue dich umso vehementer in Christus, der der Überwinder der Sünde, des Todes und der Welt ist.  Während wir in dieser Welt sind, können wir nichts anderes als Sünde tun; wir müssen sündigen.  Dieses Leben ist nicht der Aufenthaltsort der Gerechtigkeit; nein, wir warten hier nur, wie der heilige Petrus sagt: „…ein neuer Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt”.  Bete ernsthaft, denn du bist ein großer Sünder.  Ich bin jetzt voll von der Lehre von der Vergebung der Sünden.  Ich gebe weder etwas auf das Gesetz, noch auf alle Teufel.  Wer in seinem Herzen diese Lehre glauben kann, ist gerettet (Michelet 304).

Aufgrund seines ständigen Gefühls von Schuld und Verdammung entwickelte Luther ein Lehrsystem, mit dem er alle Gesetze und die Herrschaft Gottes über unser Leben beseitigen konnte!

Johannes Calvin befand sich in einer sehr ähnlichen Lage.  Er war auch katholisch aufgewachsen und war in katholischen Lehren und Konzepten verwurzelt.  Als junger Mann lehnte er sich gegen die Römische Kirche auf und akzeptierte Luthers Argumente zur Rettung allein durch den Glauben.

Doch Calvin ging noch einen Schritt weiter und entwickelte seine eigene Theorie der absoluten Vorherbestimmung.  Wie wir gesehen haben, besagt diese Theorie: „Denn sie werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung geschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis im Voraus verordnet“ (Bettenson, Seite 302).

Wir haben bereits gezeigt, dass dies der häufigen Aussage im Neuen Testament widerspricht, wo es heißt: „Es ist kein Ansehen der Person vor Gott“ (Römer 2, 11; vgl. Apostelgeschichte 10, 34; Epheser 6, 9). Es widerspricht auch Paulus‘ inspirierter Beschreibung von „…Gott, unserm Heiland, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Timotheus 2, 3-4).  Wird Gottes Wille durch die Überlegungen von Johannes Calvin zunichte gemacht?

Und natürlich müssen wir uns nicht nur an die Handlungen erinnern, sondern auch an die falschen Lehren, mit denen Calvin, Luther und die englischen Reformer versuchten, sich für das Inhaftieren, öffentliche Auspeitschen, Hängen, Ertränken oder Verbrennen bei lebendigem Leib derer zu rechtfertigen, die mit ihren „reinen“ Lehren des Evangeliums nicht einverstanden waren.

 

Die Schrift abgelehnt oder verdreht

Zumindest um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen waren die protestantischen Führer gezwungen, viele Schriftstellen zu verfälschen oder abzulehnen, die nicht ihren Lehrideen entsprachen.

Zur Verteidigung seiner Ansicht der „realen Gegenwart“ des Leibes und des Blutes Christi in der Eucharistie argumentierte Luther, dass die ungebrochene Tradition der Römisch-Katholischen Kirche ein Beweis an sich sein müsse.  Luther erklärte: „Ein solches Zeugnis zu leugnen, bedeutet praktisch, nicht nur die heilige christliche Kirche als verdammten Ketzer zu verurteilen, sondern auch Christus selbst mit all seinen Aposteln und Propheten…“ (Schaff 7: 531).

Schaff meint dazu: „Ein Verteidiger der römischen Theologie könnte die Tradition nicht stärker betonen, als Luther es in dieser Passage tat.  Doch die Tradition, zumindest vom sechsten bis zum sechzehnten Jahrhundert, befürwortet nachdrücklich den Glauben an die Transsubstantiation und das Opfer der Messe, die er beide ablehnte“ (Schaff 3: 532).

Wir sehen also, dass Luther widersprüchlich war.  Wenn die Bibel nicht die Antworten lieferte, die er wollte, blickte Luther auf die römisch-katholische Tradition!  Wenn aber dieselbe Tradition eine Lehre oder einen Brauch lehrte, womit Luther nicht einverstanden war – wie etwa die Transsubstantiation –, wandte er sich mit vorgeblich gerechter Empörung wieder der Bibel zu.  

Im Klartext war Luther widersprüchlich und täuschte sich selbst!  Er wollte glauben, dass er die Bibel auf seiner Seite hatte, aber immer wenn seine unvernünftigen Ansichten über die Schrift offenkundig wurden, rannte er wie ein Kind in die Arme seiner „Mutter“-Kirche – und beanspruchte die römisch-katholische Tradition als seinen unfehlbaren Führer.

Bekannte protestantische Historiker müssen zugeben, dass Calvin und Zwingli sowie Luther die klare Bedeutung der Schrift verfälscht haben, um sie ihren eigenen Theorien anzupassen!  „Dieses Prinzip hat Calvin aufgegriffen und weitergeführt; und wie Luther an den Autoren der Heiligen Schrift Fehler fand, deren Äußerungen nicht seiner Ansicht hinsichtlich der Rechtfertigung entsprachen, so redete sich auch Zwingli heraus, und Calvin sogar noch konsequenter als Zwingli, bei allem, was die Wahrheit, auf die sie aufbauten, einzuschränken oder zu verändern schien“ (Moore 389).

Wiederum kommentiert Moore die Tendenz der englischen Theologen, Luthers Interpretationen der Bibel zu folgen: „Sie können daher nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass sogar Luthers Hingabe an die Bibel so einseitig war, dass sie die Samen des Verfalls in sich trug“ (Moore 479).

Wir stellen also fest, dass die protestantischen Führer oft einseitige Überlegungen anstellten, um Passagen in der Bibel wegzudiskutieren, die nicht ihren Lehren entsprachen.  Sie lehnten solche katholischen Lehren wie die Transsubstantiation und den Verkauf von Ablässen ab, indem sie an die Bibel appellierten. Aber wenn sie nicht mit dem übereinstimmten, was Gott in der Bibel gesagt hatte, griffen sie auf ihre voreingenommenen, menschlichen Argumentationen zurück oder beriefen sich auf die Tradition der Römisch-Katholischen Kirche.

 

Die Protestanten folgten Rom

Was bedeutet diese offensichtliche Heuchelei?  War das tatsächlich „nichts als die Bibel”?  War dies eine Wiederherstellung der wahren Kirche?  Hier ist das überraschend offene Eingeständnis der Protestanten!

 Fisher sagt über Luther in diesem Zusammenhang: „Zur Beibehaltung von Riten und Bräuchen bedurfte er keiner ausdrücklichen Genehmigung durch die Schrift. Es genügte, dass sie zweckmäßig und nützlich und nicht verboten waren.  Ebenso offenkundig ist seine Abneigung, sich in Fragen der Lehre vom Wesentlichen des lateinischen Christentums zu lösen“ (Fisher, History of Christian Doctrine [Geschichte der christlichen Lehre], Seite 283). „Die Reformatoren haben die Verfolgungslehre von ihrer Mutterkirche geerbt…” (Schaff 3: 700).  Weit mehr als die meisten Menschen sich im Traum vorstellen können, haben die protestantischen Führer – und die vielen Kirchen, die aus dieser Bewegung hervorgegangen sind – die meisten ihrer Lehren, ihre Konzepte von Gott und Religion und ihre Traditionen von der Römisch-Katholischen Kirche geerbt – von ihrer ursprünglichen „Mutter“-Kirche.

Luther wollte viele der Riten und Bräuche der „lateinischen“ oder römisch-katholischen Praxis und auch viele ihrer Lehren beibehalten.  In früheren Abschnitten dieses Buchs haben wir gesehen, wie „einige der alten heidnischen Feste zu Kirchenfesten wurden“ (Hurlbut, Seite 79). Wir haben festgestellt, dass die heidnischen Feste Weihnachten und Neujahr von der Kirche im Westen – in Rom – und nicht von der ursprünglichen Kirche in und um Palästina übernommen wurden (Fisher, The History of Christian Church [Die Geschichte der christlichen Kirche], Seite 119).

Wir erinnern uns an Whareys Aussage, dass „das Christentum bereits gegen Ende des zweiten Jahrhunderts das Gewand des Heidentums zu tragen begann“ (Wharey, Seite 39). Und wir sollten uns noch einmal Plummers Bemerkung vor Augen halten: „Und als durch die Wiederbelebung der geschriebenen Worte der Inhalt des Neuen Testaments und die Lehre der Väter bekannt wurde, sah man, dass das Christentum, wie es am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts bestand, kaum als solches erkennbar war, wenn es neben das gestellt wurde, was wir über das Christentum am Ende des Apostolischen Zeitalters wissen“ (Plummer, Seite 11).

Das einstimmige Urteil der protestantischen Historiker lautet, dass die Römisch-Katholische Kirche voller Heidentum und Frevel war.  Viele ihrer Rituale und Kirchenfeste wurden direkt von den heidnischen Religionen und dem alten Kult der Sonnenanbetung übernommen.

Warum behielten die Protestanten dann so viele der römisch-katholischen Lehren, Rituale und religiösen Feste bei?  Warum bekundeten sie ihre Einheit mit dem heidnischen römischen System?

Ein Teil der Antwort liegt in der Tatsache, dass sie irgendwie das Gefühl hatten, dass die Kirche von Rom der einzige historische Nachkomme der wahren neutestamentlichen Kirche Gottes war, da sie, ohne ihren Fehler zu erkennen, nur nach einer großen, organisierten Konfession Ausschau hielten und das Gefühl hatten, Rom müsse der einzige Überrest der wahren Kirche sein – trotz ihres fast völligen heidnischen Charakters.

Der protestantische Historiker D’Aubigne äußert diese verbreitete Auffassung: „Ein Geheimnis der Ungerechtigkeit hat die versklavte Kirche Christi unterdrückt“ (D’Aubigne, Seite 20).  Die Reformatoren, die von Kindheit an als römische Katholiken aufgewachsen waren, glaubten, dass dieses allgemeine religiöse System tatsächlich die wahre Kirche Gottes darstellte, aber dass Gott es irgendwie zugelassen hatte, dass es in einer Grube der Ungerechtigkeit „versklavt“ wurde.

Die Reformer sahen folglich ihre Aufgabe darin, dieses üble System zu reinigen.  Sie wollten dabei jedoch beweisen, dass sie sich nicht vom „Wesentlichen“ des katholischen Systems abgewendet hatten.

Luther sagte: „Niemand kann leugnen, dass wir alle Dinge im Einklang mit der alten Kirche halten, glauben, singen und bekennen, dass wir nichts Neues machen oder etwas hinzufügen, und auf diese Weise gehören wir zur alten Kirche und sind eins mit ihr“ (Lindsay 1: 468).

Aus ihren eigenen Aussagen ist somit bewiesen, dass sich die Protestanten nur als Fortsetzung der historischen, Katholischen Kirche betrachteten, lediglich in einer anderen und „gereinigten“ Form. Luther selbst bekräftigt vehement ihre grundsätzliche Einheit mit der Katholischen Kirche!

 Über Calvin sagt Fisher: „Er hat nicht bestritten, dass die christlichen Gesellschaften, die den Papst anerkennen, ‚Kirchen Christi‘ sind… Er bestreitet empört, dass er sich aus der Kirche zurückgezogen habe“ (Fisher, History of Christian Doctrine [Geschichte der christlichen Lehre], Seite 304).

Schaff sagt uns, dass es sich um die sichtbare oder historische Katholische Kirche handelt, von der Calvin schreibt: „Da unser gegenwärtiger Entwurf von der sichtbaren Kirche handelt, können wir sogar von ihr den Titel einer Mutter lernen, wie nützlich und sogar notwendig es für uns ist, sie zu kennen“ (Schaff 8: 450).

Das Beharren der protestantischen Führer auf ihrer grundsätzlichen Einheit mit der Katholischen Kirche und ihrer Identifizierung als ihre „Mutter“-Kirche ist von größter Bedeutung!

 

Gott identifiziert die Katholische Kirche

In den frühen Ausgaben von Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments gibt es viele Illustrationen, die die Römisch-Katholische Kirche als die „Hure von Babylon” darstellen.  Bainton beschreibt diese weithin verstandene Interpretation wie folgt: „Das gefallene Babylon ist eindeutig Rom“ (Bainton, Seite 258).

Unzählige protestantische Bücher, Broschüren und Traktate haben die gleiche Identifikation vorgenommen.  Sie bezeichnen die Römisch-Katholische Kirche als die „große Hure“ von Offenbarung 17.

Es muss jedoch eingeräumt werden, dass die meisten konservativeren protestantischen konfessionellen Autoren aufgehört haben, diese Identifizierung vorzunehmen.  Nach diesen ersten Ausgaben der Bibel und frühen Broschüren und Abhandlungen kamen sie plötzlich zu der peinlichen Erkenntnis, dass sie über sich selbst sprachen!

Denn in einer der am leichtesten verständlichen Passagen dieses inspirierten prophetischen Buches beschreibt Gott ein großes falsches religiöses System, das entstehen würde, und nennt es „das Große Babylon“ (Offenbarung 17, 1–6).

In seiner sinnbildlichen Bedeutung identifiziert die Bibel eine „Frau” eindeutig mit einer Kirche.  In 2. Korinther 11, 2 und in Epheser 5, 23 beschreibt Paulus die wahre Kirche in der Position einer Ehefrau.  Ein weiteres Beispiel für diese Symbolik ist die bekannte Prophezeiung über die wahre Kirche Gottes in Offenbarung 12.

Denken Sie daran, dass Jesus von seiner Kirche als der „kleinen Herde“ sprach.  Er lehrte, dass sie zerstreut und verfolgt werden würde (Matthäus 10, 16-23; Johannes 15, 18-20).  Die Kirche in Offenbarung 12 wird als klein und schwach dargestellt.  Sie wird als eine Frau dargestellt, die im Mittelalter in die Wüste fliehen muss (Offenbarung 12, 5–6).  Mit Sicherheit ist dieses Bild genau das Gegenteil der dominanten, weltlichen, historischen Römisch-Katholischen Kirche!

Dies ist die Kirche, mit der die Reformer die Einheit hätten suchen sollen, dies aber nicht getan haben.  Sie konnten es nicht, weil sie die Autorität von Gottes Gesetz ablehnten!   Denn die wahre Kirche wird hier als kleiner Überrest von Gläubigen dargestellt, „die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu“ (Vers 17).

In Offenbarung 19, 7–9 wird die wahre Kirche wiederum als Frau dargestellt – als Braut Christi.  Sie ist in reines, weißes Leinen eingeteilt, was „das gerechte Tun der Heiligen” darstellt (Vers 8).

Zurück in Offenbarung 17 sehen wir, dass die hier abgebildete Frau eine gefallene Frau ist – eine „große Hure“.  Sie sitzt an „vielen Gewässern“.  In Vers 15 identifiziert die Prophezeiung selbst diese Gewässer als „Völker und Scharen und Nationen und Sprachen“.

Diese gefallene Kirche ist also eine große Kirche, die über viele Nationen und Völker herrscht.  Sie wird beschuldigt, mit den Königen der Erde „Unzucht getrieben“ zu haben.  Geistlich betrachtet konnte das nur bedeuten, dass sie sich der Einmischung in die Politik und Kriege dieser Welt schuldig gemacht hat.

Christus sagte, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist (Johannes 18, 36). Jakobus spricht von denen, die an den materiellen Begierden und Kriegen dieser Welt als geistliche „Ehebrecher“ teilnehmen (Jakobus 4, 1–4).

 Die Prophezeiung wird jetzt klar!  Diese abtrünnige Kirche wird verurteilt, weil sie Politik gespielt und an der Politik und an den Kriegen dieser Welt teilgenommen hat.

Diese gefallene Frau oder Kirche ist in purpur- und scharlachroten Farben geschmückt.  Das Purpur symbolisiert königliche Macht und Würde.  Das Scharlachrot bedeutet ihre geistige Hurerei!

Sie ist eine wohlhabende Kirche „geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen“ (Offenbarung 17, 4).  Und Johannes schreibt: „Und ich sah die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu. Und ich wunderte mich sehr, als ich sie sah“ (Vers 6).

Diese Kirche hat viele von Gottes Heiligen grausam verfolgt und getötet. Aber ihr Reichtum, ihre Macht und ihre königliche Majestät erweckten selbst bei Johannes Erstaunen!  Später offenbart Gott: „Und die Frau, die du gesehen hast, ist die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige auf Erden“ (Vers 18).

 

Die Prophezeiung wird erfüllt

Alle diese Beschreibungen passen perfekt auf die Römisch-Katholische Kirche!  Dies ist die Kirche, die Gottes zerstreutes Volk über die Jahrhunderte hinweg verfolgt hat.  Dies ist die Kirche, die eine eigene Armee hatte und aktiv an den Kriegen und der Politik dieser Welt beteiligt war!

Nur die Hauptstadt des katholischen „Christentums“ in Rom könnte wirklich als „große Stadt“ bezeichnet werden, die über die Könige dieser Welt geherrscht hat.  Es gibt keinen Zweifel an dieser Identifikation!

Alexander Hislop schreibt in seinem bemerkenswerten Buch The Two Babylons [Die zwei Babylon]: „Es war noch nie ein Problem für einen aufgeklärten Protestanten, die Frau, welche ‚auf sieben Bergen sitzt' und den Namen ‚Geheimnis: Das Große Babylon‘ auf der Stirn trägt, mit dem römischen Irrglauben zu identifizieren“ (Hislop, Seite 1).

Er sagt weiter: „Es war schon immer bekannt, dass das Papsttum ein getauftes Heidentum war, aber Gott macht jetzt deutlich, dass das Heidentum, in das Rom getauft wurde, in allen wesentlichen Elementen dasselbe Heidentum ist, das im alten tatsächlichen Babylon vorherrschte, als Jehova vor Cyrus die zweiflügeligen Tore aus Messing öffnete und die Eisenriegel durchtrennte“ (Hislop, Seite 2).

In diesem überaus aufschlussreichen Werk beweist Hislop, dass die Römisch-Katholische Kirche tatsächlich die Philosophien, Traditionen und Kirchenfeste der alten Heiden übernommen hat. Der römische Katholizismus ist nichts anderes als ein getauftes Heidentum!

Hislop erklärt: „Rom ist das Babylon der Apokalypse. da der wesentliche Charakter seines Systems, der Hauptgegenstand seiner Verehrung, seine Feste, seine Lehre und Disziplin, seine Riten und Zeremonien, sein Priestertum und seine Anweisungen alle aus dem alten Babylon stammen“ (Hislop, Seite 3).

Kein Wunder, dass Gott dieses System „Geheimnis: Das Große Babylon“ nennt!  Das römisch-katholische System enthält dieselben Lehren, Rituale und heidnischen religiösen Feiertage, wie die alte heidnische Stadt Babylon – die so oft als Sinnbild für Sünde gebraucht wird.

Bisher haben wir jedoch zwei wichtige Punkte ausgelassen. Der erste ist, dass Johannes bei der Beschreibung dieser großen falschen Kirche feststellt: „…die auf Erden wohnen, sind betrunken geworden von dem Wein ihrer Hurerei“ (Offenbarung 17, 2).  Hislop enthüllt, dass in der ursprünglichen babylonischen Religion die Anbeter buchstäblich betrunken gemacht wurden, damit sie die heidnischen „Mysterien” positiv aufnahmen (Hislop, Seite 5).

Dies deutet darauf hin, dass – wie das ganze Kapitel sich auf geistliche Aspekte bezieht – die Anbeter Roms geistlich betrunken gemacht worden sind, so dass sie geistliche Wahrheiten nicht klar erkennen können.  Gott sagt: „Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken“ (Offenbarung 18, 3).

Diese giftigen Lehren und falschen Konzepte haben sich in jede zivilisierte Nation auf der Erde eingeschlichen.  Die Völker der Erde sind geistlich betrunken von diesen falschen Lehren!  Wenn sich die Menschen dann der Bibel und den darin enthaltenen geistlichen Wahrheiten nähern, werden sie durcheinander, verwirrt und gespalten.

„Babylon” bedeutet wörtlich Verwirrung.  Es ist eine große Verwirrung!  Es ist „das große Babylon”!

Und ist dies nicht typisch für das, was wir von den protestantischen Reformern gesehen haben – diskutieren, streiten, sogar untereinander aufgespalten sein?  Und beschreibt dies nicht den verwirrten, sich widersprechenden Kurs, den Luther, Calvin und die anderen Reformatoren eingeschlagen haben?

Tatsächlich rebellierten die Reformatoren nur gegen einen kleinen Teil der römisch-katholischen Lehren.  Und sie waren wie geistlich betrunkene Männer – wussten nicht, wohin sie wollten oder wie sie dorthin gelangen sollten – immer noch von einem Hintergrund heidnischer, römischer Lehren und Konzepte geleitet und in die Irre geführt.  Und wie wir gesehen haben, nahmen sie, als sie aus der Römisch-Katholischen Kirche herauskamen, die meisten ihrer Lehren und Traditionen mit.

 

Die Protestantische Bewegung wird identifiziert

Jetzt sollten wir in der Lage sein, den vollständigen Namen und die Beschreibung dieses gesamten abtrünnigen Systems klar zu verstehen!

In Offenbarung 17, 5 wird er genannt: „Und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das GroSSe Babylon, die Mutter der Hurer und aller Gräuel auf Erden“.

Die korrupte römische Mutterkirche hat Huren-Töchter geboren!  Wenn die klaren, konsequenten Prinzipien der biblischen Identifikation ehrlich angewendet werden, sind die protestantischen Kirchen „Huren-Töchter“ eines heidnischen, abtrünnigen Roms!

Sie kamen im Protest aus ihr heraus.  Wie wir jedoch deutlich gesehen haben, behielten sie die meisten ihrer heidnischen Lehren und Konzepte bei.  Sie folgen immer noch dem Beispiel Roms, indem sie sich in Politik und Kriege dieser Welt einmischen.  Und wir haben reichlich protestantisches Zeugnis gesehen, dass sie sie als ihre „Mutter“-Kirche anerkennen!

Ein protestantischer Historiker kommentiert über Luther:

Er fing damit an, eine Kirche zu gründen, die aus Menschen bestand, die Glauben und geistliche Vision hatten, und die eine Fähigkeit und Kraft aufwiesen, das Wort Gottes zu verkünden.  In Wirklichkeit jedoch hinterließ er ein großes Relikt an voll funktionsfähigen altertümlichen Glaubensbekenntnissen, einen riesigen „Haufen“ von Aberglauben, Tradition und Magie und ein schweres Erbe äußerer Autorität (Jones, Seite 228).

Wie Dr. Jones klar andeutet, bewahren die Protestanten immer noch viele heidnische Lehren und Traditionen, die sie von Rom geerbt haben.  Wir haben gesehen, dass einige dieser falschen Traditionen heidnische Feiertage beinhalten, die die frühen Katholiken adoptierten und denen sie christlich klingenden Namen gaben.  Wir sollten uns diese Dinge ansehen und sie verstehen!

Die protestantischen Kirchen werden von Gott dem Allmächtigen eindeutig als die „Huren-Töchter“ des Abtrünnigen Rom identifiziert!

In Bezug auf dieses gesamte babylonische System gebietet Gott: „Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden, und hinaus aus ihren Plagen, damit ihr sie nicht empfangt“ (Offenbarung 18, 4).

Die Frage ist, ob wir unserem Schöpfer gehorchen werden, oder nicht!

 

Die wahre Bedeutung der Reformation

Bei der Beurteilung der wahren Bedeutung der protestantischen Reformation müssen wir die Absicht Gottes berücksichtigen – nicht nur die Absichten und Maßstäbe sterblicher Menschen.

Wir sind gezwungen zu folgern, dass die Reformation die Menschen mit Sicherheit nicht zur „Bibel, der ganzen Bibel und nichts als der Bibel“ geführt hat, wie Chillingworth uns glauben machen wollte.  Und selbst im Grundsatz hat die Reformation die Menschen nicht zum Glauben zurückgebracht, „der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist“ (Judas 3).

Selbst in Nebenfragen wie der öffentlichen Moral waren die Reformatoren von den ersten Früchten ihrer Arbeit sehr enttäuscht. „Katastrophen wie der Bauernkrieg und das ungeheure Verhalten der radikaleren Wiedertäufer, ganz zu schweigen von den erbitterten Kontroversen unter den Protestanten selbst, waren beunruhigend genug, ohne überhaupt den tatsächlichen oder vermuteten Niedergang der Moral von Einzelpersonen im Privaten zu erwähnen“ (Plummer, Seite 184).

In geistlicher Trunkenheit tasteten sich die Reformatoren um das abtrünnige Rom herum und waren nicht von demselben Geist Gottes geleitet, der die ursprünglichen Apostel stärkte und das Leben der Menschen veränderte.  Wir müssen erkennen, dass die Führer der Reformation die Autorität nur innerhalb desselben heidnischen Systems auf sich selbst übertragen haben.  Natürlich lassen sich die geistlichen „Früchte” nicht mit dem inspirierten, ursprünglichen Christentum vergleichen.

„Die richtige Art und Weise, den Fall zu beschreiben, ist nicht, dass die Lehre der Reformatoren die Menschen schlechter gemacht hätte, sondern dass es ihnen nicht gelungen ist, sie besser zu machen.  Und hier bricht die Parallele zwischen der Reformation und der ersten Verkündigung des Evangeliums zusammen“ (Plummer, Seite 189).

Obwohl sie völlig darin versagt haben, die wahre Religion Jesu Christi wiederherzustellen, können wir zu Recht sagen, dass Luther und die anderen Reformatoren gebraucht wurden, um mindestens zwei sehr lohnende Ziele zu erreichen.  Erstens befreiten sie die Menschen von der bindenden Autorität der Katholischen Kirche und der abergläubischen Angst, unter der sie fortwährend gehalten wurden (Plummer, Seite 136).  Und zweitens, fehlgeleitet, wie es manchmal war, gaben sie doch allen Menschen eine echte Ermutigung, die Bibel für sich selbst zu lesen.

Selbst bei der Erfüllung dieser beiden Ziele wurden sie oft von äußeren Kräften unterstützt.  Die stärksten unter diesen Kräften waren die Renaissance, die die Menschen schon vor Beginn der eigentlichen Reformation zum Nachdenken anregte, sowie das Aufkommen des Nationalismus, der eine mächtige Hilfe beim Niederreißen jeder universellen kirchlichen Autorität darstellte.

Wir müssen anerkennen, dass die Reformatoren, indem sie den menschlichen Verstand von manchen Fehlern befreiten, selbst viele Fehler aus ihrer eigenen Denkweise beisteuerten.  Sie haben die Menschen nicht zur Wahrheit geführt.  Vielmehr führten sie sie zu einer unabhängigen, eigenwilligen, menschlichen Denkweise.

Dies hat die religiöse Verwirrung, die bereits bestand, vervielfacht.  Wie wir zu Beginn dieses Buches festgestellt haben, hat die protestantische Reformation ein wahres „Babylon“ religiöser Konfessionen, Sekten und religiöser Bewegungen hervorgebracht.

Dies ist nicht die „Einheit des Geistes”.  Dies ist nicht die einzig wahre Kirche, von der Jesus Christus sagte, dass er sie bauen würde (Matthäus 16, 18).

Vielleicht ist der einzige Grund, warum der allmächtige Gott solch eine Verwirrung in unserer Zeit zugelassen hat, dass dies der wahren Kirche aus Offenbarung 12, der „kleinen Herde“ Jesu, gestattet, der Welt die wahre Botschaft Christi kurz bevor er wiederkommt zu verkündigen.

Denn Jesus, der Sohn Gottes, sagte: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matthäus 24, 14).

In der Zwischenzeit sagt Gott uns, dass wir uns bemühen sollten, den Glauben wiederzuerlangen, „der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist”.  Wir sollten „nach jedem Wort Gottes” leben.

Und in seinem Wort beschreibt Gott dieses abtrünnige, gespaltene katholisch-protestantische religiöse System als „das große Babylon“.  Er gebietet uns: „Geht hinaus aus ihr“ (Offenbarung 18, 4).

Gott helfe Ihnen, auf das zu achten, was Sie in diesem Buch gelernt haben!  Rennen Sie nicht vor der Wahrheit davon!  Das Ende dieses Zeitalters ist nahe! „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1, 15).

 

Der Grund für die heutige religiöse Verwirrung

Die Ausrottung des Menschen ist weitaus möglicher, als viele glauben!  In einer Welt, die von Streit und Hass zerrissen ist, hat der Mensch nun mehrere schreckliche Wege erfunden, mit denen er alle Lebewesen zerstören kann!

Jahr für Jahr wird dieser Zustand schlechter – nicht besser!  Was ist die Bedeutung dieser Zeiten?

In seiner ersten Antrittsrede erklärte Präsident Eisenhower feierlich:

Bei einem raschen Ansturm großer Ereignisse sind wir immer bemüht, den vollen Sinn und die Bedeutung der Zeiten zu erkennen, in denen wir leben… Wie weit sind wir auf der langen Pilgerreise des Menschen von der Finsternis zum Licht gekommen?  Nähern wir uns dem Licht – einem Tag der Freiheit und des Friedens für die ganze Menschheit?  Oder kommen die Schatten einer weiteren Nacht auf uns zu?… Die Wissenschaft scheint bereit zu sein, uns als letztes Geschenk die Kraft zu verleihen, menschliches Leben von diesem Planeten auszulöschen.

Ja, die Auslöschung allen Lebens ist möglich!

Wenn Gott nicht eingreift, sind wir auf dem Weg in eine Zeit der Finsternis, die so viel schwärzer ist als das „dunkle Mittelalter“, dass es keinen Vergleich geben kann!

Die Menschen wissen nicht, wie sie der Welt Frieden bringen können.  Wir leben in einer sogenannten „christlichen“ westlichen Welt.  Doch es ist eine von Gott abgeschnittene Welt, die im Dunkeln herumtastet und unter der ständigen Bedrohung des Selbstmords der Welt lebt!

Warum hat unser „Christentum“ völlig darin versagt, die wachsende Welle von zwischenmenschlicher Kriminalität – und dem internationalen Gangstertum unter vielen führenden Persönlichkeiten der Welt aufzuhalten?  Warum haben die organisierten Konfessionen keine wirkliche Antwort auf diese Probleme?

 

Hat Gott sein Volk verlassen?

Aus Furcht vor dem bevorstehenden Einsatz entsetzlicher Massenvernichtungswaffen fragen sich viele Menschen: „Hat Gott uns verlassen?”  Die Antwort ist, dass wir Gott verlassen haben!  Und wir haben ihn weit mehr verlassen, als die meisten von Ihnen überhaupt zu begreifen beginnen!

Vor zweitausend Jahren kam Jesus Christus mit einer Botschaft von Gott dem Vater auf diese Erde.  Er predigte die Gute Nachricht vom Reich – oder der Regierung – Gottes (Markus 1,14). Er kam auch, um seine Kirche zu gründen.

Jesus sagte: „ich [will] meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Matthäus 16, 18).

Beachten Sie, dass Jesus nicht „Gemeinden“ sagte, sondern Gemeinde – eine Gemeinde.  Er nannte sie die „kleine Herde” (Lukas 12, 32).

Jesus lehrte seine Nachfolger, Gottes geistliches Gesetz zu befolgen, das in den Zehn Geboten enthalten ist.  Er sagte: „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“ (Matthäus 5, 19).  Als Beispiel für vollkommenen Gehorsam gegenüber Gottes Gesetzen forderte Jesus seine Jünger auf, ebenso wie Gott selbst vollkommen zu werden (Matthäus 5, 48).

Später warnte er seine Anhänger vor Misshandlung und Verfolgung durch die Welt und sagte: „Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst“ (Johannes 16, 2).

Aber Jesus gebot seinen Dienern, seine Botschaft weiterhin bis ans Ende des Zeitalters zu predigen.  Kurz bevor er in den Himmel aufstieg, gebot er: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28, 19–20).

Was die meisten Menschen völlig übersehen, ist, dass die wahren Diener Gottes verfolgt und durch die Jahrhunderte getötet wurden, weil sie die Botschaft Christi predigten!  Gottes Wahrheit wurde von der Welt nie akzeptiert!

Jesus warnte: „Haben sie mein Wort gehalten [sie kreuzigten Ihn stattdessen!], so werden sie eures auch halten“ (Johannes 15, 20).

Anstatt die Botschaft Christi zu glauben und dieser zu gehorchen, hat diese Welt seine Diener und seine wahre Kirche bis heute verfolgt!

 

Ein früher Abfall

Wie wir in dieser Betrachtung der Reformation gesehen und bewiesen haben, vollzog sich kurz nach dem Tod der ursprünglichen Apostel eine verblüffende Veränderung des nominalen Christentums.  Das Heidentum wurde in ein abtrünniges „Christentum“ eingeführt, und Gottes Wahrheit wurde durch geschickte Argumentation und politischen Druck und, wo nötig, durch physische Gewalt unterdrückt!

Wir erinnern uns an die Bemerkung des Historikers Wharey: „Das Christentum begann bereits, das Gewand des Heidentums zu tragen“ (Wharey, Seite 39).  Hurlbut erklärt: „Die Formen und Zeremonien des Heidentums schlichen sich allmählich in den Gottesdienst ein.  Einige der alten heidnischen Feste wurden zu Kirchenfesten mit einem Namenswechsel und angepassten Gottesdienst“ (Hurlbut, Seite 79).

Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass dieselben heidnischen Praktiken immer noch von katholischen und protestantischen Kirchen in der ganzen „christlichen“ Welt befolgt werden!

Der Historiker Hurlbut beschreibt die Entwicklung dieses heidnischen römisch-katholischen Systems wie folgt: „die Kirche [riss] allmählich die Macht über den Staat an sich, und das Ergebnis war nicht das Christentum, sondern eine mehr oder weniger korrupte Hierarchie, die die Nationen Europas kontrollierte und die Kirche im Wesentlichen zu einer politischen Maschine machte” (Hurlbut, Seite 80).

Wissen Sie, dass die meisten protestantischen Prediger trotz dieser überraschenden Eingeständnisse ihrer eigenen Kirchenhistoriker immer noch versuchen, ihre historische Abstammung von Christus und seinen Aposteln über die Römisch-Katholische Kirche zu beweisen?  Wie wir bereits gesehen haben, nannten sie sie ihre „Mutter“-Kirche!

Dieses abtrünnige System hatte sich jedoch so weit von der Lehre und Praxis Jesu Christi und seiner Apostel entfernt, wie man sich nur vorstellen kann!  Der Historiker Plummer räumt diese Tatsache direkt ein: „Und als durch die Wiederbelebung der geschriebenen Worte der Inhalt des Neuen Testaments und die Lehre der Väter bekannt wurde, sah man, dass das Christentum, wie es am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts bestand, kaum als solches erkennbar war, wenn es neben das gestellt wurde, was wir über das Christentum am Ende des Apostolischen Zeitalters wissen“ (Plummer, Seite 11).

Erinnern wir uns, dass Jesus sagte: „Ich will meine Kirche bauen“. In Epheser 1, 22 und anderen Schriftstellen wird Christus als das lebendige Haupt der wahren Kirche beschrieben.  Können Sie sich vorstellen, dass er das Oberhaupt dieses abtrünnigen, heidnischen Systems war, das von fast allen Überresten seiner wahren Lehre und Praxis völlig abgewichen war?  Würde er dafür sorgen, dass seine treue, die Gebote haltende Kirche zu diesem verdorbenen System verkommt?

 

Das Versagen der Reformation

Wir haben in diesem Buch festgestellt, dass die frühen protestantischen Reformatoren – und ihre späteren Anhänger – völlig darin versagt haben, den Glauben und die Praxis Jesu und seiner Apostel wiederzuerlangen.  Wir erfuhren, wie sowohl Calvin als auch Luther aus der römisch-katholischen Erziehung, Ausbildung und Erziehung zu verschiedenen Punkten der Wahrheit kamen.

Es scheint, dass sie ein paar Wahrheiten gefunden haben, nur um andere, eigene Fehler einzuführen.  Und wir fanden reichlich historische Aufzeichnungen darüber, wie die frühen Reformatoren diejenigen grausam verfolgten, die mit ihren Lehren nicht einverstanden waren – bis zu dem Punkt, dass sie sie töten ließen!

Die vielleicht grundlegendste Ursache, warum diese frühen Reformatoren und ihre protestantischen Anhänger nicht in der Lage waren, die geistlichen Wahrheiten der Bibel zu verstehen und die wörtlichen Lehren Jesu zu glauben und zu praktizieren, ist ein falsches Konzept, das sie beharrlich beibehielten.  Sie wussten, dass Jesus sagte, er würde seine Kirche bauen und dass sie nicht vergehen würde.  Da sie fälschlicherweise glaubten, dass es sich um eine große, organisierte, konfessionelle Organisation handeln müsse, kamen sie sofort zu dem Schluss, dass die Römisch-Katholische Kirche das Bindeglied zwischen ihnen und Jesus sein muss!

Daher beruhte ein Großteil ihrer Überlegungen auf den frühen „Traditionen“ und Praktiken dieser Kirche – von denen sie annahmen, dass sie durch die menschliche Vernunft unbefleckt geblieben waren.  Sie suchten fortwährend bei den „frühen Vätern“ dieser Kirche nach Orientierung für Fragen der Lehre.

Erinnern wir uns, dass sowohl Luther als auch Calvin in katholischen Elternhäusern aufwuchsen, in katholischen Schulen erzogen und für das römisch-katholische Priestertum ausgebildet wurden!  Sie und ihre Anhänger waren in einer katholischen Welt aufgewachsen.  Sie waren buchstäblich mit katholischen Lehren, Konzepten und Philosophien gesättigt.  Wie der allmächtige Gott in seinem Wort zeigt, waren sie geistlich von den falschen Lehren dieses heidnischen katholischen Systems betrunken!

Kein Wunder also, dass sie den nicht den „ein für alle Mal den Heiligen anvertrauten“ Glauben angenommen haben! Sie schauten auf das Beispiel der frühen Römisch-Katholischen Kirche, wie dieser Glaube sein sollte.  Sie konnten die gegenwärtigen Übel des katholischen Systems nur in ihrer eigenen Zeit sehen.  Sie erkannten nicht, dass das gesamte System völlig von Gott, von seiner Kirche und von seiner Führung abgeschnitten war!

So ist es diesen protestantischen Reformatoren und ihren späteren Nachfolgern nicht gelungen, die wahre Botschaft Jesu Christi auf dieser Erde wiederherzustellen!  Sie haben nur noch mehr religiöse Verwirrung gebracht, als es bereits gab!  Daher bezeichnet Gott das ganze System als „das große Babylon“ – oder als große Verwirrung!

 Die heutige Welt bleibt folglich in fast völliger Unkenntnis der wahren Botschaft Christi – der Absichten Gottes, der Gesetze Gottes, der Bedeutung der prophezeiten Ereignisse, die sich in diesem Augenblick rasch erfüllen!  Aber ist es tatsächlich möglich, dass dies eine weltweite Täuschung ist?  Könnte das wirklich Gottes Wille sein?

 

Ein gefälschtes „Christentum” wurde prophezeit!

Unsere moderne religiöse Verwirrung wurde vor Hunderten von Jahren in der Bibel selbst prophezeit!  Jesus Christus warnte, dass viele falsche Prediger in seinem Namen kommen würden – dann aber das Volk durch eine falsche Botschaft verführen. Er sagte: „Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen“ (Matthäus 24, 5).

Ja, Hunderte verschiedener Konfessionen haben sich den Namen Jesu Christi zu Eigen gemacht – aber sie haben seine Botschaft verleugnet und seine Überzeugungen und Praktiken für seine Lebensweise durch Heidentum ersetzt!  Und sie haben viele getäuscht – nicht wenige!

Der Apostel Paulus wurde inspiriert, vor dieser großen Abweichung von der Wahrheit zu warnen: „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren“ (2. Timotheus 4, 3–4).   Paulus wusste, dass nach seinem Tod und dem der anderen Apostel falsche Prediger mit all ihren heidnischen Praktiken, heidnischen religiösen Festen und heidnischen Philosophien kommen werden.  Er wusste, dass die meisten sich von der Wahrheit abwenden und sich Fabeln – Märchen – zuwenden würden!

Er warnte vor bestimmten Menschen in den letzten Tagen: „Sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!“ (2. Timotheus 3, 5).  Paulus wusste, dass die Menschen am Ende dieses Zeitalters aufhören würden, Gott als eine Macht anzuerkennen, mit der man in Weltangelegenheiten rechnen muss – und dass sie seine Autorität in ihrem individuellen Leben ablehnen würden.

Die moderne Form des sogenannten Christentums ist eine heidnische Form!  Auf der Außenseite des Pakets steht „Christentum“.  Im Inneren sind jedoch die alten heidnischen Philosophien, Traditionen, Feste und Praktiken sowie falsche Vorstellungen von Gott und dem Weg Gottes enthalten.

Das heutige „Christentum” unterscheidet sich völlig vom Christentum Jesu Christi!  Viele anerkannte Kirchenhistoriker geben diese Tatsache zu – sie scheinen jedoch die enorme Bedeutung ihrer Aussagen nicht zu bemerken.

 

Dies ist eine verführte Welt!

Ein anerkannter und angesehener Gelehrter, Dr. Rufus Jones, erklärt: „Wenn tatsächlich Christus selbst von seinen späteren Nachfolgern als Vorbild und Muster für den neuen Weg genommen worden wäre und ein ernsthafter Versuch unternommen worden wäre, sein Leben und seine Lehren zum Maßstab und zur Norm für die Kirche zu machen, wäre das Christentum etwas ganz anderes geworden als das, was es wurde“ (Jones, Seite 16).  Dr. Jones, ein protestantischer Gelehrter, erkennt an, dass das Christentum Jesu in unserer heutigen modernen Welt nicht praktiziert wird!

Stellen wir offen die Frage: Was stimmt nicht mit dem Christentum Jesu? Wusste Jesus Christus, wie das Christentum sein sollte?  Und wer hat die Befugnis, Maßstäbe für das Christentum zu setzen?

Die wahre Antwort auf dieses Dilemma ist, dass Christus selbst vorausgesagt hat, dass die Welt von Satan, dem Teufel, und seinen falschen Predigern verführt werden würde.  Wir finden Satan als „die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt“ (Offenbarung 12, 9).  Es scheint schwer zu glauben, aber die Bibel sagt, dass die gesamte Welt verführt wurde!

Über das babylonische falsche religiöse System, das sich im Mittelalter entwickelte, sagt der Apostel Johannes in der Offenbarung, dass „die auf Erden wohnen,… betrunken geworden [sind] von dem Wein ihrer Hurerei“ (Offenbarung 17, 2).  Durch den geistlichen Wein – bzw. falsche Lehren – dieses heidnischen Systems sind die Bewohner der ganzen Erde geistlich betrunken geworden!

Aufgrund dieser geistigen Verwirrung – dieser geistlichen Trunkenheit – können die meisten Menschen auf der Erde heute geistliche Dinge nicht klar sehen.  Sie sind wie ein Betrunkener mit verschwommener Sicht, wenn sie versuchen, die Bibel zu lesen.  Sie ergibt für sie keinen Sinn.  Sie werden verwirrt.  Möglicherweise fragen sie ihren Pfarrer – aber normalerweise erhalten sie nur eine ausweichende Antwort oder eine ziemlich platte Antwort, die die tiefe geistliche Frage in ihrem Herzen nicht wirklich beantwortet.

Die Bibel scheint für die Menschen einfach keinen Sinn zu ergeben.  Sie verstehen sie nicht.  Sie verstehen das Thema in seinen Gesetzen und Lehren nicht – und sie verstehen mit Sicherheit nicht die Prophezeiungen der Bibel!

 

Satans Verfälschung der Wahrheit

Der allmächtige Gott hat Satan dem Teufel erlaubt, seine Religion in die Köpfe der Menschen hier auf Erden einzupflanzen.  Er begann das bereits am Turm von Babel.  Er setzte es durch das chaldäische System der Mysterienreligion fort, das von Nimrod und seiner Frau Semiramis entwickelt worden war.   Dieses System hat sich auf der ganzen Welt verbreitet, so dass viele derselben Bräuche und Praktiken unseres sogenannten westlichen „Christentums“ in unterschiedlicher Form in ganz Asien und im heidnischen Götzendienst weit entfernter, tropischer Inseln zu finden sind!

Dasselbe chaldäische System der Mysterienreligion – mit seinen heidnischen Philosophien, seinen heidnischen religiösen Feiertagen und Symbolen – wurde durch Täuschung in viele frühchristliche Kirchengemeinden eingeführt.  Fleischlich gesinnte Gemeindeleiter akzeptierten dieses Heidentum, das die natürliche Gesinnung des Menschen so sehr zu lieben scheint.  Sie gaben vor, es sei das Christentum – und integrierten es in ein abtrünniges Christentum, das sie aus jenen Gemeinden und Einzelpersonen heraus zu entwickeln begannen, die den Weg und die Wahrheit Gottes nicht intakt halten wollten.

Dieses heidnische Mysterien-System hat sich in der frühen Katholischen Kirche endgültig durchgesetzt, bis es, wie wir gesehen haben, einfach zu einem „getauften Heidentum“ wurde.  Als die protestantischen Reformatoren kleine Kinder waren, sind sie als Teil dieses Systems aufgewachsen.  Sie wurden von ihren Eltern, Freunden und Lehrern unterrichtet.  Sie glaubten daran und wurden sogar für das Priestertum geschult!

Sowohl Luther als auch Calvin bestritten später, dass sie sich aus der historischen Katholischen Kirche zurückgezogen hatten!  Der Grund dafür war, dass sie das Gefühl hatten, dass es Gottes Kirche war!  Ihre grundlegenden Ansätze und Praktiken blieben unverändert. Und auch ohne, dass sie es bemerkten, haben die heidnischen Philosophien und falschen Vorstellungen von Gott, die durch dieses System vermittelt werden, die Entwicklung der protestantischen religiösen Lehren geleitet und deren Ansichten beeinflusst.

In diesem Zeitalter sind Sie vielleicht mit der Annahme aufgewachsen, dass all diese Kirchen Gottes Kirchen sind.  Sie haben vielleicht gedacht: „Wie können all diese Kirchen falsch sein?“

Nun, sie können falsch sein, denn Gott sagt: „Von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken“ (Offenbarung 18, 3).  Ja, alle Nationen wurden geistlich betrunken gemacht durch die Verführung des Satans, die durch das alte babylonische Mysterien-System in den römischen Katholizismus und seitdem in unseren modernen Protestantismus gelangt ist!

Wirklich, der Satan hat „die ganze Welt” verführt!  Die Bibel meint, was sie sagt – mehr als uns bewusst ist.

Möge Gott Ihnen helfen, diese Wahrheit zu erkennen!  Offen gesagt werden Sie nicht mehr lange darüber diskutieren können, denn wir nähern uns dem Ende dieses Zeitalters, in dem der Mensch auf Erden seine eigenen Wege geht.

Vielleicht zwingt die absolut reale Gefahr der menschlichen Vernichtung einige von Ihnen dazu, sich geistlichen Realitäten auf eine Weise zu stellen, zu der Sie noch nie bereit waren!  Gott gebe, dass es so sein wird, bevor es zu spät ist!

Wenn Sie bereit sind, sich einzugestehen, dass Sie sich geirrt haben, was sollten Sie dann tun?

 

Was Sie tun sollten

Zuallererst sollten Sie überprüfen, was zu Anfang dieses Werks über Christus und seine Kirche gesagt wurde.

Jesus sagte; „Ich will meine Gemeinde bauen“ (Matthäus 16, 18).  Er hat nicht viele Kirchen gesagt, sondern nur eine Kirche – seine Kirche!  Er nannte diese Kirche die „kleine Herde“.  Er sagte, sie würde verstreut und verfolgt werden. Erinnern Sie sich daran, dass er in Johannes 15, 20 sagte, dass die Welt nicht an der Wahrheit seiner Kirche festhalten und sie nicht akzeptieren würde, genauso wenig, wie sie seine eigenen Lehren von Ihm angenommen hatten.  Stattdessen kreuzigten sie Jesus Christus!

Denken Sie daran, dass Jesus den Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes auf der Grundlage der Zehn Gebote gelehrt hat (Matthäus 5, 17–19; 19, 17).  Er forderte seine Diener auf, dieselbe Botschaft weiterhin zu predigen.  Er gebot ihnen, in alle Nationen zu gehen: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28, 20).

In seiner Offenbarung an Johannes beschrieb Christus den Überrest der letzten Generation seiner Kirche als jene Menschen, „die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu“ (Offenbarung 12, 17).  Er beschreibt seine verfolgten Heiligen wie folgt: „Hier ist das Ausharren der Heiligen, welche die Gebote Gottes halten und den Glauben Jesu“ (Offenbarung 14, 12; Elberfelder Bibel).

Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, wenn Sie vor der höllischen Zeit katastrophaler Weltereignisse geschützt werden wollen, die unmittelbar bevorstehen, dann sollten Sie diese Kirche suchen und finden!  Sie sollten die wahre Kirche Gottes finden – die einzige Kirche, die Jesus gebaut hat – deren lebendiges Haupt er ist!

Gab es eine kleine, zerstreute, verfolgte Kirche, die alle Gebote Gottes hält und die Jesus Christus heute als seinen „Leib“ benutzt, um sein Werk zu tun, um der Welt sein Evangelium zu predigen?

Ja! Es gab und gibt sie.  Aber zuerst müssen Sie sich das beweisen – und dann sollten Sie etwas tun!

 

Beweise für Gottes Kirche

Alle bereits erwähnten Schriftstellen sollten für die wahre Kirche Gottes gelten – nicht nur für einen Teil von ihnen.  Und Gottes Kirche wird alle Zehn Gebote halten, die im geistlichen Gesetz Gottes enthalten sind.  Sie müssen sich in diesem Punkt besonders sicher sein und Ihre Bibel studieren, um selbst mehr über Gottes Gesetz herauszufinden!  Denn wie wir gesehen haben, wird die wahre Kirche allgemein als diejenigen identifiziert, „die Gottes Gebote halten“.

Eine andere Sache, die Sie im Hinblick auf die Zerstreuung und Verfolgung der wahren Kirche beachten sollten, ist, dass Sie dieser Kirche nicht „beitreten“ können, wie Sie es bei einem Verein tun würden!  In der Zeit des Neuen Testaments wurden die Menschen erst dann als Mitglieder der Kirche Gottes angesehen, wenn sie diesen inspirierten Befehl befolgt hatten: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 2, 38).  Sie müssen also Ihre Sünden und Ihre gesamte rebellische, eigenwillige Lebensweise bereuen, bevor Gott Sie in seine Kirche versetzt!

Nach der Umkehr und Taufe müssen Sie – wie wir gesehen haben – den Gehorsam gegenüber Gottes Gesetz als Lebensweise praktizieren.  Sie müssen nach jedem Wort Gottes leben und dem wörtlichen Beispiel und der Lehre Jesu Christi folgen.

Ein weiteres herausragendes Merkmal der Kirche Gottes ist ihre Bereitschaft, Fehler zuzugeben und sich zu ändern.  Jedem Menschen ist geboten, sich zu ändern – in der Gnade und Erkenntnis zu wachsen (2. Petrus 3, 18).  Da die Kirche nur die Gesamtsumme ihrer Mitglieder ist, muss auch sie ständig bereit sein, zu bereuen, wenn ein auch nur geringfügiger Fehler vorliegt, von dem Gott zugelassen hat, dass er sich einschleicht, und an Gnade und Erkenntnis zu wachsen.

Daher wird die wahre Kirche eine Gruppierung von Menschen sein, die ständig in vollständigerer Wahrheit und Erkenntnis und tieferem Verständnis wächst!  Ihre Mitglieder werden nach Gerechtigkeit „hungern und dürsten“ (Matthäus 5, 6).  Aufgrund dieser demütigen, reuevollen und belehrbaren Haltung wird sie mit Liebe und Eifer erfüllt sein und ein immer tieferes Verständnis anstreben für Gottes Willen und für die Bedeutung von biblischen Prophezeiungen in Bezug auf die Zeiten, in denen wir leben.

Dies ist der Fall, weil Gottes Kirche sich seinem Geist unterwirft und von ihm geleitet wird!  Und Jesus sagte, dass es der Geist ist, der uns in alle Wahrheit leiten wird (Johannes 16, 13).  Nur Gottes wahre Kirche hat wirklich diese Eigenschaften!  Und deshalb ist nur Gottes wahre Kirche mit dem Wissen, dem Verständnis und der Liebe seines Geistes erfüllt!

 

Der Name der Kirche Gottes

Neben der Tatsache, dass es sich um eine kleine, verfolgte Kirche handelt, die völlig getrennt ist von den heidnischen Lehren, religiösen Feiertagen und heidnischen Philosophien, welche von der „Mutter“ Rom gepflegt wurden, und zusätzlich zu der Tatsache, dass sie alle zehn der Zehn Gebote Gottes hält, und dass sie auch die richtige geistliche Haltung und die Bereitschaft hat, zu bereuen, sich zu verändern, zu wachsen – sollte die wahre Kirche auch den Namen haben, den Gott seiner Kirche als eines ihrer identifizierenden Zeichen gegeben hat.

Gottes wahre Kirche wurde niemals benannt nach einem religiösen Führer, einer bestimmten Lehre, einer Art von Kirchenregierung oder einer Methode, Dinge zu tun!  Die Schrift zeigt, dass sie immer nach Gott selbst benannt wurde!  Es ist seine Kirche.  Sie gehört ihm.  Er besitzt sie.  Er regiert sie – durch seinen Sohn Jesus Christus, der ebenfalls Gott ist (Johannes 1, 1).   Deshalb wird sie im Neuen Testament an zwölf Stellen als „Gemeinde Gottes“ bezeichnet.

In Apostelgeschichte 20, 28 sagte Paulus den Ältesten von Ephesus, sie sollten „die Gemeinde Gottes“ hüten, während er zu ihnen sprach, vielleicht zum letzten Mal.  Beide Briefe an die korinthische Gemeinde sind „an die Gemeinde Gottes in Korinth“ gerichtet.

Paulus schreibt in Bezug auf mehrere Ortsgemeinden der Kirche an die Thessalonicher: „Denn ihr, Brüder und Schwestern, seid Nachfolger geworden der Gemeinden Gottes in Judäa, die in Christus Jesus sind“ (1. Thessalonicher 2, 14).

In jedem Fall, wo der Titel in einem offiziellen Sinne verwendet wird, ist der Name für die Kirche „die Kirche Gottes”.  Das ist der inspirierte Name von Gottes Kirche!

Da die meisten Kirchen jedoch mindestens ein paar Wahrheiten haben, haben sich einige fälschlicherweise den Namen „Kirche Gottes“ zu eigen gemacht.  Aber sie sind nicht seine Kirche, weil sie seine Gebote nicht halten, seinen Geist nicht haben. und nicht sein Werk tun.

 

Finden Sie heraus, wo Gott wirkt

Genauso wichtig, wie der richtige Name und die anderen Eigenschaften, die wir besprochen haben, muss die wahre Kirche heute das Werk Gottes auf Erden tun!

Sie muss die wahre Botschaft Christi predigen, seine Gebote, seine Lebensweise.  Sie muss den Weg bereiten, damit Gottes Reich – oder Regierung – kommen und diese Erde regieren kann, bevor der Mensch sich selbst vernichtet.

Gottes wahre Kirche ist diejenige, die die Völker und Nationen der Welt vor bestimmten Züchtigungen warnt, die der allmächtige Gott bereits auszuführen beginnt.  Gottes wahre Kirche wird also die warnenden Botschaften, die in der biblischen Prophezeiung enthalten sind, wirklich verstehen und sie als Gottes Zeuge einer rebellischen Welt verkünden!

Wissen Sie, wo Sie diese Kirche finden können?

 Sie lesen jetzt gerade eine der warnenden Botschaften der wahren Kirche Gottes – des Leibes Christi –, des Instruments, durch das Gott seine Botschaft predigt!  Wenn Sie es nicht bereits wissen, wird der Tag kommen, an dem Sie erkennen werden, dass dies das Werk der wahren Kirche Gottes ist!

Die Botschaft, die jetzt in aller Welt durch die Fernsehsendung „Tomorrow's World“, durch die Zeitschrift und die Webseiten der Welt von Morgen verkündet wird, ist das Werk der Kirche, die Jesus Christus erbaut hat – und deren lebendiges und leitendes Haupt er ist!

Seit Jahrzehnten hat diese Kirche es gewagt, wie keine andere Kirche auf der Erde, bestimmte spezifische prophetische Ereignisse zu verkünden – und sie sind eingetreten!

Damit einige bereuen und verschont bleiben, gebraucht Gott diese Kirche, um die Völker dieser Welt vor ihren sich auftürmenden Sünden zu warnen, bevor er eingreift, um die Menschen durch die künftigen Plagen und Schwierigkeiten kurz vor Christi zweitem Kommen zu züchtigen.  Gott helfe Ihnen, diese Warnung zu verstehen und zu beachten!

Haben Sie bemerkt, dass dieses Buch ebenso wie die Fernsehsendung Tomorrow’s World und die sonstige Literatur von der Living Church of God gesponsert wird?

Das liegt daran, dass diese Kirche Gottes Kirche ist!  Er gebraucht sie, um sein Werk zu tun, und so trägt sie seinen Namen!

 

Achten Sie auf die Wahrheit!

Die warnende Botschaft von Gottes Kirche wird täglich erfüllt!

Spötter werden nicht mehr lange Gelegenheit zum Spotten haben!  Denn die spezifischen prophezeiten Ereignisse, die diese Kirche verkündet, werden zunehmend zu einer greifbaren Realität!  Es wird keine Argumente oder Diskussionen mehr geben. Sie werden sehen und spüren, wie diese Dinge geschehen!

Der Grund, warum Gott die heutige religiöse Verwirrung zugelassen hat, ist, dass der Mensch nach 6000 Jahren menschlicher Missregierung – welche  uns jetzt an den Rand des Selbstmords der Welt bringt – endlich „genug“ von seinen eigenen Wegen, seinen eigenen politischen Systemen, seinen eigenen religiösen Theorien haben dürfte.

Nach einer Zeit großer Züchtigung, die er sich selbst auferlegt hat, wird der Mensch endlich wirklich bereit sein, Gottes Wege und Gesetze zu lernen und seine Herrschaft durch Jesus Christus anzunehmen, damit die Welt endlich Frieden haben kann!

Gott hat die Entwicklung dieses „Babylon“ religiöser Verwirrung zugelassen, damit der Mensch die Möglichkeit hat, unter Satans verführerischem Einfluss jede erdenkliche Art religiöser Theorie auszuprobieren, nach der es ihn gelüstet.

Dies ist so, damit der Mensch – im Klartext – ein für alle Mal die „Schnauze voll“ hat von den törichten Ideen und Überlegungen fleischlicher, menschlicher, irrender Menschen.  Dann ist er vielleicht bereit, Gott zu gehorchen!

Jetzt wissen Sie, warum es eine solche religiöse Verwirrung gibt.  Jetzt wissen Sie, welche die wahre Kirche Gottes ist!

Es ist Ihr Leben!

Möge der Allmächtige Ihnen einen offenen Sinn geben, seine Wahrheit weiter zu beweisen und zu glauben!  Diese Wahrheit wird in jeder Ausgabe der Zeitschrift Tomorrow's World verkündet.  Studieren Sie unsere Ressourcen. Schlagen Sie die Schriftstellenangaben in Ihrer eigenen Bibel nach.

Sehen Sie sich regelmäßig die Fernsehsendung „Tomorrow's World“ an und informieren Sie sich auf die gleiche Weise über alles, was wir auf unserer Website zur Verfügung stellen – mit Ihrer geöffneten Bibel.  Bestellen und lesen Sie jede Broschüre, die erwähnt wird.  Sie sind alle gratis!

Beten Sie für Verständnis und für ein williges Herz!  Achten Sie darauf, die Wahrheit zu befolgen, während Sie sich jeden Punkt beweisen.

Dies ist die wichtigste Aktivität Ihres Lebens! Das Ende dieses Zeitalters ist sehr nahe!